01.02.2006

Der Mythos des „Kindheits-Determinismus“

Kommentar von Helene Guldberg

Es gibt keinen wissenschaftlichen Beweis dafür, dass unser späteres Leben durch unsere Kindheitserfahrungen vorbestimmt wird.

Wussten Sie schon, dass es keine „schwierigen Babys“, sondern nur „schwierige Eltern“ gibt, die entweder ihre Kinder vernachlässigen oder sie zu sehr bevormunden? Dann wissen Sie sicher auch, dass die Folgen schlechter Erziehung dramatisch sein und Kinder für ihr Leben schädigen können, sowie dass ihr emotionales und nervliches Wohl nachhaltig gestört werden kann.

So zumindest argumentiert die Psychoanalytikerin Sue Gerhardt in ihrem Buch Why Love Matters: How Affection Shapes a Baby’s Brain. Sie warnt vor fehlender elterlicher Sensibilität während der frühkindlichen Phase, da dies die kindliche Entwicklung störe. Die Fähigkeit des Kindes, im Erwachsenenalter mit Stress umzugehen, werde beeinträchtigt. Auch erhöhe sich seine Anfälligkeit für psychische Probleme wie Depression, Sucht und Anorexie. Ihre Untersuchungen brachten Gerhardt zu dem Ergebnis, dass Wissenslücken oder die Überforderung von Eltern beim Umgang mit Säuglingen lebenslange Behinderungen bei Kindern hervorrufen könnten, die sich später auch negativ auf andere Mitmenschen auswirken würden. Kindererziehung sei, so die Botschaft, eine so sensible Angelegenheit, dass ein kleiner Fehler (wie zum Beispiel ein Baby einmal zu lange schreien zu lassen) drastische Spätfolgen nach sich ziehen könnte.
Die Vorstellung, dass unsere frühkindlichen Erfahrungen von überragender Bedeutung sind und uns bis an unser Lebensende prägen, wird als „Kindheits-Determinismus“ bezeichnet und erfährt derzeit in Europa sowie den USA große Beachtung. Die damalige amerikanische „First Lady“ und heutige Senatorin von New York, Hillary Clinton, erklärte auf einer Konferenz im Weißen Haus, Kindheitserfahrungen seien verantwortlich für die Entwicklung von „Fähigkeiten, die den gesamten Rest des Lebens bestimmen“. Erfahrungen in den ersten drei Jahren „könnten entscheiden, ob Kinder sich zu friedfertigen oder gewalttätigen Bürgern, sorgfältigen oder undisziplinierten Arbeitern, aufmerksamen oder distanzierten Eltern entwickeln“.[1]
Die heutige First Lady, Laura Bush, sieht dies genauso. Bei einer Veranstaltung über die kognitive Entwicklung in der frühen Kindheit im Jahr 2001 bemerkte sie: „Wenn Sie Kinder haben, dann werden Sie, wie Präsident Bush und ich, nicht überrascht sein, zu hören, dass die Wissenschaft heute bestätigt, was Eltern schon seit Generationen wissen: Was ein Kind vom ersten Tag bis zur ersten Klasse erlebt, hat einen unmittelbaren und profunden Einfluss auf seine Zukunft, und auf unsere Zukunft.“[2]
In Großbritannien konnte man kürzlich auf den Titelseiten der Zeitungen lesen, dass Krippen Kinder unter zwei Jahren zu Rowdys machten.[3] Es wurden „neue Beweise“ dafür vorgelegt, dass Kinderkrippen ein asoziales und aggressives Verhalten bei Kindern förderten.[4]
Diese Behauptungen stützen sich auf die These des britischen Psychologen John Bowlby der in den 50er- und 60er-Jahren von „kritischen Phasen“ in der emotionalen und sozialen Entwicklung von Kindern sprach.[5] Bowlby sagte, es gebe einen wichtigen Unterschied zwischen „verletzlichen“ und „widerstandsfähigen“ Kindern, der auf die Qualität ihrer frühen Bindung, vor allem zur Mutter, zurückzuführen sei. Eine feste Bindung zu einer Bezugsperson sorge dafür, dass Kinder Sicherheit im sozialen Umgang erlangten und auch im späteren Leben besser mit Stress umgehen könnten. Kinder hingegen, die in den ersten Jahren keine Geborgenheit fänden, könnten auch im späteren Leben nur schwer stabile Beziehungen aufbauen.
Oliver James, klinischer Psychologe und Autor des Buches They F*** You Up: How to Survive Family Life sieht Menschen in ähnlicher Weise als Opfer ihrer Kindheitserlebnisse. Er behauptet, alles – von Suchtproblemen über Persönlichkeitsstörungen, Gewalt und Kriminalität bis hin zu Neurosen und Hyperaktivität – könne auf die Art und Weise zurückgeführt werden, wie Kinder im Alter zwischen einem halben und drei Jahren aufgezogen werden.

„‚Erziehen sie Ihr Kind nicht in einer Abstellkammer, lassen sie es nicht verhungern und schlagen sie ihm nicht mit einer Bratpfanne auf den Kopf.‘“

Beweise aus der Hirnforschung

In dem Buch Why Love Matters präsentiert Gerhardt eine Fülle von Ergebnissen der Hirnforschung, die alle überzeugend zu belegen scheinen, dass die Entwicklung des Gehirns davon abhängt, welche Aufmerksamkeit wir als Babys erhalten. Wenn wir nicht von Menschen umsorgt würden, die uns lieben und die sich auf unsere einzigartige Persönlichkeit einstellen, werde die Entwicklung des „sozialen Gehirns“ nicht angeregt. Aber was wissen wir über die Beziehung zwischen frühen Kindheitserlebnissen und der Gehirnentwicklung?
Es stimmt, dass das Gehirn in den ersten Lebensjahren eine riesige Anzahl von Bahnen zwischen den Neuronen aufbaut. Danach folgt eine längere Periode des Verknüpfens oder des Abbaus nicht benötigter Synapsen.
Im Jahr 1999 berief das nationale Zentrum für frühkindliche Entwicklung und Lernen in den USA (US National Center for Early Development and Learning NCEDL) eine Konferenz ein mit dem Titel „Kritisches Nachdenken über kritische Entwicklungsphasen“ (Critical Thinking about Critical Periods). Anwesend waren anerkannte Experten aus dem Fachgebiet der Neurowissenschaft und der Entwicklungspsychologie, die über die Frage der Existenz so genannter „kritischer Entwicklungsphasen“ bei Kleinkindern diskutierten. In einem Buch mit dem gleichen Titel, das nach der Konferenz veröffentlicht wurde, erklärt Donald B. Bailey, Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität North Carolina: „Eltern, Erzieher, und Politiker … sprechen gerne und häufig von speziellen Entwicklungsfenstern.“[6] Hervorzuheben sei jedoch vor allem, „dass wir zu viele Hinweise auf die erstaunliche Fähigkeit von Menschen haben, sich zu verändern und aus ihren Erfahrungen zu lernen – und zwar in fast jedem Alter – um zu der einseitigen Vorstellung zu gelangen, die Jahre der frühen Kindheit seien wichtiger als alle anderen“.[7]
Im Laufe der Konferenz wurde auch klar, dass wir zwar eine gute Vorstellung über die neurologische Entwicklung haben, aber nur ein sehr begrenztes Verständnis darüber, wie synaptische Verbindungen durch Kindheitserfahrungen beeinflusst oder verändert werden. Es gibt keinen einschlägigen Beweis dafür, dass die Art der Säuglingspflege die Synaptogenesis (die Schaffung neuer Synapsen) oder die Verknüpfung von Synapsen beeinflusst. Dieser Prozess der Entstehung und Verknüpfung von Synapsen findet unabhängig von den spezifischen Erfahrungen des Kleinkindes statt.
Es gibt Hinweise für kritische Entwicklungsphasen für bestimmte Fähigkeiten, wie zum Beispiel das Hören und Sehen oder die Spracherwerbsfähigkeit. Dies bedeutet jedoch nichts anderes, als dass ein absolutes Fehlen von Stimuli während dieser Periode unwiderrufliche Schäden hervorrufen würde. John Bruer, Präsident der James S. McDonnell-Stiftung und Autor des Buches Der Mythos der ersten drei Jahre, sagte in der amerikanischen Serie Frontline: „Wir müssen verstehen, dass die Erfahrungen, die wir während dieser kritischen Periode benötigen, ständig um uns herum sind. Es gibt nichts, was wir unseren Kindern zusätzlich, durch besondere Anstrengung, noch präsentieren müssten.“[8]
Im gleichen Sinne äußerte sich der amerikanische Neurowissenschaftler Steve Petersen von der Washington University. Er glaubt, nur eine sehr schlechte Umwelt könne die normale neurologische Entwicklung eines Kindes behindern. Sein spöttischer Rat an Eltern lautet daher: „Erziehen Sie Ihr Kind nicht in einer Abstellkammer, lassen Sie es nicht verhungern und schlagen Sie ihm nicht mit einer Bratpfanne auf den Kopf.“[9]

„Gelegentlich ungeschicktes oder abweisendes Verhalten von Eltern kann nicht mit systematischer Misshandlung und Vernachlässigung gleichgesetzt werden.“

Die Bindungstheorie

Ein Großteil der empirischen Forschungsarbeiten zur sozialen Bindung von Kleinkindern und deren emotionaler Stabilität basiert auf den Werken der Psychologin Mary Ainsworth und ihrer Kollegen. Sie entwickelte ein Experiment, mit dem die Bindungssicherheit von Kindern getestet werden sollte (der „Fremde-Situation-Test“). Im Zuge dieses Experiments wurden Kinder in eine leichte Stresssituation versetzt. Damit sollten ihre Gefühle für die sie umsorgende Person getestet werden. Ainsworth behauptet, Kinder könnten in drei Kategorien (Bindungsmuster) aufgeteilt werden: In sichere, unsicher-vermeidende und unsicher-ambivalente beziehungsweise widerstrebende Bindungsmuster. Der Unterschied, so die Forscher, könne auf die Feinfühligkeit im Pflegeverhalten der Bezugsperson während der ersten Jahre zurückgeführt werden. Die Bindungskategorien wurden dabei als relativ stabil und aussagekräftig in Bezug auf die zukünftige emotionale Entwicklung des Kindes dargestellt.[10]
Bei genauerer Betrachtung ist die empirische Forschung hierzu jedoch weit weniger eindeutig, als es zunächst erscheinen mag. Einige Studien haben in der Tat gezeigt, dass Bindungsmuster bei kleinen Kindern (im Alter von 12 bis 18 Monaten) relativ stabil sind. Andere Studien haben gezeigt, dass etwas mehr als 50 Prozent der untersuchten Kinder vor ihrem zweiten Geburtstag der gleichen Bindungskategorie zuzuordnen waren wie im Alter von 12 Monaten.[11] Bei längerfristiger Betrachtung zeigt sich jedoch deutlich, dass es keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen den verschiedenen Bindungstypen und einer späteren Entwicklung gibt. Rudolph Schaffer, Professor für Psychologie an der Universität Strathclyde, sagte hierzu: „Vorhersagen über einen Zeitraum von mehreren Jahren sind immer riskant – vor allem wegen der nicht zu kontrollierenden Beeinflussung der Testpersonen durch externe Ereignisse.“[12] Nach einer eingehenden Untersuchung der Literatur zur Bindungstheorie ist Schaffer zu der Schlussfolgerung gelangt, dass „sich Kinder mit Sicherheit durch die unterschiedliche Qualität ihrer sozialen Bindung unterscheiden. Die Frage nach dem, was diesen Unterschieden vorausgegangen ist und wie sie sich konkret auswirken, ist jedoch weit weniger eindeutig zu beantworten, als es uns viele Anhänger der Bindungstheorie glauben ließen.“

„Bindungstheoretiker haben Recht, wenn sie auf die große Bedeutung der emotionalen Zuwendung in der frühesten Kindheit hinweisen. Sie liegen jedoch falsch mit ihrer Behauptung, diese bestimme unsere zukünftige Entwicklung.“

Tatsächlich kann unsere Entwicklung nicht aus unserer frühkindlichen Bindung abgeleitet werden – nicht zuletzt deshalb, weil es sehr schwer ist, verschiedene Variabeln bei der Langzeitstudie des menschlichen Verhaltens zu isolieren. Die Quantifizierung der Auswirkungen von frühkindlichen Erfahrungen auf unser späteres Leben als Erwachsene ist fast unmöglich. Kindheitserfahrungen tragen zu unserer Persönlichkeitsentwicklung und damit zu unserer späteren Lebenseinstellung und unserem Verhalten bei. Unser Charakter beginnt schon sehr früh sich herauszukristallisieren. Dies bedeutet jedoch nicht, dass wir durch frühe Kindheitseinflüsse unwiderruflich und für immer geprägt werden.
Die Theorie des Kindheits-Determinismus verbindet die schlechtesten Vorstellungen, die im Rahmen der alten „Nature versus Nurture“ Kontroverse (bei der es um die Frage geht, was den Menschen am meisten beeinflusst, die Natur beziehungsweise die Gene oder die Kultur und Umwelt) aufkamen. Auf der Seite der „Natur“ befanden sich die biologischen Deterministen, die glaubten, unser Verhalten und unsere Physiologie erklärten sich vollständig aus der evolutionären Geschichte. Die andere Seite („Nurture“) dagegen betrachtete die Menschheit als Opfer ihrer Kindheitserfahrungen. Der Kindheits-Determinismus sieht sowohl die Natur als auch die Erziehung als die uns prägenden Einflussfaktoren und lässt wenig Spielraum für den freien Willen des Einzelnen. Gerhardt behauptet, dass das Bindungsverhältnis zwischen Mutter und Kind „in der sich früh entwickelnden rechten Gehirnhälfte des Babys einen unauslöschlichen Abdruck hinterlässt und damit alle späteren Phasen des Lebens beeinflusst“.[13]
Die These der „kritischen Phasen“ wird häufig mit Beispielen von Kindern begründet, denen keinerlei Zuneigung in ihrer frühen Kindheit zuteil wurde. Studien mit Kindern aus rumänischen Waisenhäusern, die nach der Vollendung ihres ersten Geburtstages adoptiert wurden, ergaben, dass deren Chance, sich psychisch zu erholen, weit geringer war als die von Kindern, die in einem jüngeren Alter adoptiert wurden.[14] Trotz der zu kritisierenden Mängel solcher Studien (wie etwa die einseitige Ausrichtung bei der Auswahl der Fälle oder die Schwierigkeit, bestimmte Variabeln zu isolieren) ist es durchaus möglich, dass sich eine extreme emotionale Deprivation in den ersten zwei Lebensjahren verheerend und irreversibel auf das Wohl des Kindes auswirkt. Es ist jedoch sehr selten, dass Kinder in solch horrenden Bedingungen aufwachsen, wie sie in einigen rumänischen Waisenhäusern herrschten. Es liegt ein himmelweiter Unterschied zwischen einer Situation, in der einem Kind jegliche menschliche Zuwendung verwehrt wird, und einer, in der Eltern nicht in jedem Moment den Erwartungen eifriger Bindungstheoretiker gerecht werden. Bindungstheoretiker wünschen sich Eltern, die zu jeder Zeit liebevoll, expressiv, ermunternd und fürsorglich sind. Der Fehler, der hier gemacht wird, ist, dass das gelegentlich ungeschickte oder abweisende Verhalten von Eltern mit systematischer Misshandlung und Vernachlässigung gleichgesetzt wird. Emotionales Engagement beim Umgang mit kleinen Kindern ist wichtig, aber der Umstand, dass ein Kind keinerlei Zuwendung erhält, ist so extrem und selten, dass sich aus ihm keine Rückschlüsse für Situationen ziehen lassen, in denen es eine soziale Bindung zwischen einem Erwachsenen und einem Kind gibt.
Der Psychotherapeut Peter Hobson beschreibt in seinem scharfsinnigen Buch The Cradle of Thought: Exploring the origins of thinking eine Reihe experimenteller Studien, die sich mit der Rolle der frühen emotionalen Interaktion zwischen Erwachsenen und Kleinkindern und deren Auswirkungen auf die frühkindliche Entwicklung beschäftigen. Ihm zufolge entwickelt sich unsere Fähigkeit zu denken aus den ersten emotionalen Kontakten im Säuglingsalter. Sobald sich die emotionale Interaktion in eine symbolische Kommunikation umwandelt, endet die frühe Kleinkindzeit: „Gestärkt durch die Sprache und durch andere Formen der symbolischen Kommunikationsfunktion, begibt sich [das Kind] in das Reich der Kultur. Das Kleinkind ist aus der Wiege des Denkens herausgewachsen. Die Interaktion mit anderen Menschen hat seine Seele das Fliegen gelehrt.“[15]

Bindungstheoretiker haben Recht, wenn sie auf die große Bedeutung der emotionalen Zuwendung in der frühesten Kindheit hinweisen. Sie liegen jedoch falsch mit ihrer Behauptung, diese bestimme unsere zukünftige Entwicklung. Die Bindung zwischen Erwachsenen und Kindern sollte vielmehr als Sprungbrett hin zu einer zukünftigen Transformation des Kindes gesehen werden. Dort, wo die Zuwendung vollkommen fehlt, können die Folgen verheerend sein. Die große Mehrheit der Erwachsenen ist jedoch emotional sensibel und reagiert auf Kinder. Die Verallgemeinerung von Forschungsergebnissen aus Fällen extremer Vernachlässigung dient lediglich dazu, Eltern Schuldgefühle einzureden. Die Botschaft an die Eltern lautet: Macht bloß keinen Fehler, denn selbst ein einmaliges und zeitlich begrenztes Fehlverhalten lässt ihr Kind schnell zum Versager werden – eine zweite Chance gibt es nicht. 

Natürlich verhalten sich manche Eltern ungeschickt. Sie können ihrer Liebe für ihre Kinder manchmal nur schwer Ausdruck verleihen. Andere Eltern wiederum vermögen es nicht, ausreichend zu loben und zu fördern. Doch selbst dort, wo emotionale Sensibilität fehle, so Hobson, erstaune ihn immer wieder, mit wie viel Geschick und Widerstandskraft sich Babys von anderen Menschen holen, was sie für ihre Entwicklung brauchen.[16]

Die Angst vor Kinderkrippen

Die Debatte über die Bedeutung der ersten Lebensjahre hat die Diskussion über Kinderkrippen stark beeinflusst. Babys, so der allgemeine Konsens, sollten nur in Notfällen tagsüber außer Haus betreut werden, weil die sichere Bindung zu einer Bezugsperson für sie sehr wichtig sei. Häufig hört man, die Wissenschaft habe herausgefunden, dass eine zeitlich zu ausgedehnte externe Betreuung von Kindern unter drei Jahren potenziell schädlich sei. Dabei beruft man sich in den angelsächsischen Ländern auf zwei Langzeitstudien. Die erste wurde in den USA durch das National Institute of Child Health and Human Development (NICHD) (das Nationale Institut für Kindergesundheit und menschliche Entwicklung), die zweite in Großbritannien unter dem Titel „Die effiziente Bereitstellung vorschulischer Betreuung“ durchgeführt. Keine der beiden Studien weist auf Langzeitschäden infolge einer sehr frühen Betreuung von Kleinkindern in einer Tageseinrichtung hin. Die Studie des NICHD ist eine der bisher umfassendsten Studien über die kindliche Entwicklung. An ihr waren Forscherteams aus verschiedenen amerikanischen Universitäten beteiligt. 1364 Familien nahmen an der Studie, vom Zeitpunkt der Geburt ihres Kindes im Jahr 1991 bis zum Ende des Jahres 2004, teil. Die Daten der ersten zwei Phasen der Studie liegen vor.[17] Die Entwicklung der Kinder wurde mit Hilfe diverser unterschiedlicher Methoden bewertet. Zu diesen Methoden gehörten eine Überwachung durch geschulte Forscher, die persönliche sowie die telefonische Befragung, standardisierte Tests über die kognitive, linguistische, soziale und emotionale Entwicklung sowie Fragebögen. Die NICHD-Studie konnte keinen Beleg dafür erbringen, dass die externe Tagesbetreuung die Mutter-Kind Bindung belastet.
Das NICHD sprach von einem Zusammenhang zwischen bestimmten Verhaltensauffälligkeiten bei Viereinhalbjährigen und der externen Betreuung in einer Tageseinrichtung. Der Anteil der Kinder, die mindestens 30 Stunden pro Woche in einer Krippe verbrachten und als besonders aufmüpfig, ungehorsam oder aggressiv galten, betrug 17 Prozent. Andere Forscher wiesen jedoch darauf hin, dass der Prozentsatz an verhaltensauffälligen Kindern in jeder Zufallsstichprobe ebenfalls 17 Prozent beträgt. Die Ergebnisse bei Krippenkindern weichen daher nicht von der Norm ab.
Die englische Studie untersuchte die Fortschritte und die Entwicklung von 3000 Kindern in verschiedenen Vorschulgruppen. Sie kam zu dem Ergebnis, dass Kinder im Alter von unter drei Jahren (und vor allem, bevor diese zwei Jahre alt wurden), die häufig in großen Gruppen betreut wurden, sich unsozialer verhielten als andere Kinder im Alter von drei Jahren.[18]
Hieraus lässt sich jedoch nicht schließen, dass Kinder durch die Betreuung in Gruppen Schaden nehmen. Nur weil das Verhalten dieser Kinder in einem bestimmten Alter als aggressiv empfunden wird, heißt das nicht, dass sie sich auch später so verhalten werden. Es könnte sein, dass diese Kinder einfach früher als ihre Altersgenossen, die ihre ersten Jahre nicht in einer Krippe verbringen, zu schlechtem Benehmen neigen (hierzu gehören normale kindliche Verhaltensverstöße wie der Drang nach Aufmerksamkeit, Streitlust, Widerspruchsgeist gegenüber Erwachsenen sowie das Austragen kleinerer Kämpfe untereinander).
Das Benehmen von Kindern verändert sich mit dem Heranwachsen. Stanley Greenspan, klinischer Psychiater und Kinderarzt an der George Washington University Medical School, weist darauf hin, dass bestimmte Verhaltensweisen bei kleinen Kindern nicht als Grundlage für eine Prognose ihres späteren Auftretens dienen können. Ein Vierjähriger mag heute ungezogen und schwierig sein, aber es ist alles andere als klar, wie er sich morgen verhalten wird. Das wahre emotionale und soziale Benehmen eines Kindes wird oft erst richtig sichtbar, wenn es älter ist. Auch kann ein bestimmtes Verhalten bei verschiedenen Kindern etwas ganz unterschiedliches bedeuten. Kinder, die zu langen Diskussionen mit Erwachsenen neigen und immer eine Gegenantwort parat haben, mögen ungezogen oder aber selbstbewusst und interessiert sein.

Training für Eltern

Viele Familienpolitiker und Erziehungsspezialisten betrachten die Forderung nach mehr Betreuung von Kleinkindern innerhalb der Familie mit Skepsis. Dahinter verbirgt sich keine positive Einstellung zu Kinderkrippen, sondern vielmehr ein Misstrauen gegenüber Eltern. In der heutigen Zeit spricht man vielfach normalen Müttern und Vätern die Fähigkeit ab, angemessen auf die emotionalen Bedürfnisse ihrer Kinder reagieren zu können. Eltern werden stattdessen als emotionale Analphabeten dargestellt, die einer permanenten Unterstützung durch professionelle Berater bedürfen.
Uns wird gesagt, dass die Kindererziehung zu wichtig sei, um sie im Bereich des Persönlichen und Privaten zu belassen. Zahlreiche staatlich finanzierte Broschüren wie der Elternbrief, von dem 3,5 Millionen Exemplare durch rund 200 Jugendämter in allen Bundesländern kostenlos an ca. 500.000 Mütter und Väter versendet werden, dienen dazu, Väter und Mütter im richtigen Umgang mit ihrem Nachwuchs zu schulen. Vor allem im Leben solcher Eltern, die die Regierung als von vornherein zum Scheitern verurteilt ansieht, soll interveniert werden. Hierzu gehören die sozial schwachen Familien, denen seit einiger Zeit besonders viel Beratungsbedarf unterstellt wird. Im April diesen Jahres gab die damalige deutsche Familienministerin Renate Schmidt auf einer Veranstaltung bekannt: „Wir müssen mit mehr Beratungsangeboten auf die Familien zugehen, weil gerade sozial schwache Familien zu selten zur herkömmlichen Familien- und Erziehungsberatung kommen. Elternbriefe sind ein Weg, die Erziehungskompetenz zu stärken. Sie ergänzen die Angebote zugehender Beratung für Eltern.“[19] Diese Angebote werden auch unter der neuen Regierung fortgesetzt. Die Beratungsinitiativen dienen dabei weniger dem Schutz einiger weniger Kinder, die von ihren Müttern oder Vätern vernachlässigt werden, sondern vielmehr dem Ziel, das Erziehungsverhalten aller Eltern zu beeinflussen. Viele der in den Elternbriefen erteilten Ratschläge entsprechen dem, was Eltern ohnehin schon selber wissen. Zu lesen ist etwa, dass Dinge, die uns (den Eltern) lieb und teuer sind, vor kleinen Kindern sicher aufbewahrt werden müssen, oder dass Lob und Anerkennung Kinder anspornen usw. Eltern benötigen keinen Rat dieser Art durch staatlich finanzierte Erziehungsexperten. Doch das Hauptziel des Elternbriefes ist es, den vermeintlichen Schaden zu verhindern, den Mütter und Väter ihren Kindern angeblich jederzeit antun können. Er enthält daher neben vielen rührigen Ratschlägen auch handfeste „Warnungen“ wie zum Beispiel, dass man auf das Weinen des Neugeborenen unbedingt gleich reagieren solle (um das kindliche Vertrauen nicht zu zerstören), dass man ein Kind keinesfalls zu früh zur Sauberkeit anhalten dürfe, da dies zu Störungen führen könne und dass, wer Gefahr läuft, seinem Kind einen Klaps zu geben, dringend fachlicher Hilfe bedürfe.[20]
Vorschriften dieser Art führen zu Unsicherheit und einer Übervorsichtigkeit bei Eltern im täglichen Umgang mit ihren Kindern. Liebe basiert auf einer spontanen, emotionalen Interaktion zwischen den Erwachsenen und ihren Kindern. Wenn wir glauben, bei der Kindererziehung eine bestimmte Vorgabe erfüllen zu müssen, um unseren Protegés nur keinen Schaden zuzufügen, dann werden wir – langfristig – am ungehemmten Umgang mit unserem Nachwuchs gehindert und davor zurückschrecken, ihnen unsere Gefühle und Liebe zu zeigen.
Es gibt Kinder, die von ihren Eltern nicht geliebt werden. Tatsache ist jedoch, dass alle Eltern gute und schlechte Tage haben. Die meisten Kinder können durchaus damit umgehen, dass ihre Eltern nicht immer perfekt sind. Für Mütter und Väter ist es wenig förderlich, mit Schuldgefühlen belastet zu werden, wenn sie nicht immer sofort und sensibel auf die Bedürfnisse ihrer Kleinen reagieren. Auch wird es Kindern nicht gut tun, wenn sie glauben, ihre Eltern für ihre heutigen und zukünftigen Probleme verantwortlich machen zu können. Schließlich wird es für uns alle negative Konsequenzen haben, wenn die Intervention im familiären und privaten Bereich zur Norm wird.