09.05.2011

Bildung trotz(t) Bologna

Kommentar von Tobias Prüwer

Auch nach der zweiten „Nationalen Bologna-Konferenz“ am 6. Mai scheint die Politik nicht begriffen zu haben, dass eine bloße Erziehung zur Brauchbarkeit an den Hochschulen keinen Platz hat. Die Uni ist mehr als eine Lernfabrik.

„Es ist ein Allgemeinplatz, den zu wiederholen nur der Aberglaube an die Allmacht von Maßnahmen nötigt, dass Bildung sich nicht dekretieren lässt.“ – Diese Worte Adornos aus dem Jahre 1953 rücken angesichts gegenwärtiger hochschulpolitischer Debatten sowie Studierendenproteste wieder in Gedächtnis. Nun tagte am 6. Mai 2011 in Berlin die zweite „Nationale Bologna-Konferenz“. Der Hochschulverband hatte bereits im Vorfeld vor „Schönfärberei“ gewarnt, eine Erfolgsgeschichte sei die Reform der universitären Bildung bisher nicht. Etwa wollten drei Viertel aller Studierenden nach Erhalt des Bachelorgrades (BA) auch ein Masterstudium anschließen – die Politik hatte aber nur 20-30 Prozent einkalkuliert. Im Vorfeld hagelte es dann schnell noch ein paar Erfolgsmeldungen. Nach Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) sei der BA als ernstzunehmender Hochschulabschluss in der Wirtschaft angekommen. Nur ein Drittel wird schlechter bezahlt als Absolventen mit anderen Abschlüssen. Und dass die Studierenden in so hohem Maße einen Master ablegen wollen, sei überwiegend der zu pessimistischen Bewertung ihrer eigenen Arbeitsmarktchancen mit einem BA geschuldet. Nun will sie da wohl nachbessern und zusätzliche Masterplätze schaffen – das ist mindestens inkonsequent. Bei der Studienreform ist genau das eingetreten, was Kritiker bereits vor mehr als zehn Jahren prognostiziert haben.

An der Reformbedürftigkeit der Universitäten bestanden und bestehen auch unter Bologna-Kritikern kaum Zweifel. Die im Reformdiskurs dominierende Idee einer Erziehung zur Brauchbarkeit ist jedoch keine Lösung. Vielmehr wird die Demontage des universitären Freiheitsanspruchs vollzogen, wenn die Hochschulen in erster Linie für die Volkswirtschaft nützliche Funktionsträger hervorbringen und sich als Standort- und Wertschöpfungsfaktor im nationalen wie globalen „Bildungswettbewerb“ behaupten sollen. Im Zuge einer solchen Demontage werden der Ökonomisierung wie Entdemokratisierung Vorschub geleistet. Darüber hinaus geht etwas Wesentliches verloren: Bildung.

Wohl kaum ein Wort wird seit Roman Herzogs Rede vom Ruck und dem PISA-Flop so oft bemüht – sogar Bildungsgipfel werden einberufen. Und dennoch bezeugt gerade die Politik einen gedankenlosen Umgang mit dem Begriff, der Trennschärfe vermissen lässt. Sie meint alleinig die Indienstnahme des Menschen, Bildung wird zur Schrumpfform. Während sich die Rhetorik des metaphorischen Gepräges von individueller freier Entfaltung bedient, wird eigentlich ein ganz anderes Projekt gemeint: Das Formen des Menschen zum Zwecke gesellschaftlichen Wohlstands. Es bleibt aber nicht viel übrig von der Lehre, wenn die Studierenden lediglich als Wirtschaftsfaktor und Wettbewerbsvorteil wahrgenommen und die künftigen Absolventen wie Wissensspeicher behandelt werden. In dieser Sicht wird Bildung ausschließlich marktförmig verstanden. Sie soll irgendwie rentabel sein, und ihre Qualität wird am schnellen Erwerb gemessen, weshalb der Faktor Zeit stark ins Gewicht fällt.

Bereits Nietzsche kritisierte diese unter nationalökonomischer Doktrin vollzogene Verengung von Bildung auf die maximale Verwertung scharf. Man muss nicht sein Ideal der elitenorientierten „unzeitgemäßen Bildung“ teilen, um die Kritik an der Nutzbarmachung des Menschen einzusehen, der sich nur an Vorgedachtem abarbeiten soll. Bildung wird auf Ausbildung reduziert, auf die Vermittlung von Fähigkeiten und Fertigkeiten in einem jeweils spezifischen Einsatzbereich. Bereits der Verweis auf notwendig zu erwerbende „Schlüsselqualifikationen“ suggeriert den Unterschied zwischen nützlichen und unnützen Fähigkeiten. Als Lernen von Vorgegebenem verstanden, bedeutet eine solche Bildungsidee, lediglich Wissensbestände in einem Rahmen aufzunehmen, der selbst nicht zu befragen ist. Erzogen zum flexiblen Lernen erwirbt der Mensch nach diesem Bild Datensätze und Qualifikationen, um diese bei Bedarf durch neue zu ersetzen.

Dem steht die Vorstellung von Bildung als vom politisch-sozialen Rahmen weitgehend freigestellte individuelle Personwerdung gegenüber. Als offener Prozess der Welterschließung ermöglicht Bildung hier die Transformationen grundlegender Aspekte im Verhältnis zu sich selbst und der Umwelt. An einer solchen Vorstellung universitärer Bildung festzuhalten, ist dabei keine romantische Kulturkritik, keine Reminiszenz an idealisierte Zeiten. Die Aufgabe der Bildungsidee bezeugt vielmehr die Kurzsichtigkeit vieler Reformer. Schließlich ist Wissen mehr als die Verwaltung von Informationen: Zur reinen Datenverarbeitung hat der Mensch Fortuna sei Dank Maschinen erfunden, denen das viel effizienter gelingt als ihm selbst. Zur Beurteilung der Relevanz von Informationen allerdings, dem Schaffen von neuem Wissen und dessen Einordnung, reicht erworbenes technisches Können allein nicht aus. Um dieses in den verschiedensten Kontexten umzusetzen, bedarf es der Orientierung. Und die kann nur Bildung geben.

Wie soll ein Studierender, der sich in drei Jahren zu viel Stoff in zu kurzer Zeit einverleiben musste und gar nicht durchdringen konnte, die in Wirtschaftskreisen gestellten Anforderungen im späteren Berufsleben erfüllen? Wie soll jemand geistig innovativ wie beweglich sein und offen denken, der niemals Mühen wie Lohn des selbständigen Arbeitens – mögliches Scheitern inklusive – erfahren hat? Der nie seine Grenzen auslotete, sich nie vermeintlich sinnlosen, weil unpraktischen Problemen verfangen hat? Bildung leitet zum mündigen Denken an, fördert die Urteilsfähigkeit, die erst in die Lage versetzt, zu handeln, statt starr zu (re-)agieren. Sie vermittelt eine möglichst unvoreingenommene Haltung, die um Kritik ersucht ist, also um das Differenzieren, Ermessen und Prüfen. Sie ist mehr als das Wählen zwischen schablonenhaften Handlungsoptionen, das, nur Gegebenes im Blick, Alternativen von vornherein ausschließt. Wenn das Studium nur aus modularer Verabreichung von Fakten bestehen soll, verschwindet der universitäre Bildungsanspruch, denn bei solcher Kost kann ein umfassendes Verstehen nicht stattfinden. Universitäten bringen so als Ausbildungsstätten vielleicht emsige Fleißbienchen hervor, die allerdings ihr eigenes Tun nicht ins Verhältnis setzen und dessen Rahmen nicht bedenken können. Sie wissen, um es hart zu formulieren, nicht, was sie tun.

„Das Bildungswesen ist kein Wirtschaftsbetrieb“, heißt es in der „Frankfurter Erklärung“, in der sich bereits 2005 zahlreiche Erziehungswissenschaftler gegen das betriebswirtschaftliche Denken als handlungsanleitende Maxime an den Universitäten aussprachen. Sie kritisierten zudem die zunehmende Verschulung, die Aufspaltung in Schulungszentren und professorale Thinktanks. Wenn also angesichts der Hochschulreformen der Ruf nach Bildung laut wird, dann ist das eine notwendige Forderung. Gerade weil sich das Aufkommen von Informationen potenziert, ist souveränes Denken gefragt, um zu so etwas wie Durchsicht und Orientierung zu gelangen. Angepasstes Lernen vermag dieses nicht zu ermöglichen. Derart zeugt es nicht nur von Zynismus, Menschen als Humankapital für die Nationalökonomie zu adressieren, sondern auch von Kurzsichtigkeit die Hochschulen in Lernfabriken umzugestalten. Denn Bildung lässt sich nicht anordnen.