22.11.2010

Castor und Leukämie

Analyse von Walter Krämer

Die jüngsten Bilder aus dem Wendland zeigen es erneut: Bei dem Wort Atomkraft hört bei vielen Bundesbürgern das rationale Denken auf.

Die jüngsten Bilder aus dem Wendland zeigen es erneut: Bei dem Wort Atomkraft hört bei vielen Bundesbürgern das rationale Denken auf. Ein Castor kann von einer Brücke fallen, vom Blitz getroffen oder von einer Kanone beschossen werden – nicht die geringste Radioaktivität entweicht. Und dann tritt eine ansonsten vor allem als Genitalexpertin und Verfasserin der “Feuchtgebiete” bekannte Mediengröße vor die Kameras und spekuliert, wie viele Polizisten, die den Castor begleiten, demnächst wegen der Bestrahlung wohl an Leukämie versterben werden.

Dass Frau Roche das glaubt, ist nicht weiter schlimm –nicht jeder muss etwas von Physik verstehen. Aber dass dergleichen Unfug auch noch im Fernsehen gesendet wird, ist ein Skandal. Denn ganz offensichtlich glauben auch viele Journalisten selbst daran. Und dass sie daran glauben, ist das Ergebnis einer fast schon kriminellen Desinformationskampange, die vor allem von der Partei. Bündnis90/Grüne seit Jahrzehnten betrieben und von ihren Claqeuren in den Medien unbesehen aufgeblasen wird.

Das letzte Beispiel ist eine im Herbst 2009 publizierte Studie der Grünen zu Leukämie bei Kindern, die in der Nähe von Kernkraftwerken wohnen. Für 69 Kernkraftwerke in sechs Ländern wurden dabei über eine Anzahl Jahre 2127 Fälle von Leukämie bei Kindern im Alter unter fünf gefunden. Wäre im Umkreis von Kernkraftwerken die Häufigkeit die gleiche wie im Rest der jeweiligen Länder, hätten es aber nur 1968 sein dürfen, also die Pressemitteilung: „AKW erhöhen das Leukämierisiko“.

Wo aber blieben die restlichen mehr als 200 Kernkraftwerke, die es derzeit weltweit gibt? Was war in den Jahren, die in der Studie nicht berücksichtigt worden sind? Allein das Ausklammern dieser Antworten disqualifiziert die Aussage von vornherein. Angesichts des riesigen Medieninteresses an allen Abnormalitäten um die Kernkraft herum darf man wohl vermuten, dass eine erhöhte Leukämiehäufigkeit, hätte sie denn stattgefunden, auch bekannt geworden wäre. Also ist die Abwesenheit derartiger Berichte ein Indiz, dass es keine Auffälligkeiten gab.

Nochmals folgenreicher ist das völlige Ignorieren wichtiger weiterer Faktoren, von denen bekannt ist, dass sie mit Kinderleukämie in Verbindung stehen (wenn auch das letztlich verursachende Prinzip noch nicht gefunden worden ist). So steigt etwa die Wahrscheinlichkeit von Leukämie bei Kindern deutlich mit dem Einkommen der Eltern an. Als Ursache wird vermutet, dass Kinder, die in wohlhabenden Elternhäusern behütet aufwachsen, weniger Antikörper entwickeln. Auch die Hautfarbe und die soziale Mobilität spielen eine Rolle. In den USA stellt man bei schwarzen eine fast doppelt so hohe Leukämierate wie bei weißen Kindern fest; noch höher ist sie bei Latinos. Und auch mit wachsender Mobilität der Bevölkerung steigt die Wahrscheinlichkeit einer Leukämierkrankung an.

Die mit Abstand höchste Leukämierate bei allen in der Grünen-Studie untersuchten Standorten – ein Mehr von 104 gemeldeten Fällen – findet sich um das Kraftwerk San Onofre im San Diego County in Kalifornien. Dort leben nur sehr wenige Farbige und viele Latinos. Außerdem ist San Diego die viertreichste Stadt der USA und der größte Marine-Stützpunkt der ganzen Welt, es ziehen ständig Familien fort und zu. Damit sind sämtliche als leukämiefördernd nachgewiesenen Faktoren in San Diego County höher als andernorts.

Lässt man aber dieses eine Kraftwerk aus der Grünen-Studie weg und fügt zwei andere, sei es in manipulativer Absicht oder aus Schlamperei übersehene neuere Erhebungen hinzu, wird aus dem anfänglichen Überschuß an Leukämie ein Defizit – in der Umgebung von Kernkraftwerken erkranken jetzt nicht mehr Kinder an Leukämie als anderswo, sondern weniger. Wann werden wir die ersten Fernsehdokumentationen sehen: Kernkraftwerke schützen vor Leukämie?

Das in dieser Grünen-Studie vorgeführte Muster ist immer das gleiche: Man sucht, bis man findet. Und finden tut man immer etwas. Mit dem gleichen Argument haben amerikanische Statistiker „bewiesen“, dass auch katholische Kirchen Leukämie erzeugen. Man könnte auch Currywurstbuden oder Geschäftsstellen der Grünen nehmen. Der amerikanische Mathematiker Alexander Dewdney hat in seinem Bestseller “200% of Nothing” dergleichen Vorgangsweisen einmal “numerischen Terrorismus bei Atomkraftwerken” genannt (“numerical terrorism at the nuclear plant”). Es ist ein trauriges Zeichen für die Medienmacht der Gutmenschenmaffia hierzulande, dass dieser Passus in der deutschen Übersetzung fehlt.