01.09.2002

Brasilien ist Europameister

Analyse von Stefan Chatrath

Nachbetrachtungen zur vergangenen Fußball-WM von Stefan Chatrath.

Fußball-Europa bleibt das Maß aller Dinge

Selten geriet bei einer WM die globale Fußball-Ordnung so sehr ins Wanken wie bei der vergangenen. Auch wenn mit Brasilien und Deutschland zwei der alten Mächte das Finale unter sich ausmachten: Verrückte Resultate, Favoritensterben und Überraschungsteams prägten den Turnierverlauf von der ersten Sekunde an. Südkorea und die Türkei im Halbfinale, die USA und WM-Neuling Senegal unter den besten Acht der Welt – wer hätte das vor der WM zu prognostizieren gewagt?

Die Ursache für den Aufstand der „Kleinen“ war schnell ausgemacht: „Durch die Globalisierung rückt auch der Fußball zusammen, die einst führenden Nationen sind die Leidtragenden“, schrieb Jupp Heynckes im Kicker. Oliver Kahn bewertete die „verrückteste WM aller Zeiten“ (sport1.de) als besonderes Signal: „Als Zeichen unserer Zeit, dass die Welt zusammenwächst.“

In der Tat hat die WM eines deutlich gezeigt: Die Mannschaften sind sich hinsichtlich der technischen, taktischen und physischen Leistungskraft sehr viel näher gekommen. Doch ob von einer Globalisierung des Fußballs gesprochen werden kann, darf stark bezweifelt werden. Der relativ große Erfolg der kleinen Fußball-Nationen ist vielmehr das Resultat einer zunehmenden Konzentration des Elite-Fußballs in Europa. Dank des Bosman-Urteils und den ansehnlichen Einnahmen aus Vermarktung und Kommerzialisierung konnten in den letzten Jahren zahlreiche Top-Spieler in die Alte Welt gelockt werden – darunter auch viele Akteure aus (vermeintlichen) Fußball-Entwicklungsländern: Bis auf die Reservetorhüter sind z.B. alle senegalesischen Nationalspieler in Europa tätig, das Gros in Frankreich; bei den Amis verdienen derzeitig fünf Stammspieler ihr Geld bei europäischen Vereinen; aus der türkischen Elf, die Senol Günes gegen Südkorea auflaufen ließ, stehen sechs Akteure in Bundesliga, Serie A, Premier League und Primera Division unter Vertrag. Selbst aus Korea und Japan werden gegenwärtig mehr Profis in die europäischen Ligen importiert als Europäer in die K- und J-League. Kurzum: Innerhalb der letzten vier Jahre sind die Grenzen im internationalen Spieleraustausch entgültig gefallen. Das illustriert auch die folgende Zahl: 75 Prozent der WM-Teilnehmer sind bei europäischen Fußball-Klubs unter Vertrag.

Die Fußball-Welt ist also in den letzten Jahren nicht globaler, sondern immer europäischer geworden – zum Vorteil der Spieler aus Afrika, Asien und den kleinen Fußball-Nationen. Die Stars dieser WM – der Koreaner Ahn, der Japaner Inamoto oder auch der Senegalese Diouf – entwickelten sich erst durch ihr Engagement in den europäischen Ligen zu tragenden Säulen ihrer jeweiligen Nationalmannschaft. In Europa wurden sie Tag für Tag auf höchstem Niveau geschult und mussten lernen, sich im internationalen Spielbetrieb zu behaupten. Die Entscheidung, sich dem harten Wettbewerb auf den europäischen Fußballbühnen zu stellen, hat sich ausgezahlt: Anstelle von einem halben Dutzend konkurrieren nun gleich ein Dutzend Nationalmannschaften ernsthaft um den WM-Titel – und Europa ist immer mit von der Partie.

Trotz aller Kritik: Das Niveau dieser WM war erstklassig

„Das Finale hat die gesamte WM widergespiegelt. Es war ein schlechtes Spiel und eine schlechte WM“, zürnte das argentinische Fußball-Idol Diego Armando Maradona gleich nach Schlusspfiff der Partie zwischen Deutschland und Brasilien in Yokohama. Zahlreiche Experten, darunter auch Franz Beckenbauer und Michel Platini, schlossen sich der Meinung Maradonas an und beschwerten sich über das (angeblich) niedrige Niveau der fußballerischen Darbietungen: „Ich habe selten guten Fußball gesehen“, sagte der Franzose Platini im Kicker.

Bei allem Respekt vor den Fußball-Größen: Das Niveau dieser WM war erstklassig, vielleicht sogar höher als jemals zuvor. Bis auf Saudi-Arabien und China waren die WM-Teilnehmer in punkto Kraft und Kondition, Technik und Taktik ebenbürtig. Die Weltspitze ist noch enger zusammengerückt; bei höchstem Tempo, Einsatz und Kampfkraft dominierte in den Gruppenspielen der Offensivgeist. Der Drang nach vorne war unübersehbar. Erst ab dem Achtelfinale wurde die Taktik zunehmend von Angst geprägt: Während vor vier Jahren in der K.o.-Runde noch 45 Tore fielen, stehen für 2002 nur noch magere 36 zu Buche. Das heißt natürlich nicht, dass nach Ende der Vorrunde durchgehend schlechter Fußball geboten wurde. Im Gegenteil: Auch hier muss den Experten widersprochen werden, denn das K.-o.-System produzierte laufend packende Spiele – Partien wie die zwischen Brasilien und Belgien, zwischen Schweden und Senegal oder zwischen der Türkei und Südkorea. Es hat vielleicht nicht die ganz großen Darbietungen fußballerischer Offensivkunst gegeben wie noch 1998 in Frankreich. Doch ist das kein Grund, den gegenwärtigen Spitzenfußball schlecht zu reden.

Fußball als Politikersatz im Wahljahr

Nur allzu gerne hätte er ein wenig vom Glanz der World-Cup-Trophäe abbekommen: Kanzlerkandidat Edmund Stoiber erlebte das WM-Finale live auf der Tribüne des Stadions von Yokohama – ganz in der Nähe des aus 18-karätigem Gold gegossenen Weltmeister-Pokals. Doch aus dem erhofften Jubel-Auftritt wurde nichts. Das deutsche Team musste sich trotz einer Klasse-Leistung der Seleçao beugen, und Stoiber, der doch eigentlich nach Japan gereist war, um sich ein bisschen im Schein des Erfolges zu sonnen, kam nicht an der Tatsache vorbei, eine Niederlage kommentieren zu müssen.

Dass Politiker die Nähe zum Fußball suchen, ist kein neues Phänomen – jedenfalls, wenn man die jüngere Vergangenheit in Betracht zieht. Schon seit Helmut Kohl ist eine Fußball-WM auch immer eine bedeutende Station im Wahlkampf, eine gute Gelegenheit, gezielt Pluspunkte bei den Wählern zu sammeln. Die CDU-Wahlkampfstrategen hätten 1998 ganz bewusst darauf gebaut, „dass Deutschland Weltmeister wird. So ist damals das Plakat ‚Weltklasse für Deutschland’ entstanden“, sagt Matthias Machnig, Leiter der SPD-Wahlkampfzentrale. Eine falsche Strategie, wie sich im Nachhinein herausstellten sollte, denn die deutsche Nationalmannschaft scheiterte kläglich: Schon im Viertelfinale war Schluss. Aus den Fehlern seiner Kollegen hat Machnig gelernt. Erst als im Auftaktspiel der Deutschen gegen Saudi-Arabien der Sieg absehbar war, da ließ er im ARD-Hauptstadtstudio anfragen, ob nicht ein Kamerateam Kanzler Schröder beim Fußballgucken filmen möchte. Die ARD wollte, und so liefen die Bilder von den erfolgreichen deutschen Spielern und dem jubelnden Kanzler in der Tagesschau zur besten Sendezeit: „Wir wollten einfach zeigen, dass wir uns mit dieser Mannschaft identifizieren“, sagt Machnig.

Das ist zwar schön und gut. Aber gleichwohl bleibt ein fader Beigeschmack, illustrieren diese verzweifelten Versuche, sich fortwährend mit dem WM-Geschehen in Verbindung zu bringen, doch vor allem den bedenklichen Zustand, in dem sich die deutsche Spitzenpolitik befindet: Anscheinend sieht sie sich außerstande, die Bürger mit politischen Themen zu erreichen, geschweige denn zu begeistern. Daher wird nun schon seit geraumer Zeit versucht, den Kontakt zur Bevölkerung über die Nähe zum Fußball herzustellen. So will man sich in Erinnerung rufen und positive Bilder aufbauen – zur Überwindung der Politikverdrossenheit wird das wohl nicht reichen.

Die Vermengung von Fußball und Politik hat in diesem Jahr eine neue Qualität erreicht – allerdings anders, als viele meinen. Im Folgenden zwei Beispiele zur Illustration:

  • Mit einem Pilotprojekt will das Land Hessen in den nächsten vier Jahren für Integration, Toleranz und Fairness im Fußball werben. Partner von „Ballance 2006“ sind u.a. das Hessische Ministerium des Innern und für Sport, die Hessische Landeszentrale für politische Bildung, der Landessportbund Hessen sowie der Hessische Fußball-Verband. „Ballance 2006“ sieht vor, mit zahlreichen Aktivitäten und Maßnahmen die Integration zu fördern und ein landesweites Netz gegen Gewalt aufzubauen: Mit der Stärkung der sozialen Kompetenz von jungen Fußballern und Trainern soll ein Beitrag zur Bekämpfung von Diskriminierung, Fremdenfeindlichkeit und Gewaltbereitschaft geleistet werden.
  • Am 27. März 2002 startete Umweltminister Jürgen Trittin die UmWeltmeisterschaft für Nachwuchskicker. Mitmachen können Mannschaften in den Altersgruppen sechs bis zwölf – 25.000 Vereine werden laut Trittin mit Hilfe des Deutschen Fußball-Bundes angeschrieben. 300.000 Euro will das Umweltministerium für die Meisterschaft springen lassen. Ziel ist es, die Kinder frühzeitig für die Belange des Umweltschutzes zu begeistern, Sport und Natur miteinander zu verbinden.

Die Instrumentalisierung des Fußballs durch die Politik geht heutzutage also weiter denn je: Fußball wird in zunehmendem Maße als Politikinstrument missbraucht. Politiker, ganz gleich welcher Couleur, erhoffen sich anscheinend einen bedeutsamen Beitrag des Fußballs zur Lösung gesellschaftlicher Probleme: „Es ist von großer Bedeutung, dass Jugendliche in [Fußball-]Vereine integriert werden und dadurch soziales Verhalten lernen“, sagte der bayerische Staatsminister Erwin Huber anlässlich des Amoklaufs von Erfurt. Doch bei all den guten Absichten: Der Fußball an der Basis kann nicht die Rolle eines Reparaturbetriebes für gesellschaftliche Defizite übernehmen – das muss woanders geschehen. Soziale Probleme können mit Hilfe des Fußballs nicht behoben werden. Fußball ist eben nur ein Sport. Und es wäre in Zukunft sehr hilfreich, wenn Fußball wieder vor allem als ein solcher gesehen würde.