09.02.2015

Das Tier ist nicht der Freund des Menschen

Kommentar von Klaus Alfs

Tiere taugen nicht als Ersatzmenschen. Wir können nur mit anderen Menschen wirklich befreundet sein, da Tiere Freundschaft nicht erwidern Tierrechtler vermenschlichen Tiere – und lassen dabei häufig die Achtung vor dem Menschen vermissen.

Wenn noch vor ein paar Jahrzehnten jemand von sich behauptete, ein Tierfreund zu sein, war in der Regel klar, dass diese Redeweise lediglich ein wohlwollendes Interesse an der Tierwelt als solcher oder die Vorliebe für bestimmte Tierarten signalisierte. Bis auf ein paar Verwirrte wäre niemand auf den Gedanken gekommen, diesen Begriff von Freundschaft mit dem gleichlautenden zu verwechseln, den Menschen für enge Beziehungen untereinander verwenden.

Wer ein „Freund“ schneller Autos ist, wird seinen Porsche trotzdem nie zum Bier einladen; wer Blumen „liebt“, wird trotzdem seine Orchideen nicht heiraten; wer Pasta „geil“ findet, wird trotzdem mit seinen Spaghetti keinen Beischlaf à la bolognese vollziehen. Normalerweise kann man im alltäglichen Geplauder ungefähr einschätzen, was mit den jeweiligen Ausdrücken im konkreten Zusammenhang gemeint ist (beim ernsthaften Argumentieren sollte man sich selbstverständlich um mehr Präzision bemühen). Ein Begriff hat bekanntlich viele Facetten. Man muss deswegen nicht gleich die Nerven verlieren.

Da Tiere in der modernen Gesellschaft immer mehr den Status von „Ersatzmenschen“ (Marvin Harris) haben und fast nur noch als Projektionsobjekte dienen, um emotionale Defizite auszugleichen, können sich die Verwirrten einbilden, besonders klaren Sinnes zu sein, wenn sie zwischen der Freundschaft der Menschen zueinander und deren Beziehung zu Tieren keinen Unterschied mehr machen. Diese Verwirrten nennen sich „Antispeziesisten“ oder Tierrechtler und tyrannisieren heute jeden, der ihnen begegnet, mit ihren fixen Ideen.

„Der Mensch ist wilden Tieren bestenfalls gleichgültig“

So hat beispielsweise der „Tierrechtler und Verfasser ethisch-philosophischer Texte“, Armin Rohm, einen Artikel mit dem Titel „Der omnivore Tierfreund“ verfasst. 1 Dort vertritt er die Meinung, dass die Tierfreundschaft omnivorer (allesessener) Zeitgenossen nichts anderes sei als „moralische Schizophrenie“. Wer Fleisch konsumiert und gleichzeitig behauptet, ein Tierfreund zu sein, leidet für Rohm an einer Art moralischen Schwachsinnes. Pflanzenliebhaber, die Kohlköpfe essen, scheinen hingegen völlig okay zu sein. Rohm präsentiert vier Beispiele „moralischer Schizophrenie in der Praxis“, die vor allem eines offenbaren: Dass der Autor nicht weiß, was Freundschaft ist (dazu später).

Freundschaft und Liebe

Freundschaft ist laut Aristoteles durch Gegenliebe und Wohlwollen gekennzeichnet. Doch leider trifft der Mensch bei wilden Tieren bestenfalls auf Gleichgültigkeit, sofern er nicht in ihr Beuteschema passt oder ihnen sonst in irgendeiner Weise von Nutzen ist. Mückenweibchen saugen z.B. das Blut des Menschen, um ihre Eier zu befruchten. Sie zapfen ihn an und schwirren ab, ohne „Danke, Partner!“ zu rufen. Stattdessen hinterlassen sie Juckreiz und Malaria.

Was kaum noch einer zu wissen scheint: Viele Tiere sind die natürlichen Feinde des Homo sapiens. Schlangen töten z.B. jedes Jahr über 50.000 Menschen, besonders viele in Indien. Mahatma Gandhi meinte jedoch unverdrossen, das Verhältnis von Mensch und Tier solle eines „der gegenseitigen Hilfe“ sein. Hilfe gibt’s bei solchen Begegnungen aber nur in Form von Hilferufen und in Gestalt medizinischen Personals. Dass eine Kobra jemals einer Oma über die Straße geholfen hätte, ist jedenfalls nicht überliefert.

Da können sich die Tierrechtler noch so sehr bei ihren Liebesobjekten anbiedern – wenn sie einem Kaffernbüffel in freier Wildbahn zu nahe kommen, nimmt dieser sie kurzerhand auf die Hörner. Wenn Armin einem Krokodil die Hand reicht, nimmt es gleich den ganzen Rohm. Das Rudelkuscheln mit der wild lebenden Fauna muss leider mangels Gegenliebe und Wohlwollen von Seiten der Tiere ersatzlos gestrichen werden. Wilde Tiere sind an der Freundschaft zum Menschen herzlich wenig interessiert. Weil es kein gegenseitiges Wohlwollen gibt, kann es auch keine Freundschaft geben.

Aristoteles meinte immerhin, dass so etwas wie Freundschaft zwischen dem Menschen und den von ihm domestizierten Tieren geben könne. Ich habe da meine Zweifel. Aber selbst wenn man die Beziehung zwischen Herr und Hund, Frauchen und Kätzchen, Bauer und Sau als „Freundschaft“ bezeichnet, ist damit zugleich impliziert, dass diese nur ganz ausgewählten Arten und Exemplaren gilt. Oft ist jemand, der seine Katze verhätschelt, auf Nachbars Lumpi nicht gut zu sprechen. Die allgemeine Tierliebe endet also nicht selten bereits am eigenen Gartenzaun.

„Jemand kann durchaus seinen Hund lieb haben, ohne gleich die ganze Fauna zu umarmen“

Armin Rohm will von alldem nichts wissen, sondern setzt die ganze verlogene Fleischfresserbande kurzerhand auf die Anklagebank. Schon sein erstes Beispiel „moralischer Schizophrenie“ geht allerdings in die Binsen. Erst, so klagt der Autor, liebkose der Fleischesser „seinen Hund (‚Mein bester Freund und Kamerad‘), dann unterschreibt er eine Petition gegen das Abschlachten der Delfine in Taiji (‚Diese Japaner, das sind doch gefühllose Unmenschen! Da kann ich doch nicht tatenlos zusehen‘) ... und dann isst er ganz genüsslich ein Steak – die fleischgewordene Todesangst eines feige hingerichteten, unschuldigen Tierkindes“.

Wie oben bereits dargestellt, kann jemand durchaus seinen eigenen Hund lieb haben, ohne zugleich die ganze Fauna zu umarmen – genau wie jemand seine Frau lieben kann, ohne gleich zum Don Giovanni zu werden, der behauptet: „Wer nur einer treu ist, begeht ein Unrecht an den anderen.“ Das vom Autor beklagte Verhalten hat also weder mit psychischer noch mit moralischer Schizophrenie irgendetwas zu tun.

Rohm schiebt dem omnivoren Tierfreund mit den in Klammern gesetzten Bemerkungen bereits seine verquere Tierrechtler-Logik und seine Motive unter. In den betreffenden Beispielen befinden sich die fiktiven Omnivoren immer schon im Rechtfertigungsmodus. Offensichtlich kommt Rohm gar keine Konstellation mehr in den Sinn, in welcher er nicht der Ankläger ist, sondern sich selber für seine kruden Vorwürfe rechtfertigen muss.

Er übersieht deshalb auch, dass man am Wohl der Delfine als Spezies interessiert sein kann (Artenschutz), ohne in dem Wahn zu leben, jeder Tümmler der Meere habe ein Recht auf Leben. Wer schonende Fangmethoden fordert, muss nicht prinzipiell gegen die Tötung von Meeresbewohnern sein. Man kann ohne Selbstwiderspruch ein Interesse am Arterhalt großer Raubfische und Meeressäuger haben, damit der Ozean nicht von Humboldt-Kalmaren übervölkert wird (biologisch-ökologische Motive). Was hat das alles damit zu tun, dass man auch Schoßtiere zum eigenen Vergnügen erwerben und dieses Vergnügen für das Höchste der freundschaftlichen Gefühle halten kann?

Schizophren ist es wohl eher, wenn Veganer Hunde und Katzen halten. Diese Tiere verspeisen bekanntlich eine Menge anderer Mitgeschöpfe als Futter der Sorten „Rind“, „Lamm“, „Huhn“ usw. Wer als veganer „Tierfreund“ Katzen oder Hunde mit artgerechtem Futter versorgt, gibt seinen Lieblingen u.a. „die fleischgewordene Todesangst feige hingerichteter und unschuldiger Tierkinder“ zu fressen. Manche Veganer versuchen ihre moralische Schizophrenie aufzulösen, indem sie Bello und Miezi mit veganer Kost zwangsernähren. Damit setzen sie sich aber dem berechtigten Vorwurf aus, schnöde Tierquäler zu sein, die das Wohl ihrer angeblich besten Freunde skrupellos der eigenen „Moral“ und Rechthaberei opfern.

Bizarrer Rollentausch

Zu welch eigenartigen Ergebnissen man kommen kann, wenn man nicht begreift, dass Freundschaft auf Gegenseitigkeit beruht, demonstriert der Autor mit folgendem Gedankengang. Für ihn sei „ein Freund jemand, der mich mag, mir vertraut, mich genauso akzeptiert, wie ich bin.“ Ein Freund sei jemand, „der ehrlich zu mir ist, durchaus auch mal kritisch, mich aber nicht belehrt, bevormundet, beschämt, täuscht oder in meiner Freiheit einschränkt“. Ein Freund sei „jederzeit für mich da“, stehe ihm „gerade in schwierigen Zeiten zur Seite“, verteidige ihn „gegen Angriffe jeder Art“, wünsche ihm „von ganzem Herzen“ nur das Beste und füge ihm „niemals willentlich Schaden“ zu.

Damit, so könnte man meinen, liefert er eine solide Begründung, warum eine Freundschaftsbeziehung mit Tieren nicht möglich ist – weder mit dem eigenen Hund noch mit anderen Spezies. Es dürfte ja auch Rohm klar sein, dass Tiere nicht „kritisch“ zu ihm sein können; dass sie nicht in der Lage sind, ihn zu entmündigen, weil sie selber gar nicht mündig sind; dass sie ihn ebenso wenig belehren können wie Steine oder Wollmäuse es vermögen. Welchen Sinn hätte es auch, diese Handlungen und Unterlassungen lobend zu erwähnen, wenn die betreffenden Objekte ohnehin dazu prinzipiell unfähig sind. Ich persönlich schätze beispielsweise an Steinen, dass sie nicht kläffen und nicht auf den Bürgersteig machen können. Doch ich bezeichne sie allenfalls ironisch als meine „stillen Freunde“.

Tiere können Menschen auch nicht gegen „Angriffe aller Art“ verteidigen. Rohms Hund könnte sein Herrchen nicht gegen meine Argumente verteidigen; er könnte ihn nur gegen mich verteidigen, indem er mir in den Hintern bisse. Hunde verteidigen zwar ihre Besitzer oder deren Gut, dies aber oft gegen andere Tiere. Letztere betrachtet der Autor aber angeblich auch als seine Freunde. Und dass irgendein Rindvieh in der Pampa ausgerechnet einem deutschen Tierrechtler nur das Beste wünschen und ihm niemals willentlich Schaden zufügen würde, wird selbst Rohm uns nicht ernsthaft weismachen wollen.

„Tieren auf Augenhöhe begegnen zu wollen, kann ins Auge gehen“

Er meint wohl etwas anderes: „Wenn ich prüfen will, ob ICH mich zu Recht als Tierfreund bezeichne, wechsle ich einfach die Perspektive und frage mich, inwiefern die Tiere, deren Freund zu sein ich behaupte, das wohl auch so sehen.“ Demnach sei „sonnenklar, dass Handlungen wie einsperren, vergewaltigen, deportieren, ermorden, zerstückeln und essen aus Sicht der Tiere definitiv nicht als Freundschaftsbeweis durchgehen.“

Dies wäre jedoch nur „sonnenklar“, wenn die betreffenden Tiere Armin Rohm wären. Denn der Autor hat sich nicht etwa in konkrete Tiere hineinversetzt, sondern nur ein Tierkostüm angezogen und sich dabei eingebildet, „aus Sicht der Tiere“ zu sprechen. Er unterstellt einfach, dass Tiere 1. eine Vorstellung von Freundschaft haben; dass sie 2. ein Interesse daran haben, mit Menschen befreundet zu sein, und dass 3. deren Vorstellung von Freundschaft so emphatisch ist, wie es vom Autor beschrieben wird. Dies ist aber nicht der Fall. Insofern läuft sein „Test“ darauf hinaus zu ergründen, was wäre, wenn man sich selber für ein Tier hielte.

Auch ernsthafte Versuche, sich in Tiere hineinzuversetzen, sind übrigens zum Scheitern verurteilt. Man weiß nicht genau, was in den Viechern vorgeht. Man kann allerdings mit einigem Recht annehmen, dass sie meistens kein Interesse daran haben, verletzt oder gefressen zu werden (obwohl das nicht für alle Tiere gilt: Parasiten „wollen“ zum Beispiel gefressen werden). Was dies jedoch mit Freundschaft zu tun hat, bleibt rätselhaft.

Zur Freundschaft gehören mindestens zwei. Wenn man herausfinden will, ob X mit Y befreundet ist, muss man beide fragen. Antwortet einer mit „nein“, besteht keine Freundschaft, ganz unabhängig davon, ob sich X als Freund von Y „bezeichnet“. Tiere können die Frage aber gar nicht beantworten und auch keine Freundschaftsanfrage bei Facebook erwidern.

Rohm schreibt noch viel über den Unterschied von Mitleid und Mitgefühl und dass man den Tieren auf „Augenhöhe“ begegnen solle usw. Wer aber Tieren wirklich auf „Augenhöhe“ begegnen will, sollte sich – siehe oben – vorsehen, dass diese Begegnung nicht ins Auge geht bzw. im Tiermagen endet.

Fazit

Rohm will im Dienste seiner Ideologie Omnivore ins Unrecht setzen, die bekunden, sie seien Tierfreunde. Über diese meint er mit einem Begriff von Freundschaft herfallen zu dürfen, der in Bezug auf Tiere unangemessen ist. Die Feststellung, dass sich Menschen nicht ohne Selbstwiderspruch als Tierfreunde im emphatischen Sinne von „Freundschaft“ bezeichnen können, ist trivial wahr. Sie gilt aber für alle Menschen, einschließlich der Tierrechtler. Letztere wollen dies bloß nicht wahrhaben und lassen andere dafür büßen – unter anderem die Tiere selbst.

Der Autor verhält sich gegenüber den Tieren wie ein abgewiesener Liebhaber, der nicht erkennt, dass das Objekt seiner Begierde nichts von ihm wissen will. Er gefällt sich in der Rolle des Anklägers, vor dem die Leute „um Absolution winseln“. Er benutzt Ausdrücke wie „deportieren“, „ermorden“, „vergewaltigen“, „zerstückeln“, „feige hingerichtetes Tierkind“. Diese maßlose und denunziatorische Terminologie ist auch typisch für Elaborate fanatischer Abtreibungsgegner oder anderer religiöser Fundamentalisten. Als Einführung in die vegane Gedankenwelt ist der Text daher gut geeignet. Motto: Die ihr eintretet, lasst jede Hoffnung auf Vernunft fahren!