20.02.2012

Das Märchen vom faulen Griechen und den deutschen Musterknaben

Analyse von Daniel Ben-Ami

Anstatt sachlich über die ökonomischen Ursachen der Eurokrise zu diskutieren, wird hierzulande immer wieder über die inkompetenten Südeuropäer hergezogen. Über die Verantwortung Deutschlands, seiner Banken und einer von Grund auf fehlerhaft konstruierten Eurozone

Viele Diskussionen über die Krise der Eurozone haben einen ähnlichen Realitätsgehalt wie die Märchen der Gebrüder Grimm. Es geht den meisten Kommentatoren darum, eine moralisierende Geschichte über den Kampf der Guten gegen die Bösen zu erzählen, statt Europas Krise nüchtern zu untersuchen.

Die vorherrschenden Erklärungsmuster kennen wir inzwischen zum Überdruss. Im Sündereckchen stehen die Griechen und andere Südeuropäer, die anscheinend zu faul sind und gewissenlos “über ihre Verhältnisse” leben. Ihnen gegenüber stehen die hart arbeitenden und sparsamen Deutschen. Immer und immer wieder, so das Märchen, müssen die vernünftigen Deutschen die verantwortungslosen Bürger Südeuropas retten.

Diese Stereotypen sind schlicht unzutreffend. Gemäß den Daten der OECD arbeitete 2010 der durchschnittliche griechische Arbeitnehmer 2.109 Stunden – während der deutsche im Durchschnitt nur 1.419 Stunden am Arbeitsplatz verbrachte. Mit anderen Worten: Griechische Arbeitnehmer arbeiteten im Durchschnitt fast ein Drittel länger als deutsche.

Ähnlich verhält es sich mit dem Mythos, die Griechen bezögen ihre Renten viel früher als wir. In Wahrheit besteht hier kaum ein Unterschied zu den Deutschen: Das durchschnittliche Renteneintrittsalter eines männlichen griechischen Arbeitnehmers liegt bei 61,9 Jahren, gegenüber 61,8 Jahren bei deutschen Männern. Bei weiblichen Arbeitnehmern liegt das deutsche Renteneintrittsalter mit durchschnittlich 61,9 Jahren geringfügig über den 59,6 Jahren griechischer Arbeitnehmerinnen.

Anders als deutsche Politiker meinen, ist Deutschland auch bei der Haushaltsdisziplin kein Musterknabe. Deutschland selbst verstieß 2002 und 2003 gegen die Maastricht-Kriterien, auf deren Einführung es einst so nachdrücklich bestanden hatte. Obwohl Griechenland ebenso häufig die 3-Prozent-Verschuldungsgrenze überschritt wie Deutschland, haben viele Länder, die heute in großen Schwierigkeiten stecken, sich an die Maastrichter Fiskalregeln gehalten. Martin Wolf, leitender Redakteur bei der Financial Times, führt dazu aus:


“Hätte man sich nur auf diese 3-Prozent-Defizit-Kriterien konzentriert, wären (mit Ausnahme Griechenlands) alle krisengeschüttelten Mitgliedstaaten aus dem Blickfeld geraten. Außerdem gehören zu den größten Defizitsündern nach Griechenland auch Länder wie Italien, Frankreich, Deutschland und Österreich. Währenddessen wiesen Irland, Estland, Spanien und Belgien in diesen Jahren gute Werte auf.”


Fiskalprobleme traten in den meisten Ländern in der Eurozone erst mit Beginn der Krise auf. Wer die wirtschaftliche Misere auf haushaltspolitische Laxheit zurückführt, stellt die Dinge auf den Kopf.

Die wahren Gründe für die Verwerfungen in der Eurozone sind ganz anders gelagert. Sie liegen im Versuch, eine Währungsunion zu gründen, indem man Ländern mit völlig unterschiedlichen Produktivitätsniveaus die gleiche Währung verpasst. Die gewaltigen Produktivitätsunterschiede belegen die OECD-Zahlen zur Arbeitsproduktivität gemessen am Bruttoinlandsprodukt pro Arbeitsstunde: Liegt der Wert für die USA bei 100, so beträgt er für Deutschland 90,9, Spanien 80,1, Italien 74,4 und Griechenland 57,0. Diese Diskrepanzen reflektieren im Wesentlichen das Produktionsniveau der jeweiligen Volkswirtschaft und den Umfang, in dem Technologie im Produktionsprozess zum Tragen kommt, und eben nicht die Anstrengung der Arbeitnehmer. 

Um zu verstehen, wie dieses Arrangement schon vom Ansatz her für Instabilität gesorgt hat, lässt sich ein vereinfachtes Modell der Funktionsweise der Eurozone heranziehen. Man nehme einmal an, es bestehe aus Griechenland und Deutschland. Obwohl beide Länder anfangs profitierten, lief die Sache auf längere Sicht jedoch nur darauf hinaus, die jeweils eigene Wirtschaftsschwäche zu kaschieren.

Griechenland konnte sich zumindest bis zu Beginn der Krise 2009 in der Eurozone mit billigen Krediten versorgen. Weil es die gleiche Währung hatte, bewertete man seine Kreditwürdigkeit annähernd so positiv wie die Bonität anderer Mitglieder der Eurozone. Folglich konnte sich das Land an den internationalen Finanzmärkten Geld zu ähnlichen Konditionen leihen. Diese Konstellation sorgte kurzfristig für wohltuende Nachfrage bei griechischen Konsumenten – doch auf längere Sicht zu einer Finanzblase, die irgendwann platzen musste.

Als die Probleme Griechenlands schließlich offen zu Tage traten, konnte es auf Grund der Euro-Mitgliedschaft nicht auf die Mechanismen zurückzugreifen, mit denen Länder sich üblicherweise an eine verschlechterte ökonomische Lage anpassen. Griechenland konnte seine Währung nicht abwerten, weil es den Euro statt der Drachme hatte. Außerdem konnte es seine Zinssätze nicht anpassen, weil diese von der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt für die gesamte Eurozone festgelegt werden.

Man vergisst zudem allzu gerne, dass auch Deutschland infolge der Mitgliedschaft in der Eurozone einen künstlichen Boom erlebte. Es konnte nun viel billiger exportieren als zu D-Mark-Zeiten. Daraus wird im Übrigen ersichtlich, dass Deutschlands wirtschaftliche Leistung weit weniger eindrucksvoll ist, als oft angenommen wird. Deutschland stützte sich auf eine künstlich verbilligte Währung, um seine Exporte – gestützt zudem auf anhaltende Lohndrückerei im Inland – zu fördern.

Die Eurozone kann deshalb als Mittel wirtschaftlicher Realitätsverweigerung betrachtet werden. Deutschland konnte den Erfordernissen grundlegender Restrukturierungen und Neuinvestitionen ausweichen. Griechenland wiederum sah sich nicht der Herausforderung ausgesetzt, eine modernere und produktivere Volkswirtschaft zu entwickeln. Ironischerweise führte das zur Weitung der Kluft zwischen Deutschland und Griechenland – trotz des Versuchs, diese Länder in einer Währungsunion zusammen zu führen. Dass das schiefgehen musste, überrascht eigentlich nicht. Es ist eher bemerkenswert, dass die Eurozone überhaupt ein Jahrzehnt lang glatt lief.

Um das Bild zu vervollständigen, sollten wir einen weiteren wichtigen Faktor berücksichtigen – die Banken. Sie vermittelten nämlich die Geldflüsse von den Kernländern der Eurozone in die Peripherie. In unserem einfachen Modell bedeutet das, dass deutsche Banken große Geldsummen an Griechenland ausliehen. In der komplexen Wirklichkeit betrifft das natürlich überdies Banken aus vielen anderen europäischen Ländern, einschließlich Nicht-Mitgliedstaaten wie Großbritannien und die Schweiz, die verstärkt an die europäische Peripherie verliehen.

Es wurden also vermehrt regionale Kredite in Europa vergeben, die bis zu Beginn der Krise kumulierten. Die grenzüberschreitenden auf Euro lautenden Kredite, vergeben durch Banken der Eurozone, stiegen sprunghaft an: von 2 Billionen Euro zum Zeitpunkt der Einführung des Euro 1999 bis etwa 10 Billionen Euro im Jahre 2008 – so die Berechnungen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, der Zentralbank für Zentralbanken.

Als die Krise dann einsetzte, bedrohte dies den Bestand des Bankensystems. Zusätzlich zu allen anderen Schwierigkeiten hatten die Banken nun auch noch viele faule Kredite in ihren Büchern. Obwohl die Turbulenzen in der Eurozone oftmals nur mit Blick auf die Probleme der Staaten - besonders jener der südlichen Peripherie - diskutiert werden, sind sie auch eine Bedrohung für die Banken. Bei der “Rettung” Griechenlands und anderer Länder geht es mehr darum, die Banken der Euro-Kernländer zu stabilisieren, als dem griechischen Volk zu „helfen“.

Wichtig ist an dieser Stelle, dass zwar die Kreditvergabe nationale Grenzen überschritt, die Banken selbst weiterhin überwiegend national agierten. So waren es beispielsweise Banken aus Frankreich, Deutschland und anderen Ländern, die Geld an Griechenland verliehen. Ein wirklich gesamteuropäisches Bankensystem wurde nicht entwickelt.

Hyun Song Shin, Wirtschaftsprofessor in Princeton, hat auf Voxeu.org darauf hingewiesen, dass in der Eurozone zwar die Verbindlichkeiten der Banken mobil waren, die Vermögenswerte selbst aber nicht:


„Verglichen mit der sonst sehr ausgeprägten ökonomischen Verflechtung in der Eurozone waren grenzüberschreitende Fusionen im europäischen Bankensektor die Ausnahme und nicht die Regel. Darin liegt eines der Paradoxe der Integration der Eurozone. Die Einführung des Euro bedeutete, dass ‘Geld’ (also Bank-Verbindlichkeiten) ungehindert von Ort zu Ort wandern konnte, der Vermögensgegenstand selbst aber lokal gebunden und unbeweglich blieb. Als die Blasen lokal auftauchten und das Geld sich als volatil und flüchtig erwies, zeigte sich das europäische Bankensystem anfällig für massive Geldabflüsse.“


Hier wird deutlich, dass die Probleme in der Eurozone nicht zufällig aufgetaucht und auch nicht auf angeblich moralisches Versagen ihrer Bürger zurückführen sind. 

Die Eurozone ist ein von Anfang fehlerhaft konstruiertes technokratisches Gebilde. Sie bindet völlig unterschiedliche Volkswirtschaften in einer rigiden Struktur aneinander. Außerdem half sie den jeweiligen Mitgliedstaaten, ihren jeweiligen ökonomischen Herausforderungen auszuweichen, statt sich ihnen offen zu stellen.

Die Eurozone aufzulösen wäre der erste richtige Schritt, um Europas wirtschaftliche Schwäche gezielt anzugehen. So könnte man den inhärenten Ungleichgewichten erfolgreich ein Ende setzen. Erst dann werden die Länder des Kontinents dem heilsamen Druck ausgesetzt, ihre fundamentalen Probleme auch tatsächlich anzupacken. 

Ein wahrhaft vereinigtes Europa ist sicher wünschenswert. Doch es kann nur auf der Basis eines echten demokratischen Aufbruchs entstehen, in dem die ökonomischen Herausforderungen klar und offen benannt werden, statt ihnen wie bisher auszuweichen. Dafür müssen die Eurozone und die gegenwärtigen Institutionen der Europäischen Union abschafft werden.