01.07.2006

Der Fluch der Archäologen

Analyse von Bernd Herrmann

Immer mehr Zeitschriften und Fernsehsendungen beschäftigen sich mit alter Geschichte, einem Fachgebiet, das vor noch nicht allzu langer Zeit vom Aussterben bedroht schien. Bernd Herrmann fragt sich, ob der Boom der Archäologie ein Segen für die Wissenschaft ist.

Archäologie ist eine hoch spezialisierte Wissenschaft für einige wenige Fachleute: Hieroglyphen, C14, Dendrochronologie. Gleichzeitig ist Archäologie ein Massenphänomen, Stoff für Bestseller, Fernsehen, große Ausstellungen wie die gerade in Berlin zu sehende Show Ägyptens versunkene Schätze, in der Frank Goddio seine Unterwasserfunde präsentiert.
Der Gegensatz ist nicht neu. Schon im 19. Jahrhundert gab es neben Fachgelehrten auch Abenteurer und Schatzsucher wie Heinrich Schliemann – ein Star, der ein Massenpublikum begeisterte. In neuerer Zeit haben die „Indiana-Jones“-Filme das Bild des Archäologen mitgeprägt – eine Mischung aus Geheimagent, Cowboy und Seher. Für Archäologie interessieren sich aber nicht nur abenteuerversessene Knaben. Zum Nervenkitzel der Schatzsuche hinzugekommen ist die Faszination der Wissenschaft: Mit Hightech, so scheint es, können, ähnlich wie die Morde in der Krimiserie „CSI“, sämtliche Rätsel der Menschheit gelöst werden –  vorausgesetzt, man hat die richtigen Geräte.


Der Vergleich hinkt. Bei einem Verbrechen führen richtig zusammengepuzzelte Indizien zum Täter und helfen vielleicht auch, Motiv und Ablauf der Tat zu entschlüsseln. Gelingt das, wird der Mörder eingesperrt, und zukünftige Taten werden verhindert. Auch die Archäologie ist ein Puzzlespiel. Kleinste Hinweise, Knochenteile, Steinsplitter und Pollenspuren werden gesammelt, ausgewertet, und am Ende hofft man, eine weit zurückliegende Lebenswelt nachzeichnen zu können. Hier aber endet die Analogie. Was vor 20.000 oder vor 1000 Jahren geschah, hat keine direkte Auswirkung auf Gegenwart und Zukunft.
Zumindest sollte man das meinen. Niemand würde behaupten, das Nibelungenlied weise den Weg für die Literatur der Zukunft, niemand, der Schiffbau der Wikinger bringe das Verkehrswesen des 21. Jahrhunderts voran. Bei anderen Fragen geschieht jedoch eben das. Seit etwa 20 Jahren werden immer häufiger Erkenntnisse der Archäologie fast eins zu eins auf die Gegenwart übertragen, speziell, wenn es um Umweltthemen, um Bevölkerungswachstum, um natürliche Ressourcen und um Konflikte geht.
 

„Eigentlich ist die Archäologie eine Geisteswissenschaft. Heute wird sie immer häufiger wie eine Naturwissenschaft behandelt.“



Jared Diamonds 1997 erschienenes und mit einem Pulitzer-Preis ausgezeichnetes Buch Arm und Reich. Die Schicksale menschlicher Gesellschaften ist hierfür recht typisch.[1] Auf vielen hundert Seiten untersucht Diamond das Werden und Vergehen alter Kulturen und versucht zu erklären, warum manche Erfolg hatten und andere scheiterten. Für manche frühe Zivilisation gelingt ihm das recht überzeugend, etwa wenn er erklärt, wie biologische und geografische Faktoren dazu beitrugen, dass die altamerikanischen Hochkulturen gegen die Europäer keine Chance hatten. Leider begeht Diamond den Fehler, historische Einsichten auf die Gegenwart zu übertragen. Ganz Naturwissenschaftler, sieht er in Zivilisationen Versuchsanordnungen, aus denen wir, werten wir sie sorgfältig aus, lernen können, wie die Zukunft gestaltet werden muss.[2]
Das klingt so einleuchtend, wie es falsch ist. Geisteswissenschaften unterscheiden sich grundlegend von den Naturwissenschaften. Autoren, für die der Mensch nichts ist als eine von vielen Spezies im Ökosystem Erde, haben nicht nur Unrecht, sie machen sich auch kleiner, als sie sind. Menschen sind die einzige Spezies, die Bücher schreibt: Menschen sind gleichermaßen Subjekt wie Objekt der Geisteswissenschaften. Die Gravitation, Plattentektonik oder die Evolution des Quastenflossers finden auch ohne menschliche Beteiligung statt – wir beobachten und versuchen zu verstehen. Im Laufe der Zeit gelingt es uns vielleicht, durch Gezeitenkraftwerke, Seismologie oder die Gentechnik in diese Systeme einzugreifen, sie zu nutzen oder gar zu beherrschen. Geschieht das, gehören sie nicht mehr zur Natur, sondern sind Teile der Zivilisation geworden.
Zivilisationen folgen, je mehr sie fortschreiten, umso weniger den Gesetzen der Natur. Selbstverständlich wirken Naturgesetze auch auf uns, wie jeder weiß, der schon einmal gestürzt ist. Welche Folgen ein Beinbruch aber hat, wird bestimmt vom Grad, mit dem eine Zivilisation die Natur beherrscht: In einer Gesellschaft gibt es Röntgengeräte, Antibiotika und Krankenkassen, in einer anderen Schamanen, Heilkräuter und Wundbrand. Zivilisation und Kultur bezeichnen sowohl das Wechselspiel zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Kräften wie auch die mehr oder weniger stark fortgeschrittene Domestizierung der Natur. Die Azteken und das Deutschland von heute nebeneinander zu stellen, ist, als vergliche man Äpfel mit gentechnisch veränderten Birnen.
Nun ist Jared Diamond kein Historiker, und nicht wenige Historiker werden über seine Thesen den Kopf geschüttelt haben. Die Geschichtswissenschaft aber ist alles andere als immun gegen solche Tendenzen. Die Archäologie wird den Geisteswissenschaften zugerechnet. Diese Einordnung ist im Laufe der letzten 20 Jahre in dem Maße problematisch geworden, in dem naturwissenschaftlich geprägte Hilfswissenschaften eine immer größere Bedeutung erlangt haben. In neuerer Zeit rühren nicht wenige Durchbrüche in der Geschichtsforschung von neuen Untersuchungsverfahren her, mit denen sich die Datierung von Funden verbessern und sich feststellen lässt, wovon sich Menschen einst ernährten, woran sie starben, wie alt sie wurden, wie sie miteinander verwandt waren, wo sie geboren wurden und woher sie ihre Metalle oder ihr Getreide bezogen. All das ist für Historiker von großem Interesse und konnte erst mithilfe der Paläopathologie, Archäobotanik, Archäozoologie etc. ermittelt werden. Leider haben diese Fortschritte dazu geführt, dass sich die Geschichtswissenschaft, grob gesagt, immer mehr in zwei Zweige spaltet: eher naturwissenschaftlich arbeitende Empiriker, die immer neue Details aus Funden herauskitzeln, und eher geisteswissenschaftlich arbeitende Historiker, die sich an Texte und Bilder halten und versuchen, aus solchen Quellen historische Abläufe zu rekonstruieren. Von der Öffentlichkeit wahrgenommen wurde diese Spaltung, als zwischen Manfred Korfmann und Frank Kolb der Streit um die Deutung Trojas eskalierte.[3]
Das hat dazu geführt, dass einerseits die Tendenz besteht, rein deskriptiv zu arbeiten: Befunde werden minutiös ausgewertet und kleinteilig zueinander in Beziehung gesetzt, ohne dass versucht würde, größere historische Zusammenhänge zu erklären. Man findet heute zahlreiche Untersuchungen, die auf nur eine Fundstelle, auf ein kleinstes Zeitfenster eingehen, ohne dass klar würde, welche Bedeutung die Funde haben.[4] Versuche, größere Zusammenhänge herzustellen, werden öfter pauschal als unseriös oder gar als „totalitär“ abgelehnt.


Geschichtswissenschaft findet nicht im luftleeren Raum statt. Grabungen und Analysen wollen finanziert sein. Zudem haben nicht wenige Forscher das verständliche Interesse, dass ihre Arbeit anerkannt wird. Archäologen kämpfen um spärlicher werdende Mittel und stehen gleichzeitig unter dem Verdacht, für historischen Krimskram – was machen ein paar Scherben, ein paar angekokelte Balken her? – wichtige Bauvorhaben unnötig aufzuhalten. Funde hingegen, die spektakulär sind, die sich vermarkten lassen, sind zu einem Standortfaktor geworden. Kommunen haben erkannt, dass Kultur – gleich ob Museum, Festival oder Keltengrab – entscheidend für ihr Marketing sein kann.[5]
Der Zwiespalt zwischen Kleinarbeit und dem Rummel um Großfunde führt dazu, dass sich das Augenmerk mancher Archäologen entweder vermehrt auf spektakuläre Funde und große Shows richtet, oder aber scheinbar Abseitiges aufgewertet wird, indem man ihm Aktualität zuschreibt. Aus der Geschichte der Mayas, so eine oft zu hörende These, könnten wir lernen, dass Überbevölkerung und der nicht nachhaltige Umgang mit Ressourcen in den Untergang führen.[6]


Beide Entwicklungen sind vergleichsweise neu. Ausstellungen, gleich welcher Art – Technik, Kunst, Geschichte –, hatten früher eine klare Aussage und waren entsprechend aufgebaut: Die Malerei löst sich vom Historismus, nicht realistische Techniken folgen und führen endlich ins Reich der Abstraktion; auf das Pferd folgt die Eisenbahn folgt das Auto folgt das Flugzeug – schneller, höher, weiter. Keine Frage, solche sehr geradlinigen Interpretationen waren nicht selten zweifelhaft. Heute haben wir es aber mit einem anderen Problem zu tun: Es gibt fast keine Interpretation mehr, keine Geschichte, die man zu erzählen wagt. Die Leere auszugleichen, bleibt das Spektakel. Alles wird besonders prächtig inszeniert, hell angestrahlt, auf dass die Leute, gibt es schon nichts zu verstehen, wenigstens staunen. Je weniger etwas bedeutet, desto mehr gilt: Größer ist besser.
Die einzige große Erzählung, die noch gegeben wird, ist das Gleichnis von der Demut. Aus der Geschichte können wir scheinbar vor allem eines lernen: Bescheidenheit. Sind nicht alle großen Zivilisationen, sind nicht Ur, Memphis, Tenochtitlan und Angkor Wat untergegangen? Weshalb sie scheiterten, folgt auf dem Fuße: Überbevölkerung, Raubbau an der Natur – Exitus. Gibt es eine Message, lautet sie allemal: Klein ist besser.
 

„Der Rückzug in die Geschichte wird populär, wenn kaum jemand etwas von der Zukunft erwartet.“



Zeitgeist paart sich mit Zeitgeist. Zum einen ist da der kulturelle Determinismus. Heute wird weitgehend davon ausgegangen, jeder Mensch (jede Kultur, Nation) lasse sich aus den Wurzeln begreifen. Wie diese Wurzeln wirken, wie sie sich über die Jahrhunderte fortpflanzen, wird nie genau erklärt, aber es scheint sich um etwas beinahe Genetisches zu handeln, ein kulturelles Erbe, das irgendwie sehr tief in uns sitzt und unser Handeln und unsere Ansichten bestimmt. Die logische Konsequenz: Will man sich selbst, will man die Gegenwart begreifen, geht man zurück in die Geschichte – da muss der Hund begraben sein.
Entwickelt hat sich diese Sicht auf die Geschichte in den 70er-Jahren, als die Aufbruchsstimmung der Vorjahre in Depression versank. Alex Haleys Buch Roots[7] aus dem Jahre 1976 brachte die Sache auf den Punkt: Die afoamerikanische Bürgerrechtsbewegung war tot, und man begann, statt nach vorne, zurückzuschauen, die „eigene“ Vergangenheit zu befragen. Politik wandelte sich – weg von einem Projekt, bei dem Gleichgesinnte versuchten, ihre Vorstellungen von einer besseren, gerechteren Welt gemeinsam umzusetzen, hin zur Suche nach dem Selbst, den Wurzeln – zur Identitätspolitik. Der Rückzug ins Private, die Verängstigung, die mit dieser Vereinzelung einherging, führte dazu, dass nicht, wie in früheren Zeiten, heroische, positive Figuren der Geschichte zum Vorbild gemacht wurden. Im Gegenteil, man begann, die Welt aus der Opferperspektive zu betrachten.[8] Das Modell machte rasch Schule.


Der Rückzug in die Geschichte hat eine verwandte, zweite Ursache: Geschichtspessimismus. Kaum jemand erwartet etwas von der Zukunft: Wenn es gut wird, bleibt es wie jetzt; wenn es schlecht wird, wird es schrecklich. Aus dem Kaffeesatz der Vergangenheit versucht man die Zukunft zu lesen, eine Zukunft, die wenig Hoffnung macht: Entweder die Menschen sind gefangen im Gespinst ihrer kulturellen Wurzeln, oder sie können ihren kleinen Rest an freiem Willen gerade noch dazu einsetzen, innerhalb der engen Grenzen eines fragilen Ökosystems zu retten, was zu retten ist. Ende der Geschichte.
Die Archäologie begann als Versuch, die Antike, die Früh- und Vorgeschichte der Menschheit zu rekonstruieren, jene Zeiten also, über die man keine oder nur sehr lückenhafte Quellen besaß. Selbst die Archäologie des Mittelalters ist noch vergleichsweise jungen Datums. Neuerdings beginnt sich die Archäologie in die Gegenwart vorzugraben. Die so genannte zeitgeschichtliche Archäologie ist eine junge Disziplin. Ausgegraben werden beispielsweise Hinterlassenschaften des Dritten Reichs[9], der Berliner Mauer[10] oder auch der Friedhof einer psychiatrischen Anstalt in den USA.[11] Die Suche nach den Wurzeln ist hier komplett zum Selbstzweck geworden. Wir wissen genug über die jeweilige Zeit, ihre Einrichtungen, Bräuche; eine Grabung bringt keinen wirklichen Erkenntnisgewinn. Dass die zeitgenössische Archäologie dennoch an Bedeutung gewinnt, hat mit der Suche nach Wurzeln zu tun, mit dem Glauben, man könne Dinge erst dann wirklich „begreifen“, wenn man sie ausgrabe und in der Hand halte. Mit Wissenschaft hat das wenig zu tun.
Um Geschichte zu verstehen, braucht man vor allem einen klugen Kopf, Zeit und Geduld. Artefakte anzustaunen oder anzutatschen trägt wenig zum Verständnis bei – es ist ein Ritual, ähnlich dem Reliquienglauben. Durch das vermeintlich authentische, sinnliche Erleben von Geschichte meint man, seinen Wurzeln näher zu kommen, ins eigene Innerste vorzudringen. Tatsächlich macht man sich bestenfalls die Hände schmutzig und steigert sich in eine Rührung hinein, die man für Verständnis hält. Wer die eigene Lebenswelt mit der Vergangenheit verwechselt, ist ergriffen, begriffen hat er nichts.
 

„Durch die Auseinandersetzung mit alten Zivilisationen können wir besser begreifen, wie völlig anders wir sind, wie viel besser es uns geht.“



Bleibt die Frage: Kann uns Geschichte, speziell alte Geschichte, überhaupt etwas sagen? Die Zeiten der Sumerer oder Kelten sind so lange her und waren so völlig andersartig, dass sich Erkenntnisse über die damalige Landwirtschaft, das Glaubenssystem, den Handel oder die Rolle der Frau ganz und gar nicht auf die Gegenwart übertragen lassen. Die Vergangenheit ist kein Schnittmuster für die Zukunft.
Wenn dem so ist, gibt es dann überhaupt einen Grund, sich mit alter Geschichte zu beschäftigen? Durch die Auseinandersetzung mit alten Zivilisationen können wir besser begreifen, wie völlig anders wir sind, wie viel besser es uns geht. Die Möglichkeiten, die wir heute haben, unser Leben zu bestimmen, haben so gar nichts zu tun mit dem Leben eines assyrischen Soldaten, eines römischen Sklaven oder eines keltischen Fürsten. Wir sind unendlich reicher, gesünder, werden viel älter, können reisen, uns gesellschaftlich verändern und haben sehr weit gehende Rechte, unser Leben selbst zu bestimmen. Setzt man sich mit alten Zivilisationen auseinander, kann man begreifen, wie lang und beschwerlich der Weg hierher war – und wie viel davon abhing, dass Menschen immer wieder versucht haben, ihr Leben und ihre Welt besser zu machen.