20.06.2009

Der neue deutsche Biedermeier

Von Hans-Jörg Jacobsen

Als derzeit „Auslands-Deutscher“ (im Sabbatical an der University of Queensland in Bribsane in Australien) gewinnt man aus der Ferne einen besonderen Blick auf die deutschen Befindlichkeiten. Als ich den Spiegel-Artikel „Erfolg im Bionade-Biotop“ las (Nr.25, 25.6.09), in dem die EU-Wahlerfolge der Grünen im saturierten Wohlstandsmilieu der Bundesrepublik erfreulich süffisant geschildert wurden (hohes Einkommen, Bio-Futter, Edel-SUV), war mein erster Impuls: „In dieses Land willst Du nicht zurück!“

Nun habe ich aber eine Familie, die mir lieb und teuer ist, also bleibt mir die Flucht aus guten Gründen verwehrt. Ich werde also wieder zurück kommen, aber mit der vertieften Erfahrung, dass dieser grün-alternative Mief etwas typisch Deutsches geworden ist (oder besser: deutschsprachiges, wenn man Bayern, wo es mit Söder und Seehofer besonders triefend daher kommt, aber auch Österreich und die Schweiz, dazuzählt).

Betrachtet man die australische Diskussion zur Grünen Gentechnik, so fällt vor allem auf, dass sie erheblich sachlicher und deutlich klarer faktenorientiert geführt wird. Natürlich gibt es hier auch die alternativen und esoterischen Spinner. Nur werden die in der öffentlichen Diskussion nicht ernst genommen. Kaum ein Politiker käme hier in Australien auf die Idee, sich mit so obskuren Figuren wie Percy Schmeiser oder Vandana Shiva zu profilieren – so wie vergangenen Donnerstag (18.6.09) der bayerische Umweltminister Markus Söder. Er lud die Presse zum Dialog mit den beiden alternativen Nobelpreisträgern, um mit ihnen über die Risiken der Grünen Gentechnik, vor allem die „ökologischen Folgen und internationale Verflechtungen“ zu plauschen.

Wer Percy Schmeiser live erlebt hat (wie ich beim Tollwood-Festival in München im Herbst 2008), kann die deutsche Begeisterung für diesen rechtskräftig in Kanada verurteilten Dieb geistigen Eigentums nur schwer nachvollziehen – jedenfalls, wenn man klaren Verstandes ist und genau hinhört. Schmeiser ist meist von seinem Impresario Bernward Geier begleitet, einem ehemaligen Direktor von IFOAM (International Federation of Organic Agriculture Movements), der ihn übersetzt und gelegentlich daran erinnern muss, wenn er mal eine der zu Herzen gehenden vorgefertigten Passagen seines Auftritts zu erwähnen vergisst.

Vandana Shiva ist eine nicht minder fragwürdige Figur. Sie verkauft in Deutschland zusammen mit einer NGO (Deccan Development Society) und ihren deutschen Helfershelfern seit Jahr und Tag die längst widerlegte Story, nach der der Einsatz von gentechnisch veränderter Baumwolle einen Anstieg der Selbstmordrate bei indischen Bauern verursacht habe. Beide spielen, wie mir die kanadischen und indischen Kollegen im Institut versichern, in ihren Heimatländern keine Rolle. Sie werden merkwürdigerweise nur in Deutschland zu Heroen aufgeblasen. Offenbar besteht mangels eigener geistiger Beweglichkeit ein gesteigerter Bedarf nach falschen Idolen.

Was ist in Australien anders? Zum einen hat die Landwirtschaft einen anderen Stellenwert als in Deutschland, sie wird als eine exportorientierte Industrie verstanden, ohne deren Erfolge das zunehmende globale Hungerproblem noch gravierendere Auswirkungen hätte. Zum anderen haben hier die Landwirte, die nicht wie ihre deutschen Kollegen auf einen üppigen, vom europäischen Steuerzahler gemästeten Subventionstopf bauen können, ganz andere Sorgen. In Australien macht sich der Klimawandel nämlich schon deutlich in der Landwirtschaft bemerkbar, und man sucht – übrigens ziemlich vorurteilsfrei – nach Lösungen.

Anders in Deutschland: Dort wird krampfhaft darüber gestritten, wie man durch noch restriktivere Maßnahmen den durch Energiegewinnung, Heizen oder Autofahren bedingten CO2-Ausstoß bremsen kann, ohne in Betracht zu ziehen, dass der Klimawandel auch natürlichen Ursprungs sein könnte. Besser wäre es, sich darüber im Klaren zu sein, dass der Klimawandel auch in Deutschland in absehbarer Zeit zu gravierenden Veränderungen der Agrarökosysteme führen wird (wenn sich die Klimaforscher nicht geirrt haben, aber das ist eine andere Baustelle). Auf diesen möglichen Wandel ist unsere Landwirtschaft in keiner Weise vorbereitet. Durch den rein ideologisch oder kurzsichtig wahltaktisch begründeten angestrebten Verzicht auf die Option, alle zur Problemlösung sinnvollen Technologien (einschließlich der Grünen Gentechnik) auch einsetzen zu wollen, wird in Kauf genommen, dass das Erwachen besonders schmerzhaft sein wird.

Wo sind in Deutschland Politiker, die dringend benötigte Problemlösungen über kurzfristige Wahlerfolge stellen? Wo sind die Forderung nach und die Förderung von Wissenschaften, die für die dringenden Probleme Lösungen entwickeln können? Was wir im politisch verantwortlichen Bereich haben, ist ein Ruhen im eigenen Saft, die Angst vor einer eigenen sachlich begründeten Meinung und der Hang, es allen Recht machen zu wollen. Was fehlt, ist der Mut, nach vorne zu gehen. Wenn wir dereinst feststellen, dass die biedermeierlichen Konzepte versagt haben, fressen womöglich Claudia Roth im EU-Parlament, Jürgen Trittin als Grüßaugust der Heinrich-Böll-Stiftung und Renate Künast als Präsidentin des Bio-Siegel-Verbandes ihr üppiges Gnadenbrot. Der Rest wird die karge Suppe, die sie und andere heute anrichten, auszulöffeln haben.