22.07.2019

Das Problem mit Jordan Peterson

Von Andrea Seaman

Titelbild

Foto: Gage Skidmore via Flickr / CC BY-SA 2.0

Der kanadische Psychologieprofessor Jordan Peterson verteidigt die Meinungsfreiheit, verklagt aber selbst Kritiker. Er inszeniert sich als Stimme der Vernunft, gleitet dabei aber ins Irrationale ab.

Jordan Peterson, früher ein unbekannter Professor für Psychologie an der Universität Toronto, ist im ganzen Westen berühmt geworden. Seine Popularität begann mit seiner Opposition gegen die repressive Gesetzgebung in Kanada, die Menschen dazu zwingen kann, bestimmte Gender-Pronomen zu verwenden. Sie erreichte ihren Höhepunkt durch ein mittlerweile berühmt gewordenes Fernsehinterview mit der verwirrten britischen Journalistin Cathy Newman, und die Veröffentlichung seines Bestsellers „12 Rules for Life“. Peterson präsentiert sich als Verteidiger der Wissenschaft und der Vernunft gegen so genannte Social Justice Warriors und die postmoderne Linke, die sich weigern, biologische Realitäten und das Prinzip der Redefreiheit zu akzeptieren.

Freilich: Petersons Rhetorik ist sehr kraftvoll. Seine Weigerung, sich einer Flut von Kritik zu beugen, die ihn zu Unrecht als Rechtsextremisten zu brandmarken versucht, ist inspirierend. Kombiniert man dies mit einer leidenschaftlichen Aufforderung an Männer, sie sollten „verdammt nochmal erwachsen werden", Verantwortung für ihr eigenes Leben übernehmen und mit dem Rücken gerade und den Schultern nach hinten stehen, so versteht man, warum er massive Unterstützung erfährt. Insbesondere von jungen weißen Männern, die sich von einer Linken belagert fühlen, die sie regelmäßig als rassistisch, homophob und als Säulen des „Patriarchats" bezeichnet. Das ist Petersons positive Seite. Was ist gegen einen Intellektuellen einzuwenden, der Männern – geprägt von unserer modernen Kultur der Verletzlichkeit und niedrigen Ambitionen und in Selbstmitleid schwelgend – sagt, sie sollten erwachsen werden?

Allerdings gibt es zwei große Probleme mit Peterson. Erstens ist er überhaupt nicht der Redefreiheit verpflichtet. Obwohl er die neue kanadische Gesetzgebung vehement ablehnt und ihr einen stalinistischen Beigeschmack attestiert, weil sie ihn zwingen könnte, erfundene Geschlechtspronomen zu verwenden, verklagt Peterson jetzt die Wilfrid-Laurier-Universität in Kanada wegen Verleumdung auf 1,5 Millionen Dollar Schadensersatz. Der Grund: Einige ihrer Mitarbeiter haben ihn mit Hitler verglichen. Peterson zufolge soll diese Klage „unvorsichtige Universitätsprofessoren und Verwaltungsmitarbeiter davon überzeugen […], in ihren Handlungen und Worten viel umsichtiger zu sein". Die unerwartete Verleumdungsklage zerstört genau das, worauf er seinen Ruf in der Öffentlichkeit gründete: ein prinzipientreuer Verfechter der Redefreiheit zu sein.

„Vielleicht kann der große Denker einfach nicht mit Kritik umgehen?“

Peterson hat daher auch eine zweite Klage in Höhe von 1,75 Millionen Dollar gegen die Wilfrid-Laurier-Universität eingereicht. Anlass hierfür ist, dass die Universität behauptet hat, dass seine erste Klage gegen sie sowohl ungerechtfertigt war, da sein Ruf durch die mediale Aufmerksamkeit um den Hitlervergleich-Skandal nur erstarkt sei, als auch autoritär motiviert war – wie seine Warnung an die Professoren, sie sollten in ihren Worten „umsichtiger" sein, gezeigt habe. Peterson drohte außerdem einer Assistenzprofessorin an der amerikanischen Cornell University, Kate Manne, und dem US-Onlineportal Vox wegen eines Interviews, das Manne Vox gab. Darin bezeichnete Manne Petersons Ideen unter anderem als frauenfeindlich. Man ist versucht, die Gier als primäres Motiv für Petersons Klagen auszumachen. Aber braucht Peterson, der mittlerweile Millionen durch seinen YouTube-Kanal und seine Buchdeals einnimmt, das Geld wirklich? Vielleicht kann der große Denker, der gerne die Dünnhäutigkeit in unserer Gesellschaft beklagt und Menschen dazu aufruft, sie sollten sich zusammenreißen, einfach nicht mit Kritik umgehen?

Zweitens hat die Behauptung, dass Peterson der Wissenschaft und der Vernunft treu ergeben ist, wenig Substanz. Obwohl er ständig von „der wissenschaftlichen Literatur" spricht und sich auf „biologische Realitäten“ bezieht, ist sein Verständnis von beziehungsweise sein Engagement für die Wissenschaft grundlegend missraten.

Nehmen wir seine Argumentation über Ratten. Er kann nicht aufhören, sich auf etwas zu beziehen, was der Neurowissenschaftler und Psychobiologe Jaak Panksepp offenbar entdeckt hat, nämlich dass es im Gehirn von Ratten eine „Spielschaltung" gibt. Wenn eine kleine Ratte mit einer größeren Ratte spielend ringt, sagt Peterson, dann wird die kleine Ratte aufhören, mit der großen zu spielen, wenn Letztere nicht zulässt, dass die erste eine bestimmte Anzahl von Malen gewinnt. Dies sei ein Beweis dafür, wie die Ethik aus der Natur selbst entsteht, durch Dinge wie „Spielschaltungen", die in den neurologischen Strukturen des Gehirns verwurzelt sind. Ethik, behauptet er, sei etwas Natürliches, das sich im Gehirn befindet; bei Menschen wie bei Ratten. Moral ist ein Produkt unserer neuronalen Aktivität, die uns sagt, wie wir handeln sollen.

Peterson hat, wie ein Zauberer, auf geheimnisvolle Weise ein Soll aus einem Ist heraufbeschworen. Das ist nicht gerechtfertigt. Es kann gut sein, dass die kleine Ratte aufhört zu spielen, wenn die große Ratte sie jedes Mal schlägt. Aber das ist einfach, wie es ist, und keineswegs, wie es sein sollte. Ethik in den mechanischen Abläufen der Natur oder in Tieren ohne freien Willen, wie Ratten, zu sehen, ist so unwissenschaftlich wie die Hand und Existenz Gottes in seiner vermeintlichen Schöpfung zu entdecken. Moralität, wie Gott und das Bewusstsein, ist kein legitimer Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen, weil ihre Existenz und ihre Eigenschaften nicht durch empirische Methoden nachgewiesen oder widerlegt werden können.

„Peterson vermischt seine esoterischen Ansichten auf fatale Weise mit der Wissenschaft.“

Peterson steckt im Szientismus – der Vermischung von Wissenschaft, die die materielle Welt erforscht, und Bewusstsein, das immateriell ist, zum Nachteil beider. Zum Beispiel sagt Peterson, dass alte Kulturen die Struktur der DNA in einer mystischen, metaphorischen und symbolischen Form darstellten, dass Drogen ihnen dabei geholfen hätten, und dass es kein Zufall sei, dass unsere wissenschaftliche Vorstellung von DNA als Doppelhelix diesen alten Darstellungen ähnlich ist. Hier bieten spirituelle Erfahrungen offenbar einen Einblick in die reale Natur grundlegender Teile unseres biologischen Wesens, wie der DNA, die dann Tausende von Jahren später von der Wissenschaft bestätigt wird und umgekehrt. Solche Behauptungen ähneln dem Geschwätz des Esoterik-Gurus Deepak Chopra.

Was uns direkt zu seiner angeblichen Erdung in der Vernunft führt. Für einen Mann, der so sehr darauf fixiert ist, akademisch rigoros, faktenbasiert und vernünftig zu sein, spricht Peterson zu viel und zu seriös von Geistern, Göttern, Träumen und mystischen Erfahrungen. Manchmal behauptet er ernsthaft, dass bestimmte Psychedelika es denen, die sie einnehmen, ermöglichen, mit Wesen zu kommunizieren, die uns nüchternen Menschen natürlich verbogen bleiben. Kreaturen, die der berüchtigte Verschwörungstheoretiker David Icke sicherlich als „nicht-menschliche Wesen" bezeichnen würde. Doch gerade diese Art von Aberglaube versuchte das Zeitalter der Vernunft der Aufklärung auszulöschen. Außerdem vermischt Peterson seine esoterischen Ansichten auf fatale Weise mit der Wissenschaft. Wenn er über Wissenschaft spricht, wird er oft mystisch, und wenn er Voodoo spricht, versucht er nicht selten, seine Behauptungen mit tiefen evolutionären oder wissenschaftlichen „Wahrheiten" zu untermauern, wie im Falle der DNA oder den Drogen-Wesen (aus einer anderen Dimension?).

Daher ist es zwar belebend zu sehen, wie Peterson ganze Stadien mit vielen jungen Leuten meiner Generation füllt, ihre positive Stimmung der Rebellion einfängt. Aber seine Philosophie beschränkt die Wirkungskraft dieser Begeisterung. Peterson versucht ausdrücklich, unpolitisch zu sein, indem er sich auf die Seite eines einseitigen Individualismus stellt, der kollektives politisches Handeln für gefährlich hält. Indessen sieht ein Großteil seines jungen Publikums ihn passiv als Vaterfigur, der auf YouTube tröstende und ermutigende Worte anbietet. Seine Klagen wegen Verleumdung sind ein unkluger und egozentrischer Verrat der Meinungsfreiheit, der einem Stalinisten würdig wäre. Genauso problematisch sind seine apolitische Haltung und seine Affinität zu Szientismus und Mystik. Wir sollten also skeptisch sein, wenn er sich das nächste Mal auf die Redefreiheit, „die wissenschaftliche Literatur" oder auf irgendeinen urzeitlichen Geist bezieht.