17.09.2012

Das Dumme am Kiffen: Es verdirbt den Charakter

Von Rob Lyons

Die aktuellen wissenschaftlichen Studien zu mutmaßlichen Schäden durch Cannabiskonsum mal ganz außer Acht gelassen – wie wäre es mal mit einer moralischen Argumentation gegen Gras? Der Redakteur des britischen Novo-Partnermagazins Spiked erklärt, was ihn am Kiffen stört

Ein Freund erzählte mir einmal von einer Unterhaltung in einem Restaurant in Edinburgh, in dem er damals arbeitete. Das Küchenpersonal unterhielt sich darüber, welche wohl die gefährlichste Droge sei. Tabak? Oder vielleicht der Alkohol? Sicher wäre Heroin ein Kandidat. Der Chefkoch meinte aber direkt: „Cannabis ist’s. Das Zeug hat Euch dermaßen das Gehirn verhunzt, dass Ihr überhaupt nicht mehr mitbekommt, wie sehr es Euch schadet.“

Diese Anekdote kam mir sofort in den Sinn, als ich die Meldungen über eine aktuelle Studie zu den Langzeitfolgen des Cannabisrauchens las. [1] Die Studie ist das Ergebnis eines Forschungsprogramms, das das Leben von mehr als 1000 Kindern, die 1972/73 in der Stadt Dunedin im Süden Neuseelands geboren wurden, begleitete. Als Hauptbefund kam heraus, dass Versuchspersonen, die in ihrer Jugend mit dem Cannabisrauchen angefangen hatten, in einer Anzahl kognitiver Tests weniger gut abschnitten als die, die erst im Erwachsenenalter begannen, den Joints zu frönen.

Die Forscher legen nahe, dass dies – ziemlich offensichtlich – zeige, dass Cannabis eben nicht harmlos sei. Insbesondere argumentieren sie aber, dass der Konsum einer verhältnismäßig stark psychoaktiv wirkenden Droge in den Teenagerjahren, einer Zeit, in der Teile des Gehirns noch in der Entwicklung begriffen sind, eine besonderes Problem darstelle.

Der Aufsatz, der in den Proceedings of the National Academy of Sciences veröffentlicht wurde, vermeldet: „Über 20 Jahre anhaltender Cannabiskonsum war mit einem neuropsychologischen Niedergang verbunden. Bei sehr regelmäßigen Nutzern war dieser noch ausgeprägter. […] Insgesamt bestätigt dieser Befund die Annahme, dass Cannabiskonsum in der Jugend, in der das Gehirn eine entscheidende Entwicklung durchläuft, neurotoxische Folgen zeitigen könnte.“

Tatsächlich lässt sich definitiv aus dieser Studie herauslesen, dass Personen, die in einem frühen Lebensalter mit dem Rauchen von Marihuana anfangen, in späteren Jahren weniger gut bei IQ- und anderen kognitiven Tests abschneiden. Allerdings könnte die Ursache-Wirkung-Beziehung auch umgekehrt sein – nämlich, dass Betroffene aufgrund ihrer kognitiven Schwächen früher mit dem Cannabisrauchen beginnen – möglicherweise als eine Art Selbstmedikation. Während die von den Forschern nahegelegte Verbindung plausibel erscheint, ist es schwierig, ein eindeutiges Urteil zu fällen. Darüber hinaus wäre eine logische Folge dieser Behauptung, dass ein nach dem 18. Lebensjahr erfolgter Einstieg in den Cannabiskonsum dem Hirn nicht schadet.

Trotzdem dürften derartige Forschungsergebnisse ein Ärgernis für all jene sein, die in den letzten Jahren dem angeblich schädlichen Alkohol das Cannabis als sichere und freundlichere Alternative gegenübergestellt haben. Cannabis ist die Droge der Wahl für diejenigen, die harmlose Kiffer lärmenden, ungestümen Trinkern vorziehen.

Das Problem ist, dass diese Interpretationen der Studienergebnisse, wie heute üblich falsch und richtig anhand des Risikos und nicht der Moral bewerten. Unsere Essenswahl wird also stets aus dem Blickwinkel von Fettleibigkeit, Diabetes und anderen Gesundheitshysterien betrachtet, und nicht gemäß so altmodischer Konzepte wie der Sättigung (im Gegensatz zur Fresssucht) und dem Genuss. Das Rauchen wird als etwas inhärent Böses wahrgenommen, weil das aktive Rauchen definitiv das Risiko erhöht, an bestimmten chronischen Krankheiten zu erkranken und weil Raucher im Schnitt vor Nichtrauchern sterben. Ob wir jetzt mit dem Auto fahren oder das Flugzeug nehmen – alles muss unter Berücksichtigung der möglichen Risiken für den Planeten durch den Klimawandel abgewogen werden.

All das ist ein hundsmiserabler Ersatz für das vertrackte und komplexe Geschäft, mit der Moral zu ringen, sich ernsthaft zu befragen, wie man sein Leben am besten führen soll. Von vornherein falsch ist weder Konsum von „Junkfood“ noch das Rauschtrinken oder Vollkiffen. Alles zu seiner Zeit praktiziert kann Genuss bereiten, gar die Lebensqualität erhöhen.

Es geht auch nicht nur um die Frage der Dritteinwirkung, die man durch diese Aktivitäten erzielt – eine Frage, die heutzutage nur allzu oft zu wissenschaftlich fragwürdigen Debatten über „Passivrauchen“ oder Eingriffe in schlechte Angewohnheiten „den Kindern zuliebe“ führt. Selbstverständlich ist es richtig, bei der Betrachtung der eigenen Handlungen auch die Gefühle Außenstehender zu berücksichtigen; wir sollten uns allerdings nicht mittels erfundener Gefährdungen Dritter einen dermaßen starken Schuldkomplex einreden lassen, dass wir uns einer gesundheitsfetischistischen Verbotskultur unterwerfen.

Der Aspekt, der in den ganzen Debatten unserer Tage zu fehlen scheint, ist die Frage, ob es moralisch sein kann, einfach nur so vor sich hin zu existieren. Ganz gleich, ob sie den Vollgedröhnten betrifft, den Säufer oder sonst jemanden, der lediglich Raum einnimmt in dieser Welt, ohne wirklich aktiv darin zu leben – Kritik an Menschen, die sich nicht bemühen, ihren Platz in der Welt zu finden, sondern einfach darauf vertrauen, dass die Gesellschaft sie schon auffangen wird, ist durchaus legitim.

Hier geht nicht darum, über die Handlungen anderer zu moralisieren und persönliche Geschmacksunterschiede in ethische Standpunkte zu kleiden. Dies ist definitiv auch kein Fanfarenruf für ein klassisches staatliches Durchgreifen. Es gibt eine große Vielfalt legitimer Lebensweisen – ansonsten wären Wertediskussionen auch sinnlos –, und Toleranz anderen gegenüber ist eine Tugend, die wir alle verfechten sollten. „Jedem Tierchen sein Pläsierchen“ würde der Mann an der Ecke mit seinem Joint jetzt zweifellos sagen.

Es geht vielmehr darum, aufrichtig zu werten, also das, was de facto Werturteile sind, vielleicht auch politisches Taktieren, nicht hinter einer Nebelwand aus Wissenschaft oder Statistik zu verstecken. Durch den Verfall althergebrachter und sehr oft auch einschränkender Normen und Lebensweisen scheint in den letzten Jahrzehnten auch die Idee einer Wertedebatte als solche in Frage zu stehen. Die kleinkarierten Autoritären dieser Welt sind dankbar dafür, dass das heikle Problem des Werturteils durch reine Risikoscheu ersetzt wurde. Warum noch jemanden von der Richtigkeit eines Lebensentwurfs überzeugen, wenn man ihn einfach durch Angst auf Linie bringen kann?

Natürlich ist es gut zu wissen, worauf man sich einlässt, und die Gefahren zu kennen, bevor man zur Tat schreitet. Ich bezweifle jedoch dass Eltern jemals eine Längsschnittstudie benötigt hätten, um zu erkennen, dass ihre Kinder durch Marihuanakonsum ihren geistigen Fähigkeiten keinen Gefallen tun. Allerdings können wir Urteile über unser Leben nicht allein auf einer derartig groben Grundlage fällen.

Wenn ich also ein Problem mit dem Kiffen habe, dann hat das nichts mit den langfristigen Gesundheitsrisiken zu tun. Ebenso wenig habe ich ein Problem damit, wenn sich jemand ab und zu einen Joint gönnt. Mich stört die Aussteigerhaltung, diese Nichtstun- und die „Entspann-Dich-Alter“-Einstellung, die so viele Kiffer ausstrahlen. Schlimmer noch: Der kulturelle Trend, diese quasi berufsmäßige Nutzlosigkeit als etwas Positives darzustellen, ist richtiggehend unmoralisch.

Während ich diesen Artikel abschließe, ist mir durchaus bewusst, dass das Trinken einer erheblichen Menge an Alkohol wahrscheinlich meinen Schlaf ruinieren, mir Kopfschmerzen verursachen und vielleicht sogar meine Leber schädigen wird. Trotzdem gehe ich heute Abend auf eine Party, und ich habe fest vor, mehr als die empfohlene Tagesdosis zu trinken, und dabei zweifellos ein paar tausend Gehirnzellen zu vernichten. Ich werde es mir also im Kreise von Freunden gut gehen lassen, aber auch am nächsten Morgen aufstehen und zur Arbeit gehen. So sieht ein Werturteil in der Praxis aus – weitaus besser als all dieses Trink-dies-und-stirb oder Rauch-jenes-und-stirb.