09.09.2009

Bayerische Fortschrittsängste und britische Gelassenheit im Umgang mit Gentechnik

Von Johannes Richardt

Die Grüne Gentechnik wächst und gedeiht im globalen Maßstab, doch deutsche Provinzfürsten kapseln sich vom Weltmarkt ab. Das kann Folgen haben.

Es ist bemerkenswert, wie sehr sich gerade in Wahlkampfzeiten deutsche Provinzfürsten von weltweiten Realitäten abkapseln. Während die Europäische Kommission für das Jahr 2015 eine Vervierfachung der kommerziell genutzten gentechnisch veränderten (GV-)Saatgutsorten auf den Weltmärkten prognostiziert (http://ipts.jrc.ec.europa.eu/publications/pub.cfm?id=2420), die weltweite Anbaufläche für GV-Lebensmittel immer weiter wächst und inzwischen etwa die Größe der gesamten landwirtschaftlich genutzten Fläche der EU hat, erleben wir im einstmaligen Agrarland Bayern eine vor Rückständigkeit strotzende Provinzposse erster Güte.

Bereits seit einiger Zeit trommelt der aus wahltaktischen Gründen vom gentechnischen Saulus zum Paulus konvertierte bayerische Umweltminister und selbsternannte Schutzpatron der heimischen Scholle, Dr. Markus Söder, für ein von angeblich schadhafter Gentechnik befreites Bayern. Eine Mehrheit der Bayern und vor allem deren politisch von ihm miterzeugten Ängste hinter sich wissend, wettert er einmal mehr gegen die „Bevormundung aus Brüssel“ und fordert mehr regionale Selbstbestimmungsrechte – sprich den totalen Anbaustopp –im Bezug auf die Gentechnik (http://www.agrarheute.com/?redid=310676).

Um dieser Forderung Nachdruck zu verleihen, prüfe Bayern nun einen Beitritt in die gentechnikfeindliche Lobbyorganisation „Europäische Netzwerk gentechnikfreier Regionen“. Dieser illustere Zirkel von Fortschrittsfeinden kämpft seit 2003 mit stetig wachsendem Einfluss auf europäischer Ebene und unter konsequenter Ausblendung jeglicher wissenschaftlicher Evidenz gegen die vorgeblich schädliche Verunreinigung der Natur durch gentechnisch veränderte Pflanzen und macht sich für ein „gentechnikfreies“ Europa stark.

Die Absurdität solch rückständiger Forderungen tritt einem insbesondere vor dem Hintergrund globalisierter Märkte klar vor Augen. Ein Blick über den Ärmelkanal verdeutlicht dies. Auch dort hat die hiesige Angstindustrie gewisse Erfolge beim Erzeugen eines gentechnikfeindlichen Klimas erzielen können. So ziehen es die großen britischen Lebensmittelketten wie Tesco, Sainsbury’s, Marks & Spencer und der Discounter Aldi vor, den Konsumenten in den Supermärkten wenn möglich nur „gentechnik-freie“ Lebensmittelmittel anzubieten. Allerdings fällt ihnen dies immer schwerer. Gegenüber Regierungsbeamten haben sie beklagt, dass es auf den Weltmärkten nicht mehr genügend Rohstoffe gäbe, die ohne Nutzung gentechnisch veränderter Pflanzen hergestellt werden, wie der Informationsdienst Transgen unter Berufung auf die britische Tageszeitung Telegraph meldet (http://www.transgen.de/aktuell/1105.doku.html).

Erzeuger in vielen Teilen der Welt würden zunehmend die Grüne Gentechnik anwenden, zitiert die Zeitung aus einem Bericht über das Gespräch zwischen den Handelsketten und der Regierung. Das verfügbare Angebot bei konventionellen Rohstoffen gehe zurück, was zu steigenden Preisen führe. Als Grund für diese Veränderung werden die großen Agrarerzeuger vor allem in den USA und Brasilien genannt, die zunehmend gentechnisch veränderten Mais und Sojabohnen anbauen.

Engpässe gibt es offenbar bei pflanzlichen Ölen und Fetten. Viele Caterer würden Fette und Öle aus gentechnisch veränderten Sojabohnen verarbeiten, ohne die so hergestellten Mahlzeiten oder Produkte wie vorgeschrieben zu kennzeichnen.
„Supermärkte bereiten den Weg zur Markteinführung von GM Food“, titelte der Telegraph seinen Bericht über das Treffen. Ein Sprecher des britischen Großhandelsverbandes erklärte jedoch, die Unternehmen beabsichtigten, weiterhin keine gentechnisch veränderte Lebensmittel in die Supermärkte zu bringen. 

Inzwischen zeigen sich britische Konsumenten gegenüber „Genfood“ allerdings weitaus gelassener als vor sechs Jahren unter dem Eindruck der BSE-Krise. Nach der aktuellen Auswertung einer regelmäßigen Umfrage der britischen Lebensmittelbehörde (Food Standards Agengy) gaben nur 4 Prozent der Befragten spontan an, sie seien über gentechnisch veränderte Lebensmittel besorgt. Das ist der niedrigste Wert seit Beginn der Umfragen 2003. Wurden den Befragten eine Liste mit verschiedenen Themen zur Sicherheit von Lebensmitteln vorgelegt, gaben 21 Prozent der Befragten an, sie hätten Bedenken gegenüber gentechnisch veränderten Lebensmitteln. „Genfood“ steht damit auf dem letzten Platz unter allen genannten Themen.

Die britische Gelassenheit im Umgang mit dieser Zukunftstechnologie wäre auch deutschen Politikern zu wünschen. Es ist allerdings zu befürchten, dass sie auch weiterhin nicht davon lassen werden, im Sumpf aus Fortschrittsängsten, Misanthropie und Aberglauben potenzielle Wählerstimmen für ihre von jeglichen positiven Visionen und Zukunftskonzepten entleerten Parteinapparate zu wittern. Mag die weltweite Erfolgsgeschichte der Gentechnik auch weiterhin dem hiesigen Klima der Angst Hohn sprechen, so ist dennoch zu befürchten, dass auf die Engstirnigkeit und den Provinzialismus deutscher Politiker in Zukunft ebenso Verlass bleiben wird.

Johannes Richardt ist Leiter der PR & Kommunikation des NovoArgumente Verlags. Zuletzt schrieb er in NOVOnotizen über “Die inszenierte Gefahr des Paintballspiels”.