21.10.2013

Debattenphobie: Die Angst vor echten Kontroversen

Von Frank Furedi

Wer die Vertreter anderer Standpunkte als Phobiker stigmatisiert, betrachtet sie nicht mehr als ebenbürtig. Dahinter steckt die Angst vor echten politischen Auseinandersetzungen, denn mit Kranken braucht man nicht ernsthaft zu diskutieren, meint der Soziologe Frank Furedi

Der Vorwurf der Phobie – sei es Homophobie, Islamphobie, Judophobie, Xenophobie oder sogar Europhobie (Hass gegen die EU) – lässt bei vielen Menschen alle Alarmglocken schrillen. Vor kurzem sah sich beispielsweise der britische Comedian, Schauspieler und Fernsehmoderator Stephen Fry dieses Vorwurfs ausgesetzt. Man bezeichnete ihn als „Islamphobiker“ wegen seiner Verteidigung der Tweets des atheistischen Kreuzzüglers Richard Dawkins, demzufolge der Islam nur von mäßiger historischer Bedeutung sei. Fry wies den Phobiker-Vorwurf von sich und verteidigte sein Recht, Kritik am von ihm so genannten „Islamfaschismus“ zu üben. Dabei stellte er sich selbst als einsamen Liberalen im unerschrockenen Kampf für unpopuläre Ansichten dar, dessen Meinung unterdrückt werden soll – denn wenn man den Islamfaschismus kritisiere heißt es gleich, man sei irgendwie „rassistisch“, so Fry. Leider ist er bei der Verteidigung des Rechts auf Kritik an unliebsamen Sitten und Gebräuchen sehr selektiv. Im Laufe der Jahre hat der unterdrückte Liberale sich selbst immer wieder darin gefallen, gewisse Personen als homophob zu bezeichnen – so z.B. Kritiker der gleichgeschlechtlichen Ehe. Ebenso wie bestimmte Dogmatiker jeden Zweifel am Islam mit Islamphobie gleichsetzen, können sich viele Verteidiger der Homo-Ehe nicht vorstellen, ihre Gegner könnten bezüglich der gleichgeschlechtlichen Ehe ehrliche, intelligente und moralisch überzeugende Kritikpunkte haben.

„Die gegenseitigen „Phobie“-Vorwürfe sind Zeichen einer beunruhigenden Entwicklung des öffentlichen Lebens westlicher Gesellschaften.“

Die gegenseitigen „Phobie“-Vorwürfe sind Zeichen einer beunruhigenden Entwicklung des öffentlichen Lebens westlicher Gesellschaften. Je populärer die Phobie-Metapher wird, desto mehr werden bestimmte Standpunkte und Perspektiven entpolitisiert. Wenn etwa der Begriff Antisemitismus durch Judophobie ersetzt wird, so liegt darin der Ersatz einer politischen Kategorie (Hass auf Juden) durch eine psychologische (irrationale Angst vor jüdischen Dingen). Genauso werden durch den Begriff Islamphobie Vorurteile gegenüber Muslimen entpolitisiert und in ein medizinisches Problem verwandelt.

Wenn man behauptet, jemand habe eine Phobie, so trifft man damit, wie bei allen auf das seelische Leben gerichteten medizinischen Diagnosen eine Aussage über die mentale und moralische Verfassung dieser Person. Die Diagnose der Homophobie oder Islamphobie gibt daher eher wenig Aufschluss über das eigentlich Gesagte, sondern trifft eher ein Urteil über die psychologischen Defizite des Anderen, der des Leidens an der Phobie schuldig ist. So wies Fry im Zuge seines Protests gegen den Vorwurf der Islamphobie in der Tat die implizierte psychologische Komponente zurück.

Die zunehmende Verwendung des Phobie-Begriffs ist symptomatisch für den wachsenden Einfluss der therapeutischen Kultur, die Konflikte und abweichendes Verhalten möglichst psychologisch interpretiert. Der therapeutische Zeitgeist stellt emotionale Störungen häufig als Ursache sozialer Probleme dar. Unverarbeitete oder fehlgeleitete Gefühle sollen die Gründe vieler gesellschaftlicher Übel sein. Sogar Kriege zwischen Nationen werden heute auf emotionale oder psychische Schäden einer Gruppe oder eines Anführers zurückgeführt. Der Begriff Xenophobie, welcher erstmals im frühen zwanzigsten Jahrhundert gebraucht wurde, ist nicht mehr nur ein deskriptiver Begriff, sondern er stellt eine therapeutische Diagnose.

Und die mit diesen so genannten Phobien verbundenen irrationalen Ängste, gelten nur als einige wenige der zahlreichen emotionalen Störungen, die heute das Leben dominieren. Die Diagnose der Phobie ist zentraler Punkt einer therapeutischen Weltanschauung, die Stress, Wut, Traumata, geringes Selbstwertgefühl und Sucht als herrschende Eigenschaften menschlicher Erfahrung ansieht.

Die therapeutische Weltanschauung bedeutet nicht nur die Medikalisierung von Einzelnen und unserem Verhalten. Sie befördert auch ein Bedeutungssystem in dessen Rahmen die menschliche Erfahrung interpretiert und verstanden werden soll. Im 21. Jahrhundert wird Bedeutung zunehmend im Bereich der Emotion und der diesbezüglichen Sprache gesucht. Im Zuge der Überwachung von Gefühlen werden manche Einstellungen als negativ verurteilt und andere als positiv hochgehalten. So ist Hass ein negatives und Freude ein positives Gefühl. Diejenigen Emotionen, die Grundlage einer Phobie sind, werden per Diagnose negativ beurteilt, so dass dieses Gefühl ohne weiteres pathologisiert werden kann.

„Heute werden moralische und medizinische Kategorien vermischt, was einen erwachsenen und toleranten Meinungsaustausch sehr erschwert.“

Heute werden moralische und medizinische Kategorien vermischt, was einen erwachsenen und toleranten Meinungsaustausch sehr erschwert. Die Meinung, Einstellung oder Verhaltensweise einer Person als Phobie abzustempeln, unterbindet jegliche Diskussion. Man kann keine wirklich vernünftige Debatte mit jemandem führen, bei dem eine Phobie diagnostiziert wurde – denn die Argumente einer irrationalen und psychisch gestörten Person wird man kaum ernst nehmen können. Solche Menschen haben offenkundig keine rationalen politischen Ansichten; sie befinden sich lediglich in einem vernunftwidrigen Geisteszustand.

Der Phobie-Begriff entbindet die Leute also von der lästigen Aufgabe ihren Standpunkt in der Diskussion zu verteidigen, indem er sie dazu einlädt ihre Gegner zu medikalisieren und so die Diskussion zu beenden. Die Medikalisierung von politischen Gegnern ist die existenzielle Ausradierung all derer, denen wir nicht zustimmen. Sind sie erst als irrational oder krank eingestuft, können wir sie unbekümmert ignorieren; ihre Auffassungen können dann als Symptome mentaler Verwirrung behandelt werden, die wir nicht ernst nehmen müssen.

Dass eine solche psychologische Dämonisierung potentiell zu autoritären Konsequenzen führt wird deutlich, wenn man an das Russland unter Stalin zurückdenkt. Dort hielt man Dissidenten mitunter in psychiatrischen Anstalten fest. In der westlichen Welt werden Phobiker heute natürlich nicht inhaftiert. Aber sie werden kulturell und institutionell stigmatisiert. Wie lange wird es noch dauern, bis „Phobiker“ dazu ermutigt werden, an Wut-Bewältigungskursen teilzunehmen oder dazu gedrängt werden, ihr Bewusstsein korrigieren zu lassen?

Die Verwendung des Phobie-Begriffs ist entmenschlichend, denn der Gegner wird so systematisch nicht als kompetente geistige Person ernst genommen, und das ist der Inbegriff der Engstirnigkeit. Wenn die Menschen es ablehnen, ihre Argumente der kritischen Prüfung durch die Öffentlichkeit auszusetzen und daher unterstellen, jeder der sie widerlegt sei entweder voller Hass oder aber ein Phobiker, dann werden die wichtigen offenen Fragen nicht mehr geklärt und die Wahrheit bleibt im Dunklen. Und damit hätten wir sie dann letztlich – die Debattenphobie.