01.11.2006

Das Eva-Herman-Syndrom

Analyse von Sabine Beppler-Spahl

Überfordert die Gleichberechtigung die moderne Frau, fragt Sabine Beppler-Spahl.

Das Eva Prinzip heißt der Bestseller der ehemaligen Tagesschau-Sprecherin Eva Herman, der für viel Wirbel gesorgt hat. Die „neue Weiblichkeit“, die sich nach familiärer Wärme sehnt und auf ihre traditionelle Mutterrolle besinnt, ist Thema des Buches. Was macht dieses eher unambitionierte Werk, geschrieben von einer etwas zwanghaft wirkenden Karrierefrau, deren Leben mit der von ihr propagierten Weiblichkeit nur wenig gemein hat, so interessant, dass es die Seiten aller Tageszeitungen füllt und bereits am Erscheinungstag ausverkauft war? Es wäre falsch, den Grund allein in der Person der Autorin zu suchen. Auch der Inhalt des Buches hat zweifelsohne zu seinem Erfolg beigetragen. „Ein Klischeekompendium, das nervt – und den Nerv der Zeit trifft“, nennt es der Spiegel. [1]
Tatsächlich spricht Herman aus, was viele spüren: Obwohl Frauen heute mehr Freiheiten haben als je zuvor und ihnen unzählige Möglichkeiten bei der Gestaltung des eigenen Lebens zur Verfügung stehen, scheinen viele diese Entwicklung als gar nicht mehr so positiv zu empfinden. Hübsche, erfolgreiche Frauen mit offensichtlich tollen und interessanten Lebensläufen werden uns im Fernsehen oder in der Presse als zutiefst verunsicherte Individuen präsentiert, die sich in einem ständigen Selbstfindungsprozess befinden und den Spagat zwischen Familie und Beruf nur schwer meistern können. Statt sich über die vielen Möglichkeiten zu freuen, wird über die „Erschöpfung arbeitender Mütter“ geklagt. Statt es als Fortschritt zu betrachten, dass Frauen heute in allen Gesellschaftsbereichen stärker vertreten sind, warnen auch solche, die von Frau Hermans Thesen rein gar nichts halten, vor den Schattenseiten dieser Entwicklung. „Frauen haben zwar mehr Rollen zur Auswahl als vor 30 Jahren. Aber sie wollen dann in allem gleichzeitig perfekt sein: Familie, Job und Ehrenamt in der Kirche“, klagt die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckhardt. Wie sind wir von den ehrgeizigen Träumen einer emanzipierten Gesellschaft zu den zerschlagenen Hoffnungen und gelebten Unsicherheiten unserer Zeit gelangt?
 

„Im Zentrum der gegenwärtigen Stimmungskrise steht nicht der Geschlechterkampf, sondern vielmehr eine tiefer liegende gesellschaftliche Unzufriedenheit, die Frauen und Männer gleichermaßen betrifft.“



Indikatoren der Gleichberechtigung
Der Vorstoß Hermans und die heftigen Reaktionen darauf zeigen, dass die Rollenverteilung zwischen Frauen und Männern sowie die Frage, wie die private (Familie) und die öffentliche Sphäre (Beruf) zu vereinbaren sind, noch immer Spannungen hervorruft. Während die einen vom Ende des Feminismus sprechen, beschwören andere einen neuen Geschlechterkampf: „Vermutlich sitzen nirgendwo Männer zusammen und sagen: Wir machen’s denen schwer. Aber vermutlich sitzen auch nirgendwo Männer zusammen und schaffen die heimlichen Männerquoten in Deutschland freiwillig ab“, heißt es in einem Beitrag der Wochenzeitung Die Zeit mit dem Titel „Wir brauchen einen neuen Feminismus“. [2] Erstaunlich ist jedoch, dass die Debatte ausgerechnet zu einer Zeit aufflammt, da es Frauen besser geht als je zuvor.
Die meisten Frauen genießen heute Freiheiten und Rechte, von denen selbst die Generation unserer Mütter nur träumen durfte. Wenn man das Ausmaß der Partizipation von Frauen betrachtet, so darf man zu dem Schluss kommen, dass wir auf dem besten Weg hin zu einer vollständigen Gleichberechtigung sind. In der Bildung haben Frauen die Männer bekanntlich überholt. Die 15. Shell-Jugendstudie ergab, dass 55 Prozent der Mädchen und nur 47 Prozent der Jungen das Abitur anstreben. Die Gruppe der Schulabgänger ohne Abschluss wird dagegen deutlich von Jungen dominiert. Bei Hochschulabschlüssen sind Frauen und Männer gleich stark vertreten. Nach wie vor sind zwar mehr Männer erwerbstätig als Frauen. Allerdings ist die Beteiligung der 15- bis unter 65-jährigen Frauen (Erwerbstätigenquote) seit 1991 langsam, aber kontinuierlich gestiegen. Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern werden auch hier immer kleiner. [3] Im Jahr 2005 lag die Erwerbstätigenquote von Frauen bei 59,6 und von Männern bei 71,2 Prozent. [4] Zwar sind deutlich weniger Frauen in Führungspositionen vertreten (Anne Will beklagt in der Zeit, dass Frauen zwar den Bildschirm, nicht aber die Chefsessel erobert hätten). Doch die Statistiken übersehen, dass Frauen, die heute in Top-Positionen sitzen, mit ihrer Karriere vor 20 oder 30 Jahren begonnen haben, als es für sie noch deutlich schwerer war.
Auch bei der Kalkulation der Gehaltsschere wird der Generationenunterschied stets übersehen. So ist der Gehaltsunterschied bei Frauen im Alter von 40 bis 65 deutlich höher als bei Frauen im Alter zwischen 18 und 30 Jahren. Auch in der Politik sieht es für das weibliche Geschlecht gut aus. Über 30 Prozent der Abgeordneten des Bundestages sind Frauen (eine Steigerung von 500 Prozent im Vergleich zur ersten Wahlperiode nach dem Krieg!), und im Kabinett von Bundeskanzlerin Merkel sind fünf Ministerinnen vertreten. Selbst in traditionellen Männerdomänen wie z.B. in Jagdvereinen ist ein Frauenanteil von 50 Prozent unterdessen üblich.
Die statistischen Trends widersprechen also all jenen, die in der Gleichberechtigung eines der dringendsten Probleme unserer Zeit sehen. Doch es gibt ein Problem, das weit über die relative Stellung von Frauen im Vergleich zu Männern hinausgeht. Die vergangenen Jahre haben zwar die zunehmende Gleichstellung von Frauen gebracht. Sie fallen jedoch auch durch ein hohes Maß an sozialer, politischer und wirtschaftlicher Ambitionslosigkeit auf. Dies wirft die Frage auf, was die Emanzipation wirklich bedeutet. Zugespitzt könnte man sagen: Es geht uns zwar besser als je zuvor, und wir schauen mit Argusaugen auf die Männer, damit diese auch wirklich mindestens die Hälfte der Hausarbeit übernehmen, aber wir können uns an diesem Fortschritt nicht richtig freuen. Im Zentrum der gegenwärtigen Stimmungskrise steht nicht der Geschlechterkampf, sondern vielmehr eine tiefer liegende gesellschaftliche Unzufriedenheit, die Frauen und Männer gleichermaßen betrifft.
 

„Die öffentliche Welt hat sich zwar für Frauen geöffnet, ist aber gleichzeitig für alle – also auch für Männer – kleiner, langweiliger und ambitionsloser geworden.“



Lebenskrisen
Frauen haben heute große Chancen und Möglichkeiten und stellen plötzlich fest, dass ihnen diese nicht mehr allzu viel bedeuten. Nehmen wir als Beispiel die Berufstätigkeit: Unsere Mütter setzten sich einst dafür ein, arbeiten zu dürfen und am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Eine berufliche Tätigkeit galt in der Regel als abwechslungsreicher und fordernder als die begrenzte, isolierende Welt des eigenen Heims. Die finanzielle Unabhängigkeit, die Frauen hierdurch erlangten, wurde als erster Schritt hin zu einem selbstbestimmten Leben gewertet.
Berufstätigkeit ist dagegen heute kein besonders spannendes Thema mehr. Nicht nur Top-Manager und erfolgreiche Karrierefrauen, sondern auch Regierungsvertreter sorgen sich um eine ausgewogene Work-Life-Balance. Teilzeitarbeit, die früher als minderwertig und nur für Frauen wirklich geeignet galt (über 80 Prozent der Teilzeitbeschäftigten sind Frauen), wird heute auf der Homepage des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales als eine der freien und persönlichen Lebensgestaltung entgegenkommende Beschäftigungsform angepriesen. [5] Eine Erhebung im Auftrag des Bundesarbeitsministeriums ergab, dass 38 Prozent der Vollzeitbeschäftigten bereit wären, ihre Arbeitszeit zu verkürzen. Die Zustimmung zur Teilzeit steigt, je jünger die Befragten sind, je höher ihr Bildungsabschluss und je größer ihr Haushaltseinkommen sind. Arbeitsmarktbeobachter kommen sogar zu dem Schluss, dass diejenigen Unternehmen hoch qualifizierte Fachkräfte leichter halten, wenn sie Teilzeitmodelle anbieten. [6]
Auch die sozialen Institutionen der Arbeitswelt, wie z.B. die Gewerkschaften, in denen sich Frauen engagieren und einen gesellschaftlichen Beitrag leisten konnten, sind zunehmend bedeutungslos geworden. Ähnliche Veränderungsprozesse beobachten wir im Bildungssektor. Mädchen, denen eine weitergehende Bildung einst regelrecht verwehrt wurde, haben heute Zugang zu allen Bildungsinstitutionen. Doch die Diskussionen über sinkende Standards und der Ansehensverlust des Abiturs zeigen, dass höhere Bildungsabschlüsse längst nicht mehr die gleiche gesellschaftliche Bedeutung haben wie früher. Diese Abwertung des öffentlichen Lebens wird vielleicht in der Politik am deutlichsten. In einer Zeit, in der nur noch die Hälfte der Bürger wählen geht, kann auch eine Bundeskanzlerin niemanden recht begeistern. Wer möchte schon als Frau in einem Kabinett sitzen, das mehr mit verwaltungstechnischen Streitigkeiten oder kleinlichen Profilierungskämpfen beschäftigt ist als mit wirklicher, Gesellschaft gestaltender Politik?
Ein Wertewandel – weg von den traditionellen, „härteren“ männlichen Werten (Rationalität, Risikobereitschaft, Selbstdisziplin, Kontrolle der eigenen Gefühle), hin zu den sogenannten „weicheren“ weiblichen Werten, die als gefühlvoller und empathischer gelten – begleitet und rechtfertigt diese Abwendung vom öffentlichen Leben. Doch die sogenannten weiblichen Werte sind alles andere als positiv, da sie die bestehende Perspektivlosigkeit und Fixierung mit dem Persönlichen nur bestärken. Auch sind sie nicht femininer als Bügeln oder schlechtes Einparken. Die öffentliche Welt hat sich zwar für Frauen geöffnet, ist aber gleichzeitig für alle – also auch für Männer – kleiner, langweiliger und ambitionsloser geworden.


Feminisierung der Gesellschaft
Frauen haben also endlich die Gleichberechtigung erhalten, aber nicht, weil die Gesellschaft strukturelle Veränderungen vorgenommen hat, um die Grundlage der geschlechtlichen Ungleichbehandlung zu beseitigen. Vielmehr wurde die gegenwärtige Stabilität und ökonomische Flexibilität ausgenutzt, um eine breite, aber niedrig angesetzte Partizipation für beide Geschlechter zu ermöglichen. Die Spannungen, die die Rolle von Männern und Frauen in der Gesellschaft sowie die Vereinbarkeit der privaten und öffentlichen Sphären betreffen, sind weniger ausgeprägt als in der Vergangenheit, aber noch nicht überwunden. Die Debatten über Kinderbetreuung, Work-Life-Balance oder die Aufteilung der Hausarbeit sind Beispiele dafür, dass die alten Ideologien und Traditionen zwar erschöpft sind, aber nicht durch neue soziale Projekte ersetzt werden konnten. Das größte Problem ist der Mangel an wirklich konstruktiven Debatten darüber, wie dieses Problem zu überwinden ist. Die einen wünschen sich die alte Ordnung und damit die brave Hausfrau und Mutter zurück. Dass diese Rolle die Frauen jahrzehntelang benachteiligt hat, wird geflissentlich verleugnet oder nostalgisch verklärt, so auch bei Eva Herman. Die andere Seite befindet sich in einem künstlich angeheizten, staatlich geförderten Geschlechterkampf, bei dem es darum geht, den Druck auf Männer zu erhöhen.
Die klassische Frauenrolle wird nicht abgeschafft, sondern den Männern aufgebürdet. Wer als Mann nicht in die herkömmliche Frauenrolle schlüpfen möchte, kann im Zweifelsfall durch staatliche Erziehungsmaßnahmen (Vätermonat) weich geklopft werden oder auch an einer Therapie teilnehmen (um „weibliche“ Werte wie die emotionale Intelligenz zu erlernen). Eine auf dieser Grundlage basierende Gleichberechtigung ist keine wirkliche Emanzipation. Sie weist beiden Geschlechtern eine begrenzte gesellschaftliche Rolle zu. In der Vergangenheit hätte man vielleicht einen anderen, neuen Weg gesucht, bei dem Männer und Frauen gleichermaßen ihre Ambitionen verwirklichen können. Man hätte sich ehrlich und aufrichtig über Themen wie Kinderbetreuung oder die Ausgliederung häuslicher Tätigkeiten gestritten. Die jetzigen Debatten schränken dagegen unseren Horizont weiter ein und befördern neue Spannungen zwischen Männern und Frauen, die uns dann als der neue Geschlechterkampf verkauft werden.