29.10.2014

„Auf vernünftige Weise vernünftig sein“

Interview mit Robert Pfaller

Der österreichische Philosoph Robert Pfaller erklärt im Gespräch mit NovoArgumente, wie die heutige Pseudo-Politik die Aufmerksamkeit von realen Problemen weg lenkt und durch immer mehr Vorschriften und Verbote den Menschen das Gefühl gibt, schwach zu sein

Sie sprechen in Ihrem Buch Wofür es sich zu leben lohnt davon, in den westlichen Gesellschaften habe seit Mitte der 1990er-Jahre ein „Wechsel der Beleuchtung“ stattgefunden, in dessen Licht wir uns nunmehr bereitwillig den Trends zu mehr Gesundheit, Sicherheit, Nachhaltigkeit und Kosteneffizienz unterwerfen. Was bedeutet das für unsere Gegenwartskultur im Allgemeinen?

 

 Der „Beleuchtungswechsel“ besteht zunächst darin, dass wir diejenigen Dinge und Tätigkeiten, die uns vor kurzem noch großartig und glamourös erschienen, plötzlich verabscheuen und hassen: zum Beispiel Autofahren, Müßiggang, hohe Schuhe tragen, Flirten, Tabakkultur, Alkohol, schwarzer Humor etc. Die Veränderung in unserem Empfinden rührt aber nicht daher, dass wir etwa bislang unbekannte Seiten an diesen Dingen entdeckt hätten. Vielmehr hassen wir sie genau aus den Gründen, aus denen wir sie bisher geliebt hatten. Es ist, wie wenn genau dasselbe Objekt uns plötzlich in einem ganz anderen Licht erschiene. Diese aktuelle Beleuchtung, die uns oft selbstverständlich und alternativlos erscheint, wollte ich kenntlich machen und in Frage stellen. Sie hat, glaube ich, dazu geführt, dass westliche Menschen mehr und mehr den Anspruch auf Glück aufgegeben haben. Das macht sie ängstlich, verzichtsbereit, neidisch und anfällig für autoritäre Politik.


Als Materialist und Epikureer wenden Sie sich gegen die vorherrschende Vorstellung, wir könnten nur im Verzicht auf unsere materiellen Ansprüche zu Freiheit und Autonomie gelangen. Wie konnte diese Verzichtsidee dermaßen bestimmend werden und was für eine Vorstellung von Freiheit halten Sie dem entgegen?

Eine Politik, die die Interventionskraft des Staates gezielt vom Großen ablenkt und sie auf das Kleine umlenkt, hat die Individuen zunehmend an die Vorstellung gewöhnt, dass sie schwache Wesen wären, die nichts ertragen können und durch penible Verbote geschützt werden müssten. Auf diese Weise bringt man die Leute gegeneinander auf, entpolitisiert sie und macht sie gehorsam. Viele glauben, frei zu sein und Anerkennung zu erfahren, wenn sie ihre Befindlichkeiten und Wehwehchen in der Öffentlichkeit, möglichst sogar gesetzeswirksam, geltend machen dürfen. Freiheit aber ist, wie Immanuel Kant gezeigt hat, das Gegenteil: die Fähigkeit, die eigenen Empfindlichkeiten hinter sich zu lassen. Nur dadurch werden wir zu öffentlichen Wesen und politischen Bürgern, zu public men und citoyens.

„Die Politik, hat die Individuen zunehmend an die Vorstellung gewöhnt, dass sie schwache Wesen wären, die nichts ertragen können und durch penible Verbote geschützt werden müssten.“

Interessanterweise sind Menschen auch fast nur in ihrer öffentlichen, geselligen Dimension genussfähig. Alkohol trinken wir oft nur, wenn wir mit anderen anstoßen können; viele wollen, wenn sie alleine sind, nicht einmal essen. Anders als der Idealismus uns weismachen will, sind Glück und Genuss also alles andere als einfache Aufgaben. Menschen sind spontan vor allem verzichts- und opferbereit; es erfordert Kultur, um sie mit dem Glück zu versöhnen. Nur wenn sie aber ihr Glück einfordern können, sind sie frei und politisch unbeugsam. Mit den Worten Brechts: Wir sind nur dann frei, wenn wir schlechtes Leben mehr fürchten als den Tod.


In dem heute verbreiteten Bestreben, das eigene Selbst gegenüber den Normierungen durch die Gesellschaft zu behaupten, sehen Sie die Gefahr, wir könnten den Zugang zueinander verlieren. Ist dieses Streben nach Authentizität tatsächlich gleichbedeutend mit der Zurückweisung aller durch andere etablierten sozialen Rollen? Kann nicht auch im öffentlichen Engagement eine gewisse Aufrichtigkeit liegen?

Mir fällt auf, dass die Leute dank dieser Pseudopolitik immer lieber etwas sein als etwas haben wollen. Sie kämpfen eher für die Anerkennung ihrer Eigentümlichkeiten als für Gleichheit. Wenn der Begriff der Authentizität in Bezug auf politisches Handeln überhaupt einen Sinn hat, dann bezeichnet er aber mit Sicherheit das Gegenteil dieser Haltung. Authentisch ist politisches Engagement nicht dann, wenn es die Gesamtheit meiner individuellen Besonderheiten ausdrückt, sondern umgekehrt dann, wenn es das Allgemeine in mir zur Geltung bringt: Wenn ich mich nicht selbst befreien kann, ohne damit zugleich alle anderen zu befreien.


Die Aufklärung sieht im Vernunftgebrauch den Weg zu Unabhängigkeit und Souveränität. Sie plädieren dafür, auch das Unvernünftige wieder ins Leben zu integrieren. Was spricht für diese Forderung und wie sind diese beiden Positionen vereinbar?

Es ist ganz einfach: Wenn wir ständig nur vernünftig sind, verderben wir uns das Leben. Und das ist das Allerunvernünftigste. Wirklich vernünftig sein, heißt darum die Vernunft verdoppeln und mäßigend auf sich selbst anwenden: auf vernünftige Weise vernünftig sein. Wenn wir auf diese Weise vernünftig sind, dann können wir uns auch die eine oder andere, heitere Unvernunft durchaus gönnen. Alles andere führt in rabiate, finstere Pseudovernunft – in die bekannten „Dialektiken der Aufklärung“.

„Es ist die Sexualfeindlichkeit, die heute keine Tabus mehr respektiert“

Verschiedene Beobachter meinen heute eine zunehmende Sexualisierung der Gesellschaft zu erkennen, die keinerlei Grenzen und Tabus mehr anerkennt. Demgegenüber sehen Sie die Gesellschaft vielmehr durch Postsexualität bestimmt. Was meinen Sie damit und wie begründen Sie diese Einschätzung?

Es gibt immer mehr Menschen, die öffentlich behaupten, dass sie keinen Sex haben und auch keinen brauchen – gleichgültig, ob wir das wissen wollten oder nicht. Es ist die Sexualfeindlichkeit, die heute keine Tabus mehr respektiert. Ihr spielt es in die Hände, dass der Sex heute kaum noch in seinen faszinierenden Gestalten, sondern fast nur noch in seinen grellen, abstoßenden Zerrbildern, z. B. in der Pornographie oder in Reality-Shows, zur Darstellung gelangt. Es verhält sich wie in Heinrich Heines schöner Erzählung „Götter im Exil“: Jene Götter, die wir nicht mehr verehren, kehren uns als unansehnliche Dämonen wieder.


Die Öffentlichkeit soll auch ein Forum für kritische Diskussionen über allgemeine Belange bieten. Werden wir diesem Ideal heute noch gerecht und falls nicht, wo muss man ansetzen, um dieses wieder anstreben zu können?

Zum Beispiel, indem wir diese Debatte über Bevormundungspolitik beginnen und zeigen, dass es Leute gibt, die sich nicht alles gefallen lassen und die fordern, dass sich Politik wieder um die Dinge kümmert, für die sie eigentlich zuständig ist: Sie hat zum Beispiel dafür zu sorgen, dass in Zukunft nicht mehr Millionen Menschen in Europa in Armut und Arbeitslosigkeit getrieben werden können durch rücksichtslose Banken. Das sind die allgemeinen Belange, denen wir in der Öffentlichkeit Priorität verschaffen müssen. Alles, was davon ablenkt, müssen wir bekämpfen.


Sie diagnostizieren der Gesellschaft einen Hang zur Paranoia. Wenn wir uns davon befreien wollen, müssen wir dann bei der Politik oder bei den Menschen ansetzen?

Paranoia besteht darin, dass Dinge nicht relativiert werden können: Wenn zum Beispiel alles sofort der Sicherheit geopfert werden muss – auch die Bürgerrechte, die Würde der Individuen etc. Die Befreiung von der Paranoia umfasst beide Ebenen: Einerseits müssen wir für eine Politik kämpfen, die Prioritäten besonnen abwägt, anstatt Panik zu verbreiten, und die den Leuten signalisiert: „Ihr seid erwachsen. Ihr seid durchaus in der Lage, eure Befindlichkeiten ein Stück weit hintanzuhalten.“ Andererseits müssen wir uns selbst in jenen „Unterbrechungsriten“ üben, das heißt in jenen Praktiken wie z. B. Kaffee-, Bier- oder Rauchpausen, in denen wir uns die Frage stellen, wofür es sich zu leben lohnt. An dieser Frage relativieren sich alle Paniken.


In Ihrem Werk sprechen Sie von Pseudopolitik. Was meinen Sie damit und wie kommt es, dass wir diese Form von Politik offenbar bereitwillig akzeptieren?

Pseudopolitik besteht darin, die Interventionskraft des Staates und die Aufmerksamkeit der Menschen ständig vom Großen auf das unbedeutende Kleine abzulenken: von der Bankenkrise, die die Steuerzahler ruiniert hat, hin zum Neid auf den Nachbarn, der vielleicht ein Bier trinkt und dadurch womöglich unsere Gesundheitsfonds belastet. Anstatt die gefährlichen, zerstörerischen Kräfte des Kapitalismus zu zähmen, beschäftigt sich die Pseudopolitik nur noch damit, die Individuen gegeneinander aufzubringen und sie durch Vorschriften und Warnhinweise wie Minderjährige zu schikanieren.

„Die EU-Politik verbietet Dinge, die irgendwelche Schwachen oder Empfindlichen stören könnten.“

Vor allem die EU-Politik kritisieren Sie dafür, dass sie sich bei der Gestaltung der Gesetze stets die Schwächsten der Gesellschaft zum Maßstab nimmt. Woher kommt diese Sorge um die „unendlich Schwachen“ und wie wirkt sie sich auf Freiheit und Eigenverantwortlichkeit aus?

Die EU-Politik möchte, dass wir uns alle schwach fühlen, und sie tut so, als würde sie dafür sorgen, dass es den Schwachen gut geht – wenigstens, indem sie Dinge verbietet, die irgendwelche Schwachen oder Empfindlichen stören könnten. Freilich tut sie aber so gut wie nichts für die Millionen Griechen oder Spanier, die arbeits- und obdachlos geworden sind. Echte Politik hingegen besteht darin, dafür zu sorgen, dass niemand schwach ist.

Eigenverantwortlichkeit ist ein zwiespältiger Begriff: Genau jene Individuen, denen man keinen mündigen Umgang mit ihren Genussmitteln zutraut, möchte man nämlich umgekehrt verantwortlich machen für ihre Krankheiten und ihr soziales Scheitern. Auch hier ist die EU-Politik wieder pedantisch im Kleinen und fahrlässig im Großen.


Sie sind Mitbegründer der Initiative Mein Veto! – Bürger gegen Bevormundung. Gegen welche konkreten Formen der Bevormundung richten Sie sich damit, welche Forderungen stellt die Initiative an die Politik und wie können wir uns für deren Durchsetzung engagieren?

Die Initiative „Mein Veto!“ [1] in Österreich wurde von einer Werbeagentur ins Leben gerufen; zusammen mit anderen bin ich einer der Erstunterstützer. Ich selbst habe soeben zusammen mit meiner Agentin Alexandra Ötzlinger und einer ganzen Reihe europäischer Intellektueller eine EU-weite Initiative ins Leben gerufen. Sie heißt „Adults for Adults. Citizens against Patronizing Politics“. [2]

Beide Initiativen wenden sich gegen drei Aspekte aktueller Politik in der EU: Erstens gegen Bevormundungspolitik – also dagegen, dass Erwachsene anderen Erwachsenen Vorschriften machen, als ob diese Minderjährige wären. Dabei sind sie von diesen angeblich Unmündigen ja schließlich gewählt worden. Zweitens gegen Biopolitik – dagegen, dass die Gesundheit der Individuen zur ausbeutbaren Ressource gemacht wird und die Bürger dem Staat plötzlich Gesundheit schulden sollen, anstatt von ihm Unterstützung im Krankheitsfall erwarten zu dürfen. Die Frage aufzuwerfen, was Menschen kosten, ist eine infame und äußerst gefährliche Maßnahme. Drittens gegen Pseudopolitik. Wir dürfen nicht zulassen, dass Politik vom Großen, für das sie zuständig ist, auf das Kleine ablenkt, das wir durchaus selbst regeln können. Hier ist viel zu tun. Denn pseudopolitische Profiteure verbreiten sich durch die Bürokratisierung rasant in der ganzen Gesellschaft. Sie sitzen nicht nur ganz oben, sondern oft schon im nächsten Büro.


Dieser Artikel ist zuerst in der Novo-Printausgabe (#118 - 2/2014) erschienen. Kaufen Sie ein Einzelheft oder werden Sie Abonnent, um die Herausgabe eines wegweisenden Zeitschriftenprojekts zu sichern.