01.11.2004

Beslan: Was wirklich geschah

Analyse von Brendan O’Neill

Ratlose Kommentatoren versuchen, sich einen Reim auf die scheinbar sinnlosen Ereignisse in Beslan zu machen. Doch zwingen sie ihre Erklärungsversuche in politische Kategorien, die heute nicht mehr passen.

Viele Beobachter verorteten die Geiselnahme von Beslan im blutigen Konflikt zwischen tschetschenischen Nationalisten und Russland. „Es ist unbestreitbar, dass es eine direkte Verbindung zwischen der Tragödie in Beslan und dem Tschetschenienkrieg gibt“, schrieb etwa der frühere stellvertretende tschetschenische Premierminister in der britischen Tageszeitung Guardian.[1] Andere sehen die repressive militärische Vorgehensweise Wladimir Putins als Ursache für das Terrordrama in Beslan.


Doch indem die Terroristen eine ganze Schule in Geiselhaft nahmen und obendrein Lehrer, Eltern und Schüler mit Landminen und schweren Bomben umringten, hinterließen sie nicht den Eindruck, es ginge ihnen um einen nationalistischen Schlag gegen einen militärischen Aggressor zur Befreiung des Kaukasus vom russischen Joch. Vielmehr erinnerten die Vorgänge in Beslan an die Geiselnahme im Moskauer Theater Ende des Jahres 2002: hier verfolgte ein an Al Qaida erinnernder spektakulär-mörderischer Angriff ebenfalls kein klar definiertes politisches Ziel, sondern legte es lediglich darauf an, Angst und Entsetzen zu verbreiten.


Weit verbreitet ist auch das Bestreben, die Ereignisse in Beslan in traditionellen politischen und militärischen Begriffen zu verstehen. Doch in Wirklichkeit ist diese Art des Terrorismus ein neuartiges Phänomen. Sie ist nicht im Tschetschenienkrieg oder in irgendeinem traditionellen Nationalismus verwurzelt; vielmehr ähnelt sie den Anschlägen vom 11. September, von Bali und von Madrid. Für diese Anschläge zeichnet ein entwurzelter Terror verantwortlich, der an keine politischen, militärischen oder nationalen Normen mehr gebunden ist, keine klare Motivation offenbart und wenig Bedenken gegenüber der Ermordung von Zivilisten hegt. Was hat zur Entstehung dieser Art von Terrorismus beigetragen?


Es bleibt weiter unklar, wer hinter dem Drama von Beslan steckt. Schon dieser Umstand deutet auf die neue Qualität des Terrorismus hin: Auch für die Anschläge in den USA, auf Bali und in Madrid übernahm niemand offiziell die Verantwortung. Die tschetschenischen Autoritäten streiten eine wie auch immer geartete Beteiligung an den, wie sie es nennen, „barbarischen Anschlägen“ ab; auch der ehemalige tschetschenische Präsident Maschadow, dem die russischen Behörden die geistige Urheberschaft an der Geiselnahme vorwerfen und auf dessen Ergreifung sie zehn Millionen US-Dollar ausgesetzt haben, verurteilte den Angriff auf wehrlose Kinder.[2]

„Der Zustrom islamischer Gotteskrieger in die Krisenregion hat dazu beigetragen, den tschetschenischen Separatismus zu ‚islamisieren‘.“

Die Gründe, die Russland veranlassen, Beslan im Rahmen des internationalen Krieges gegen den Terrorismus zu verorten, sind offenkundig: Für Putin steckt Al Qaida hinter der Geiselnahme. Seine Haltung ist sicher opportunistisch und soll von seiner repressiven Politik in Tschetschenien seit dem Kriegsbeginn im Jahre 1999 ablenken.
So nimmt es nicht wunder, dass russische Regierungsvertreter die Beteiligung einer bunten Mischung ausländischer Kräfte an dem Anschlag betonen. Ein Sprecher Nord-Ossetiens behauptete zunächst, zehn der Geiselnehmer seien arabischer Herkunft; ein russischer Vertreter sagte, die Geiselnehmer setzten sich aus Tschetschenen, Inguschen, Arabern, Kasachen und Slawen zusammen. Inzwischen aber heißt es, es seien keine Araber beteiligt gewesen, man habe lediglich die verkohlten Gesichter für dunkelhäutig gehalten. Der russische Verteidigungsminister Iwanow ließ verlauten, unter den 32 toten Terroristen sei kein einziger Tschetschene gefunden worden, was wiederum ein zweifelhaftes Licht auf frühere Versuche wirft, Beslan zu einem Bestandteil der “tschetschenischen Frage” zu machen.[3]


Ohnehin kann die nationale Zugehörigkeit der Terroristen nicht erklären, warum die Geiselnehmer von Beslan ihre Taten derart rücksichtslos ausführten. Kein Zweifel besteht hingegen daran, dass die tschetschenische Unabhängigkeitsbewegung im Laufe des letzten Jahrzehnts internationalisiert wurde und sich an ihr auch Kämpfer der Mudschaheddin und sonstige „heilige Krieger“ beteiligten, die aus dem Balkan kamen, aus Afghanistan und sogar aus Großbritannien oder Frankreich. Dieser Zustrom islamischer Gotteskrieger in die Krisenregion hat gewiss dazu beigetragen, den tschetschenischen Separatismus zu „islamisieren“.


Es gibt eindeutige Verbindungen zwischen den global agierenden Mudschaheddin und den tschetschenischen Separatisten. Es wird angenommen, dass Schamil Bassajew, Führer einer tschetschenischen separatistischen Gruppe, eine entscheidende Rolle bei der Organisation der Geiselnahme in Beslan spielte. Von ihm heißt es, er sei, wie auch andere tschetschenische Separatistenführer, in afghanischen Lagern der Mudschaheddin ausgebildet worden. Diese wurden ursprünglich in den 80er-Jahren mit amerikanischer Unterstützung aufgebaut, um Afghanen, Araber und andere für den Widerstand gegen die einfallende sowjetische Armee zu trainieren. Amerikanische Behörden schätzen, dass zwischen 1985 und 1992 etwa 12.500 Ausländer in Bombenbasteln, Sabotage, städtischer Guerillakriegsführung und anderen militärischen Taktiken geschult wurden.


Laut Scott Peterson, Redakteur des Christian Science Monitor, reichen die Verbindungen zwischen tschetschenischen Rebellen und Kämpfern der Mudschaheddin bis in den ersten Tschetschenienkrieg zurück. Doch erst später, während des zweiten Tschetschenienkrieges, begannen die Mudschaheddin, ihren eigentlichen Einfluss auszuüben. „Im Jahre 1999, als der tschetschenische Kriegsherr Bassajew in russisches Territorium in Dagestan einfiel und so den zweiten Krieg einleitete, wurde klar, dass radikale Islamisten die tschetschenischen Rebellengruppen dominierten“, so Peterson.[4]


Durch den Zustrom hunderter „heiliger Krieger“ veränderte sich der Tschetschenienkrieg grundlegend, wie die Autorin Loretta Napoleoni in Modern Jihad: Tracing the Dollars behind the Terror Networks beschreibt. Sie argumentiert, dass in dem Vakuum, das infolge des Zusammenbruchs des tschetschenischen Staates nach dem ersten Krieg entstand, „Kriegsherren der Mudschaheddin und bewaffnete Gruppen immer neue Blüten trieben“ und den ursprünglich weltlich orientierten Widerstand der Tschetschenen zu einer Spielart des islamischen Fundamentalismus machten.[5]

„Westliche Interventionen (vor allem die auf dem Balkan) trugen stark dazu bei, Bedingungen zu schaffen, unter denen die neuen staatenlosen Terrornetze gedeihen konnten.“

Die Ankunft der Mudschaheddin in Tschetschenien ist jedoch nur ein Symptom eines viel grundlegenderen Problems. Nicht die Araber oder andere ausländische Kämpfer zeichnen dafür verantwortlich, dass auf der internationalen Bühne derzeit vieles aus dem Ruder läuft; vielmehr spiegelt das Wirken dieser Kräfte eine breitere globale Instabilität und den Zusammenbruch staatlicher Autorität wider, aus dem sich heute die verschiedenartigen Terrorgruppen speisen – seien sie aus Afghanistan, dem Sudan oder dem Kaukasus.


Der neue Terrorismus als Folge westlicher Interventionen
Ein entscheidender Punkt, den die gegenwärtigen Terrorismusdebatten beharrlich ausblenden, ist der Einfluss westlicher Interventionen seit den 90er-Jahren. Erst durch eine Untersuchung dieser Interventionen sind wir in der Lage, uns einen Reim auf diese scheinbar sinnlosen Terrorakte zu machen. Diese Interventionen (vor allem die auf dem Balkan) trugen stark dazu bei, Bedingungen zu schaffen, unter denen die neuen staatenlosen Terrornetze gedeihen konnten, die sich so grundlegend von althergebrachten nationalistischen Bewegungen unterscheiden.


Das Ende des Kalten Krieges Ende der 80er- und Anfang der 90er-Jahre leitete eine neue Periode westlicher Interventionen in der Dritten Welt ein – Interventionen, die als Verteidigung geknechteter Völker gegenüber grausamen Tyrannen und als Mittel zum Schutz globaler Menschenrechte gerechtfertigt wurden und nicht der herkömmlichen Interessenpolitik nationaler Eliten entsprangen. Die „Operation Hoffnung“ in Somalia im Jahre 1993, die „friedenschaffenden“ Bombenabwürfe auf dem Balkan Mitte der 90er-Jahre und der Kosovokrieg im Jahre 1999 galten vorgeblich der Befreiung unterdrückter Völker. Diese Art Kriege trat an die Stelle der Kämpfe um Territorien und Einflusszonen in der Zeit des Kalten Krieges.


Doch trotz der propagierten hehren Ziele erschütterten die humanitären Interventionen die alte Weltordnung und untergruben die Institutionen, die die internationale Ordnung in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zusammengehalten hatten. Kern des neuen Humanitarismus war eine tiefe Abneigung gegenüber dem souveränen Nationalstaat, der fast 50 Jahre lang den Grundstein der internationalen Beziehungen bildete. Die Regierung Bill Clintons, die den Humanitarismus wie keine andere repräsentierte, brachte ihre Verachtung für die alte Idee der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten souveräner Staaten deutlich zum Ausdruck. In den frühen 90er-Jahren formulierte Clinton seinen weltpolitischen Ansatz wie folgt: „Die Idee der Nation, wie wir sie kennen, wird überholt sein. Alle Staaten werden eine einzige globale Autorität anerkennen… Ein neuer Begriff, wie er in der Mitte des 20. Jahrhunderts kurzzeitig in Mode kam – der ‚Weltbürger’ –, wird zum Ende des 20. Jahrhunderts reale Bedeutung erlangt haben.“[6] Im Jahre 1994 erklärte der Hohe UN-Kommissar für Menschenrechte es zur vorrangigen Aufgabe der UN, die Menschenrechte zu verteidigen. In der neuen Weltordnung, so schien es, war staatliche Autorität „out“, globaler Interventionismus hingegen „in“.[7]


Indem er die staatliche Autorität untergrub, schuf der Humanitarismus Raum für den Aufstieg nichtstaatlicher Akteure und ermutigte ihr grenzüberschreitendes Handeln. Diese doppelte Wirkung erreichte in den Balkankriegen ihren Höhepunkt.


Seit Beginn der 90er-Jahre internationalisierten Interventionen von außen die lokalen Spannungen im Balkan. Die Anerkennung der Republiken Slowenien und Kroatien durch Deutschland im Jahre 1991, Russlands Unterstützung der Serben, die Anerkennung der Republik Bosnien-Herzegowina durch die USA und die amerikanische Unterstützung der bosnischen Muslime – all dies machte aus Jugoslawiens internen Konflikten internationale Krisen und ebnete damit der Eskalation des Krieges den Weg. Westliche Einmischung zerriss Jugoslawiens innere Strukturen, und zugleich lastete ein Druck von außen auf der Region. Ein Beitrag zu diesem destabilisierenden Prozess bestand darin, dass die USA die Verlagerung islamistischer Kämpfer aus dem Mittleren Osten nach Bosnien zuließen, damit diese gegen die Serben kämpften.


Wie David Halberstam in seinem Werk War In a Time of Peace: Bush, Clinton and the Generals dokumentiert, gab Clinton 1993 „grünes Licht“ für die Bewaffnung der bosnischen Muslime durch Iran und Saudi-Arabien, obwohl dies gegen das UN-Embargo verstieß, das die Bewaffnung jeglicher Kriegsparteien im jugoslawischen Konflikt verbot.[8] Von 1993 bis 1996 wurden – überwiegend organisiert von offiziellen iranischen und saudischen Stellen – große Mengen an Waffen und Militärberatern nach Bosnien transferiert. Dies ermöglichte auch das Einsickern von Kämpfern der Mudschaheddin aus Afghanistan, Saudi-Arabien, Jemen, Algerien und anderen Regionen, die an der Seite der bosnischen Muslime kämpften. All dies fand unter den wachsamen Augen der Clintonschen Politik der no instruction statt: derartige Vorgänge sollten unbehelligt bleiben und, wenn möglich, ermuntert werden.[9]


Es bleibt unklar, wie viele Mudschaheddin insgesamt in Bosnien aktiv waren; Schätzungen reichen von 600 bis 4000. Laut einer kritischen Stellungnahme des US House Republican Policy Comittee kamen „acht Flüge im Monat, beladen mit Tausenden von Tonnen Waffen und Munition, entweder ursprünglich aus dem Iran oder eingeschifft mit iranischer Unterstützung“, in Zagreb an, um damit die bosnischen Muslime und auch die Kroaten zu unterstützen; der Iran spielte zudem eine Rolle bei der „Stationierung von drei- bis viertausend Revolutionären Garden (Mudschaheddin) in Bosnien“.[10]

„Der Westen gewährte Ende der 90er-Jahre den Mudschaheddin die Möglichkeit, sich in Europa auszubreiten.“

Die Öffnung Jugoslawiens für Kämpfer der Mudschaheddin bildete eine Art Vorlage für deren künftige „Einwanderung“ nach Tschetschenien. Und tatsächlich glauben europäische Nachrichtendienste, dass Bosnien, wo einige Kämpfer der Mudschaheddin nach Ende der Feindseligkeiten im Jahre 1996 Ausbildungslager errichteten, zu einer Art „Raststätte für militante Islamisten” geworden ist, die heute in Tschetschenien ein- und ausgehen.[11]


Wie Loretta Napoleoni in Modern Jihad ausführt, verließ sich der islamistische Aufstand in Tschetschenien zu Beginn der 90er-Jahre hauptsächlich auf ausländische Sponsoren und lokalen Schmuggel. Doch nach dem Ende des Bosnienkrieges wurden die tschetschenischen Kämpfer ab 1995 auch von Pakistan und der International Islamic Relief Organisation unterstützt, einer in Saudi-Arabien beheimateten „Wohltätigkeitsorganisation”, die von Moscheen und wohlhabenden Stiftern am Golf finanziert wird. Während dieser Periode waren auch Saudi-Arabien, der Libanon und Iran an der Finanzierung der Verbreitung bewaffneter islamistischer Gruppen in der Region beteiligt.[12] Iranische und saudische Stellen scheinen das „grüne Licht“ aus den USA auf ihre eigene Weise interpretiert zu haben: Ihnen erscheint die grenzüberschreitende finanzielle Unterstützung der Mudschaheddin in Tschetschenien genauso legitim wie auf dem Balkan.


Der Westen gewährte auch gegen Ende der 90er-Jahre den Mudschaheddin die Möglichkeit, sich in Europa auszubreiten. So unterstützten die USA die kosovarische Befreiungsarmee (UCK) gegen Serbien im „Endspurt“ des Kosovokrieges im Jahre 1999. Laut einem Bericht der Jerusalem Post aus dem Jahre 1998 wurde die UCK mit „finanzieller und militärischer Hilfe aus islamistischen Ländern versorgt“ und „durch Hunderte von Mudschaheddin unterstützt“, von denen einige „in Terroristencamps von Osama bin Laden in Afghanistan“ ausgebildet worden waren. Zudem gab es Verbindungen zwischen der UCK und tschetschenischen Separatisten.[13]

„Westliche Regierungen zeigten sich erschüttert angesichts der Grausamkeiten von Beslan. Doch sind solche Terrornetze das Ergebnis der Aushöhlung des traditionellen internationalen Rechts in der Ära des Humanitarismus.“

Seit dem 11. September 2001 sorgen sich amerikanische und europäische Regierungsvertreter ob der Folgen des Zustroms von Mudschaheddin nach Europa. Das amerikanische Außenministerium äußert sich betroffen darüber, dass Bosnien-Herzegowina zu einem „Zufluchtsort für Terroristen“ geworden sei; darunter seien „Extremisten mit Kontakten zu bin Laden“. Einige mögen nun nach dem Geiseldrama in Beslan nach Russland schauen und sich fragen, was um Himmels willen sie dort angerichtet haben, und werden ohne Zweifel in die Verdammung ausländischer und arabischer Extremisten in Tschetschenien durch die russische Regierung einstimmen. Doch wird die Fixierung auf einzelne Araber und der Versuch, diesen Kräften, die in den 90er-Jahren auf die Region losgelassen wurden, wieder heimzuleuchten, wenig zum dortigen Frieden beitragen können. Das grundlegende Problem ist der westliche Interventionismus und seine zersetzenden Folgen.


Westliche Regierungen zeigten sich erschüttert angesichts der Grausamkeiten von Beslan, die in ihrer Hemmungslosigkeit irrational erscheinen mögen. Doch sind solche Terrornetze das Ergebnis der selbst verursachten Aushöhlung des traditionellen internationalen Rechts in der Ära des Humanitarismus. Die alten nationalen Befreiungsbewegungen reflektierten noch eine Welt, die sich um die Prinzipien souveräner Gleichheit und staatlicher Autorität organisierte; die heutigen Terrorgruppen spiegeln den selbstzerstörerischen Angriff des Westens auf die Prinzipien staatlicher Souveränität und Integrität in der Ära nach Ende des Kalten Krieges. Während die alte Weltordnung Bewegungen hervorbrachte, die nach Schaffung eigener Staaten strebten, hat die Neue Weltordnung die Entstehung staatenloser Gruppen ermutigt, die nicht an eine besondere örtliche Gemeinschaft oder ein politisches Ziel gebunden sind.


Das erklärt wohl ein wenig, warum der heutige Terror viel ungehemmter und brutaler erscheint als frühere politische Gewalt. Ohne Verantwortung gegenüber einer bestimmten Gemeinschaft und mit wenig Verbindungen zu einem nationalen Territorium und politischen Prinzipien hat der heutige umherstreifende Terrorist seinen Aktionen weniger Beschränkungen auferlegt – so wie wir es nun in Beslan auf erschütternde Weise erlebt haben. Gerade weil diese Gruppen frei schwebenden „Agenten“ und nicht verwurzelten politischen Akteuren gleichen, sind sie in der Lage, bislang unvorstellbar scheinende Anschläge zu verüben. In Ermangelung herkömmlicher politischer Strukturen, die ihren Gewaltakten eine Definition und politische Richtung geben könnten, haben die neuen Terroristen so gut wie keine Skrupel mehr. Wie Jonathan Tucker vom Monterey Institute of International Affairs argumentiert, sind diese Terroristen, weil sie „nicht durch eine politische Ideologie der radikalen Linken oder Rechten angetrieben werden“, mit größerer Wahrscheinlichkeit „Extremisten mit einer apokalyptischen Geisteshaltung“.[14]


Die Mudschaheddin wurden in den 80er-Jahren von den rechtsgerichteten Regierungen Reagans und Thatchers aufgebaut und finanziert, um es mit den Sowjets im Afghanistankrieg zwischen 1979 und 1992 aufzunehmen. In den 90er-Jahren wurden sie der sprichwörtliche bewaffnete Flügel der westlichen (links-)liberalen Meinung, sie bewegten sich über nationale Grenzen, um für das zu kämpfen, was Politiker und liberale Kommentatoren als „gute Kriege“ bezeichneten – von Bosnien über den Kosovo bis nach Tschetschenien. Es war die Internationalisierung lokaler Konflikte durch westliche Regierungen, die die Internationalisierung der Mudschaheddin ermöglichte; so wurde ein spezifisches, in Afghanistan beheimatetes Phänomen in eine globale Kraft verwandelt.


Die gleichen Politiker und Kommentatoren, die den Interventionen der 90er-Jahre das Wort redeten und von denen einige ihre Bewunderung für die „tapferen“ und „coolen“ Mudschaheddin während der Jugoslawienkriege in westlichen Zeitungen zum Ausdruck brachten[15], zeigen sich heute bestürzt ob der Ereignisse in Beslan. Doch vielleicht sollten sie nicht nur jene verdammen, die unschuldige Kinder und Eltern terrorisieren, sondern vor allem ihre eigene frühere Unterstützung „humanitärer Interventionen“ und ihre fortgesetzte Befürwortung westlicher Einmischung im Ausland einer kritischen Neubewertung unterziehen.