27.01.2012

Celtic-Fans, ihr singt nicht mehr

Kommentar von Kevin Rooney

In Schottland tritt demnächst ein Gesetz in Kraft, dass das Singen "sektiererischer oder beleidigender Lieder" bei Fußballspielen mit drastischen Strafen belegt. Erste Fans wurden schon verhaftet. Über einen massiven Eingriff in die Redefreiheit

Stellen Sie sich diese Szene vor: Eine Razzia im Morgengrauen. Eine Busladung Polizeibeamter schlägt eine Haustür ein. Ein 17-Jähriger wird aus seinem Haus geschleppt und weggefahren. Er wird einer Straftat beschuldigt und erscheint vor Gericht. Seine Verteidiger beantragen eine Freilassung gegen Kaution, aber das Gericht entscheidet, dass sein Verbrechen dafür zu schwerwiegend ist. Also wird er in eine Gefängniszelle gebracht und in Untersuchungshaft behalten.

Was war sein Verbrechen? Terror? Vergewaltigung? Nein, dieser 17-Jährige wurde dafür eingesperrt, dass er ein Lied gesungen hat. Wo war das? Iran? China? Saudi-Arabien? Nein – es war in Glasgow, Scotland, wo der 17-Jährige Lieder gesungen hat, die nun von den Behörden als kriminell eingestuft wurden. Der Jugendliche wurde wegen der „religiös motivierten“ Störung des öffentlichen Friedens und dem Versuch, sich dem Zugriff der Strafverfolgungsbehörden zu entziehen, unter Anklage gestellt.

Warum haben Sie von diesem Fall nichts gehört? Warum twittern Bürgerrechtsgruppen nicht wie wild über diesen Angriff auf die Freiheit? Weil der betroffene junge Mann ein Fußballfan ist. Noch schlimmer, er ist Fan eines der „Old Firm“-Teams (die „katholischen“ Celtic Glasgow und die „protestantischen“ Glasgow Rangers), die für ihre historische Rivalität bekannt sind. Die Lieder, die er gesungen hat, sind Fußballlieder, die nicht jedermanns Sache sind.

Ende letzten Jahres wurden strenge neue Gesetze durch das schottische Parlament geboxt, die Fans für das Singen von sektiererischen oder beleidigenden Liedern bei Fußballspielen oder für das Posten beleidigender Kommentare im Internet mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestrafen können – und der 17-Jährige geriet mit diesen, zum Verhaftungszeitpunkt noch nicht einmal verabschiedeten Gesetzen in Konflikt - offziell tritt das Gesetz in wenigen Wochen, am 1. März, in Kraft.

Dieser Fall ist bei weitem kein Einzelfall. Der junge Mann ist lediglich das jüngste Opfer einer neuen Einschüchterungspolitik, die sich gegen Celtic- und Rangers-Fans richtet. Vor der offiziellen Verabschiedung der neuen Gesetze hat es schon unzählige andere Verhaftungen bei oder nach Fußballspielen gegeben. Wie ich an anderer Stelle bei Spiked berichtet habe, wurde im Herbst 2011 Stephen Birrell, ein Rangers-Fan, für acht Monate eingesperrt, weil er seinen Hass auf Celtic-Fans auf seiner Facebook-Seite zum Ausdruck gebracht hatte. In Schottland ist nun traurigerweise das, was die Leute sagen und schreiben, ein hinreichendes Kriterium dafür, sie einzusperren. Die jahrhundertealte Unterscheidung zwischen Wort und Tat wird abgeschafft.

Da jegliche Kritik von Bürgerrechtsgruppen ausbleibt, obliegt es den Fans allein, sich gegen die Gesetzesvorschläge zur Wehr zu setzen. Obwohl sie als ungebildete sektiererische Eiferer dargestellt werden, haben viele Celtic-Fans sich als intelligente und sprachgewandte Verteidiger der Meinungsfreiheit gezeigt. Eine Gruppe namens „Celtic-Fans gegen Kriminalisierung“ (Celtic Fans Against Criminalisation) hat den Äther genutzt, um gegen Zensur zu streiten, und es geschafft, 2.000 Menschen für eine öffentliche Demo gegen die neuen Gesetze im Zentrum Glasgows zu mobilisieren.

Durch die Diskussion um den am 14. Dezember des vergangenen Jahres verabschiedeten Offensive Behaviour at Football and Threatening Communications Act (Gesetz gegen beleidigendes Verhalten beim Fußball und bedrohende Äußerungen), war das Liedersingen zum Hauptziel der unbarmherzigen Polizeiarbeit geworden. Die schottische Polizei hat die UEFA überzeugt, eine Untersuchung des „gesetzwidrigen Singens“ durch Celtic-Fans bei einem Heimspiel gegen die französische Mannschaft Rennes durchzuführen.

Ebenso mussten die Rangers 35.000 Pfund Strafe zahlen und ihre Fans wurden für das nächste Europapokalspiel gesperrt, weil sie während einer Partie gegen den PSV Eindhoven sektiererische Lieder gesungen hatten. Um nicht hinten anzustehen hatte die schottische Premier League eine offizielle Untersuchung des Singens von beleidigenden Liedern bei einem Spiel gestartet, das schon mehrere Wochen zuvor stattgefunden hat. Die Dinge haben eine derartig groteske Dimension entwickelt, dass eine schottische Zeitung in der Berichterstattung über das Spiel eines Teams mit dem wohlklingenden Namen Inverness Caledonian Thistle gegen Celtic Glasgow den von den Celtic-Fans gesungenen Liedern mehr Raum widmete als der Leistung der Teams auf dem Platz.

Warum wird etwas, was immer Teil der Old-Firm-Tradition war – nämlich das Singen irisch-republikanischer Lieder durch Celtic-Fans und loyalistischer Anti-IRA-Liedern durch Rangers-Fans – plötzlich zu einem Riesenproblem erklärt? Natürlich sind irische Rebellenlieder nicht nach jedermanns Geschmack. Ironischerweise werden sie – da die Erinnerungen an den irischen Konflikt blasser werden –, ohnehin seltener gesungen. Im Gegensatz zu den Behauptungen der Medienberichte gehören IRA-Lieder nicht mehr zum Celtic-Fan-Repertoire.

Nichtsdestotrotz sind diese Lieder, die mit den loyalistischen Gesängen der Rangers-Fans zusammenprallen, in dem Maße, in dem sie noch gesungen werden, seit Jahrzehnten ein akzeptierter Teil der Old-Firm-Spiele. Der Gedanke, dass sie die Masse der gegnerischen Fans beleidigen können, ist ein Mythos, der sich schnell zur selbsterfüllenden Prophezeiung entwickelt – nicht zuletzt weil immer mehr Personen des öffentlichen Lebens versuchen, ihre eigene „anti-sektiererische Haltung“ dadurch zu belegen indem sie genau diese angeblich „hasserfüllte Lieder“ so scharf verurteilen. Das Celtic-Spiel gegen Rennes, das zum Gegenstand einer UEFA-Befragung wurde, war eigentlich eine friedliche, freundliche Begegnung, bei der einige Fans den ohne Frage verblüfften französischen Fußballfans irische Rebellen-Lieder vorsangen. Es ist schwer sich vorzustellen, was der 17-Jährige, der verhaftet wurde, weil er angeblich IRA-Lieder gesungen hat, bei diesem Celtic-Rennes-Spiel getan haben soll, um den Frieden von irgendwem zu stören.

Die Kriminalisierung und Dämonisierung der Old-Firm-Fußballfans durch die dicht gedrängten Reihen von schottischer Regierung, Polizei und Medien ist ein ernsthaftes Problem. Weit davon entfernt, den „sektiererischen Konflikt“ im schottischen Fußball zu befrieden, haben die neuen zensorischen Gesetze und die begleitende Polizeikampagne zu einem dramatischen Zuwachs an Spannungen geführt, bei der die Fans ermutigt werden, sich gegenseitig zu bespitzeln, sich bei jedem Kommentar beleidigt zu fühlen und gegnerische Fans an die Polizei zu melden. In einem Teufelskreis werden immer mehr rivalisierende Fans beschwatzt und bedrängt, beleidigende Vorfälle zu berichten. Dann gibt es umso mehr Verhaftungen und umso mehr können die Behörden solche Zuwächse der Verhaftungen als Rechtfertigung für neue Gesetze und Sanktionen heranziehen. Es ist ein offenes Geheimnis, dass während der letzten sechs Monate vor Verabschiedung der neuen Gesetze die Polizei das Stadion von Celtic Glasgow, den Celtic Park, wegen jedes noch so entferntesten Hinweises auf das Singen eines republikanischen Liedes hin durchkämmt hat. Durch die Verfolgung und Verhaftung dieser singenden Menschen wurde der Öffentlichkeit suggeriert, dass es so etwas wie massenhafte, religiös motivierte Hassverbrechen in Fußballstadien tatsächlich gebe. Es ist kein Zufall, dass in der Woche vor der Abstimmung über das Gesetz neue und scheinbar schockierende Verhaftungszahlen an die Medien herausgegeben wurden.

Der 17-Jährige wurde schließlich nach einer erfolgreichen Kampagne von der Celtic Fans Against Criminalisation aus dem Gefängnis entlassen. Aber es ist an der Zeit, dass andere, vor allem diejenigen, die von sich behaupten, für freie Meinungsäußerung einzutreten, ihre Stimmen mit den Gegnern dieser tyrannischen neuen Gesetze erheben. Wenn wir uns zurücklehnen und erlauben, dass Leute dafür eingesperrt werden, dass sie Dinge sagen oder singen, die der Staat nicht mag, dann werden wir wohl kaum in der Lage sein, uns zu wehren, wenn der Staat sich plötzlich mal entscheiden sollte, auch hinter uns her zu sein.