01.03.2003

Der Blick durch den Bauchnabel

Analyse von Matthias Heitmann

Die Argumente, mit denen für und gegen Gunther von Hagens Ausstellung Körperwelten zu Felde gezogen wird, überzeugen nicht. Matthias Heitmann stellt sich die viel interessantere Frage, wie das wachsende Interesse an Leichen zu erklären ist.

Ende Januar 2003 beschloss der Münchener Stadtrat, dass die Ausstellung Körperwelten in der Landeshauptstadt nicht gezeigt werden dürfe. Es folgte ein juristisches Tauziehen, das sich über mehrere Wochen und Instanzen hinzog. Das Resultat: Die Ausstellung wurde nun doch genehmigt, jedoch sind einige als besonders provokant empfundene Exponate in München nicht zu sehen. Und auch die von Gunther von Hagens geplante öffentliche Sektion einer Leiche wird damit wohl ins Wasser fallen.

An der ganzen Aufregung wird vor allem eines klar: Die Diskussion um die Körperwelten tritt seit Jahr und Tag auf der Stelle, und sie geht der Frage aus dem Weg, wo das wachsende Interesse an Leichen überhaupt herrührt. Der große Erfolg der Körperwelten ist ein sicheres Indiz dafür, dass von Hagens weitaus weniger revolutionär und tabulos ist, als ihm seine Kritiker nachsagen. Man hat vielmehr den Eindruck, dass das Interesse an den Körperwelten einem verbreiteten Bedürfnis nach Nabel- und Selbstschau der Menschen entspricht und die Ausstellung gerade deshalb gut im Trend der Zeit liegt.

Dennoch schwillt jedes Mal aufs Neue, wenn die Körperwelten ihre Pforten und damit den Blick direkt unter menschliche Haut in schwangere Bäuche, zerlegte Schädel oder ins Rückenmark öffnen will, die Diskussion über ethische Grenzen des Erlaubten an: über Scham, Menschenwürde und Totenruhe, über Meinungsfreiheit, Freiheit der Kunst und das individuelle Recht zu entscheiden, welche Ausstellungen man sehen sollte und welche nicht. Und während die Experten auf beiden Seiten der ethisch-moralischen Fronten ihre immer gleichen Argumente austauschen, schieben sich Zehntausende an den Plastinaten vorbei. Ergriffen, interessiert und irgendwie geläutert. Diesem öffentlichen Lern- und Läuterungsprozess fühlt sich von Hagens verpflichtet. Ende November vergangenen Jahres veranstaltete er zuerst in London vor laufenden Kameras und zahlendem Publikum eine öffentliche Sektion, die zum Medienspektakel geriet. Er betrachte dies als Fortsetzung der öffentlichen Sektionen des 15. Jahrhunderts, die damals, als Lehrveranstaltungen für die Allgemeinheit gedacht, der jungen medizinischen Wissenschaft mehr Legitimität verleihen sollten.

„Wer die Stimmung in den Hallen der Körperwelten erlebt hat, kommt nicht eine Sekunde lang auf die Idee, die Besucher würden den Anblick der Plastinate unbekümmert, sensationsgeil und belustigt genießen.”

Das Londoner Event hauchte den Debatten zwischen Widersachern und Befürwortern solcherlei Vorgehens neues Leben ein. Die Antwort vieler Hagens-Kritiker auf die Frage, warum das Zur-Schau-Stellen von Leichen eine Anziehungskraft auf viele Menschen ausübt, lautet: Die Spaßgesellschaft konsumiert alles, was ihr vorgeworfen wird, insbesondere das Schrille und Umstrittene, unabhängig von Werten und Moral. Von Hagens hingegen meint, dass die Menschen ihren Wissensdurst stillen möchten und dass die Ausstellung sowie öffentliche Sektionen einen aktiven Beitrag zur Enttabuisierung des Lebens und des Sterbens leisten und er deshalb in direkter Nachfolge großer aufklärerischer Anatomen stehe. Was ist von den Argumenten zu halten?

Der Vorwurf gegen von Hagens, er liefere der Spaßgesellschaft Futter, geht offenbar ins Leere. Wer die Stimmung in den Hallen der Körperwelten erlebt hat, kommt nicht eine Sekunde lang auf die Idee, die Besucher würden den Anblick der Plastinate unbekümmert, sensationsgeil und belustigt genießen. Nicht Spaß, sondern eher andächtiges Staunen, Betroffenheit und stille Faszination, manchmal auch ein wenig Abscheu und Ekel prägen das Klima in den Ausstellungshallen. An der Motivation der Besucher, mehr über den menschlichen Körper zu erfahren, ist nichts Verwerfliches zu entdecken. Im Gegenteil: Die moderne Gesellschaft leidet heute allzu häufig darunter, dass Wissenschaft und Technik einer in weiten Teilen wissenschaftsskeptischen und auch uninteressierten Bevölkerung gegenüberstehen. Da ist es doch positiv, wenn Hunderttausende eine naturwissenschaftlich orientierte Ausstellung besuchen. Gut möglich zudem, dass der Anblick einer leibhaftigen Raucherlunge bei dem einen oder anderen auch ein ganz privates Umdenken einleitet.

Gunther von Hagens Plastination

Gunther von Hagens, geboren 1945 im ostdeutschen Alt-Skalden, entwickelte als Anatom an der Universität Heidelberg die Plastination – ein neuartiges und aufwändiges Konservierungsverfahren. Dabei wird die Gewebeflüssigkeit durch einen Kunststoff ersetzt und somit das Präparat dauerhaft vor Verwesung geschützt. Selbst die genetische Individualität bleibt so erhalten. 1994 gründete von Hagens das unabhängige Institut für Plastination, dem er als wissenschaftlicher Direktor vorsteht. Seine Ausstellung Körperwelten haben bislang mehrere Millionen Menschen in Europa und Asien besucht (http://www.koerperwelten.com).

Vorwürfe werden auch gegen die Person Gunther von Hagens erhoben. Insbesondere das etwas skurrile und leicht morbide Joseph-Beuys-Outfit des selbsterklärten „Event-Anatomisten“ erregt die Gemüter der Kritiker. Schwarzer Schlapphut, weißes Hemd und schwarze Taschenweste gelten Skeptikern als Indiz dafür, dass es ihm eher um narzisstisch motivierte Showeffekte als um die uneigennützige Verbreitung biologischen Wissens gehe. Nun kann man bekanntermaßen über Stil und Schlapphüte prächtig streiten. Schnelle Rückschlüsse auf Motive und Einstellungen sind aber immer problematisch. Hoch anzurechnen ist Hagens jedenfalls die Standhaftigkeit, mit der er seit Jahren sich und sein Ausstellungsprojekt gegen Moralisten aller Couleur wie auch gegen persönliche Kritik verteidigt und bis heute keiner kontroversen Diskussion aus dem Wege geht.

„Das heutige Interesse am menschlichen Körper gedeiht in einem sozialen Klima, das durch Stagnation, Verunsicherung und ein Gefühl der Ohnmacht hinsichtlich der „Welt da draußen“ geprägt ist.”

Arg fragwürdig ist es hingegen, wenn sich von Hagens auf die aufklärerische Tradition der öffentlichen Sektion beruft und sich als moderner Nachfolger Leonardo da Vincis und Michelangelos präsentiert. Zwar geht in der Tat die Geschichte öffentlicher Sektionen bis ins 15. Jahrhundert und noch weiter zurück. Jedoch stellt sich die Frage, ob das heutige Interesse am menschlichen Körper genauso einzuschätzen ist wie im Mittelalter. In der aufziehenden Moderne waren Veranstaltungen dieser Art Bestandteil des Kampfes der jungen, anatomischen Medizin gegen die vorherrschenden religiösen Irrationalismen. Sie fanden statt im Rahmen eines philosophischen und politischen Entwicklungsprozesses, der nach vorne zeigte und den Menschen und seinen Verstand in das Zentrum der modernen Welt rückte. Öffentliche Autopsien waren hier dem ursprünglichen Wortsinn nach Akte der Selbstschau, der Selbstvergewisserung und der Orientierung. Heute ist die Lage ganz anders.

Man kann von Hagens zwar zugestehen, ein ausgeprägtes aufklärerisches Sendungsbewusstsein an den Tag zu legen, dennoch gehört hierzu mehr als nur das Öffnen und Konservieren toter menschlicher Körper. Es ist eher der Rückständigkeit seiner Kritiker geschuldet, dass er heute vielen als revolutionär gilt.

Das wachsende Bedürfnis nach einer Nabel- und Selbstschau des Menschen kann weder mit Spaßgesellschaft noch mit dem Hinweis auf eine angebliche Renaissance naturwissenschaftlichen Interesses erklärt werden. Gerade der historische Vergleich zum Wirken da Vincis und Michelangelos macht den Unterschied zur heutigen Situation deutlich: Damals ging es um das Verstehen der Welt, als dessen Ausgangspunkt das Verstehen des eigenen Körpers angesehen wurde. Ziel des Erkenntnisstrebens war es, die Welt nicht nur zu verstehen, sondern zu verändern. Dieses Denken prägte ganze Gesellschaften und politisches Handeln und beeinflusste individuelle Lebensstile und persönlich-private Zielsetzungen.

Heute gedeiht das Interesse am menschlichen Körper in einem sozialen Klima, das durch Stagnation, Verunsicherung und ein Gefühl der Ohnmacht hinsichtlich der fremd und bedrohlich gewordenen „Welt da draußen“ geprägt ist. In vielen Bereichen des Lebens ist der Trend zur Rückbesinnung auf das, was einem als authentisch, natürlich und am nächsten erscheint, festzustellen. Trendforscher nennen dieses bereits seit den 80er-Jahren zu beobachtende Phänomen Cocooning oder, in moderner Variante, Homing.

„Wellness, Piercing, Tattooing – Exkursionen in die „Körper-Welt“.

Das Zurückschrauben individueller Ambition aus dem öffentlichen in den privaten Raum führt bei vielen Menschen zu einer Konzentration auf das eigene, ganz persönliche Leben, in die eigenen vier Wände und auch auf die eigene Körperwelt – eine Nabelschau im wahrsten Sinne des Wortes. Gesundheit, körperliche Fitness und privates Glück haben in diesem Lebensgefühl einen wachsenden Stellenwert. So gesehen hat die Faszination am menschlichen Leib – auch im toten Zustand – von ihren Ursprüngen und Motivationen viel mit Piercing, Tatooing und dem modernen Fitness-, Wellness- und Gesundheitstrend gemein, in dem es um das (Wohl-)Fühlen, intensive Erleben, Erhalten und Modellieren des körperlichen Selbst geht, in dem man mehr für sich selbst tut und über sich selbst erfahren möchte. Die vergängliche Hülle aus Fleisch und Blut wird dabei zum wichtigsten privaten Betätigungsfeld, oder auch zum letzten Rückzugsbereich, in dem man sich angesichts von Informationsflut, globaler Unübersichtlichkeit und allgemeiner Bedrohung noch als Herr im Hause fühlt. Um in der Sprache moderner Trendforschung zu bleiben: Diesen Rückzug kann man als moderne, individualisierte Form des Körperkults, als Bodying bezeichnen – der Erfolg der Körperwelten unterstreicht diesen Trend.

In diesem Zusammenhang treffend und zugleich ein wenig makaber ist das Argument, das häufig von Befürwortern der öffentlichen Körperschau in die Debatte geworfen wird: Die stilisierte und künstlerisch verspielte Darstellung menschlicher Leichen ermögliche es dem Betrachter, ein neues, unverkrampftes Verhältnis zur eigenen Vergänglichkeit und zum Tod zu entwickeln. Auch von Hagens prangert die Verdrängung und Tabuisierung des Todes in der modernen Gesellschaft an.

„Ein wirklicher Tabubruch wäre es, den Menschen zu signalisieren, dass es mehr zu entdecken, zu verstehen und zu verändern gibt als die eigenen vergänglichen Körperwelten.”

Tatsächlich wird dem Besucher der Körperwelten neben der ästhetischen Schönheit und Stärke des menschlichen Organismus auch die eigene Sterblichkeit vor Augen geführt. Für den vernünftigen Umgang mit dem eigenen Körper mag dies hilfreich sein. Doch ist nicht gerade die Tatsache, dass der Tod nicht mehr allgegenwärtig ist und mit allen Mitteln moderner Technik und Wissenschaft beständig von uns weiter verdrängt wird, ein Indiz für menschlichen Fortschritt? Inwiefern brächte uns die Rückkehr der allgegenwärtigen Angst vor dem Ableben der eigentlichen Qualität unseres Lebens näher? Zeichnet sich menschliches Leben nicht gerade dadurch aus, mehr zu sein als bloßes körperliches Überleben? Was bedeutet es, ein „unverkrampftes Verhältnis zur eigenen Vergänglichkeit“ zu haben und darüber nachzudenken, und was sagt es über die Ziele und Ambitionen eines Menschen oder einer Gesellschaft aus?

„Wenn wir die Tabus nicht brechen, kann sich die Gesellschaft nicht entwickeln“, sagt von Hagens – zu Recht. Ein wirklicher Tabubruch wäre es, den Menschen zu signalisieren, dass es mehr zu entdecken, zu verstehen und zu verändern gibt als die eigenen vergänglichen Körperwelten. Doch von Hagens scheint diese Dimension des Lebens zu verkennen. Dafür spricht auch sein Ziel, noch zu Lebzeiten ein ständiges Menschenmuseum zu eröffnen, „wo jeder hingehen und mehr über sich selbst und seinen Körper erfahren kann“. Mit Sicherheit wird ein solches Museum von naturwissenschaftlichem Interesse sein. Über das tatsächlich Menschliche am Menschen und über das, was er auf Basis seiner eigenen Biologie aus sich gemacht hat und machen wird, wird man dort jedoch nichts erfahren. Dazu muss man den Blick hinaus in die Welt richten. Sie ist Menschenbaustelle und Menschenmuseum.