13.07.2026

„Der Liberalismus steht nicht hoch im Kurs“

Interview mit Susanne Schröter

Titelbild

Foto: jusch via Pixabay (CC0)

Mit ihrem Forschungsschwerpunkt Islamismus hat sich Prof. Susanne Schröter bei vielen unbeliebt gemacht. Denn linke Kreise in der Wissenschaft stehen dem Problem relativierend bis offen gegenüber.

Novo: Sie sind nicht mehr Chefin des Forschungszentrums Globaler Islam an der Uni Frankfurt am Main, das Sie 2008 gegründet haben. Konnten Sie sich inzwischen mit dem Ende dieses Laufbahnabschnitts anfreunden?

Susanne Schröter: Ach, das hat sich ja lange abgezeichnet. Von daher war es keine Überraschung. Ich hatte nach meiner Emeritierung für zwei Jahre Forschungsmittel, die mir ermöglicht haben, die Arbeit im Forschungszentrum weiter zu führen. Aber es war klar, dass es dann aus sein würde. Islamismuskritische Forschungen werden an deutschen Universitäten nicht gerade honoriert, weil sie einer vorherrschenden Doktrin widersprechen, der zufolge Muslime primär als Opfer des Westens zu sehen sind.

Nicht nur sind Sie nicht mehr die Leiterin, das ganze Forschungszentrum gibt es nicht mehr. Wurde das irgendwie begründet? Ist für die Uni in Sachen Islam alles bekannt und längst gesagt, Forschung braucht es nicht mehr?

Formal war die Abwicklung des Instituts für die Universität sehr einfach. Das Zentrum war an meine Person gebunden und hätte nur mit einer entsprechenden Nachfolgebesetzung weitergeführt werden können. Ursprünglich bestand eine solche Nachhaltigkeitsoption, aber dann wurden im Hintergrund andere Weichen gestellt. Anstelle einer Islamexpertin hat man auf meine Stelle eine Mexiko-Expertin berufen und damit die Zukunft des Zentrums beendet, ohne dies begründen zu müssen.

Stößt denn jetzt eine andere Uni in diese Lücke und holt sich zum Beispiel ihre ehemaligen Mitarbeiter und deren Expertise zu sich?

Nein, die jungen Leute, die zum Islamismus geforscht haben, stehen alle mehr oder weniger auf der Straße oder versuchen etwas anderes zu finden. Das ist der Grund, weshalb ich jetzt eine außeruniversitäre Nachfolgeorganisation aufbauen werde, ein Institut für Demokratie und Islam. Grundlage ist ein Trägerverein, der bereits gegründet und als gemeinnützig anerkannt wurde. Die Herausforderung besteht jetzt darin, private und öffentliche Mittel einzuwerben, aber ich bin recht optimistisch, dass dies gelingen wird. Schließlich ist das Thema des politischen Islams für die Zukunft unseres Landes immens wichtig, und wir sind die einzige Institution, die umfassend dazu arbeitet.

Sie haben immer betont, Sie forschen zum Islamismus, nicht zur Religion Islam. Warum ist Ihnen diese Unterscheidungen so wichtig?

Ich habe grundsätzlich zu Religion, Kultur und Politik gearbeitet, auch ein Buch über das Christentum in Indonesien publiziert, mich erst zu Beginn der 2000er Jahre primär auf den Islam konzentriert – allerdings nicht nur auf den politischen Islam, sondern auch zu islamischem Feminismus, Synkretismus, Volksislam und liberalem Islam geforscht. Der Islamismus steht in vielen islamischen Ländern in Konkurrenz zu sufistischen Ausprägungen oder zu Traditionen, die vorislamische Elemente lokaler Kulturen beinhalten. Dazu kommen moderne Variationen, den Koran hermeneutisch zu interpretieren und historisch zu kontextualisieren, die islamistischen Theologien fremd sind.

Fundamentalistische und politisierte Formen von Religion existieren auch in anderen Weltreligionen, im Christentum, Judentum und Buddhismus, im Hinduismus. Die Struktur ist überall ähnlich. Man sieht die Religion als wichtigste oder einzige Basis für Normen, ja sogar für die gesamte normative Ordnung und möchte dies in Gesellschaften durchsetzen, die sich vor allem in der Moderne weiterentwickelt haben. Der Islam ist da keine Ausnahme. Allerdings hat der islamische Fundamentalismus im Vergleich zu anderen Religionen eine weitaus größere Reichweite. Er expandiert noch immer in Asien, Afrika, wo er ehemals moderate islamische Gebiete erobert, und in Europa. Ihm wird wenig entgegengesetzt, außerhalb der westlichen Welt nicht, weil er dort ein mächtiger Gewaltakteur ist, und in Europa nicht, weil er konsequent verharmlost wird.

Sie wurden relativ schnell von Kollegen, von Wissenschaftlern angegriffen für Ihren Forschungsansatz. Haben Sie irgendwas falsch gemacht? Haben die Kollegen was entdeckt, was sie nicht gesehen haben?

Es war ein schleichender Prozess, der dann schließlich Fahrt aufnahm, als ich mich mit dem Islamismus in Deutschland befasst habe. Das fanden viele nicht akzeptabel, die Muslime in erster Linie als unterdrückte Gruppe einer vermeintlich rassistischen Mehrheitsgesellschaft sehen. In Deutschland hatte sich, wie in vielen westlichen Ländern, in der zweiten Dekade des 20. Jahrhunderts zudem die Vorstellung durchgesetzt, dass Islamismus eine Folge westlicher Verfehlungen sei. Schuld sei westlicher Imperialismus, westlicher Kolonialismus, Neokolonialismus oder eine Diskriminierung von Minderheiten in den westlichen Ländern selbst. In den USA fing das schon früher an. Selbst der Anschlag vom 11. September ist von gewichtigen Teilen der amerikanischen Sozial- und Geisteswissenschaftler als Reaktion auf Unterdrückung durch den Westen gerechtfertigt worden.

„Wer Kritik übt, wird als Rassist ausgegrenzt.“

Erschwerend kam hinzu, dass Islamismus im Westen nicht ohne Berücksichtigung der Migrationspolitik und der Einflussnahme bestimmter Staaten wie der Türkei, des Irans oder Katars erklärt werden kann. Und in der Migrationsforschung dominierte die postkoloniale Theorie. Ihre Vertreter teilen die Welt in Täter und Opfer ein, wobei der Westen, der weiße Westen, stets als Täter gilt. Er wird für Hunger, Krieg, Klimakatastrophen und auch für Extremismus verantwortlich gemacht. Das ist faktenfrei, denn die Welt ist ja beileibe nicht ärmer geworden, sondern reicher. Wir haben weniger Kindersterblichkeit, weniger Müttersterblichkeit, besseren Zugang zu Gesundheitsversorgung. Aber in der postkolonialen Theorie wird das geleugnet. Da gilt der Westen als Zerstörer der Lebensgrundlage des „globalen Südens“. Und von daher, so die Postkolonialisten, sei es ein gutes Recht der Bewohner dieser Region, nach Europa zu migrieren. Eine Steuerung der Migration verbiete sich daher kategorisch. Wissenschaft habe im Dienst der Migranten zu stehen, ihnen den Zugang zu westlichen Staaten zu ermöglichen und ihnen zu helfen Ansprüche durchzusetzen. Nach dieser Theorie hat der Wissenschaftler die Pflicht, sich für die Belange dieser Migranten einzusetzen. Probleme mit der ungesteuerten Migration werden systematisch ausgeblendet, auch der Islamismus. Wer Kritik übt, wird als Rassist ausgegrenzt.

Eine der ersten, die es getroffen hat, war die türkische Soziologin Necla Kelek, die ein Buch über Zwangsheirat geschrieben und damit die unausgesprochenen Spielregeln ihrer Disziplin verletzt hatte. 60 Migrationsforscher zerstörten daraufhin mit einer Rufmordkampagne ihre Karriere. Als es bei mir anfing mit dem Mobbing, war ich zwar eine Wissenschaftlerin, die mit einem interkulturellen und interreligiösen Team gearbeitet und auch viele muslimische Doktoranden betreut und promoviert hatte, aber das interessierte niemanden, weil ich nicht nur die netten Spielarten des Islam behandelt habe, sondern eben auch den Islamismus. Daher bekam ich den Stempel einer „antimuslimischen Rassistin“.

Sie haben etliche Bücher darüber geschrieben. Ihr jüngstes heißt „Links, rechts, islamistisch – Die wahren Feinde der Demokratie“. Können islamistische Politik und Einstellungen die Demokratie gefährden?

Ja, selbstverständlich, das tun Sie ja auch schon. Islamistische Normen verbreiten sich in Parallelgesellschaften und in Schulen, in denen muslimische Kinder in der Mehrheit sind. Da werden Mädchen gemobbt, wenn sie kein Kopftuch anziehen. Jüdische Kinder geben sich nicht mehr zu erkennen oder wechseln die Schule. Lehrerinnen werden von islamistischen Eltern gedemütigt, und teilweise werden Kinder sogar zur Konversion genötigt. Das gefährdet schon einiges von dem, was hier mühsam erkämpft worden ist.

Ist die Reihenfolge des Buches links, rechts, islamistisch eine Rangliste der Gefährlichkeit?

Nein, ich blicke da eher historisch drauf. Die Linke hat sich sehr um die Freiheitsrechte verdient gemacht, also beispielsweise um die Frauenemanzipation. Dass die Gleichberechtigung der Frauen im Grundgesetz steht, das ist einer Sozialdemokratin zu verdanken. Sozialdemokraten und Kommunisten haben die Idee gleicher Rechte für alle Menschen in die politische Debatte getragen, also auch für arme Menschen oder Minderheiten. Allerdings hat die Linke einen Geburtsfehler, der ihr immer wieder zum Verhängnis wird. Sie orientiert sich an der Utopie einer idealen Gesellschaft, die es niemals gab. Um diese zu schaffen, benötigt man allerdings auch einen neuen Menschen, einen Menschen, der absolute Gleichheit honoriert, der jedem Anerkennung entgegenbringt, der weder nach Macht noch nach Reichtum strebt und freigiebig alles teilt. Das sollte in den realsozialistischen Staaten mit den Mitteln der Umerziehung, der Indoktrination und auch der Gewalt geschehen. Wer in den Verdacht geriet, das hehre Ziel nicht mitmachen zu wollen, der landete im Gefängnis, wurde gefoltert, in Arbeitslager gesteckt oder hingerichtet. Von der Französischen Revolution über die Sowjetunion bis nach China oder Kambodscha zieht sich eine Blutspur, die keineswegs in eine gerechte Gesellschaft, sondern nur in Diktaturen geführt hat.

Den autoritären Impetus hat die Linke noch immer. Auch in westlichen Gesellschaften setzt man auf Druck, auf Indoktrination und auf Unterdrückung anderer Meinungen, um ein angeblich höheres Ziel durchzusetzen. Leider hat sich die CDU-Kanzlerin Angela Merkel mit ihrer asymmetrischen Demobilisierung zur Erfüllungsgehilfin dieser linken Ideen gemacht und dadurch die bürgerliche Mitte ausgehöhlt. Eine Repräsentationslücke ist entstanden, die heute die AfD füllt. Durch die von ihr als alternativlos bezeichnete Politik wurde Merkel sogar zur Namenspatin der Alternative für Deutschland. Ursprünglich stammten deren erste Funktionäre aus den Reihen der Union, doch weil man sie von Anfang an dämonisiert hatte, konnten wirklich radikale Akteure Einfluss nehmen. Diesen Prozess und die Ideologie der neuen Rechten zeichne ich in meinem Buch nach. Die gängige Vorstellung, es handele sich bei den Akteuren der neuen Rechten um Wiedergänger der Nazis ist allerdings unterkomplex und führt nicht weiter. Mein Appell ist, sich tatsächlich analytisch mit deren Theorien und Gesellschaftsbild auseinanderzusetzen. Also mit antiliberalen, streckenweise auch antidemokratischen Vorstellungen, die in der Politik umgesetzt werden sollen.

„Dass wir mittlerweile in einer Situation sind, in der die AfD mit Abstand stärkste Partei ist samt rechtsradikalem Flügel, ist Fehlern der Linken und der Konservativen geschuldet.“

Dass wir mittlerweile in einer Situation sind, in der die AfD mit Abstand stärkste Partei ist samt rechtsradikalem Flügel, ist Fehlern der Linken und der Konservativen geschuldet, die diese Repräsentationslücke erst geschaffen haben und sie sogar noch ausweiten. Das möchten diese natürlich nicht eingestehen und führen jetzt einen völlig entgrenzten „Kampf gegen rechts“, der selbst die Axt an die Wurzeln der Demokratie legt, in dem er Meinungsäußerungen unterhalb der Strafbarkeitsgrenze verfolgt und demokratische Verfahren aushebelt, damit „die Falschen“ nicht davon profitieren. Dazu kommt, dass der Begriff „rechts“ im Sinne von rechtsradikal vollkommen beliebig geworden ist. Kein Mensch weiß mehr, wo rechts eigentlich anfängt. Ist die FDP schon dabei, die CDU? Sind Grenzkontrollen bereits faschistisch oder die Anerkennung der biologischen Zweigeschlechtlichkeit?

Wo stehen islamistische Kräfte zwischen diesen Polen?

Während des Nationalsozialismus war die islamistische Muslimbruderschaft Partner der Nazis. Der Antisemitismus war das verbindende Element. Diese Verbindung gibt es heute mit den Linken, ganz besonders in der Anti-Israel-Bewegung. Allerdings arbeiten nicht nur Linke mit Islamisten zusammen, sondern auch die Parteien der bürgerlichen Mitte, bis in die Union hinein. Das ist ein schwerer Fehler, denn er beraubt die zu Recht verunsicherte Bevölkerung einer parlamentarischen Interessenvertretung, was natürlich auf das Konto der AfD einzahlt. Ein Verbot der Partei würde wenig bewirken, denn die Probleme bleiben schließlich bestehen, und über kurz oder lang gäbe es erneute Versuche, diese zum Thema zu machen. Wenn es auf parlamentarischem Weg nicht möglich wäre, würden vermutlich andere Aktivitäten erwogen.

Die Ursache des Höhenflugs der AfD sind Missstände in der Migrationspolitik, der Energie- und Wirtschaftspolitik, der Bildungs- und Sozialpolitik. Unser Land befindet sich in einer Schieflage, und solange sich dies nicht ändert, werden immer mehr Menschen ihre Hoffnungen auf eine Partei setzen, die radikale Änderungen verspricht. Das politische Pendel, das weit nach links ausgeschlagen ist, rast mit großer Geschwindigkeit in die Gegenrichtung.

Um nochmal auf das Bündnis von islamistischen und linken Aktivisten zu kommen: Es gibt ein abschreckendes historisches Beispiel: Die iranischen Linken haben den Ayatollah sehr begrüßt, als der nach Iran zurückkehrte. Bis er sie dann umgebracht hat. War das eine unglückliche Ausnahme?

Nein, so etwas kann immer wieder passieren. Als Ayatollah Khomeini im Exil in Paris war, sind ihm Linke mit großer Sympathie begegnet. Nach der Gründung der Islamischen Republik haben Foucault und Sartre von einer neuen Spiritualität geschwärmt. Die Ernüchterung kam erst später, als iranische Linke zu Tausenden verhaftet, hingerichtet oder ins Ausland vertrieben wurden. Heute vereinen sich Islamisten und Linken im gemeinsamen Krieg gegen den Westen. Sie haben zwar unterschiedliche Interessen, doch Islamisten verstehen es sehr gut, sich eine linke Rhetorik zu eigen zu machen, den europäischen Kolonialismus als Quelle allen Übels zu adressieren, antiamerikanische und antiisraelische Phrasen zu dreschen oder die westliche Antirassismus-Narrative zu instrumentalisieren. So etwas kommt bei säkularen Linken gut an.

„Wer versucht, den Himmel auf Erden einzurichten, erzeugt stets die Hölle.“ So zitieren sie Karl Popper. Ist das Paradies auf Erden eine Gemeinsamkeit von linken, rechten, islamistischen Ideologen? Ganz unterschiedlich ausgestaltet, aber immer mit dem Versprechen des großen kollektiven Glücks?

Das ist in der Tat eine Gemeinsamkeit. Dass man eine ideale Gesellschaft schaffen kann, die entweder in der Zukunft liegt oder in einer Reaktivierung der Vergangenheit. Eine weitere Gemeinsamkeit stellen die kommunitären Angebote und die Ablehnung des Liberalismus dar. Der Liberalismus fokussiert auf den Einzelnen, der Rechte, Pflichten und Verantwortung besitzt, aber nicht notwendig gemeinschaftsorientiert sein muss. Bei extremen Linken, Rechten und Islamisten steht das Kollektiv im Vordergrund, hat sich der Einzelne dem Kollektiv unterzuordnen. Hier kommt die Identitätspolitik ins Spiel. Kollektiven werden Sonderrechte zugeschrieben. In der Linken profitieren die Minderheiten, in der Rechten die Autochthonen, im Islamismus die Muslime. Das ist für viele Menschen attraktiv, vor allem, wenn sie sich nach Gemeinschaft sehnen und sich einsam fühlen.

„Die Linke hat ihren Zenit überschritten und macht vor allem durch Verbote und Intoleranz von sich reden.“

Der Mensch ist, historisch gesehen, ein kollektives Wesen. Er neigt zur Anpassung und zur Unterordnung unter eine dominante Meinung, selbst wenn er weiß, dass diese falsch ist. Diese Fähigkeit hat uns als mit geringen körperlichen Kräften ausgestattete Spezies über viele Jahrtausende das Überleben gesichert. Wir sind soziale Wesen, weil das soziale Zusammenwirken unsere erfolgreichste Überlebensstrategie war. In einer freien Gesellschaft, der liberalen Demokratie, sind diese Fähigkeiten zum ersten Mal in der Geschichte nicht mehr notwendig, weil der Einzelne Rechte hat, der Staat die Absicherung gewährleistet und der Lebensstandard so hoch ist, dass kein echter Mangel herrscht. Dennoch funktioniert dies emotional für viele nicht. Sie fühlen sich verloren, ohne eine Gemeinschaft, die sie trägt und in der sie verwurzelt sind. Extremisten bieten in dieser Hinsicht eine schnelle Abhilfe.

Inmitten dieser verschiedenen Heilsversprechen steht dann ratlos der Liberale, der reden will, statt zu verbieten, der es mit Humor versucht statt mit Wut, der nicht gleich die DDR 2.0 null aufziehen sieht, aber auch kein neues 1933. Machen sich Liberale genau damit zur Zielscheibe für alle? Den einen zu rechts, den anderen zu lasch, den dritten zu ungläubig?

Die Linke hat die gleichen Rechte für Frauen, sexuelle und ethnische Minderheiten durchgesetzt, doch jetzt hat sie ihren Zenit überschritten und macht vor allem durch Verbote und Intoleranz von sich reden. Der Rechten haftet der Verdacht an, das Erreichte wieder rückabzuwickeln und sich an einer überkommenen illiberalen Vergangenheit zu orientieren. Eigentlich könnte die große Stunde der Liberalen schlagen. Doch der Liberalismus steht nicht hoch im Kurs. Das liegt auch daran, dass in der einzigen liberalen Partei in Deutschland, der FDP, die Vielfalt der Auffassungen so groß ist, dass man sich nicht auf eine gemeinsame Stoßrichtung einigen kann. Selbst die Meinungsfreiheit findet nicht nur Anhänger in der Partei. Dadurch kann sie das Gelegenheitsfenster, das sich gerade geöffnet hat, kaum nutzen.

Noch ein Zitat, das Sie anführen: „Der freiheitliche Rechtsstaat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“ Der Staatsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde hat vor 60 Jahren darauf hingewiesen, dass der Staat bürgerliche Haltungen, wie Verantwortungsgefühl, Gesetzestreue, Gemeinsinn nicht erzwingen kann, ohne die Freiheit zu zerstören. Versucht der Staat gerade mit illiberalen Mitteln irgendwie noch zu retten, was zu retten ist, schmeißt also dieses Diktum über Bord, um überhaupt noch irgendeinen Zusammenhalt zu erzwingen?

Ja, das tut er ja. Beispielsweise bei der Oberbürgermeisterwahl von Ludwigshafen, wo man den chancenreichen AfD-Kandidaten mit ziemlich windigen Begründungen aus dem Rennen genommen hat. Letztendlich haben sich nur noch 24 Prozent der Bevölkerung an der Wahl beteiligt. Der jetzige Bürgermeister ist also nur von einer winzigen Minderheit gewählt worden. Das ist schon sehr weit von dem entfernt, was Demokratie sein sollte. Wenn Demokratie Bestand haben soll, dann muss die Bevölkerung, also der Souverän, durch Wahlen Einfluss auf die Politik nehmen können. Wenn das nicht mehr der Fall ist, verliert die Demokratie zwangsläufig an Akzeptanz. Man sollte Böckenfördes Mahnung beherzigen. Die Demokratie ist notwendig darauf angewiesen, dass die Menschen an sie glauben, sie für das beste aller Systeme halten und sich sicher sein können, dass ihre Stimme Gewicht hat. Wenn dies nicht mehr der Fall ist, hilft auch kein Kampf gegen rechts, dann ist die freiheitliche Demokratie, die wir kennen, am Ende.

Doch es gibt auch andere Entwicklungen, die die Demokratie beschädigen. Dazu gehören die zunehmende Verrechtlichung der Politik und die zahllosen Interventionen der Justiz in politische Entscheidungsprozesse sowie die damit verbundene Kompetenzverlagerung auf Institutionen der Europäischen Union gerade in kontrovers diskutierten Bereichen wie der Energie-, Wirtschafts- und Migrationspolitik. Das führt zu Frustrationen innerhalb der Bevölkerung und sogar zur Abwendung von der EU.

Trotz solcher Verwerfungen halte ich unsere Demokratie grundsätzlich für belastbar. Die Bürger halten sich an demokratische Spielregeln. Selbst die Existenz und die Wahlerfolge der AfD sind letztendlich Ergebnisse demokratischer Gesinnungen. Diejenigen, die mit der etablierten Politik unzufrieden sind, randalieren nicht, proben keine Aufstände, sondern äußern sich durch ihre Wahlentscheidungen. Das ist ein gutes Zeichen. Zustimmungswerte zur Demokratie sind in Umfragen stabil.

„Wenn man einen gleichermaßen betreuenden als auch kontrollierenden und strafenden Nanny-Staat errichtet, dann fördert man Staatsverdrossenheit.“

Natürlich gibt es Grenzen der Politikveränderung durch Wahlen. Man kann die Demokratie nicht abwählen und keine zentralen Bestandteile unseres politischen Systems für Null und nichtig erklären. Die Verfassung besitzt in ihrer Substanz eine Ewigkeitsklausel und kann auch durch Mehrheiten nicht verändert werden. Die Demokratie der Bundesrepublik ist zudem wehrhaft und verfügt über eine Reihe von Maßnahmen, um Demokratiefeinde an der Machtübernahme zu hindern. Wie ich bereits gesagt habe, rechtfertigt dies aber kein repressives Vorgehen gegen Personen, die die herrschende Politik kritisieren oder woke Ideologien ablehnen. Die Konstruktion eines Extremismusdelikts namens Delegitimierung des Staates, das die ehemalige Bundesinnenministerin Faeser dem Verfassungsschutz mit auf den Weg gab, war eine ebenso freiheitsfeindliche Fehlentwicklung, wie es der Straftatbestand der Politikerbeleidigung oder staatliche Eingriffe in die Pressefreiheit sind.

Wenn die Politik aber doch dem Bürger nicht allzu viel zutraut, ihn sicherheitshalber lieber betreut und lenkt, stärkt das dann nicht wieder ausgerechnet die Extremisten, die man damit doch bekämpfen will und die Demokratie verteidigen?

Wenn man einen gleichermaßen betreuenden als auch kontrollierenden und strafenden Nanny-Staat errichtet, dann fördert man Staatsverdrossenheit. Wer von Cancel Culture und Gängelungen betroffen ist oder glaubt, dass freie Meinungsäußerungen nicht mehr möglich sind, der zieht sich in Echokammern Gleichgesinnter zurück und schließt sich Gruppen an, die sich selbst als Fundamentalopposition verstehen. Daraus kann schnell Extremismus entstehen.

Für wie gefährlich halten Sie am Ende linke, rechte, islamistische Angriffe auf die Demokratie, haben die alle einzeln oder vereint marschierend das Zeug dazu, den historischen Prozess Aufklärung umzudrehen, zu beenden?

Ja, das haben sie alle für sich genommen und sie können sich gegenseitig dabei verstärken. Ich habe schon mehrfach betont, dass ich den Islamismus für den gefährlichsten antidemokratischen Akteur halte, und zwar aus einem einfachen Grund. Islamisten denken nicht in Fünfjahres-Wahlzyklen, sondern in sehr viel längeren Zeiträumen. Der islamische Rechtsgelehrte Yusuf al-Qaradawi hat einmal gesagt, der Islam sei zwei Mal in Europa gescheitert. Das erste Mal in Spanien bei der Schlacht von Poitiers im Jahr 1356, und das andere Mal in Wien, als 1683 die zweite Belagerung nicht zum Sieg geführt hatte. Das dritte Mal werde gelingen, weil es nicht mehr mit Waffen, sondern mit Predigern, Ideologie und mit Überzeugungen geschieht. Das ist etwas, was man mit dem Begriff der Unterwanderung beschreiben kann: eine langsame Aushöhlung der Gesellschaft und die sukzessive Infiltration mit islamistischen Normen. Wie so etwas auf fortgeschrittener Ebene funktioniert, kann man in islamischen Ländern wie Indonesien beobachten.

Auch in Deutschland sind solche Prozesse in vollem Gange. Wir erleben quasi täglich Vorstöße, islamische Normen im öffentlichen Raum durchzusetzen, und nicht selten wird dies im Namen der Toleranz, der Vielfalt und Buntheit akzeptiert. Wenn kopftuchtragende Lehrerinnen, Geschlechtertrennung an den Unis, der Ruf des Muezzins oder Halal-Essen in der Schulkantine beanstandet werden, reklamieren Islamisten sofort antimuslimischen Rassismus und stilisieren sich zum Opfer eines rassistischen Westens. Unterstützt wird dies gewöhnlich von Vertretern linker Parteien, von Gutmeinenden aus Kirchen und Zivilgesellschaft, manchmal sogar von konservativen Kreisen. Das Bewusstsein, dass es sich um antidemokratische und freiheitsfeindliche Akteure handelt, fehlt nahezu vollständig. Dazu kommen Konfliktscheu und Opportunismus.

Wie verteidigungsfähig sind Ihrer Ansicht nach Aufklärung, liberale Demokratie?

Ich möchte gerne hoffen, dass sie genügend Verteidiger hat. Ich bin mir aber nicht sicher. Weil dieses Projekt der liberalen Demokratie menschheitsgeschichtlich sehr jung und außergewöhnlich ist. Es bedarf dafür nämlich mündiger Bürger, die bereit sind sich zu informieren und, wie Kant bereits geschrieben hat, ihre Vernunft einzusetzen, um Dinge abzuwägen und letztendlich auch Verantwortung zu übernehmen. Zum Gebrauch der Vernunft gehört auch die Fähigkeit zur Selbstkritik und die Bereitschaft, Fehler einzugestehen und zu korrigieren. Die große Erfolgsgeschichte des Westens basiert auf dieser Art des Denkens, auf Innovationen, die aus dem konstanten Lernen entstehen. Freiheit ist dafür die Grundvoraussetzung, Wissenschaftsfreiheit, Meinungsfreiheit, Pressefreiheit. Dies alles steht derzeit unter Druck. Ich bin mir nicht so sicher, ob es genügend Menschen in unseren westlichen Demokratien gibt, die dafür auch wirklich einstehen möchten. Ich glaube, dass die Aufklärung eine der größten Errungenschaften der Menschheit ist. Und ich würde ungern miterleben, wie das alles wieder verschwindet.

 

Das Interview führte Gerd Dehnel.

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