23.01.2014

Der Mensch ist nicht nur Zaungast der Weltgeschichte

Kommentar von Frank Furedi

Warum die Geschichtswissenschaft als Big History mit ihrer Vermischung der natürlichen und sozialen Entwicklungen in einer umfassenden Darstellung des Weltgeschehens zutiefst anti-humanistisch ist

Debatten über die Geschichte bieten uns, besonders wenn sie politisiert sind, erstaunliche Einblicke in die vorherrschende kulturelle Auffassung von der conditio humana. Solche Debatten signalisieren uns, worauf wir uns in Fragen der Loyalität und Solidarität konzentrieren sollten, welche Rolle wir dem Menschen bei der Geschichtsschreibung zusprechen und am wichtigsten von allem: welchen Einfluss das Vermächtnis der Menschheitsgeschichte, unsere Erfahrungen, für unsere Zukunft haben könnte.

Man betrachte in westlichen Gesellschaften einmal die ständigen Aufrufe dazu, im Geschichtsunterricht der Schulen den nationalen Fokus abzuschaffen. Die Kritik am so genannten nationalistischen Geschichtsunterricht zeigt die Unfähigkeit, dem einen Sinn zuschreiben zu können, was bis vor kurzem noch selbstverständliche Loyalitäten und gemeinsame Annahmen waren. Die lautstarke Kampagne gegen den Versuch der britischen Tory-Regierung, die „Geschichte einer Nation“ wieder in den Unterricht einzuführen, war ein voller Erfolg, weil nicht einmal die Verteidiger eines solchen Unterrichts selbst daran geglaubt haben, geschweige denn deren Gegner. Auch international renomierte Historiker, wie der für seine zahlreichen Arbeiten über die deutsche Geschichte des 19. Und 20. Jahrhunderts bekannte Cambridge-Professor Richard Evans fühlt sich inzwischen von den alten Traditionen seiner Fachrichtung derart entfremdet, dass er die neuen, nicht-nationalistischen Geschichtslehrpläne für ihre Anerkennung dessen feiert, dass „Kinder keine leeren und mit patriotischen Mythen aufzufüllenden Gefäße sind“.

Laut Evans ist „Geschichte keine Disziplin der Mythenbildung, sondern eine Disziplin der Mythenzerstörung, und als solche muss sie in unseren Schulen gelehrt werden“. Natürlich ist die Entlarvung von Mythen ein ehrenwertes Unterfangen. Aber wenn sie zur zentralen Aufgabe einer Disziplin wird, dann ist die Integrität dieser Disziplin gefährdet. Außerdem wird durch die Verkehrung der Mythenzerstörung zum alleinstehenden Ideal – genau wie bei der „Dekonstruktion“, ihrer begleitenden Metapher – unweigerlich unkritischer Kritizismus und Zynismus gefördert. Mit Sicherheit würden Kinder, bevor sie ins Feld der Mythenzerstörung losgelassen werden, von ein wenig Vertrautheit mit und Verständnis von den Mythen profitieren, die sie im Begriff sind auseinanderzunehmen. Mythenzerstörer sind nämlich in der Auswahl ihrer Zielobjekte sehr selektiv. Während nationale Geschichte als Ideologie denunziert wird, erhalten andere Geschichtsformen freies Spiel. Evans wünscht sich von britischen Schulen, dass sie einen größeren Schwerpunkt auf die europäische Geschichte legen, weniger auf die nationale Geschichte. Seine Ausweitung des Untersuchungsumfangs ist noch relativ moderat im Vergleich zum in Historikerkreisen aktuellen Trend zur kontinuierlichen Vergrößerung des historischen Fokus. In diesen Tagen hört man häufig Plädoyers für Weltgeschichte, kosmopolitische Geschichte und „Big History“. [1] Wie Harvard Professor David Armitage es formuliert: „In der Geschichtswissenschaft zieht man das Teleskop als Untersuchungsinstrument dem Mikroskop zunehmend vor“.

Big History als Konzept der Geschichtswissenschaft

Die Befürworter der Big-History-Lehre behaupten, humanistisch motiviert zu sein. So meint etwa David Christian, Big History biete eine Geschichte, die den Nationalstaat transzendiert und die Menschheit als Ganze abdeckt. Er sagt, dass man in seinen Geschichtskursen zum Beispiel „den Menschen weder als Amerikaner, noch als Deutsche, Russen oder Nigerianer begegnen wird, sondern als Angehörige einer einzigen genetisch homogenen Spezies Homo sapiens“.
Tatsächlich setzt Christian sich jedoch zunächst nicht mit der Menschheit auseinander. Er ist stolz darauf, dass die Spezies Homo sapiens in seinem Kurs zur Big History während der ersten Hälfte nicht einmal erwähnt wird. Ist das wirklich Humanismus? Es sieht mir eher nach einer Reduktion der Menschheit auf eine biologische Spezies aus. Sie ist Zeichen unserer zunehmenden Entfremdung von den Ideen der Zivilisation, der Kultur und der Gesellschaft.

„Big History ist Zeichen unserer zunehmenden Entfremdung von den Ideen der Zivilisation, der Kultur und der Gesellschaft.“

Die Emphase der „Big History“ ist von dem Impuls getrieben, das humanistische Ideal der menschlichen Geschichtsschreibung abzuwerten. Nach außen hin wirken die Aufrufe zur Weltgeschichte und zur Big History wie zeitgenössische Versionen der Universalgeschichte eines Oswald Spengler oder Arnold Toynbee. Tatsächlich aber sind ihre Ansätze dieser Tradition geradezu antithetisch entgegengesetzt. Big History ist keine Universalgeschichte. Eine wahrhaft universale Geschichte würde den Fokus auf die bedeutenden Errungenschaften des Menschen richten, auf solche, die verschiedene Kulturen miteinander verbinden. Statt sich auf die biologische und chemische Struktur einer Spezies zu konzentrieren, würde eine echte Universalgeschichte die Weise untersuchen, in der sich verschiedene Zivilisationen herausgebildet haben, wie sie interagierten und sich entwickelten, und wie sie sich den gemeinsamen Herausforderungen stellten, denen sich die Menschheit ausgesetzt sah. In der Big History teilen die Menschen ein gemeinsames Erbe, das nicht historisch, sondern natürlich ist. Es stellt tatsächlich eine Synthese der früher so genannten Naturgeschichte mit der Evolutionsbiologie, Geologie und Umweltschutzideologie dar. Daraus ergibt sich die äußerst beschränkte Rolle, die der Menschheit in den Lehrplänen der Big History zugesprochen wird – denn nach dieser Geschichtsvorstellung sind die Menschen, christlich gesprochen, „nur ein Teil des Bildes“.

Schwerpunkt der Geschichtswissenschaft – sei sie nun universal oder nicht – sollte aber nach wie vor die historische Entwicklung der Menschheit sein. Wie Francis Fukuyama bemerkte: „Eine Universalgeschichte der Menschheit ist nicht mit einer Geschichte des Universums zu vergleichen.“ Er sagt von der Universalgeschichte: „Sie ist kein enzyklopädischer Katalog von allem Wissen, das wir über die Menschheit besitzen, sondern vielmehr der Versuch, in der übergreifenden Entwicklung menschlicher Gesellschaften bedeutsame und allgemeine Muster aufzufinden.“ Daher hat die Universalgeschichte als Geschichte der Menschheit traditionell versucht, sich klar gegen die entfernte Vergangenheit abzugrenzen, wenn sie ihr aus sich selbst heraus keine Bedeutung zuweisen konnte.

Hegels Geschichtsphilosophie ist in dieser Hinsicht von unschätzbarem Wert. Hegel, einer der einflussreichsten Theoretiker der Universalgeschichte aus dem 19. Jahrhundert, unterschied eindeutig zwischen der Vergangenheit und der Geschichte. Echte Geschichte, schrieb er, beginnt „an dem Punkt, wo die Vernunft in die weltliche Existenz einzutreten beginnt.“ Er sagte, dass die Geschichte ihren Ausgang nimmt, sobald begonnen wird, Ereignisse als Geschichte zu interpretieren und zu dokumentieren. Und er meinte, die Geschichte der Ideen von Individualität, Recht und Gesetz bedarf einer „universell verbindenden Richtlinie“, die durch den Staat institutionalisiert wird. Seine Geschichtsphilosophie will ein philosophisch-historisches Argument für die Entwicklung des menschlichen Selbstbewusstseins liefern.

Die Idee einer Gegenüberstellung von Hegel und Big History wird nun etwa von der International Big History Association begeistert gefördert, einer einflussreichen und nicht zuletzt von Bill Gates unterstützten Bewegung. Die Geschichtsversion dieser Vereinigung reicht bis zum Urknall zurück. Diese so genannte Universalgeschichte ist mit dem Universum selbst deckungsgleich. Sie beansprucht, praktisch alles mögliche Wissen miteinander zu synthetisieren. Kosmologie, Astronomie, Geologie, Evolutionsbiologie, Archäologie und Umweltwissenschaften – alles kommt vor. Diese Art der Historik tilgt selbstbewusst die konzeptuelle Unterscheidung zwischen Natur und Kultur, Materiellem und Geistigem, Menschlichem und Nicht-Menschlichem. Auf der Website der International Big History Association heißt es: „Big History versucht die ganzheitliche Geschichte von Kosmos, Erde, Leben und Menschheit zu verstehen, unter Verwendung der besten verfügbaren empirischen Daten und wissenschaftlichen Methoden.“ Und weiter wird behauptet: „Die Geschichte der Vergangenheit, die vor über 13,8 Milliarden Jahren begonnen hat, stellt einen kohärenten Datensatz dar, der eine Serie von großen Schwellen umfasst. Im Ausgang vom Urknall schildert die Big History die nachweisliche Entstehung von Komplexität. Sie resultiert aus den Kombinationen einfacher Komponenten zu neuen Einheiten mit neuen Eigenschaften und größeren Energieflüssen.“

Die Big History behauptet, eine Antwort auf die neuen Komplexitäten unserer sich schnell verändernden globalisierten Welt zu sein. In Wahrheit bietet sie eine Mischung aus allem, was in Raum und Zeit jemals stattgefunden hat und sich in ihr naturalistisches, teleologisches Modell der Evolution integrieren lässt. Sie baut zwar auf den Ideen von Evolutionsbiologie, Geologie, Umweltwissenschaften und Kosmologie auf, aber der historiographische Ansatz hat doch eine unheimliche Ähnlichkeit mit der theologischen Geschichtsschreibung des Mittelalters. Denn mehr noch als die mittelalterliche Geschichtsschreibung stützt sich die Big History auf eine mythisch anmutende Erzählung von unseren Ursprüngen. Die Entfaltung der Zeit ist hier stillschweigend auf letzte Zwecke ausgerichtet.

„Big History baut zwar auf wissenschaftlichen Ideen auf, aber ihr Ansatz hat doch eine unheimliche Ähnlichkeit mit der theologischen Geschichtsschreibung des Mittelalters.“

Um ein Beispiel aus der Big History zu geben: „Was lässt sich so weit aus unserer 13,82 Milliarden Jahre währenden Reise in diesem Universum schlussfolgern? Der Zugang zu qualitativ hochwertigen Energien in bestimmten Bereichen führte zu einer Steigerung der Komplexität der Beziehungen zwischen Quarks, Atomen, Molekülen, Zellen, Tieren und Menschen innerhalb von Familien, Städten, Nationen, Reichen und der Welt. Jede der früheren Beziehungen lebt in den aktuellen fort, wenn auch oft in veränderter Form. Sie und ich sind Nutznießer der entstandenen Verbindungen. Wir selbst bestehen aus Quarks, Atomen, Molekülen, Zellen und vielen komplex verknüpften Körperteilen. Wir leben innerhalb der Verwandtschaft, der Nationen und Reiche. Viele von uns sind mit anderen auf der Welt über den nahezu unmittelbaren Austausch von digitalen Informationen verbunden. Wir alle haben nachweislich einen gemeinsamen Ursprung, wie überhaupt alles im Universum. Alle Erdenbewohner sind von gemeinsamer Herkunft und teilen letzten Endes dasselbe Schicksal.“

Gemeinsame Herkunft? Dieses Mal wird unsere „gemeinsame Herkunft“ zwar weder im Garten Eden verortet, noch hat diese neue Erzählung irgendeine Ähnlichkeit mit dem römischen Äneas-Mythos. Es sind nun vielmehr Quarks, Atome und Moleküle, die offenbar unsere gemeinsame Herkunft verkörpern. Was uns hier angeboten wird, ist nicht der Ursprung der Menschheit, sondern der Materie.

Die Big History ist nicht der einzige Ansatz, der die Geschichte vom menschlichen Subjekt zu entkoppeln versucht. Die sogenannte „Deep History“ widmet sich der Beseitigung der Unterscheidung zwischen Geschichte und Prähistorie; tatsächlich erstreckt sich ihre Version der „Geschichte“ über ganze 2,6 Millionen Jahre. Das Manifest dieser Geschichtslehre, Deep History: The Architecture of Past and Present, beanstandet an der „Fragmentierung der historischen Zeit“, dass sie unserem Zeitalter verhaftet und dadurch dominiert sei, was Anhänger der Deep History „oberflächliche Geschichte“ nennen.

Worum es hier wirklich geht, ist nicht die historische Erforschung von Zeitskalen, sondern die Erforschung der Beschaffenheit der historischen Einbildung selbst. Die neue historische Perspektive versucht den Geschichtsschwerpunkt von den Ansätzen, die sich am Menschen orientieren, auf die Vergangenheit zu verlagern, in dem Sinne, dass sie die materiellen und natürlichen Prozesse als die Hauptfaktoren der Geschichte begreift. Nach dieser Ansicht wäre anthropozentrische Geschichte, wie die Vertreter der Big History sie nennen, eine Einbildung, da die Menschheit eigentlich nicht viel mit den wirklich wichtigen Ereignissen der letzten 13 Milliarden Jahre zu tun hatte. In der Tat wird das, was man gemeinhin als Geschichte versteht, so zu einem kleinen Teilgebiet der Geologie und Biologie. Die Emphase der Big, Long oder Deep History ist von dem (meist unterbewussten) Impuls getrieben, das humanistische Ideal der menschlichen Geschichtsschreibung zu entwerten.

Die anti-humanistische Wende der Geschichtswissenschaft

Natürlich stimmt es, dass wir, je mehr wir in der Zeit zurück schauen, die Menschheit immer mehr durch die Natur bestimmt sehen. Vor zehntausenden von Jahren spielten Menschen nur eine geringfügige Rolle bei der Gestaltung ihrer Umwelt – und hunderttausende Jahre zuvor überhaupt keine. Die weitläufige Zeitskala der Big History – immerhin mehr als 13 Milliarden Jahre seit dem Urknall – führt zu der gewagten Vorstellung, die menschliche Leistung müsse zu einer unbedeutenden Fußnote degradiert werden. Darum auch tritt die menschliche Spezies in den Lehrplänen der Big History erst äußerst spät auf.

„Die weitläufige Zeitskala der Big History führt zu der gewagten Vorstellung, die menschliche Leistung müsse zu einer unbedeutenden Fußnote degradiert werden.“

Der Menschheit eine lediglich untergeordnete Rolle zuzuschreiben, ist auch eine Lieblingsbeschäftigung der Umweltschützer des 21. Jahrhunderts. Aus Sicht der grünen Ideologie ist eine riesige Zeitskala in Geschichtsdiskussionen vorzuziehen. Denn je weiter man in der Zeit zurückgeht, desto mehr verliert die Menschheit gegenüber der Natur an Bedeutung.

Diese neuen historischen Erzählungen kommen alle zu dem selben Schluss, nämlich dass die Erde bereits seit 4,5 Milliarden Jahren existiert, der Homo sapiens aber kaum ein paar hunderttausend Jahre auf dem Planeten lebt. Und die Moral von der Geschichte ist, dass die Menschheit sich ein wenig mehr der Unbedeutendheit ihrer Spezies bewusst sein sollte. Wenn wir Geschichte in einer Spanne von Milliarden Jahren fassen, dann müssen wir die Menschheit als etwas betrachten, was nichts von wirklicher Bedeutung hervorgebracht hat. Stattdessen sei der Mensch vielmehr bloß passiver Zuschauer des Klimawandels, gewaltiger Erdbeben und riesiger Eruptionen. Der Mensch wird vom Subjekt zum Objekt der Geschichte verkehrt. Oder wie sich ein anti-humanistischer Autor ausdrückt: „Die Erde existiert seit über 4,5 Milliarden Jahren und hat zahlreiche Umwandlungen erfahren. Der Homo sapiens lebt seit 160.000 Jahren auf dem Planeten – nur ein kleiner Anteil an der Gesamtzeit. Die meiste Zeit über war der Planet von der menschlichen Spezies nur dünn besiedelt, mit minimalen Auswirkungen auf die Umwelt.“

Die Belanglosigkeit des Menschen – das ist das Kernthema von denen, die eine naturalistische und physikalische Perspektive auf die Vergangenheit einnehmen. Alle Geschichten vermitteln irgendeine Art von Bedeutung oder moralischer Perspektive auf die Menschheit und deren Leistung. Die neuen Historiker, die von der menschlichen Bedeutungslosigkeit überzeugt sind, scheinen sich zumindest nach außen hin aller Sinngebung zu enthalten, indem sie eine riesige Zeitskala und ein Spektrum zufällig versammelter Ereignisse betonen, die nicht sinnvoll zueinander in Relation gesetzt werden können. In Wirklichkeit vermitteln aber selbst solche Geschichtsformen, ungeachtet ihrer einseitigen materialistischen und mechanistischen Erzählungen, eine bestimmte Bedeutung, in dem negativen Sinne, dass wir bloß nicht glauben sollten, menschliche Handlungen würden letztlich sonderlich ins Gewicht fallen. Aus solcher Perspektive rechtfertigt sich natürlich die Behauptung, dass Geschichte definitiv nicht von Menschen gemacht wird; wir sind nur passive Voyeure der großen Ereignisse.

Die heutige Vorstellung von der Kultur scheint dem geschichtlichen Gestaltungspotential der Menschheit nur wenig Wertschätzung oder auch Glauben entgegenzubringen. Im Gegenteil hat es tendenziell eine grundsätzliche Verschiebung dahingehend gegeben, die Menschheit aus der Geschichte zu streichen. Einen so unbedeutenden Status wie heute hat die Geschichtsauffassung der menschlichen Spezies seit dem Mittelalter nicht mehr zugeschrieben. Die neue Schule der naturalistischen Historik gefällt sich offenbar in der Herabsetzung der Erwartungen der Menschen an das, was sie und ihre Spezies erreichen können. Sie unterstützt einen Umwelt-Determinismus, der der Menschheit im allgemeinen Entwurf der Dinge nur eine unbedeutende Rolle zuweist. Es wird beharrlich darauf verwiesen, dass jeder Versuch der Menschen, das eigene Schicksal zu kontrollieren, sehr wahrscheinlich durch die Kräfte der Natur untergraben wird. Es kann daher nicht überraschen, dass von ihnen immer wieder die Relevanz der Umweltfaktoren betont wird. Man will den Eindruck erwecken, Geschichte sei eher durch natürliche Ereignisse als durch die Entscheidungen und Handlungen des Menschen bestimmt.

Tatsächlich gelten die Versuche der Menschheit, die Natur zu kontrollieren, heute als zerstörerisch und gefährlich, als Zeichen dafür, dass unsere Spezies ihren Platz in der natürlichen Ordnung verkennt. Weit davon entfernt, die menschlichen Versuche der Naturgestaltung zu begrüßen, werden Geschichte und Zivilisation heute zu Erzählungen von Umweltzerstörung umgeschrieben. Unser Gebrauch der Vernunft und die Anwendung von Wissen und Wissenschaft werden als problematisch betrachtet, weil sie offenbar zur Intensivierung der Zerstörungskraft der menschlichen Rasse beitragen. So etwas wie die Aufklärung stellt sich dann als der böswillige Versuch dar, die Zerstörung des Planeten zu fördern, durch ihre arrogante Erhöhung des rationalen und schöpferischen Menschen.

Der neue Konservatismus

Kritiker der Nationalgeschichte lehnen vor allem deren konservative Mythenbildung ab. Doch ist die heutige Big History noch weit reaktionärer als die Nationalgeschichte. Wie schon in der antiken und mittelalterlichen Geschichtsschreibung verlangt die Suche nach unseren Wurzeln hier offenbar nach einer Analogie von natürlichem und sozialem Leben. Diese Sehnsucht nach einer Geschichte mit unbedingtem Ursprung verleiht den menschlichen Erfahrungen und Entwicklungen einen äußerst fatalistischen Charakter. Denn in ihrer Perspektive erscheint unsere Zukunft im gleichen Maße durch die Vergangenheit determiniert wie das Wachstumsschema eines Baumes durch dessen Wurzeln.

Dieser Trend zur Veräußerung der menschlichen Subjektivität scheitert daran, die eigentlichen Bezüge zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu begreifen oder zu verstehen. Ein ernsthaftes Geschichtsbewusstsein oder auch historisches Denken beruht auf der Erkenntnis, dass das menschliche Eingreifen eine fundamentale Rolle in der sozialen Entwicklung spielt; das heißt, die von uns vorgefundene Gegenwart ist das Resultat der früheren Handlungen der Menschheit. Diese Einsicht, dass die Menschheit sich selbst bildet und nicht einfach nur das Produkt der Natur ist, war für die führenden Denker des 18. und 19. Jahrhunderts von zentraler Bedeutung. Auch wenn Hegel sich später dem Konservatismus zuwandte, hat er sich doch gegen die mittelalterliche Vorstellung gestellt, die menschliche Natur sei festgeschrieben und unveränderlich. Für ihn lag die auffälligste Besonderheit des Menschen nicht in seiner Biologie, sondern in dem Umstand, dass das Menschsein unbestimmt ist und wir die Fähigkeit besitzen, unsere eigene Natur zu erschaffen.

„Die Sehnsucht nach einer Geschichte mit unbedingtem Ursprung verleiht den menschlichen Erfahrungen und Entwicklungen einen äußerst fatalistischen Charakter.“

In der heutigen Ernüchterung des historischen Denkens und der Abwertung der menschlichen Subjektivität kommt die gespaltene Haltung der Gesellschaft zum Erbe der Aufklärung zum Ausdruck. Offiziell weigern sich die Menschen, ihr Schicksal zurückzustellen. Sie verwenden viel Zeit, Energie und Ressourcen auf den Versuch, eine gewisse Kontrolle über ihr Leben zu gewinnen. Aber zugleich hat die Überzeugung von der Alternativlosigkeit, also dass es nur so und nicht anders kommen konnte und auch weiterhin nur so kommen kann, wie es eben kommt, einen gewaltigen Einfluss auf das öffentliche Leben und die Haltung der Menschen. Anti-humanistische Stimmungen berauben uns der eigenen Vorstellungskraft und begünstigen unsere Angst vor der Zukunft.

Es gibt einen Grund, warum die Vertreter der Big History besonders den Nationalhistorikern feindlich gesonnen sind. Das liegt daran, dass es aus ihrer globalen Perspektive heraus für sie naheliegend ist, weiterhin nachdrücklich die Unbedeutsamkeit der Individuen und der Menschheit im Allgemeinen zu behaupten. Auf der Weltbühne ist der Einfluss fremder Kräfte auf das Individuum viel erdrückender, als das im Rahmen der eigenen Gemeinschaften oder der Nation der Fall ist. Und weil sich die globalen Verhältnisse als besonders komplex, kontingent und sehr dynamisch darstellen lassen, sind kosmopolitische Historiker auch von der Verantwortung befreit, ihrer Geschichte irgendeinen greifbaren Sinn zu geben. Sie bleibt ohne Bedeutung und natürlich ohne Mythen. Eine solche Historik wird die Mythen aber keineswegs zerstören, sie negiert lediglich die Suche nach der Wahrheit.