01.01.2007

Der einsame Ausstieg

Analyse von Günter Keil

Deutschland sollte nicht länger in der technologischen Schmollecke verharren.

„Eigentlich müsste man auswandern!“ Kurt Kugeler, seines Zeichens Professor und Lehrstuhlinhaber für Reaktorsicherheit und -technik an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule in Aachen, beendet mit einem leisen Seufzer seine Ausführungen zur Situation der Kernkraftforschung in Deutschland und zur Lage an seiner Hochschule, die den Lehrstuhl nach seiner Emeritierung am liebsten auflösen würde. Der Reaktorexperte gehört zu einer „aussterbenden Spezies“ in Deutschland. Seit Rot-Grün 1998 die Regierungsgeschäfte übernahm, wurden die staatlichen Mittel für die Kernkraftforschung und die Ausbildung an Universitäten gnadenlos zusammengestrichen. Man ließ im Wesentlichen nur die nukleare Sicherheitsforschung übrig, was sich als Fehlkalkulation in mehrfacher Hinsicht erwies: Die Kernkraft durchlebt heute eine neue internationale Boomphase. Zudem ist längst auch dieser deutsche Forschungszweig angesichts sinkender Studentenzahlen und personeller Auszehrung in Not.

Gerd Eisenbeiß, bis vor wenigen Wochen Vorstand für Energie- und Materialforschung im Forschungszentrum Jülich, ist der Ansicht, dass Deutschland auch „seine alten Kompetenzen in der Sicherheitsforschung“ ohne „konkrete Entwicklungsarbeiten, ohne Experimente an Kernkrafttechnologien und -anlagen“ nicht halten könne. Es sei schlicht unmöglich, „ein hohes Niveau mit dem Studium von alten Papieren zu erreichen oder zu bewahren“, weshalb er den politischen Ansatz „Wir konzentrieren uns nur auf die nukleare Sicherheitstechnik“ als zum Scheitern verurteilt bezeichnet.
Der Geschäftsführer des Simulatorzentrums für Kernkraftwerke in Essen, Erwin Lindauer, schlägt in die gleiche Kerbe: Deutschland werde „bei der Weiterentwicklung der Sicherheitstechnik nicht Schritt halten können, wenn wir – wie beobachtet – die Universitäten und die Forschung im nuklearen Bereich verkommen lassen“.


Über diese missliche Lage mitsamt der Dauerdiskussion über den Ausstiegsbeschluss von 2000 wird man neuerdings wieder gelegentlich informiert. Hin und wieder liest man auch über nukleare Neubaupläne im Ausland – mitunter mit leicht entrüstetem Unterton, wie im Falle der ersten Grundsteinlegung des Europäischen Druckwasserreaktors EPR für das finnische Kernkraftwerk Olkiluoto 3, das vom französischen Kraftwerksbauer Areva NP (an dem Siemens mit 34 Prozent beteiligt ist) geliefert wird. Dieser Neubau, an dessen Entwicklungskosten sich deutsche Energieversorgungsunternehmen (EVU) beteiligen, hätte eigentlich hierzulande mehr Aufmerksamkeit verdient. Es handelt sich nämlich um eine neue Generation der Leichtwasserreaktoren, die von allen großen Herstellern seit den 90er-Jahren aus ihren Anlagen weiterentwickelt wurden. Diese dritte Generation ist den bisherigen weltweit 443 Anlagen der zweiten Generation in ihrer Sicherheitstechnik um einiges voraus – derart weit, dass man außerhalb des Reaktorgebäudes auf alle Notfallvorkehrungen verzichten kann, weil sämtliche Auswirkungen von Notfällen auf die Anlage selbst beschränkt bleiben. So würde auch im extrem unwahrscheinlichen Falle einer Kernschmelze der geschmolzene Kern auf einer Ausbreitungsfläche, die beim EPR 170 Quadratmeter groß und sechs Meter dick ist, aufgefangen und zur Abkühlung gebracht.
Derzeit sind weltweit 26 Reaktoren im Bau, 41 in der konkreten Planung sowie weitere 113 Projekte in der Vorplanung; etliche davon werden wohl schon dieser dritten Generation angehören. Es handelt sich dabei aber immer noch um so genannte thermische, langsame Reaktoren, die ihre energieliefernde Kernspaltung mit langsamen Neutronen bewirken und dabei aus dem Kernbrennstoff Uran-238 das langlebige Plutonium-239 erbrüten, von dem etwa die Hälfte unverbrannt im strahlenden Abfall zurückbleibt. Der Blick über die Grenze bringt aber auch hierzu eine Fülle von Informationen über aktuelle Neuentwicklungen in der Kerntechnik, an denen andere Industrieländer mit Hochdruck arbeiten.
 

„Deutschland ist die einzige zur Kernkraftentwicklung fähige Industrienation, die sich von dieser Technik und ihrer Fortentwicklung ausgeklinkt hat.“



Unter dem Stichwort „vierte Generation“ präsentiert das Internet eine Anfang 2000 gegründete internationale Arbeitsgemeinschaft „Generation IV International Forum“ von sehr beachtlicher Schlagkraft: ein Elf-Länder-Programm, in dem seit Dezember 2002 unter der Führung der USA eine Palette von sechs völlig neuen Kernreaktoren entwickelt wird. Zusammen mit den beiden Nuklearmächten China und Indien, die sich zwar nicht beteiligen, aber dennoch exakt die gleichen Entwicklungen vorantreiben, sind an dieser Arbeitsgemeinschaft sämtliche Nationen beteiligt, die über eine eigene kerntechnische Entwicklungskapazität verfügen. Die EU stieß Mitte 2003 mit ihrer EURATOM-Organisation hinzu, und der Ministerrat hat im Dezember 2005 den Einstieg in die Entwicklung von solchen Reaktoren der vierten Generation gebilligt. Theoretisch könnte damit auch Deutschland mit von der Partie sein. Doch bislang gibt es keinerlei Überlegungen in der Regierung, in die Entwicklung dieser nächsten Generation der Atomkraftwerke einzusteigen.
Im Spektrum der anvisierten neuen Reaktortypen findet man neben dem in Deutschland entwickelten und dann 1989 in Hamm-Uentrop stillgelegten Hochtemperaturreaktor THTR-300 vor allem sogenannte schnelle Reaktoren, die mit schnellen Neutronen arbeiten und bemerkenswerte Eigenschaften aufweisen: Sie verbrennen entstehendes Plutonium sowie schwerere Transurane nahezu restlos und sind dadurch geeignet, sogar den Strahlenmüll der bisherigen Leichtwasserreaktoren nach einer Aufarbeitung als Brennstoff zu verwenden und ihn von diesen besonders problematischen Abfallkomponenten zu befreien. Außerdem können sie das bislang kaum genutzte Natururan U-238 um etwa das 60-Fache besser ausnutzen. Durch die Vernichtung aller langlebigen Strahlenabfälle blieben nur die Spaltprodukte wie Cäsium-137 übrig, die nach maximal 500 Jahren im Endlager ihre gefährliche Strahlung verloren haben.
Eine besondere Rolle ist bei diesen modernen Reaktortypen Hochtemperaturvarianten zugedacht, die nicht nur Strom, sondern vor allem Prozesswärme von bis zu 1000 Grad für die chemische Verfahrenstechnik liefern können. Die USA haben im September 2003 die „Einführungsstrategie der USA für die vierte Generation“ verkündet und damit auch die feste Absicht, gerade diese Reaktoren in großem Maßstab für die direkte, thermische Spaltung von Wasser, also für die Wasserstofferzeugung, einzusetzen. Mit diesem nuklear erzeugten Gas, das als Brennstoff entweder direkt zum Antrieb von Motoren oder nach Hydrierung von Kohle zur Benzinherstellung herangezogen werden kann, will man die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen verringern.
An der Entschlossenheit der an der vierten Reaktorgeneration arbeitenden 13 Länder kann kein Zweifel bestehen. Der G8-Gipfel in St. Petersburg vom Juli 2006 hat die Isolation Deutschlands in dieser Frage klar bestätigt. Deutschland ist nun die einzige zur Kernkraftentwicklung fähige Industrienation, die sich von dieser Technik und ihrer Fortentwicklung ausgeklinkt hat.


Die staatlichen Schikanen haben hierzulande große finanzielle Desaster hervorgebracht. Da gab es zum Beispiel den von zwei NRW-Landesregierungen durch Dauerblockade und Prüfungsschikanen niemals in Betrieb gegangenen und 1991 endgültig begrabenen schnellen Brutreaktor in Kalkar. Bei dieser Anlage sollte Uran-238 in viel stärkerem Maße in den Spaltstoff Plutonium-239 umgewandelt werden, der dann wieder in den normalen Kernkraftwerken als Brennstoff vorgesehen war. Damit hätte die Verwendung von U-238 reduziert und der Stoff um ein Vielfaches besser ausgenutzt werden können. Doch die Politik schob dieser Technologie einen Riegel vor. Was den Ruf des schnellen Brutreaktors zumindest in Deutschland ruinierte, war die vorgesehene Zweckbestimmung als Plutoniumproduzent zur Vermehrung des Brennstoffs. Dies wurde von Kernkraftgegnern hinsichtlich der möglichen Weiterverbreitung als besonderes Risiko hochstilisiert. So betreibt jetzt ein Niederländer auf dem Gelände des Brutreaktors lediglich den Vergnügungspark „Wunderland Kalkar“.
 

„Ob die deutschen Kernkraftwerke nun doch eine Laufzeitverlängerung bekommen oder nicht, hat mit dem Atomausstieg nichts zu tun. Denn dieser ist praktisch bereits erfolgt.“



Beim Ausstiegsbeschluss von Juni 2000, der nach Ansicht der Betreiber das Ergebnis einer „Pression“ durch die damalige Bundesregierung und keineswegs eine Verständigung über den Ausstieg war (so Dr. Walter Hohlefelder, Vorstand bei E.ON, in einem Artikel von 2001), wurde von politischer Seite zumindest versichert, dass die Forschung auf dem Gebiet der Kerntechnik unberührt bleibe. Angesichts der gleichzeitigen Beerdigung staatlicher Forschungsförderungen kann dies im Nachhinein nur als zynischer Treppenwitz erscheinen. Die Energieversorger konzentrierten sich seit 2000 vor allem auf Verbesserungen an der Sicherheitstechnik (diese Nachrüstungen erreichten zum Beispiel beim Kernkraftwerk Unterweser fast die Höhe der ursprünglichen Investitionen) und auf die Optimierung des Betriebs – mit bemerkenswertem Erfolg, denn die deutschen Kernkraftwerke liegen in Sachen Zuverlässigkeit und Verfügbarkeit seit Jahren weltweit an der Spitze.
Ausschlaggebend dafür, ob deutsche Wissenschaftler und Ingenieure auch künftig in der Kerntechnik vertreten sein werden, sind Umfang und Qualität der Forschung und hohe Investitionen in diesem Segment. Die Grundlagen für die Verteidigung des ehemaligen Titels existieren nach wie vor. Die deutsche Industrie hat wichtige Kapazitäten vor dem Absterben gerettet, indem sie sich während der innerdeutschen Blockadepolitik auf das Auslandsgeschäft konzentrierte. Dies ist nicht allein Siemens mit seinem AREVA-Engagement. Auch die EVU sind aktiv geworden; so bewirbt sich EON erstmals als Investor um den Zuschlag für ein KKW-Projekt im Ausland. Die hiesige Kernkraftforschung allerdings wird sich von einem bald zehnjährigen Stillstand nur langsam erholen können, wobei die Bundesländer bereits einen vorsichtigen Kurswechsel eingeleitet haben: Kerntechnische Lehrstühle in Stuttgart, München, Clausthal, Heidelberg, Karlsruhe und Aachen werden wieder besetzt. Zwei der Aachener Professoren sollen auch für die Institutsleitung für Sicherheitstechnik und Reaktortechnik im FZ Jülich zuständig sein. Auch die Studentenzahlen haben sich auf niedrigem Niveau stabilisiert. Was fehlt, sind jedoch großzügige Fördermittel für Forschungs- und Entwicklungsprojekte. Gefragt ist ein radikaler politischer Kurswechsel, der sich auf die eigenen Stärken in Sachen kerntechnischer Grundlagenforschung und Anlagenentwicklung besinnt. Die Kerntechnologie erlebt momentan den größten qualitativen Sprung in ihrer Geschichte und besitzt ein enormes Zukunftspotenzial, dem sich Deutschland nicht verschließen sollte.