01.03.2007

Der Kampf gegen die Korruption: Wollen wir den gläsernen Menschen?

Essay von Matthias Heitmann

Matthias Heitmann über den misanthropischen Kern der Korruptionsdebatte.

BMW, Infineon, Philips, Siemens, Volkswagen, Ackermann, Esser, Zwickel, Hartz, Hoyzer, Koch, Welteke, Bundestagsabgeordnete mit unerlaubten Nebentätigkeiten, die Parteienfinanzierung, Spendenaffären, Privat- und Unternehmenssponsoring der Bundesregierung, Korruption im Gesundheitswesen: Seit Monaten dominieren Berichte über Skandale, Korruption, Betrug, Vetternwirtschaft, Verschwendung von Steuergeldern, Bestechlichkeit, Doppelmoral und Sittenverfall die Nachrichten. Es scheint, als versänken Deutschland, Europa und die ganze Welt im Korruptionssumpf. Das Bundeskriminalamt teilt diese Einschätzung so nicht: In seinem jährlich erscheinenden „Bundeslagebericht Korruption“ für das Jahr 2005 kommt es zu dem Schluss, dass „keine gravierende Veränderung der Korruptionslage in Deutschland feststellbar“ sei, und führt den starken Anstieg der Anzahl entdeckter Straftaten und der offiziell Verdächtigten in 2005 auf einzelne größere Verfahrenskomplexe sowie auf die Einrichtung zahlreicher „Spezialdienststellen zur Korruptionsbekämpfung“ zurück. [1]
„Transparency International“ (TI), eine überparteiliche Nichtregierungsorganisation, die sich der nationalen wie internationalen Bekämpfung der Korruption verschrieben hat, geht jedoch davon aus, dass die Zahlen des BKA nur die Spitze des Eisbergs darstellen. Etwa 95 Prozent aller Korruptionsfälle blieben in den Statistiken unberücksichtigt, da die Polizei in die Ermittlungen zumeist nicht eingebunden werde. Das tatsächliche Ausmaß der Korruption verursache weltweit einen volkswirtschaftlichen Schaden von 350 Mrd. Euro. [2] Für TI ist die Korruption auch für die immer weiter anwachsende Politik- und Parteiverdrossenheit der Bevölkerung verantwortlich und daher die Bekämpfung der Korruption in der Politik die vordringlichste Aufgabe. Die Organisation verweist auf eine von Infratest dimap durchgeführte Erhebung, derzufolge im November 2006 nur noch 14 Prozent der deutschen Bevölkerung die Parteien für vertrauenswürdig hielten. Gemeinsam mit den Großunternehmen nahmen die Parteien im Ranking „Institutionenvertrauen“ die letzten Plätze ein. [3]
Unabhängig davon, ob die von TI auf Basis vermuteter Dunkelziffern hochgerechnete „tatsächliche“ Korruption wirklich in dieser Größenordnung liegt – Fakt ist, dass Korruption alles andere als ein modernes Phänomen ist. [4] Der Historiker Frank Bösch weist in seiner historischen Betrachtung „Politische Skandale in Deutschland und Großbritannien“ darauf hin, dass „Skandale so alt ... wie die öffentliche Kommunikation“ selbst seien und schon „in der Antike für Empörung“ sorgten. Zudem seien Skandale seit dem späten 18. Jahrhundert „immer wieder wellenartig gehäuft“ aufgetreten, was er darauf zurückführt, dass „politische, gesellschaftliche und mediale Entwicklungen ... das international zeitgleiche Auftreten der Skandale begünstigen“. [5] Der britische Journalist James Heartfield betont den engen Zusammenhang zwischen der Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung und dem Auftreten von Korruptionswellen: „Seit es Demokratie und Kapitalismus gibt, gibt es auch intime Beziehungen zwischen finanziell potenten Kreisen und gewählten Politikern. Das sollte nicht überraschen. Die Art, wie die Beziehungen zwischen gewählten Regierungen und der Wirtschaft ablaufen, bietet der Korruption viele Einfallstore. Das ist kein Mangel des Systems, es ist sein Fundament.“ [6] Angesichts ihres wellenförmigen Auftretens von einer absoluten Zunahme der Korruption in den letzten Jahren zu sprechen, ist also zumindest fraglich. Unstrittig ist hingegen, dass die öffentliche Fokussierung auf das Thema zugenommen und sich auch der Charakter der Debatte verändert hat.


Das Problem der „gefühlten Korruption“
Der Begriff „Korruption“ hat in den letzten Jahren eine enorme inhaltliche Ausweitung erfahren. „Korrupt“ ist zu einem Schimpfwort geworden, dessen öffentlicher Gebrauch immer weniger auf harten Fakten beruht. Jeder noch so verquere Demagoge wird mit der Aussage, dass Politiker ohnehin korrupt seien, Beifall ernten, wie die Wahlerfolge von Protestparteien zeigen, die in der Regel ihre „Programmatik“ auf diesen Vorwurf stützen. In seiner allgemein üblichen Verwendung meint der Begriff „Korruption“ nicht mehr die tatsächlich nachgewiesene Käuflichkeit eines individuellen Entscheidungsträgers, er umschreibt vielmehr die vermutete Verfassung von Politik und Wirtschaft insgesamt. Der Tatbestandskanon, der mit Korruptheit in Verbindung gebracht wird, liest sich wie das Stenogramm eines feucht-fröhlich-frustrierten Stammtischabends: nicht eingelöste Wahlversprechen, die Unfähigkeit, dringliche Probleme wie Arbeitslosigkeit zu lösen, die Macht der Parteien, das Ringen um Posten und Ämter, das Eingehen von Koalitionen mit der dazugehörenden Kompromisssuche, das Mergen und Übernehmen von Firmen, das Erhöhen von Politikerdiäten und Managergehältern, das Absenken sozialer Ausgaben, der Parteienstreit, die Außenpolitik, die Innenpolitik, die Sozialpolitik, die Wirtschaftspolitik und und und – wer nicht in unendliches Aufzählen verfallen mag, bedient sich des Wortes „korrupt“, und alles ist gesagt. Auch für Bösch ist die Zunahme der öffentlich wahrgenommenen Skandale auf eine inhaltliche Ausweitung des Begriffs zurückzuführen: „Denn durch die weitverbreitete, alltagssprachliche Verwendung des Wortes gelten Skandale quasi als Synonyme für jede Art von Missstand.“ [7]
Diese Obsession mit der Korruptheit der politischen und wirtschaftlichen Eliten prägt mittlerweile die gesamte politische Landschaft. Jedoch sind Politik und Wirtschaft keineswegs Opfer dieser Situation, sie verursachen sie vielmehr selbst und täglich aufs Neue. Es sind die Eliten selbst, die für die weitverbreitete Annahme, sie agierten nicht mehr aus rein wirtschaftlich-rationalen oder politisch-demokratischen, sondern aus anderen, verschleierten Gründen, verantwortlich sind. Immer seltener gelingt es ihnen, Entscheidungen als tatsächlich zielgerichtet und „politisch“ darzustellen. Die häufigste Rechtfertigung für politisch wie ökonomisch umstrittene Entscheidungen ist der Verweis auf den Mangel an alternativen Möglichkeiten. Diese Alternativlosigkeit, so wird suggeriert, habe ihre Ursachen außerhalb des politisch Mach- und Veränderbaren: Die ungezügelte „Globalisierung“, der knallharte Wettbewerb, den uns „andere aufzwingen“, die Verantwortung gegenüber künftigen Generationen sowie das schwere Erbe vergangener Politiken werden gerne in Anspruch genommen, um das eigene Handeln zu rechtfertigen. Dies kann jedoch nur oberflächlich gelingen, offenbaren doch derlei Rechtfertigungen den eigenen Selbstzweifel sowie die Unfähigkeit, Entscheidungen selbst zu verantworten und argumentativ zu verteidigen. „Für“ eine bestimmte inhaltliche Ausrichtung von (Unternehmems-)Politik wird kaum noch argumentiert, es wird zumeist nur dargelegt, warum es „so und nicht anders“ gehen könne. Den Eliten mangelt es an dem für ein zielgerichtetes Handeln nötigen Vertrauen in eigene Konzepte, Visionen und Fähigkeiten. Der Politikwissenschaftler Paul Noack weist in diesem Zusammenhang auf die Erkenntnisse der klassischen Korruptionstheorie als „Verfallstheorie“ hin, deren Ausgangspunkt „der Verlust ... gemeinsamer Bürgertugenden“ sowie eine Oberschicht sei, die sich nicht mehr „allgemein verbindlichen Werten gegenüber verantwortlich fühlt“ und „damit die notwendige Loyalität auch von Mittel- und Unterschicht“ unterminiert. [8] Deshalb wagt man sich auch nur sehr ungern auf die Metaebene des politischen Diskurses, sondern verweilt lieber im Konkreten, Kurzsichtigen und Banalen. Die Politik – ob in Regierungen oder Unternehmensführungen – reduziert sich selbst auf das bloß verwaltende Reagieren auf Nichtbeeinflussbares.

„Der vorsorgliche Korruptionsverdacht ist die logische Konsequenz der inhaltlichen Entleerung der Politik.“


Da Programmatiken, Ziele und Werte an Bedeutung verlieren, wächst die Beachtung, die dem Entscheidungsträger als „Person“ zuteil wird. Die politische Debatte wird durch diese bewusste „Personalisierung“ auf die Ebene des mehr und mehr von persönlichen Motiven getriebenen Streits zwischen Individuen reduziert; dies findet seinen Niederschlag in einer stetig degenerierenden und förmlich nach Skandalen lechzenden Diskurskultur. Im Wochenrhythmus belegen Talkshows wie „Sabine Christiansen“, in denen alle Mindeststandards einer inhaltlichen Auseinandersetzung regelmäßig unterlaufen werden, diesen Verfall: Es wird wild durcheinander und aneinander vorbeigeredet, unterbrochen, nicht zugehört und insgesamt auf einem Niveau polemisiert, das Protestparteien als durchaus wählbare Alternativen erscheinen lässt. Da stichhaltige Argumente nur selten zu hören sind, bleibt dem Betrachter kaum etwas anderes übrig, als seine Bewertung der Diskutanten an persönlichen Eigenschaften festzumachen: ob jemand sympathisch wirkt, gut gekleidet und frisiert ist, ob er gut und witzig reden kann, ob er höflich ist und „ehrlich und authentisch rüberkommt“.
Diese Aufwertung menschlicher Grundeigenschaften als Bewertungsparameter für Politiker und Unternehmer geht einher mit der stetig fortschreitenden Desintegration der politischen und wirtschaftlichen Eliten, deren inhaltliches Bindemittel – gemeinsame Interessen und Ziele – immer weiter an stabilisierender und auch disziplinierender Kraft verliert. Was bleibt, sind einzelne Akteure auf der politischen Bühne, ohne Verwurzelung, ohne Inhalt, ohne Mission und daher auch ohne einen sich daraus ableitenden Anspruch an das eigene Verhalten. Dass diese „Politiker“ anfälliger dafür sind, zweifelhafte Angebote anzunehmen, als solche, die sich klaren politischen Zielen verpflichtet fühlen, sollte nicht überraschen. Anders formuliert: Der vorsorgliche Korruptionsverdacht, der die Skandalisierung befeuert, ist die logische Konsequenz der fundamentalen Legitimationskrise der gesamten gesellschaftlichen Elite. Die Grenzen zwischen politischem, wirtschaftlichem und korruptem Handeln verschwimmen, Politik und Wirtschaft gelten per se als korruptes Geschäft.

„Wenn jeder nur seinen eigenen Vorteil sieht und bereit ist, ‚über Leichen zu gehen‘, warum dann überhaupt noch Zusammenleben?“


Die „Demokratisierung der Korruption“
Der Schaden, der durch die „gefühlte“ Korruption entsteht, beschränkt sich jedoch nicht auf das Ansehen von Politik und Wirtschaft, und sein eigentliches Ausmaß ist auch durch das Aufsummieren wirtschaftlicher Verluste nicht einmal in Ansätzen zu beziffern. Die Ausweitung des Korruptionsbegriffes führt dazu, dass Korruption nicht mehr als ein gelegentlich auftretendes politisches oder systemisches, sondern als ein grundsätzlich menschliches Problem betrachtet wird. Als ihre Triebfedern werden Eigenschaften angeführt und als negativ bewertet, die allen Menschen zugeschrieben werden: das Streben nach Wohlstand sowie das Vertreten von Überzeugungen und Interessen. Immer wieder wird heute darauf hingewiesen, dass letztlich alle Menschen korrupt seien, und es werden Beispiele aus allen Lebensbereichen aufgeführt, die diese Sichtweise untermauern sollen: von der schwarz arbeitenden Putzfrau über den GEZ-Verweigerer, den Kugelschreiberdieb und den Arbeitnehmer, der fünf Minuten vor Feierabend die Tasche packt oder aber freiwillig länger bleibt, bis hin zum Schwarzfahrer, Bonusmeilensammler, Streber und Klassenarbeiten-Abschreiber – mithin wir alle seien käuflich und korrupt. Auch Steuerberater oder Rechtsanwälte, die im Auftrag ihrer Mandanten bei Steuererklärung oder Rechtsstreit „das Beste herausholen“ sollen, Journalisten, Gutachter, Ärzte und Metzger werden immer wieder präventiv in „Sippenhaft“ genommen. Die Annahme genereller Korruptionsneigung scheint so verfestigt zu sein, dass sich mittlerweile sogar Wissenschaftler bemüßigt fühlen, wissenschaftliche „Beweise“ hierfür zu liefern. So brüsten sich forensische Psychologen der Technischen Universität Darmstadt damit, die Korruptionsneigung von Menschen „messen“ zu können. Man biete nunmehr „psychologische Integritätstests (PIT)“ an, die „für alle Arbeitsbereiche und Hierarchieebenen geeignet“ seien und auch „bei der Suche nach Führungskräften eingesetzt werden“ könnten. [9]
Die Konsequenzen dieser sich immer mehr zu einem Konsens auswachsenden Sichtweise sind aus mehreren Gründen für die Gesellschaft fatal: Wenn Korruptheit als integraler Bestandteil der menschlichen Natur gilt, kann dem Problem durch menschliche Vernunft nicht beigekommen werden. Die Kultur des Misstrauens, der zunehmenden Individuierung sowie der fortgesetzten Kontrolle des Einzelnen ist dann die einzig logische Folge. Wenn wir davon ausgehen, dass jeder nur seinen eigenen Vorteil sieht und bereit ist, „über Leichen zu gehen“, macht Zusammenleben keinen Sinn, weder gesellschaftlich noch privat. Vertrauen wird zu einer riskanten Naivität, das Formulieren von Interessen und Zielen wird gleichsam egomanisch wie asozial, und die Vorstellung, Verantwortung übernehmen zu müssen, wird zu einem usurpatorisch-größenwahnsinnigen Handlungsmotiv. Wenn wir dieses Denken verinnerlichen, ist uns aber nicht nur das Handeln des anderen suspekt, auch für das eigene Handeln fehlt dann jede Grundlage. In diesem Gedankengebäude ist auch für einen wissenschaftlichen oder demokratischen Ideenwettbewerb kein Platz, denn auch diese gelten als menschliche und somit korrupte Konstrukte.
So absolut formuliert, wird selbstverständlich kaum jemand eine auf einem derartigen Konsens basierende Weltsicht gutheißen. Und dennoch entwickelt sich die Gesellschaft genau in diese Richtung. Die Beschneidung von Freiheitsrechten manifestiert sich mittlerweile in nahezu jedem Bereich des Lebens. Die Zunahme von Kontrolle und öffentlicher Überwachung zur Stärkung des Sicherheitsgefühls angesichts vermeintlicher Bedrohungen ist nur eine der offensichtlichsten Ausprägungen der Kultur des Misstrauens. Auch die anschwellende Debatte über Kindererziehung und die damit einhergehende Forderung nach intensiverer „staatlicher Begleitung und Unterstützung“ von Eltern setzt an dieser Kultur an. Ganz gleich, ob Partei-, Tabak- oder Computerspielverbote, Vorratsdatenspeicherung, Online-Durchsuchungen von Privat-PCs oder Einbürgerungstests: All diese Forderungen fußen auf der Annahme, dass uns nicht zu trauen sei und wir einer stärkeren Reglementierung bedürfen, um nicht aus dem Ruder zu laufen. Wie verfestigt dieses Denken bereits ist, zeigt sich auch in den Debatten über Themen wie die Atomenergie oder die Gentechnik: Instinktiv wird davon ausgegangen, dass Wissenschaftler oder Publizisten, die sich der Kultur des Misstrauens gegenüber menschgemachten technologischen Errungenschaften widersetzen oder aber gängige, auf der Schlechtigkeit des Menschen beruhende Sichtweisen kritisieren, gekauft oder aber Mitglieder konspirativer Verschwörungen oder Lobbygruppen sein müssen. Ihre Argumente und Handlungen werden nicht ernst genommen; was zählt, ist die vermutete sachfremde und egoistische Motivation sowie das angenommene „eigentliche“ Interesse, das sich dahinter verbergen müsse.


Anti-Korruption: Ein Kampf gegen den Menschen?
Interessanterweise stimmt die Argumentation von Antikorruptionsaktivisten in wesentlichen Punkten mit der Sichtweise der mit Korruptionsvorwürfen überhäuften Eliten überein. Weder „Ankläger“ noch „Beschuldigte“ haben ein Interesse daran, den Korruptionsbegriff auf das zurückzuführen, was er eigentlich beschrieb: die Ausnahme von der Regel. Während sich Politik und Wirtschaft von der Ausweitung des Korruptionsbegriffs erhoffen, sich im Kampf gegen ein generelles menschliches Problem an die Spitze der Problemlöser setzen und hierdurch neue Glaubwürdigkeit erlangen zu können, verspricht sich die Antikorruptionslobby von dieser Argumentation die allgemeine Aufwertung und Anerkennung ihrer Existenz.
Bei der bekanntesten „Antikorruptionsorganisation“, Transparency International, steht nicht das „konfrontative“ Aufspüren und Diffamieren schwarzer Schafe im Zentrum der Aktivitäten. Stattdessen sucht man, „Koalitionen mit Regierungen, Verwaltungen und Politikern, mit der Wirtschaft und mit Gruppen der Zivilgesellschaft, die eine vertrauenswürdige, transparente, werteorientierte, zivile demokratische Politikkultur vertreten“. [10] Das klingt zunächst gut und sinnvoll. Nur: Der Entleerung der Politik und dem Mangel an Visionen, Interessen und Werten,kann auf diesem Wege nicht begegnet werden. Die 1993 gegründete Organisation, die mittlerweile in fast 100 Ländern über „nationale Sektionen“ verfügt, schwimmt auf der zynischen Skandalisierungswelle und verstärkt sie zugleich: Sie versteht sich als „politisch unabhängig“ und verweist bezüglich ihrer Ziele auf Grundprinzipien „Integrität, Verantwortlichkeit, Transparenz und Partizipation der Zivilgesellschaft“, denen jedoch selbst der korrupteste Politiker öffentlich zustimmen würde. [11]
Die konkrete Zielsetzung von TI, „zur Schärfung des öffentlichen Bewusstseins über die schädlichen Folgen der Korruption und zur Stärkung nationaler und internationaler Integritätssysteme“ beizutragen, erscheint angesichts der ohnehin weithin „gefühlten Korruption“ und dem gleichzeitig stärker werdenden Trend, gegen die angenommene grundsätzliche Korruptheit der Gesellschaft mit immer neuen Kontrollsystemen zu Felde zu ziehen, als überaus kritikwürdig. Einerseits wird die Bereitschaft, sich korrumpieren zu lassen, als ein Phänomen beschrieben, das mehr oder minder die komplette Gesellschaft betrifft und demnach keine systemischen oder politischen Ursachen hat, sondern auf der Natur des Menschen fußt. Andererseits werden aber zur Bekämpfung des Problems „öffentliche Veranstaltungen, Seminare, aber auch Einzelgespräche“ durchgeführt, um „Integritätssysteme“ zu schaffen.
Welche Grundannahme diesen Aktivitäten zugrunde liegt, wird deutlich: Hier bricht sich sowohl ein therapeutischer Impuls wie auch das Bestreben Bahn, Menschen so in „Systeme“ einzubinden, dass ihre eigentlichen menschlichen Eigenschaften (die Korrumpierbarkeit) nicht mehr zum Tragen kommen können.
Darauf deutet auch die „Selbstverpflichtungserklärung“ hin, die Unternehmen vor ihrem Beitritt zu TI unterzeichnen müssen: Neben dem allgemeinen Bekenntnis zu „hohen ethischen Standards im Geschäftsverkehr“ und dem Nichttolerieren korrupten Verhaltens müssen angehende Mitgliedsorganisationen „ein Umsetzungsprogramm zur Schulung unserer Beschäftigten für eine aktive Korruptionsprävention“ vorweisen. [12] Was hier zunächst als hohe ethische Einstiegshürde für Unternehmen erscheint, bringt letztendlich das Misstrauen gegenüber „normalen Menschen“ zum Ausdruck: Diese können nach Meinung von TI offensichtlich nur durch Einbindung in strikte Systeme sowie durch „Schulungen“ dazu gebracht werden, sich nicht korrupt zu verhalten und Korruption zu erkennen.

„Die ‚Spitzelkultur im Namen der Gerechtigkeit‘ widerspricht jedem zivilgesellschaftlichen Denken.“


„Zivilgesellschaftliche“ Überwachungskultur?
Auch wenn TI die Einhaltung dieser formulierten ethischen Standards bei ihren Mitgliedern nicht nachprüft, so setzt man sich doch dafür ein, dass schädliches Verhalten in jedem Falle strafrechtlich belangt werden solle. Daher wird auch die „interne“, also nicht strafrechtlich sanktionierte Regulierung von Fehlverhalten generell abgelehnt. Zudem wird gefordert, dass „Whistleblower“ (Hinweise auf Korruption liefernde Unternehmensmitarbeiter) von Unternehmen belohnt werden sollen. Immer wieder wird auch die Einführung eines „Korruptionsregisters“ erwogen, in dem wegen Korruption auffällig gewordene Unternehmen gelistet werden sollen. [13]
Natürlich ist es redlich und lobenswert, wenn Individuen Missstände anprangern und Fälle von Korruption aufdecken. Doch bedenkt man, dass nach moderner Lesart nahezu jeder Mensch als potenziell korrupt einzustufen ist, stellt sich die Frage, wie sich dieses Plädoyer für eine „Spitzelkultur im Namen der Gerechtigkeit“ mit dem vom TI zur Schau getragenen zivilgesellschaftlichen Gebaren vertragen soll. Die Idee der „Zivilgesellschaft“ basiert auf der Vorstellung, dass es gesellschaftliche Bereiche und „Frei“räume gibt und geben muss, in denen Menschen sich bewegen, austauschen und organisieren und somit der Gemeinschaft gerade die Festigkeit geben, die über rechtliche Regulierung und die Kräfte des Marktes nicht erzeugt werden kann. Diese Bereiche umfassen neben der Welt der Kultur auch die des Sports und des breiten Engagements von Bürgern. Die aus diesem Denken stammende Bezeichnung „Nichtregierungsorganisation“ bringt diesen staatsfernen Gehalt zivilgesellschaftlichen Lebens zum Ausdruck, der sich gerade über die nicht-formelle und unmittelbare Interaktion von grundsätzlich als integer und aufrecht eingestuften Menschen definiert. Insofern läuft gerade die Ablehnung „informeller“ Beziehungen und „interner“ Lösungen für Probleme, wie sie TI bei der Korruptionsbekämpfung fordert, dem Grundgedanken zivilgesellschaftlichen Handelns zuwider. Anstatt individuelle Problemlösungskompetenz und Interaktion zu fördern, wird dazu aufgefordert, sich bei jeder entweder beobachteten oder auch nur vermuteten Verfehlung sofort an die zuständigen Autoritäten zu wenden, da man sich andernfalls der evtl. profitierenden „Mitwisserschaft“ verdächtig macht. In einer so geprägten (Arbeits-)Welt wird jede persönliche oder freundschaftliche Beziehung zu anderen Menschen oder auch nur kollegiales Verhalten zu einem „Anfangsverdacht“ in Sachen Vetternwirtschaft und unlauterer Begünstigung. Das Misstrauen gegenüber allem und jedem wird nicht nur weiter forciert und zementiert, sondern sogar zur Grundlage aufrichtigen und zivilgesellschaftlichen Verhaltens umdefiniert – eine absurde Verdrehung der Wirklichkeit.
Das Idealbild dieser Anti-Korruptionsgesellschaft ist der isolierte und vollständig transparente, mithin „gläserne“ Mensch, dem Beziehungen zu anderen Menschen nichts wert sind, der seinen (Büro-)Nachbarn als potenziellen Kriminellen beäugt und behandelt, der keine Privatsphäre kennt und akzeptiert – auch nicht die eigene – und der die voyeuristische Haltung des „Blockwarts“ vollständig verinnerlicht hat.


Jeder Mensch mit einem Funken Selbstachtung und Vertrauen in das eigene Denken und Handeln würde die Unterstellung, er könne nur durch Schulung und strikte Kontrolle von korruptem Verhalten abgehalten werden, weit von sich weisen – die allermeisten auch zu Recht, denn Lug und Betrug sind keineswegs die kennzeichnenden Merkmale menschlicher Existenz, auch nicht in unserer misstrauischen und ängstlichen Welt. Dass Politik und Wirtschaft sich derart leichtfertig dem gegen sie erhobenen Generalverdacht der Korrumpierbarkeit beugen, zeugt von geistiger Armut und grundsätzlichem Misstrauen gegenüber den eigenen Fähigkeiten und Werten. Fast schlimmer aber ist die Mission der Antikorruptions-Gutmenschen, die ihren Kampf gegen die Korruption als misanthropischen Kreuzzug gegen die angeblich jedem von uns innewohnenden „menschlichen Schwächen“ führen.
Der beste Weg, sich gegen Verführungen und Korruptionsversuche zu verwahren, ist das Entwickeln eigener Standpunkte und Überzeugungen, die über das kurzfristige individuelle Eigeninteresse hinausgehen. Sie legen die Basis für soziales und verantwortliches Handeln, das die positiven Eigenschaften der Menschen betont und fördert und so die Gesellschaft weiterentwickelt. Noack formuliert in Bezug auf die Korruptheit politischer Eliten in der Dritten Welt, ihnen fehle „eine funktionierende demokratische Kontrolle“. [14] Diese ist aber auch hierzulande nur über eine entsprechende demokratische Kultur zu gewährleisten. Der Kampf gegen Korruption kann daher nur ein explizit politischer Kampf um Inhalte sein.