11.03.2014

Beschneidung: Geheiligte Intoleranz

Essay von Frank Furedi

Beschneidungsgegner attackieren den jüdischen Lebensstil mit dem Argument des Kindesmissbrauchs. Dabei lässt sich heute mit dem „heiligen Kind“ als Inbegriff des Guten und der Reinheit so gut wie jedes Ressentiment rechtfertigen, meint der britische Soziologe Frank Furedi

Nach dem Tod meiner Mutter fand ich in einem alten Karton mit Papieren zwei abgenutzte Dokumente, die mich an die prekäre Natur der menschlichen Existenz erinnerten. Das erste Papier hatte den Titel „Provisorische Identifikationskarte für zivile Internierte von Buchenwald“. Verglichen mit ihrer verblassten Unterschrift, sah ihr Fingerabdruck immer noch ziemlich frisch aus auf diesem Stück Papier, das auf den 15. November 1944 datiert ist. Aus einem unerklärlichen Grund, erschreckte mich ihr Fingerabdruck ungemein. Aber letztlich wurde meine Aufmerksamkeit vor allem durch das ältere Dokument gefesselt: eine falsche Identifikationskarte, mit der sich mein Vater 1944 im deutsch besetzten Budapest bewegte. Das Zertifikat mit dem verblassten Bild meines ungarisch-jüdischen Vaters bescheinigte, dass mein Vater ein Schweizer Bürger war, der als Repräsentant des Internationalen Roten Kreuzes in Ungarn arbeitet.

Die falsche Identifikationskarte hat ihm tatsächlich das Leben gerettet. Im September 1944, wurde er zusammen mit hunderten anderer Männer willkürlich auf den Straßen von Budapest herausgegriffen und von ungarischen Nazi-Polizisten in einen Park abgeführt. Mit Waffengewalt wurden mein Vater und die anderen Männer gezwungen, die Hosen runterzulassen um ihre Genitalien begutachten zu lassen. Wer beschnitten war, wurde sofort zur Donau gebracht und exekutiert. Seine Hosen in der einen Hand und die falsche ID in der anderen haltend, beteuerte mein Vater seine „Unschuld“ und verlangte, nach den geltenden diplomatischen Konventionen behandelt zu werden. Die imposante schweizerische ID-Karte überzeugte seine Häscher und so überlebte er diesen unsäglichen Übergriff. Einige Christen, die das Pech hatten, beschnitten worden zu sein, überlebten nicht. Ein Blick auf ihre Genitalien wies sie eindeutig als aller Nachsicht unwürdige Untermenschen aus.

„Ein Blick auf ihre Genitalien wies sie eindeutig als aller Nachsicht unwürdige Untermenschen aus.“

Mein Vater betrachtete all das gerne als Bestandteil der Geschichte. So erzählte er mir früher gelegentlich von den hellenischen Herrschern des antiken Israel, die den Juden die Beschneidung der Jungen verbieten wollten. Man Befahl ihnen, ihre „barbarischen“ Bräuche abzulegen und einen zivilisierten Lebensstil einzuführen. Ein Erlass des seleukidischen Königs Antiochus IV. schrieb den Juden unter Androhung der Todesstrafe vor, ihre Söhne unbeschnitten zu lassen. Dieser Erlass einer imperialistischen Zivilisation gegen die „Barbarei“ der „Ungebildeten“ war Teil einer flächendeckenden Kampagne zur Zerschlagung des jüdischen Lebensstils. Die Revolte gegen diesen Erlass, angeführt von Judas Makkabäus, gilt nach wie vor als einer der prägendsten Momente des Judaismus.



Links, die falsche Identifikationskarte des Vaters von Frank Furedi; rechts, die Identifikationskarte für Buchenwald von seiner Mutter.


Einige Jahrhunderte später, zuzeiten der Spanischen Inquisition, wurde jeder Beschnittene für einen inoffiziellen Juden gehalten und potentiell gefoltert und getötet. Mein ansonsten atheistischer Vater war der Überzeugung, wenn die Juden in der Vergangenheit nicht bereit gewesen wären für ihre religiösen Überzeugungen zu sterben, wären sie längst aus der Geschichte verschwunden. Auch eine falsche schweizerische Identifikationskarte hätte Sie dann nicht mehr retten können.

Das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce

Ich weiß nicht, was mein Vater heute angesichts der intoleranten Verfolgung der Beschneidung getan hätte. Es scheint kaum begreiflich, warum Aktivisten und Politiker die Beschneidung jüdischer und muslimischer Jungen kriminalisieren und pathologisieren wollen. Im Herbst letzten Jahres verurteilte eine von der Parlamentarischen Versammlung des Europarates verabschiedete Resolution die männliche Beschneidung als „Verletzung der physischen Integrität der Kinder“. Im Unterschied zu Antiochus IV. begründen die Parlamentarier ihren Angriff auf den Lebensstil spezieller gesellschaftlicher Gruppen jedoch nicht mehr mit dem Auftrag, die Barbaren zu zivilisieren; zur Legitimierung ihres Kreuzzuges greifen sie vielmehr auf die scheinbar neutrale Sprache der Gesundheitsförderung und des Kinderschutzes zurück. Die Resolution des Europarates fordert Regierungen dazu auf, „eindeutig zu definieren, welche medizinischen, sanitären und sonstigen Bedingungen bei Praktiken wie der nicht medizinisch begründeten Beschneidung männlicher Kinder gewährleistet sein müssen“.

„Der Kreuzzug gegen die Beschneidung artikuliert sich in einer politisch korrekten Sprache, die alle kulturell aufgeladenen Begrifflichkeiten meidet.“

Der Versuch der Versammlung die Beschneidung zu stigmatisieren koinzidiert mit der um sich greifenden Kampagne gegen Beschneidung in Skandinavien und Deutschland. Im letzten Jahr wurde gegen diese alte Tradition ein wahrer Kulturkrieg geführt. Meist artikuliert sich dieser Kreuzzug in einer politisch korrekten Sprache, die alle kulturell aufgeladenen Begrifflichkeiten meidet. Entsprechend argumentierte die deutsche Bundestagsabgeordnete Marlene Rupprecht (SPD), die von ihr unterstützte Resolution beabsichtige nicht, eine „religiöse Gemeinschaft oder deren Praktiken zu stigmatisieren“. Für sie geht es nur um das Kind, und wenn die Kampagne gegen Beschneidung nebenbei auch den Antisemitismus anfacht, dann ist das wohl der Preis, der für den per se sakrosankten Zweck zu zahlen ist. Laut Rupprecht hat die Versammlung das „Mandat, gleichermaßen die Achtung der Menschenrechte zu fördern, Kinderrechte eingeschlossen, und Rassismus, Antisemitismus und Xenophobie zu bekämpfen“.

Andere Aktivisten geben fast unverhohlen zu, dass es bei dem Kreuzzug gegen die Beschneidung darum geht, eine Lebensweise zu zerschlagen. So hat etwa die norwegische Tageszeitung Dagbladet eine Karikatur veröffentlicht, die den Redakteuren deutscher Nazipublikationen Anfang der 1940er-Jahre eine wahre Freude gewesen sein dürfte. Die Karikatur zeigt das Klischee eines dunkel und jüdisch aussehenden Unmenschen, der mit einem teuflischen Dreizack auf ein Kleinkind einsticht. Und die Mutter des Kindes sagt mit der blutbefleckten Thora in der Hand: „Misshandlung? Nein, das ist eine Tradition, ein wichtiger Teil unseren Glaubens.“

Nun dürfte diese mit hasserfüllten Ressentiments aufgeladene Karikatur von den moralisch sensibleren Kreuzrittern gegen die Beschneidung, denen es nach eigenem Bekunden um den Schutz der Kinder vor ihren sie misshandelnden Eltern geht, durchaus als Affront empfunden werden. Aber das letztlich faszinierende an diesem Kreuzzug ist, dass er von einer Koalition kosmopolitischer Städter und xenophober Reaktionäre geführt wird, die sich nicht entscheiden können, ob Juden oder Moslems die größte Gefahr für das europäische Leben darstellen.



Mit Ressentiments aufgeladener Anti-Beschneidungs-Cartoon in Dagbladet.

Im Namen des heiligen Kindes

Um die anti-Beschneidungskampagne zu rechtfertigen, wird als Hauptargument angeführt, die Kinder müssten vor einer gefährlichen Form physischer Gewalt, einem entsetzlichen Akt des elterlichen Missbrauchs, beschützt werden. Dieser Vorwurf verweist auf das Schwinden der elterlichen Autorität, besonders in der Sphäre der moralischen Werte. Das ist der Grund warum Eltern, die ihren Kindern beibringen, ihre Familienreligion zu ehren, von Anti-Glaubenskämpfern auch als Kinderschänder beschimpft wurden. Diese Stimmung kommt beispielsweise auch in der folgenden Aussage des lautstärksten Vertreters des Atheismus, Richard Dawkins, zum Ausdruck: So „abscheulich die physische Ausnutzung von Kindern durch Priester zweifellos ist, vermute ich doch, dass ihnen dadurch weniger bleibende Schäden zugefügt wurden, als durch die psychische Misshandlung, die darin liegt katholisch erzogen worden zu sein.

„Mit der rhetorischen Strategie, Beschneidung als Kindesmissbrauch darzustellen, soll eine Brücke zur Besorgnis der Öffentlichkeit über die Bedrohung durch Pädophilie geschlagen werden.“

Mit der rhetorischen Strategie, Beschneidung als Kindesmissbrauch darzustellen, soll eine Brücke zur Besorgnis der Öffentlichkeit über die Bedrohung durch Pädophilie geschlagen werden. Daher bezeichnen manche Gegner der Zirkumzision die Beschneidung auch als „ritualisierten Kindesmissbrauch“: Das scheint dann auf dunkle Praktiken hinzudeuten, die ein moralisches Äquivalent zur Pädophilie darstellen sollen, und man hofft, ein Hauch der diesbezüglichen moralischen Entrüstung möge sich doch auch der Beschneidung zuwenden. Der moderne Audruck „Missbrauch“ ist wie kein anderer mit der Idee des Bösen verbunden, egal ob er auf die Rituale pädophiler Gruppen oder die Rituale bei der Beschneidung jüdischer Säuglinge angewendet wird. Bei der Verwendung des Begriffes Kindesmissbrauch werden keine Unterschiede gemacht.

Religion und Atheismus

Im 21.Jahrhundert wurde das Kind zu einem einzigartigen Symbol der Reinheit und Tugend. Der moralische Status des heiligen Kindes ist so mächtig, dass es zunehmend über alle Diskussion erhaben ist. Wie die Soziologin Anneke Meyer anmerkt, ist „das Kind“ zum Inbegriff von Sakralisierung und moralischem Status geworden; seine Bedeutung braucht nicht mehr expliziert zu werden“. Laut Meyer ist diese Erzählung mittlerweile so mächtig, dass mit dem Hinweis auf Kinder praktisch jede Meinung begründet werden kann, ohne erklären zu müssen, warum und wie Kinder diese Meinung rechtfertigen. Die bloße Erwähnung des Wortes „Kind“ beendet jede Diskussion; bezüglich des Diskurses über die angebliche Gefährdung der Kindheit bedeutet das, „alles kann durch Kinder rechtfertigt werden, denn durch den Bezug auf Kinder wird jeder Fall gut und richtig“, so Meyer. Sie folgert, durch „Rechtfertigung von Verhaltensweisen und Praktiken im Namen des Kindes“ kann ein Individuum sich selbst „als moralische Person darstellen “.

„Mit dem Hinweis auf Kinder kann praktisch jede Meinung begründet werden, ohne erklären zu müssen, warum und wie Kinder diese Meinung rechtfertigen.“

Anders als die antisemitische Propaganda der Vergangenheit, die vor der moralischen Verunreinigung christlicher Gemeinschaften durch jüdische Einflüsse warnte, fokussiert sich der aktuelle Antibeschneidungskreuzzug auf die potenziell spirituelle Verunreinigung des Kindes. Historisch gesehen, weckte das Wort „Missbrauch“ Vorstellungen von einer moralischen Verunreinigung und Schändung. Heute wird der zum „Missbrauch“ umgedeutete Akt der Beschneidung zu einem schmutzigen Gewaltakt begangen an Kindern. Zahllose Autoren bezeichneten die Beschneidung als „genitale“ oder „sexuelle Verstümmelung“. Die männliche Beschneidung soll durch Änderung des Images hin zur Verstümmelung als moralisch äquivalent zur weiblichen Beschneidung – bzw. der weiblichen Genitalverstümmelung – dargestellt werden.

Um bei den Tatsachen zu bleiben, der bei Muslimen und Juden praktizierte Akt männlicher Beschneidung beinhaltet lediglich die Entfernung der Vorhaut, wohingegen die weibliche Beschneidung ein viel schwerwiegenderer und gefährlicherer Eingriff ist. Faktisch werden jedoch Millionen von Jungen auch aus nichtreligiösen Gründen beschnitten, entweder bei der Geburt oder im späteren Leben infolge gesundheitlicher Komplikationen, was zeigt, dass die Beschneidung keineswegs ein Akt der Verstümmelung ist. Denn wie kann man einen Eingriff einerseits als sexuelle oder genitale Verstümmelung verurteilen, wenn er aus religiösen Gründen erfolgt, und ihn andererseits als unbedenkliche und sichere medizinische Operation auffassen, wenn er zur Verbesserung der Gesundheit von Patienten dient? Der Grund ist, dass nicht in erster Linie der physische Aspekt der Beschneidung pathologisiert wird – sondern vor allem wird die kulturelle Dimension der Beschneidung angegriffen.

Die zwanghafte Verehrung des Kindes in der europäischen Gesellschaft hat dazu geführt, dass der Schutz des Kindes unter Maßgabe einer Ideologie des Bösen erfolgt. Die aktuelle Besessenheit von der Idee des Missbrauchs ist schon schlimm genug. Aber wenn die Diskussion des Missbrauchs dazu beiträgt, bestimmte individuelle Leidenschaften gegen die religiösen Praktiken anderer Menschen zu mobilisieren, dann befördert das eine Stimmung der Intoleranz. Tragischerweise kann fast alles im Namen des Kindes gerechtfertigt werden. Mein Vater, zu dessen Zeit die Xenophobie ungehemmt wucherte, wäre angesichts des Umstands schockiert gewesen, dass die heutigen Anti-Beschneidungsfanatiker ihre Vorurteile durch therapeutische Sprache der Gesundheit und des Kindesmissbrauchs legitimieren. Er hätte der folgenden von einem berühmten deutschen Ökonomen geprägten Formulierung zugestimmt: „Das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.“