01.07.2005

Bienenfresser auf dem Vormarsch

Analyse von Michael Miersch

Prognosen zur Klimaerwärmung sagen ein Massensterben von Tier- und Pflanzenarten voraus. Doch die düsteren Hypothesen sind kaum auf Fakten zu stützen.

Die Überschrift einer deutschen Boulevardzeitung war eindeutig: „Die Eisbären sterben aus.“ Ohne Eis kein Eisbär – das klingt irgendwie plausibel. Aber stimmt es auch? Solche Schlagzeilen sind zumeist das Endprodukt einer langen Kette der Informationsverarbeitung. Am Anfang steht eine wissenschaftliche Untersuchung, deren Ergebnisse nicht allzu spektakulär sind, etwa, dass in Teilen des Nordpolarmeers eine leichte Temperaturerhöhung festzustellen ist. Die Öffentlichkeitsarbeiter des jeweiligen Instituts packen dann eine hübsche Hypothese dazu. Die wird von einer Spendenorganisation aufgegriffen und zugespitzt. Deren Presserklärung landet in einer Fachzeitschrift und wird dort von einem Sensationsjournalisten entdeckt. Ergebnis: Die Eisbären sterben aus. So prangte es im Jahr 2003 weltweit auf den Titelseiten populärer Massenblätter. Es gab auch schon gewagtere Thesen. Die Pinguine in Alaska seien von der Erderwärmung bedroht, konnte man nach einer Klimakonferenz in den USA lesen. Peinlich nur, dass Pinguine ausschließlich auf der Südhalbkugel leben.

Obwohl Eisbären definitiv am Nordpol leben, ist die Nachricht von ihrem Aussterben nicht besonders stichhaltig. Die Zählungen der Weltnaturschutzunion (IUCN) und des WWF ergaben, dass von 20 Populationen die Hälfte stabil, sechs unbekannt, zwei wachsend und zwei abnehmend sind. Die Rückläufigkeit der beiden regionalen Bestände hat jedoch nichts mit dem Klima zu tun, sondern mit Überjagung – nicht gerade der Stoff für ein dramatisches Aussterbensszenario.

Etwa gleichzeitig mit dem Ende der Eisbären wurde ein anderes Aussterbensszenario bekannt: Die Zahl der arktischen Wölfe im Nordosten Kanadas habe abgenommen. Wiederum sei das Klima daran schuld. Doch wer den Bericht genauer las, kam ins Grübeln. Denn diesmal ging es nicht um Erwärmung, sondern um Abkühlung. Mehrere Sommer in Folge seien ungewöhnlich kalt gewesen.

Nicht nur im hohen Norden leiden Flora und Fauna unter der Klimaerwärmung, weltweit rafft das Fieber des Globus die Arten dahin. Diesen Eindruck erweckte eine Studie, die Anfang 2004 Schlagzeilen machte: „Die globale Erwärmung“, so fasste die Nachrichtenagentur Reuters zusammen, „könnte bis zum Jahr 2050 ein Viertel aller Arten auslöschen.“ So stand es dann weltweit in den Zeitungen. Was war geschehen? Wissenschaftler der Universität Leeds in England hatten prognostiziert, wie sich eine fortschreitende Klimaerwärmung auf 1103 ausgewählte Arten auswirken würde und waren zu dem Schluss gekommen, dass 15 bis 37 Prozent dieser ausgewählten Arten aussterben würden. Also eine Hypothese aufgrund von Hochrechungen. So stand es auch in ihrer Studie: „Das Vorhersagen von Aussterben enthält viele Unbekannte, und die Werte, die hier vorgelegt werden, sollten nicht als präzise Vorhersagen betrachtet werden.“ Doch viele hundert große Zeitungen, Radio- und Fernsehsender taten genau dies. Lediglich ein Journalist der britischen Times bemerkte: „Es riecht nach dubioser Wissenschaft.“ Zu den angeblichen Aussterbekandidaten gehörten die Proteapflanzen am Kap der guten Hoffnung. Doch die historischen Temperaturdaten zeigen, dass es dort in den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts viel wärmer war als heute. Offenbar hatte die Vegetation das gut überstanden.

Im aufgeheizten Wissenschaftsbetrieb ist Aufmerksamkeit die wichtigste Währung. Wer mit seiner Arbeit in die Schlagzeilen kommt, verbessert seine Aussicht auf neues Geld und neue Stellen. Die Verführung, einen unspektakulären Befund durch ein paar dramatisierende Formulierungen „sexy“ zu machen, ist verlockend. Haben die Medien erst einmal angebissen, sorgen sie von selbst für eine weitere „Zuspitzung“ des Themas. Heute ist die „Klimakatastrophe“ bereits so fest im öffentlichen Bewusstsein verankert, dass nahezu jede Ausschmückung des drohenden Desasters geglaubt wird.

„Wachsende Wälder und schwindende Wüsten – Hinweise auf das bevorstehende Artensterben?“

Dabei ist es keine sonderlich plausible Prognose, dass wärmere Temperaturen zu einem Rückgang der Artenvielfalt führen. Zwei einfache Befunde sprechen dagegen: Erstens nimmt die Artenvielfalt der Erde zum Äquator hin immer mehr zu. Die geringste Artenvielfalt herrscht an den Polen und in der Kälte der Hochgebirge, die größte im tropischen Regenwald. Zweitens waren die Warmzeiten der Erdgeschichte immer die artenreichsten. Warum sollte es diesmal anders sein – falls es wirklich zu einer starken Klimaerwärmung kommt?

Obendrein sprechen messbare ökologische Veränderungen der Gegenwart gegen die Prognose. Der erhöhte Kohlendioxidgehalt der Luft bewirkt ein stärkeres Pflanzenwachstum, insbesondere auf der Nordhalbkugel. Satellitenbilder dokumentieren, wie sich die Wälder ausdehnen. Außerdem gibt es deutliche Anzeichen dafür, dass die Sahara schrumpft. Im Herbst 2002 wertete ein internationales Wissenschaftlerteam Satellitenbilder und Niederschlagsmessungen aus. Sie stellten fest, dass das fruchtbare Land zunimmt und die vegetationslose Fläche auf dem Rückzug ist. Wachsende Wälder und schwindende Wüsten sind nicht gerade ein Szenario, das auf einen galoppierenden Artentod hinweist.

„Mitteleuropäische Vögel erobern Nordnorwegen.“

Höhere Temperaturen sind für die Mehrheit von Pflanzen und Tieren vorteilhaft. Die warmen Sommer der vergangenen Jahre haben etliche Arten nach Deutschland gelockt, die unsere heimische Natur bereichern. Eine davon ist der Bienenfresser, ein bunt gefiederter Schönling, der es gern warm und trocken hat. Doch eigentlich ist er kein wirklicher Neuzugang, sondern ein Rückkehrer. Auf mittelalterlichen Gemälden sind Bienenfresser häufig zu sehen, ebenso Blauracken, Wiedehopfe und andere Arten, die heute im Mittelmeerraum verbreitet sind. Zur Zeit des mittelalterlichen Kimaoptimums war es in Mitteleuropa wärmer als heute. Für das Saaletal in Sachsen-Anhalt ist belegt, dass dort bis ins 17. Jahrhundert hinein Bienenfresser vorkamen. Seit 1990 sind sie wieder da. Inzwischen nisten dort hundert Brutpaare. Auch mediterrane Wanderschmetterlinge wie Taubenschwänzchen und Totenkopfschwärmer kommen immer häufiger über die Alpen geflattert, um in Deutschland Nektar zu saugen.

Mitteleuropäische Vögel dringen unterdessen immer weiter nach Norden vor. So nisten seit Mitte der 90er-Jahre Graureiher in Tromsø. Früher gehörte Nordnorwegen nicht zu ihrem Verbreitungsgebiet. Von 435 in Europa nistenden Arten haben im Laufe des 20. Jahrhunderts 196 ihre Brutgebiete nach Norden und Nordwesten ausgedehnt. Manche Zugvögel bleiben hier, da sie mit Hilfe der von Menschen bereitgestellten Futterhäuschen gut über den Winter kommen. Besonders die anpassungsfähigen Kurzsteckenzieher korrigieren ihre Reiserouten. So überwintern viele Mönchsgrasmücken nicht mehr in Südeuropa oder Nordafrika, sondern im südlichen England. Höchst erstaunlich ist dabei, wie schnell der neue Flugplan in den genetischen Code der Tiere eingebaut wird. Der Ornithologe Peter Berthold konnte durch Kreuzungsversuche beweisen, dass bereits innerhalb von drei Generationen das veränderte Zugverhalten im Erbgut gespeichert ist.

Problematischer wäre eine Klimaerwärmung für Schwalben, die teilweise bis nach Südafrika fliegen. Sie sind weniger flexibel, weil sie ihre Ab- und Anreise nicht allein nach der Witterung in Europa ausrichten können. Es könnte daher passieren, dass die Kurzsteckenzieher und die Standvögel ihnen zu wenig Nahrung übriglassen. Aber auch dieses Problem ist bisher nur ein hypothetisches. Ob die Klimaveränderung überhaupt ein Problem ist, hängt immer von der Perspektive ab: aus Sicht der Bienen ist die Rückkehr der Bienenfresser natürlich ein Übel.

 



Die Artenvielfalt in Deutschland wird zunehmen Professor Josef H. Reichholf leitet die Wirbeltierabteilung der Zoologischen Staatssammlung Bayerns, lehrt an beiden Münchner Universitäten und ist Mitglied in den Leitungsgremien des WWF. Er zählt zu den führenden Ökologen Deutschlands und veröffentlichte zahlreiche Bücher, zuletzt Der Tanz um das goldene Kalb (Wagenbach). Mit ihm sprach Michael Miersch.

Novo-Argumente:Herr Reichholf, welche Tiere und Pflanzen werden durch eine mögliche Klimaerwärmung bedroht?

Klimaveränderungen verschieben die großen Gürtel der Vegetation bei Erwärmung polwärts und bei Abkühlung äquatorwärts. Bedroht sind bei diesem seit rund zwei Millionen Jahren laufenden Wechsel von Warm- und Kaltzeiten Arten, die mit kleinen Verbreitungsgebieten „geografisch festsitzen“. In Mitteleuropa wird es keine echten Gewinner und Verlierer geben, denn wir liegen mitten in einem Überlagerungsgebiet verschiedener Klimazonen. Eine Erwärmung sollte Arten aus dem Südosten und Süden, aber auch solche aus dem Westen begünstigen. Doch die zurückweichenden nördlichen und nordöstlichen Arten haben im Hintergrund eines der größten zusammenhängenden Areale überhaupt, die Weiten Nordasiens!

Wird bei einer Erwärmung die Artenvielfalt in Deutschland voraussichtlich zurückgehen?

Die biologische Vielfalt in Deutschland wird durch eine Klimaerwärmung eher zunehmen. Die Befunde zu zahlreichen Tier- und Pflanzengruppen, für die aus dem 19. Jahrhundert umfassende Verbreitungsangaben vorliegen, bestätigen das. So ist Bayern gegenwärtig deutlich artenreicher als am Ende des 19. Jahrhunderts.

Führt wärmeres Klima weltweit zu einem großen Artensterben?

Die wirkliche Gefahr für die Lebensvielfalt ist nicht die Klimaveränderung, sondern die fortschreitende Vernichtung der tropischen Regenwälder. An dem Erhalt hinreichend großer Flächen der artenreichen Tropenräume wird es liegen, ob überhaupt und wenn in welchem Umfang Biodiversität an Land verloren geht. Auch im Meer kann die Erwärmung keine Katastrophe für die Artenvielfalt bedeuten, denn die Erdgeschichte zeigt, dass sich die Warmzeiten durch besonders hohe Diversität ausgezeichnet haben. Artenverluste in beträchtlichem Umfang haben die Kaltzeiten gebracht – und nicht die Warmzeiten.

Sie führen seit vielen Jahren Artenzählungen durch. Konnten Sie Veränderungen feststellen, die wahrscheinlich auf das Konto der Klimaerwärmung gehen?

Meine eigenen Langzeituntersuchungen, insbesondere an der sehr artenreichen Gruppe der nachts fliegenden Schmetterlinge, zeigen für die letzten 40 Jahre eine gegenteilige Entwicklung: Arten, die warmes, trockenes Klima brauchen, haben zum Teil sehr stark abgenommen oder sind verschwunden. Ursache dafür ist die Überdüngung unseres Landes mit Nährstoffen, vor allem mit Stickstoffverbindungen. Die Bodenvegetation wächst dank dieser überreichen Versorgung viel früher und viel dichter als in der Vergangenheit. Das schafft im bodennahen Bereich ein kälteres und feuchteres Mikroklima. Viele Insekten, aber auch am Boden brütende Vögel kommen mit diesem nasskalten Milieu nicht zurecht. Das verursacht einen Großteil der Artenrückgänge und -verluste und wirkt den günstigen Effekten wärmerer Sommer und milderer Winter massiv entgegen. Temperatur und Luftfeuchtigkeit werden normalerweise in „Brusthöhe“ gemessen. Dies vermittelt ein irreführendes Bild. Für das Pflanzenwachstum (und der mit ihm verbundenen Tierwelt) ist das bodennahe Kleinklima entscheidend.