31.03.2017

Demokratie statt Expertenherrschaft

Analyse von Mick Hume

Titelbild

Foto: Matt Neale via Flickr / CC BY 2.0

Experten können uns mit Fachwissen und Fakten versorgen. Doch in der Politik geht es um Werte und demokratische Debatten, an denen alle Bürger teilnehmen können.

Was war das kontroverseste Statement im britischen EU-Referendumswahlkampf? War es der übertriebene Vergleich der EU mit Hitler-Deutschland des ehemaligen Londoner Bürgermeisters und heutigen Außenministers Boris Johnson? War es die verzweifelte Behauptung des ehemaligen konservativen Premierministers David Cameron, dass das Verlassen der Europäischen Union einen dritten Weltkrieg auslösen könnte?

Nein. Das Statement, das Politik und Medien am meisten in Aufruhr versetzte, war eine Aussage des Brexit-Vorkämpfers und ehemaligen konservativen Ministers Michael Gove, der einem Fernseh-Interviewer sagte: „Ich denke, die Menschen in diesem Land haben die Nase voll von Experten“. Der Reaktion der zahlreichen EU-freundlichen Experten und Amtsträger nach zu urteilen, hatte er vorgeschlagen, sie alle erschießen zu lassen.

Diese Empörung hielt Monate später immer noch an, als der ehemalige Kabinettssekretär Lord Gus O’Donnell von der Times interviewt wurde. Mit kaum verborgener Herablassung wies der ehemalige Chef des britischen Verwaltungsdienstes darauf hin, dass „man mit einem kaputten Auto zum Mechaniker geht – einem Experten für Autos. Ich wünsche Herrn Gove viel Glück, wenn sein Auto kaputtgeht und er sich dazu entscheidet, die Experten da raus zu halten“.

„Im antiken Athen haben Philosophen dafür plädiert, die Demokratie durch eine Herrschaft der ‚Weisen‘ über die unwissenden Massen zu ersetzen“

Das Argument, dass Experten besser positioniert sind als gewöhnliche Menschen, wenn es darum geht, fundierte Entscheidungen über wichtige gesellschaftliche Probleme zu fällen, wird schon seit Jahrhunderten vorgebracht, um die Demokratie zu untergraben. Im antiken Athen haben Philosophen offen dafür plädiert, die Demokratie durch eine Herrschaft der „Weisen“ über die unwissenden Massen zu ersetzen. In den Worten eines zeitgenössischen Historikers glaubten sie, dass die Demokratie „den Leuten zwar gibt, was sie von Tag zu Tag wollten, aber nicht sicherstellt, dass sie auch das Richtige wollen“. Solches Denken ist heute wieder in Mode gekommen.

Eine frühere und spezifischere Version von O’Donnells Argument über kaputte Autos wurde Sokrates von seinem Lehrling Platon zugeschrieben. Platons Sokrates argumentiert, dass die Volksversammlung Athens zu Recht Experten und nicht Unwissende zu Rate ziehen würde, wenn es zum Beispiel um technische Angelegenheiten wie Schiffsbau gehe. Wieso sollte man sich dann, wenn es um politische Angelegenheiten geht, Leuten zuwenden, denen es an Expertise fehlt?

Es sei lächerlich, führt Platons Sokrates weiter aus, dass „wenn es darum geht etwas zu debattieren, das die Regierung des Landes betrifft, jeder zur Beratung befähigt sein soll, sei es ein Schmied, Bauarbeiter oder Schuhmacher, ein Händler oder Schiffs-Besitzer, reich oder arm, aus gutem Hause oder aus gar keinem“. Niemand traue sich, diese niederen Nicht-Experten aus ihrer Beratungsfunktion zu entlassen, „obgleich sie Männer ohne formale Qualifikationen sind, die niemanden als ihren Lehrer anführen können und trotzdem versuchen Ratschläge zu erteilen. Der Grund dafür muss sein, dass sie denken, dass es sich um einen Gegenstand handelt, der nicht gelehrt werden kann.“ Platons Sokrates vertritt die Auffassung, dass politische Entscheidungen von Experten gelehrt werden können und sollten, anstatt sie dem ungebildeten Pöbel zu überlassen.

„Die heutigen Befürworter einer Expertenherrschaft drücken sich vorsichtiger aus“

Die heutigen Befürworter einer Expertenherrschaft drücken sich vorsichtiger aus. „Natürlich glauben wir an die Demokratie“, sagen sie, und „natürlich muss die Wählerschaft mitreden dürfen. Aber… es gibt nun einmal Dinge, von denen gewöhnliche Menschen wenig verstehen. In solchen Fällen sollten Experten Entscheidungen treffen, oder die Bürger sollten sich bei ihrer Wahl wenigstens nach den Empfehlungen der Wissenden richten.“

„Was weiß denn der Durchschnittswähler über das Festlegen von Zinssätzen für den internationalen Währungsmarkt?“, sagen die heutigen Antidemokraten. Und: „Sollte die Politik tun, was die Wähler wollen, anstatt dessen, was die kapitalistische Wirtschaft wirklich braucht?“

Nein, wird uns gesagt. Wir sollten das Festlegen von Zinssätzen den unabhängigen Experten von der Bank of England, der Europäischen Zentralbank und dem US Federal Reserve anvertrauen. Ungeachtet dessen, dass Millionen von Menschen direkt von den Entscheidungen der Banker betroffen sein werden. Demokratie ist ja schön und gut, aber in der Geld- und Währungspolitik soll sie nichts zu suchen haben.

„Wissen Experten wirklich, was für uns alle zusammen das Beste ist?“

Das wichtige an den ‚unabhängigen‘ Zentralbanken ist, dass sie gänzlich unabhängig von politischen Eingriffen sein sollen – auch bekannt als demokratische Kontrolle. Politiker haben den Zentralbanken diese Befugnisse gegeben, um sich demokratischer Verantwortung zu entziehen. In Großbritannien wurde die Befugnis, ‚unabhängige‘ Entscheidungen über Zinssätze zu treffen, vom Finanz- und Wirtschaftsminister Gordon Brown an die Bank of England erteilt, nachdem die Labour Partei 1997 die Unterhauswahl gewann. In Griechenland, Italien und Irland wurde das Argument, dass weder die Wählerschaft noch seine gewählten Vertreter Ahnung von Wirtschaftsfragen haben, von der EU und dem Internationalen Währungsfonds genutzt, um die gewählten Regierungen zu bevormunden und technokratische Experten zu bestimmen, die die Länder marktkonform leiten sollten.

Es gibt viele weitere Bereiche, von denen behauptet wird, dass die Wählerschaft sich mit ihnen nicht auskenne. Deshalb werden Experten einberufen, um die Regierungsarbeit zu steuern, und Befugnisse werden an nicht gewählte und nicht rechenschaftspflichtige Gremien, an Gerichte, Kommissionen und Berater, an Wirtschaftsprüfer und amtliche Untersuchungen übertragen. Sie sollen fundierte Entscheidungen treffen, die den Horizont der normalen Wählerschaft übersteigen, die Bürger belehren, wie sie – etwa bei der US‑Wahl oder dem Brexit-Referendum – abstimmen sollen, und sie tadeln, wenn sie die „falsche“ Wahl treffen.

Fachkundigen Beratern kommt zweifelsohne eine wichtige Funktion in der Demokratie zu. Aber wissen Experten wirklich, was für uns alle zusammen das Beste ist?

„Die Bürger haben das Wissen der Wirtschaftsexperten getestet und für ungenügend empfunden“

Zum Ersten drängt sich die Frage auf, weshalb man Wissenschaftler und Experten überhaupt beim Wort nehmen sollte, selbst wenn es um Themen geht, die im Bereich ihres Fachwissens liegen. Das Wort Experte ist abgeleitet vom lateinischen Verb experiri, welches testen, ausprobieren, herausfinden, beweisen bedeutet. Experten selbst sollten regelmäßig hinterfragt und getestet werden, damit sie ihr Fachwissen durch Versuche und Erfahrung beweisen.

Die volle Fassung dessen, was Gove in seinem berüchtigten Fernsehinterview zum Brexit sagte, ist es wert, genauer betrachtet zu werden: „Ich denke, dass die Menschen in diesem Land die Nase voll haben von den Experten der Organisationen mit Abkürzungen, die behaupten zu wissen, was das Beste sei, und doch ständig Fehler machen, weil diese Leute… weil diese Leute dieselben sind, die ständig Fehler machen…“.

Weiter kam er nicht, da ihn der Interviewer Faisal Islam unterbrach, aber was er sagen wollte, war klar. Es ging ihm nicht um die Ablehnung von Fachwissen im Allgemeinen, sondern konkret um „Experten der Organisationen mit Abkürzungen“ – der EU, der EZB, des IWF –  die den Briten erzählten, dass sie gegen den Brexit stimmen müssten, weil sie andernfalls vor einer ökonomischen Katastrophe stünden. Wie Gove feststellte, waren dies dieselben Experten, die „ständig Fehler machen“, wenn es um Wirtschaftsfragen geht. Nicht einer von ihnen hat etwa die Finanzkrise 2008 richtig vorausgesagt.

„In der Debatte um die Rolle von Experten wird ständig technisches Fachwissen mit politischem Urteilsvermögen verwechselt“

Die Bürger haben das Wissen der Wirtschaftsexperten getestet und für ungenügend empfunden. Warum sollten sie ihren Wahlanweisungen zum Referendum blind Folge leisten? Fachwissen ist nicht mit Unfehlbarkeit gleichzusetzen. Oft genug haben diese Leute und Institutionen ihre subjektive Vorliebe für die EU als fachkundige Wirtschaftsratschläge verkauft.

Zweitens stellt sich die Frage, was die Öffentlichkeit tun soll, wenn sich Experten – diese vermeintlich unanfechtbaren Quellen grenzenloser Weisheit – gegenseitig widersprechen. Es gibt relativ wenige Angelegenheiten, in denen alle Wissenschaftler und Autoritäten einer Meinung sind.

Und was ist eigentlich mit den vielen Fällen, in denen Experten ihre Meinung ändern, und somit das, was gestern als Unsinn galt, zur allgemein anerkannten Wahrheit wird (oder andersherum)? Ein derartiges Hin und Her zeigt sich etwa im Gesundheitswesen. Es erinnert an die Worte des amerikanischen Autors Mark Twain, der mahnte beim Lesen von Gesundheitsratgebern vorsichtig zu sein, da man „an einem Druckfehler sterben könnte“.

Die Tatsache, dass Experten einander widersprechen und ihre Meinung ändern können, zeigt, wie wichtig es ist, dass die Bürger alle Argumente für oder gegen eine bestimmte Position zu hören kriegen und auf dieser Grundlage ein eigenes Urteil bilden können. Dies gilt umso mehr bei politischen Fragen.

„In der Politik geht es um viel mehr als nackte Zahlen und Statistiken, es geht um Werte, Moral und Urteile“

In der Debatte um die Rolle von Experten wird ständig technisches Fachwissen mit politischem Urteilsvermögen verwechselt. Der gute Lord O’Donnell hat natürlich Recht, Herrn Gove mit seinem Auto zum Mechaniker zu schicken. Normalerweise gehen wir mit unserem kaputten Auto zu einem qualifizierten technischen Experten, dasselbe gilt, wie schon Platon wusste, für Schiffsbau oder bautechnische Projekte. Daraus folgt jedoch nicht, dass ein Automechaniker oder Maschinenbauingenieur vor einer politischen Wahl Experten für Wirtschaft oder Politikwissenschaften aufsuchen muss. Deren Fachwissen ist ohnehin viel fragwürdiger als jenes von technischen Experten. Selbst der Vater der Verhaltensökonomie Daniel Kahneman, dessen Forschung oft als Legitimation für antidemokratische Ideen dient, gibt zu, „dass Experten bei langfristigen politischen Vorhersagen keine höhere Trefferquote haben als ein würfelnder Affe“.

Ganz egal wie belesen und herausragend diese Experten sein mögen, im Endeffekt geht immer noch um Politik. Es geht um viel mehr als nackte Zahlen und Statistiken, es geht um Werte, Moral und Urteile. Es geht um eine demokratische Debatte, an der jeder teilnehmen und sich eine eigene Meinung bilden kann. Demokratie basiert auf – und lebt von – der Überzeugung, dass jeder Bürger gleichermaßen befähigt ist, politische Entscheidungen zu treffen. Das ist der Grund dafür, dass der Mechaniker und der akademische Experte jeweils eine Stimme bekommen.

Auch wenn Platon das anders gesehen hat, kann politisches Urteilsvermögen tatsächlich nicht gelehrt werden. Insbesondere nicht von Experten, die Fakten und „die Wahrheit“ verbreiten, als handele es sich um eine Bedienungsanleitung. Es kann jedoch erlernt werden durch Debatten, Erfahrung und Austausch mit anderen. Vertrauen in das Urteilsvermögen der Wähler ist ein Grundpfeiler der Demokratie, selbst wenn es keine Garantie dafür gibt, dass sie „das Richtige“ wählen.

„Demokratie lebt von der Überzeugung, dass jeder Bürger gleichermaßen befähigt ist, politische Entscheidungen zu treffen“

Wenn jetzt jemand entgegnet, dass wir mehr „fachkundige Entscheidungen und Beschlüsse“ benötigen, stellt sich die Frage, von wem diese getroffen werden sollen? Und in Erfüllung von wessen Interessen? Glaubt denn wirklich jemand an allwissende Experten, die neutral über allem stehen und keine eigennützigen Zwecke verfolgen?

Natürlich können wir uns an Experten wenden, um Informationen und Fakten zu erhalten. Aber diese Informationen zu interpretieren ist Aufgabe der Politik. Und in der Politik geht es in erster Linie darum, Entscheidungen zu treffen. In einer Debatte um den Brexit und dessen Auswirkungen auf die Wirtschaft könnte man etwa sehr wohl dafür eintreten, das Risiko kurzfristiger wirtschaftlicher Probleme in Kauf zu nehmen, um langfristig von der EU unabhängig zu werden und die Demokratie in Großbritannien zu stärken.

Vor fast 200 Jahren argumentierte der französische Aristokrat Alexis de Tocqueville in seinem klassischen Werk „Über die Demokratie in Amerika“, dass eine demokratische Gesellschaft ein gutes öffentliches Schulsystem benötigt, um gedeihen zu können. Mitnichten braucht sie jedoch eine „Vaterfigur“, die die Gesetze, wie ein Lehrer, von oben herab verfügt. Ein solches Vorgehen würde die Bereitschaft der Bürger, Verantwortung für die eigenen Umstände zu übernehmen, ebenso schwächen wie eine autoritäre Regierung. Tocqueville sagte über die noch junge amerikanische Republik: „Ich habe keine Angst, dass sich ihre Oberhäupter als Tyrannen herausstellen werden, sondern als Schulmeister“. Seine Warnung vor selbsternannten Schulmeister-Experten gilt bis heute.