01.07.1999

Damen-Ohrfeige gegen Busengrapscher

Analyse von Katharina Rutschky

Bei diversen Ausführungen zum Thema “Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz” dreht es sich um Hirnwäsche seitens engagierter Forscherinnen, die gut beraten wären, auch einmal Feindkontakt aufzunehmen.

Der Weg in die total anständige Gesellschaft ist mit viel Papier gepflastert. Seit ich mich mit Sexualpolitik befasse, werde ich aber den Eindruck nicht los, daß niemand sich die Mühe macht, die Veröffentlichungen kritisch gegenzulesen, in denen die Horrorszenarien zuerst Gestalt annehmen, ehe sie dann als kurze, aber deftige Schreckensmeldung den Zeitungsleser und Radiohörer erreichen. Noch hat man kaum verarbeitet, daß jede Frau ein potentielles Opfer patriarchaler Brutalität, jedes dritte, vierte Kind und Mädchen sexuell mißbraucht wird, schon fällt der nächste Schlag: Zwei Drittel der Frauen im Beruf sexuell belästigt, hört und liest man heute überall, und mit dieser überraschenden Information sollen immer wieder neue Regeln und Gesetze plausibel gemacht werden, die diesem endlich enthüllten gesellschaftlichen Übelstand Rechnung tragen.
In der Hauptsache werden private und öffentliche Arbeitgeber darin verpflichtet, Büros und Betriebe zur “Wahrung der Würde von Frauen und Männern” belästigungsfrei zu gestalten, für alle Fälle eine ordentliche Beschwerdeprozedur zu organisieren und Führungskräfte mittels Fort- und Weiterbildung für das Problem zu sensibilisieren und handlungsfähig zu machen.
Was ist gegen die Ausweitung der Fürsorglichkeit mit ein bißchen staatlicher Nachhilfe einzuwenden? Kann denn überhaupt zuviel des Guten geschehen, wenn es darum geht, das Leben aller, aber besonders das der Schwachen und Hilflosen (Frauen und Kinder) sicherer und angenehmer zu machen? Es kann, wie die gräßlichen Pannen der Mißbrauchspädagogik (Stichwort: “Mißbrauch mit dem Mißbrauch”) landauf und landab inzwischen zur Genüge zeigen. Andererseits ist nicht zu übersehen, daß engagierte Sexualpolitiker mit dem Thema “sexuelle Belästigung” (S.B.) von der Tragödie und dem Melodram nolens volens ins Genre der Komödie wechseln müssen.

Das neue Verbrechen S.B., das erst gesellschaftsfähig gemacht werden muß, besteht ja bloß aus Blicken, anzüglichen Bemerkungen, eindeutigen Angeboten und Versprechungen; Busengrapschen und Pokneifen, Nachstellungen in die Aktenablage und aufgezwungene Küsse sind ja schon das Äußerste, was der Gesellschaftsreform als Tatbestand vorgegeben ist. Da stellt sich der Inszenierung das Problem, welches selbst Hollywood nicht lösen konnte. Ein Kaninchen ist eben nicht dämonisch, selbst wenn man es auf Wolkenkratzerformat bringt, und wenn es heißt “Killertomaten greifen an”, dann kann man sich höchstens totlachen.
Trotzdem blieb zaghafte Kritik am Reformvorhaben lange der CSU vorbehalten, die empfahl, gegen sexuelle Schmierenkomödianten mit der klassischen Damen-Ohrfeige vorzugehen. Diese Aufforderung stieß natürlich bei den engagierten Frauen, Frauenministerinnen und Frauenbeauftragten auf taube Ohren, denn Frau schützt sich nicht selbst, soll es nicht und kann es nicht. Frau wird geschützt von einem sich zusehends ausbreitenden staatsfeministischen Apparat. Mit welchen politischen Aussichten auf diese Weise notwendige Emanzipation (ich bin dafür) in Verwaltung und letztendlich allenfalls in Billig-Therapie überführt wird, davon gaben bereits früh zwei Untersuchungen über “S.B. am Arbeitsplatz” einen ziemlich schlechten Vorgeschmack. Die eine kam aus Bonn und war vom zuständigen Ministerium für Frauen und Jugend zur Fundierung der Gesetzesvorlage veranlaßt worden. Die andere, bescheidenere, kam aus dem Büro der Frauenbeauftragten an der FU Berlin.er[1]

Was einem da generell weisgemacht werden soll, ehe es losgeht mit der Empirie, ist: S.B. hat nie und nimmer etwas mit Sexualität zu tun. Jeder Belästiger bedient sich der Sexualität bloß als eines praktischen Vehikels, um Frauen, die sich in der Männerdomäne Arbeitswelt ein Plätzchen erkämpft haben, niederzumachen und einzuschüchtern. Gewiß, es gibt sexuell konnotierte Gemeinheit, etwa wenn ein Kollege seine Kollegin anzischt: “Wenn Sie einen Mann abgekriegt hätten, müßten Sie Ihren Frust nicht an mir ablassen!” Wenn andererseits eine Frau beim Überqueren des Fabrikhofs in der Mittagspause mit Blicken, Pfiffen und Kommentaren bedacht wird, dann kann das der Frau peinlich sein – daß aber dieses, stilistisch gesehen, prolohafte Männerverhalten nichts mit Sexualität, dafür aber um so mehr mit männlichem Dominanzverhalten zu tun hat, das halte ich für lebensfremd, um nicht zu sagen, für Hirnwäsche seitens engagierter Forscherinnen, die gut beraten wären, auch einmal Feindkontakt aufzunehmen.

Warum gibt es Pin-ups in Büros und Fabriken, wie seinerzeit am Soldatenspind? Um Frauen zu erniedrigen? Doch wohl kaum. Es geht wohl eher darum, der Trostlosigkeit von Krieg und Arbeitsmonotonie im Männerkollektiv einen bildlich-imaginären Ausweg freizuhalten. Stilistisch diskutabel, in der Sache kaum. Es geht um Sex.
Am meisten belästigt werden übrigens Frauen zwischen 20 und 30, 35, ungebunden und unverheiratet. Bierernst erläuterten uns das die Forscherinnen mit der Machtlosigkeit der Berufsanfängerin und dem minderen Status der nicht verehelichten Frau. Naheliegendere Ursachen der S.B. gerade für diese Altersgruppe werden schlicht ignoriert. Als Dame eines reiferen Jahrgangs kann ich aus Erfahrung versichern, das Problem der S.B. erledigt sich irgendwann einmal von selbst – so gesehen.
Wie erledigt man beziehungsweise Frau es nun aber aktuell? Wie andere Erlebnisse widriger Art auch: Im Gespräch mit Kolleginnen, Freundinnen und Freunden. Ein korrektes Bewußtsein dafür, daß S.B. ein Vorkommnis ist, das regelhaft amtlich gemacht werden müßte, fehlt den Frauen. Ja, auch die fürsorglichste Forschung an der FU Berlin kann die Tatsache nicht vernebeln, daß die allermeisten Frauen einen begrüßenswerten und unterstützungswürdigen Ehrgeiz haben, Vorkommnisse dieser Art selbständig und mit eigenen Mitteln zu bewältigen. Bedauerlich für alle AGs, die – im Zug einer weiteren Kolonisierung der Lebenswelt – der S.B. eine bürokratische Regelung mit geschulten Expertinnen zugedacht haben. Wenn dann dort das Telefon nicht klingelt, wie es offenbar oft der Fall ist, dann muß man sich das mit “Verdrängung” erklären, mit der noch unzureichenden “Enttabuisierung” des Problems. Raus aus der Schweigezone, rein in die Sprechstunde und weiter in die therapeutische Gesprächsrunde, wo alles aufgearbeitet wird.
Überhaupt ist das Ergebnis der Berliner Studie, verglichen mit den 72 Prozent, auf die die Bonnerinnen kamen, eine Enttäuschung: 34,8 Prozent der befragten Frauen waren es hier bloß, die eine Erfahrung mit S.B. meldeten. Dazu kommen interessante 12 Prozent, die nicht wußten, ob oder ob nicht. Anders ausgedrückt: Sie hatten kein Problem, das ihnen zu schaffen machte, sondern, bei aller Gutwilligkeit, ein Klassifikationsproblem. Kann Frau S.B. ausgesetzt werden, ohne es zu bemerken? Ihr mageres Ergebnis besserten die Berlinerinnen mit Vermutungen über die Dunkelziffer auf, obwohl die in der Umfrageforschung nun wirklich nichts verloren hat, und mit Nachfragen bei Frauen, die zwar selbst nicht betroffen sind, aber von anderen Fällen gehört haben.

Ich weiß aus Erfahrung, daß Kritik an Zahlenkonstruktionen, mit denen wir vom Umfang und der Dringlichkeit eines Mißstands überzeugt werden sollen, schnell mit tragischem Tremolo abgewehrt wird: Ist nicht eine einzige Frau (und einige mehr sind es natürlich, die böse Erfahrungen machen) genug, der ihr Arbeitsplatz vermiest und die zum Betriebswechsel gezwungen wird? Ja, so gesehen schon – bloß kann man dann schlecht einen allgemeinen Notstand ausrufen und S.B. zum Strukturmerkmal der Arbeitswelt ernennen. Da hat der Gegensatz von Kapital und Arbeit doch noch entschieden mehr Erklärungswert für sich, dessen Nachfolge in politischen Grundsatzdebatten der Geschlechterkampf offensichtlich angetreten hat. Nicht von ungefähr gleicht die harsche Kritik der Bonner Forscherinnen an den Frauen aufs Haar der, die seinerzeit so gern am falschen und fehlenden Bewußtsein der Werktätigen und den Spaltungsmanövern von Renegaten geübt wurde. Eine Stichprobe korrekter Opfer von S.B. (über frauenbewegte Stellen vermittelt) spricht den Bonnerinnen trotz indirekter Rede direkt aus dem Herzen: “Der Wirkungsgrad vorhandener Anlaufstellen werde eingeschränkt, da im Bewußtsein der Männer, aber auch vieler Frauen, S.B. zumeist nicht existiere. Außerdem fehle es an Solidarität. Die belästigten Frauen fühlen sich besonders von ihren Kolleginnen im Stich gelassen, die aus Angst vor Sanktionen schweigen oder sich sogar den Männermeinungen anschließen, um sich nicht unbeliebt zu machen. So lange die Frauen gegeneinander arbeiten, und sich von den Männern entzweien lassen, werde sich das Problem der S.B. nicht lösen lassen.”

Resümiere ich meine Leseerfahrung, dann ergibt sich unterm Strich, daß auch die engagierteste Forschung es nicht schafft, “S.B. am Arbeitsplatz” zu einem Notstand zu stilisieren, dem mit Gesetzen, Spezialisten, Anlaufstellen, Ämtern und Therapieangeboten begegnet werden muß. Die Basis fehlt, nicht zuletzt die massenhaft weibliche. Gefragt, wie sie S.B. definieren würden, denken die meisten Frauen (und Männer) an krasse Fälle von Machtmißbrauch und Nötigung, die auch heute schon geahndet werden können und eben doch sehr selten sind. Weiter gefragt, wissen zwar viele Frauen Vorkommnisse zu berichten, die man unter “S.B.” rubrizieren kann (kumpelhaftes Verhalten zählen die Forscherinnen auch dazu, dito Flirtversuche, wo Sachlichkeit geboten wäre) – sie geben aber nur sehr unzureichend zu erkennen, daß sie damit nicht allein fertig werden oder es doch versuchen wollen.
Die Pleite bei der Basis gleicht die Bonner Studie durch die Einvernahme sogenannter Ansprechpersonen aus den Chefetagen aus. Die haben zwar auch noch nicht viel von S.B. mitgekriegt, triefen aber von Verantwortungsbewußtsein für ihre Untergebenen und werden sich Fortbildungsmaßnahmen gewiß nicht entziehen. So wird uns ein aufgesetzter Feminismus von doktrinärem Charakter noch lange erhalten bleiben. Sexualpolitisch segelt er längst im Fahrwasser der alten Reaktion.