19.09.2012

Auf dem Weg in eine elitäre Fußball-Planwirtschaft

Analyse von Matthias Heitmann

Das UEFA-„Financial Fair Play“ soll den Fußball vor der totalen Kommerzialisierung schützen, heißt es.Es ist eher unfair: Die Elite der großen Clubs schottet sich gegen Emporkömmlinge ab und die unternehmerische Freiheit der Fußballclubs wird eingeschränkt

Die UEFA räumt auf im europäischen Profifußball. Erstmals hat die europäische Fußball-Union wirtschaftliche Sanktionen gegen insgesamt 23 Fußballvereine wegen Verstößen gegen die neuen Regelungen des „Financial Fair Play“ erhoben und aufgrund ausstehender Zahlungen Spielprämien einbehalten. Betroffen ist u. a. der amtierende Europa-League-Sieger Atletico Madrid. Die UEFA will die Zügel anziehen: Künftig sollen Vereine generell nur noch eine bestimmte Geldsumme in Relation zu ihren Einnahmen für den Profifußball ausgeben dürfen. Im kommenden Jahr werden erstmals die Bilanzen aller Vereine überprüft. Anfangs sind noch Defizite in Höhe von 45 Millionen Dollar innerhalb des zunächst zwei, später drei Spielzeiten umfassenden Berichtszeitzraums erlaubt, ab 2015 sind es dann noch 30 Millionen Euro. Aller Voraussicht nach dürfte die Obergrenze danach weiter gesenkt werden.

Hintergrund dieser Regelung ist die in den letzten Jahren rasant gestiegene Verschuldung der europäischen Top-Clubs. Insgesamt sind die über 700 europäischen Vereine mit mehr als 19 Milliarden Euro verschuldet. Vor allem die mit zahlreichen Weltstars gespickten englischen und spanischen Profiligen stechen hier hervor. Allein die englische Premier League ist mit über vier Milliarden Euro verschuldet, und zahlreiche spanische Ligaclubs stehen unter Insolvenzverwaltung. Real Madrid und der FC Barcelona stehen mit mehr als 450 Millionen beziehungsweise mehr als 200 Millionen Euro in der Kreide. Der spanische FC Valencia sitzt trotz zahlreicher Zwangsverkäufe in den letzten Jahren auf einem Rekord-Schuldenberg von rund 500 Millionen Euro und ist damit höher verschuldet als alle Vereine der deutschen Bundesliga zusammen.

Die Auflage, nicht mehr für den Fußball ausgeben zu dürfen, als über den Fußball eingenommen wird (durch Sponsoring, Medieneinnahmen und Ticketverkauf), soll die großen Vereine zudem davor bewahren, zu Spielbällen großer Investoren, Mäzene und Geldgeber zu werden. Die britische Premier League ist fast zur Hälfte in der Hand ausländischer Investoren. Als Paradebeispiel des Horrors gilt der russische Milliardär Roman Abramowitsch, der im Jahr 2002 den FC Chelsea London erwarb und seitdem mehr als 800 Millionen Euro in seinen Verein investierte. Manchester City gilt als jüngster Spross des vermeintlich „entfesselten Fußball-Kapitalismus“ und gehört zu den größten Schuldenmachern auf der europäischen Fußballbühne. Allein vor der letzten Saison gab der von Scheich Mansour bin Zayed Al-Nahyan, einem Mitglied der Herrscherfamilie von Abu Dhabi, gekaufte Club mehr als 80 Millionen Euro für neue Spieler aus – trotz eines Verlusts vor Steuern in der letzten Saison von 141 Millionen Euro. Für einen internationalen Titel reichte das frische Geld zwar nicht, aber immerhin wurden die „Citizens“ erstmals nach 44 Jahren englischer Meister.

Kritisiert wird die Macht der Investoren, da sie zu einem als wettbewerbsverzerrende Bevorteilung von einigen wenigen Clubs, zum anderen aber auch als wenig nachhaltiges Geschäftsmodell angesehen wird. Die steigende Abhängigkeit von Investoren, so heißt es, deformiere die wirtschaftliche Entwicklung der Vereine, da diese sich jederzeit auf der „hohen Kante“ ihrer Gönner abstützen könnten. Tatsächlich hätte dem frisch gebackenen Champions League-Sieger FC Chelsea nach den nunmehr geltenden Regeln des Financial Fair Plays vor zwei Jahren die Teilnahme an der Champions League verweigert werden müssen. Besonders laut ist die Kritik an diesen Auswüchsen aus der Bundesliga. Allen voran Karl-Heinz Rummenigge, Vorstandsvorsitzender der FC Bayern München AG, macht sich seit Jahren gegen die Macht der Investoren stark. Hintergrund seiner Kritik ist vor allen Dingen die empfundene Benachteiligung des FC Bayern in der Champions League, der seiner Darstellung nach als einer der wenigen Spitzenclubs Europas fortlaufend schwarze Zahlen schreibe und solide wirtschafte. Während sich die Funktionäre des deutschen Rekordmeisters primär gegen die verschuldeten Spitzenclubs in Europa wenden, nehmen andere deutsche Sportfunktionäre, wie etwa der Geschäftsführer von Borussia Dortmund, Hans-Joachim Watzke, auch deutsche Vereine mit finanzkräftigen Hintergründen ins Visier. In der Kritik stehen Bayer 04 Leverkusen, der VfL Wolfsburg und die TSG 1899 Hoffenheim, denen vorgeworfen wird, mit Mitteln ihrer Investoren (Bayer AG, Volkswagen AG sowie der Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp) unfaire Wettbewerbsvorteile zu haben.

Man kann mit Sicherheit an den stetig steigenden Gehältern von Profifußballern und an der gesamten Entwicklung des Profifußballs kritikwürdige Punkte finden. Für eine grundlegende Bewertung der Financial Fair Play-Regelungen der UEFA gilt es aber, der Reihe nach folgende Fragen zu beantworten:

Was sind die Ursachen dafür, dass der Profifußball ein so großes wirtschaftliches Gewicht bekommen hat, und woher kommt das Geld? Ist der Einfluss von Mäzenen, Investoren und Geldgebern schädlich für den Fußball? Führen die Regelungen des Financial Fair Play dazu, das System fairer und sicherer zu machen?

Finanzblase Profifußball: ein Produkt der wirtschaftlichen Stagnation Europas

Tatsächlich hat sich der Profifußball, insbesondere seit der Schaffung der Champions League vor 20 Jahren, zu einer wahren Geldmaschine entwickelt. Die Haupteinnahmequellen der Profivereine sind heute das Unternehmens-Sponsoring, die Fernseheinnahmen sowie die Einnahmen aus Marketing und Merchandising. Der reine Verkauf normaler Eintrittskarten für Fußballspiele ist in seiner Bedeutung stark gesunken. Dass der Fußball für Unternehmen aus zahlreichen Branchen zu einem wichtigen Geschäftsfeld geworden ist, hat mehrere Ursachen: Zum einen wird in den Vereinen seit vielen Jahren ein unternehmerisches Handeln an den Tag gelegt, das die romantische Vorstellung von durch die Mitglieder getragenen, traditionellen Vereinsstrukturen mehr und mehr in den Hintergrund rückt. Zahlreiche deutsche Clubs haben sich beziehungsweis ihre Profiabteilungen als Aktiengesellschaften (aus-)gegründet, um wirtschaftlich arbeiten und sich nicht zuletzt auch den Beschränkungen des Vereinsrechts (Stichwort: Gemeinnützigkeit) besser entziehen zu können. So wurde es auch Unternehmen aus anderen Branchen ermöglicht, sich stärker im Fußball zu engagieren.

Diese gewollte und bewusst geförderte Professionalisierung des Fußballs wirkte sich sowohl auf die für Spieler investierbaren Summen als auch auf das Selbstverständnis des Fußballs insgesamt aus: Er entwickelte sich immer mehr vom einstigen „Proletensport“ zu einem Event von gesamtgesellschaftlicher Relevanz sowie zu einem ökonomisch attraktiven Werbeträger. Fußball wurde endgültig zu einem „Geschäft“ – eine Entwicklung, die in England übrigens bereits vor über einem Jahrhundert angestoßen wurde: Während in Deutschland Profifußball immer noch ein recht junges Phänomen ist, wird im „Mutterland des Fußballs“ seit Beginn des 20. Jahrhunderts Fußball in Profiligen gespielt.

Dass gerade in den letzten Jahren die im Fußballgeschäft kursierenden Geldmengen explodierten, ist weniger durch fußballinterne Entwicklungen zu erklären. Vielmehr wuchs in zahlreichen Unternehmen und Branchen die Bereitschaft, mehr Gelder in den Sport zu pumpen, zum Beispiel in Form von Sponsoring und Marketing. Sportsponsoring ist aus dem heutigen Marketing-Mix der Unternehmen nicht mehr wegzudenken. Laut der Studie „Sponsor Visions“ flossen bereits im Jahr 2006 in Deutschland anlässlich der Fußball-WM schätzungsweise 2,7 Milliarden Euro ins Sportsponsoring, Tendenz weiter steigend.

Der Boom des Sportsponsorings setzte nach Ansicht des Fußball- und Sportmarketing-Experten Prof. Stefan Chatrath in den späten 80er-Jahren ein. Zu dieser Zeit sei vielen Unternehmen bewusst geworden, dass die goldenen Zeiten des Wirtschaftswunders endgültig vorbei waren. Anstatt verstärkt in Forschung und Entwicklung (FuE) zu investieren mit dem Ziel, über eine entsprechend ausgerichtete Unternehmensentwicklung Programmpolitik der wirtschaftlichen Stagnation zu trotzen und neue, noch unbekannte Märkte zu erschließen, geschah das Gegenteil: Die Unternehmensausgaben für FuE gingen – bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt (BIP) – seit den 80er-Jahren stetig zurück. Stattdessen sind in den letzten Jahren immer mehr Mittel in die Kommunikationspolitik der Unternehmen geflossen, was zu einer enormen finanziellen Aufblähung des Fußballs führte. Chatrath kritisiert, dass die große Mehrheit der Unternehmen, anstatt schon in den 80er-Jahren mit einer innovativen Produkt- und Programmpolitik auf den Markt zu kommen, einen eher defensiven Weg gegangen sei und lieber in „innovative“ Kommunikationsinstrumente wie das Sportsponsoring investiert hätten. Wer also heute Fußballvereine dafür kritisiert, zu viel Geld für Spieler auszugeben, sollte sich vergegenwärtigen, dass die Vereine letztlich nur das tun, was von ihnen erwartet wird: den Eventcharakter des Fußballs weiter ausbauen, damit Unternehmen auch in Zukunft ihre Gelder dort „sicher“ anlegen können.

Mäzene, Investoren und Geldgeber: ein Segen für die „Kleinen“

Folgt man der gängigen Berichterstattung über das Agieren von Investoren und Mäzenen im Fußball, so bekommt man den Eindruck, als würden Heuschrecken über ein autarkes ökonomisches Gebilde herfallen, es an sich reißen und kahlfressen. Da Milliardäre wie Abramowitsch die mediale Aufmerksamkeit auf sich ziehen, entsteht aber ein verzerrtes Abbild der Realität: Tatsächlich ist das Engagement von Mäzenen im Fußball nicht nur ein sehr altes Phänomen, sondern auch in Deutschland völlige Normalität. Kaum ein auch nur halbwegs ambitionierter Dorfverein kommt heute ohne Investoren und Mäzene aus. Das Mäzenatentum ist insbesondere in der unterklassigen Welt des Vereinsfußballs gang und gäbe. Und es ist auch notwendig: Wie anders sollte ein Landesligaverein eine auch nur halbwegs schlagkräftige Mannschaft zusammenstellen, wenn er für deren Finanzierung auf die Einnahmen der Würstchenbude und des Verkaufs von Eintrittskarten an die 50 Unentwegten, die sich jedes Spiel ansehen, angewiesen wäre? Auch die allseits hochgelobte Jugendarbeit mit gut ausgebildeten Fußballlehrern könnte flächendeckend mit traditionellen Vereinseinnahmen nicht finanziert werden. Daher ist gerade das Engagement örtlicher Unternehmen oder Gönner für den Fußball in der Fläche überlebenswichtig und wird in der Regel gesellschaftlich entsprechend hochgeachtet. Auch der SAP-Gründer Dietmar Hopp ist ein solcher Mäzen, der sich und seinem Heimatverein, der TSG 1899 Hoffenheim, mit seinem Geld den Traum vom großen Fußball verwirklichen wollte, zugleich aber auch erhebliche Mittel in die Professionalisierung der Nachwuchsarbeit investierte mit dem Ziel, den Club langfristig wirtschaftlich unabhängig zu machen.

Natürlich war das Mäzenatentum im Sport auch in den vergangenen Jahren immer wieder starker Kritik ausgesetzt. Vor allen Dingen vor dem Hintergrund, dass Profivereine lernen sollten, wie richtige Unternehmen zu wirtschaften, galt es als rückschrittliches Relikt vergangener Zeiten und daher auch als wettbewerbsverzerrender Faktor im Fußballgeschäft. Diese Kritik ist unter bestimmten Voraussetzungen durchaus nachvollziehbar. Doch die Frage ist: Was sind die Gründe dafür, dass selbst für professionalisierte und unternehmerisch handelnde Fußballvereine individuelle und zuweilen auch verschrobene Mäzene eine so attraktive Alternative darstellen? Die Antwort auf diese Frage lautet: Im Gegensatz zu Unternehmen aus anderen Branchen ist es Fußballvereinen nicht erlaubt, sich dem freien Kapitalmarkt zu öffnen. Verhindert wird dies durch die sogenannte „50+1-Regelung“, die es ambitionierten und langfristig wirtschaftenden Kapitalanlegern nicht gestattet, die Stimmenmehrheit in von deutschen Fußballvereinen gegründeten Kapitalgesellschaften zu übernehmen. Eine Öffnung des Kapitalmarktes würde die Vereine aber dazu bringen, noch professioneller als bisher zu arbeiten – um im Wettbewerb um das Kapital am Anlagemarkt überhaupt eine Chance zu haben. Zudem hätten die Vereine eine weitaus bessere Auswahl an eventuell interessierten Investoren, was sich wiederum positiv auf die Nachhaltigkeit der Vereinspolitik auswirken würde. Eine solche Entwicklung würde tatsächlich einen weiteren Professionalisierungsschub auslösen. Die Öffnung könnte gerade den Vereinen helfen, die nicht international spielen, also den „kleinen“. Durch eine Abschaffung der begrenzten Kapitalanlagemöglichkeit wäre es ihnen möglich, den Rückstand zu den „großen“ zu verringern – auch ohne das Risiko einzugehen, sich in die Hände von vielleicht tatsächlich unberechenbaren oder von egoistischen Motiven geleiteten Mäzenen zu begeben. Solange aber die „50+1“-Regel diese Professionalisierung verhindert, braucht man sich nicht wundern, wenn Vereine andere Mittel und Wege suchen, um sich nach oben zu arbeiten. Nicht umsonst waren es gerade Fußballfunktionäre aus dem ambitionierten Mittelbau der Bundesliga wie der Präsident von Hannover 96, Martin Kind, und eben nicht die Großen und Reichen der Liga, die sich für eine Lockerung dieser Regel stark machten.

Financial Fair Play: Artenschutz für die Großen?

Die zentrale Aussage der von der UEFA und ihrem Präsidenten Michael Platini entwickelten Financial Fair Play-Regelung (FFP) lautet: „Nicht mehr für den Fußball ausgeben, als man durch den Fußball einnimmt.“ Damit soll sowohl die Überschuldung der Clubs vermieden als auch der Einfluss der besagten Investoren begrenzt werden. Verstöße gegen die eingeführte Schuldengrenze sollen „knallhart sanktioniert“ werden, heißt es in Funktionärskreisen. Doch die Umsetzbarkeit dieser Aussage ist mit mehreren dicken Fragezeichen zu versehen. Denn obwohl die Vereine bereits heute hinsichtlich der Einhaltung der Richtlinien für die Spielzeit 2013/2014 unter die Lupe genommen werden, ist noch unklar, wie genau diese Sanktionen aussehen sollen. Es gilt als höchst unwahrscheinlich, dass hochverschuldete Clubs wie Real Madrid, der FC Barcelona oder der FC Chelsea tatsächlich Gefahr laufen, von der Champions League ausgeschlossen zu werden, würde hierdurch die UEFA doch ihr eigenes hoch lukratives Produkt gefährden.

Des Weiteren ist davon auszugehen, dass gerade die großen Vereine Heerscharen von Wirtschafts- und Rechtsexperten beschäftigen und ihre guten Kontakte in die Wirtschaft aktivieren werden, um jedes noch so kleine Schlupfloch innerhalb der Regelung zu identifizieren und zu nutzen. Beispiele für einfach zu gestaltende Umwege gibt es schon jetzt: Im letzten Jahr verpflichtete der hochverschuldete und in einem Insolvenzverfahren steckende spanische Erstligaverein Real Saragossa den Torwart Roberto Jiménez von Benfica Lissabon – für eine Ablöse von mehr als acht Millionen Euro. Der Verein selbst zahlte jedoch mit 86.000 Euro nur rund ein Prozent der Summe, den Rest beglich ein Investmentfonds, der den Spieler dann in einer Art „Mietmodell“ an Saragossa überstellte. Auch erscheint es möglich, Finanzspritzen als Sponsoring- oder Marketingverträge zu tarnen: Hauptsponsor von Manchester City ist die Fluggesellschaft „Etihad“ aus Abu Dhabi. Sie wird geführt von Scheich Ahmed bin Saif Al-Nayhan, dem Halbbruder des Vereinseigentümers. Die Fluggesellschaft zahlt den „Citizens“ im Rahmen eines Zehnjahresvertrages umgerechnet cirka 455 Millionen Euro für die Namensrechte am Stadion und den Schriftzug auf dem Mannschaftstrikot (der FC Bayern nimmt hierfür „nur“ knapp 30 Millionen Euro je Saison ein). Um diese Art von „Schein-Sponsoring“, wie es in der UEFA heißt, zu verhindern, will man künftig auf die Einhaltung „marktübliche Preise“ pochen. Wie dies aber konkret umgesetzt und auf Basis welcher Argumentation „Marktüblichkeit“ und zu welchem Zeitpunkt definiert werden soll, lässt viele Fragen offen. Es kann davon ausgegangen werden, dass sich angesichts der Financial Fair Play-Richtlinien ein tatsächliches Rattenrennen entwickeln wird – zwischen den großen, finanzkräftigen Clubs und den Kontrolleuren der UEFA. Ein Großteil der wichtigen Fußball-Entscheidungen wird künftig in unendlichen Verfahren und Prozessen in den Gerichtssälen und nicht mehr auf den Fußballplätzen getroffen werden – dagegen dürfte die aktuelle Prozess-Farce um das Relegationsspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC Berlin wie eine Lappalie erscheinen.

Von der Financial Fair Play-Regelung also zu erwarten, dass sie die finanzielle Ungleichheit zwischen den Vereinen reduziert, entbehrt jeder Grundlage. Das Gegenteil ist der Fall: FFP führt dazu, dass die großen Clubs zwar größere Anstrengungen vollziehen müssen, um an Gelder zu kommen, und also vielleicht nicht mehr ganz so schnell noch reicher werden. Der entscheidende Punkt aber ist, dass die kleinen Clubs klein und außen vor bleiben. FFP reduziert vielleicht die Amplitude des zulässigen Reichtumsgefälles, zementiert dieses aber zugleich grundsätzlich. Zudem machen die Regelungen der eingebauten Schuldenbremse das System langfristig undurchlässiger: Denn der geplante und auch wirtschaftlich forcierte Aufstieg kleiner Vereine wird erheblich erschwert, da ein solcher Kraftakt ohne Investitionen, die die aktuellen Einnahmen übersteigen, kaum möglich ist. Die Chancen gerade von ins Trudeln geratenen oder nicht in den obersten Ligen spielenden Traditionsvereinen oder ambitionierter neuer Projekte wie RB Leipzig, sich schnell nach oben durchzuarbeiten, dürften so deutlich sinken. Die Financial Fair Play-Regelung der UEFA hat in letzter Konsequenz eine dem Gedanken des Fairplay zuwiderlaufende Stoßrichtung: sie ist zutiefst elitär.

Dieser elitäre Geist wird sogar ganz offen zum Ausdruck gebracht. In einem Interview in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 28. Januar 2011 äußerte sich Bayern-Chef Karl-Heinz Rummenigge zu den Folgen des FFP eindeutig: „Ein Aufstieg wie der von Manchester City wird künftig schwieriger. Aber will man die Manchester Citys dieser Welt fördern? Ich als Fußballfan will etwas anderes: Ich will Inter, Real, Barcelona, Bayern, Milan, Manchester United sehen. Weil das über viele Jahre hinweg die besten Klubs der Welt sind und Tradition haben“ . Hinsichtlich seiner elitären Note unterscheidet sich also der Dortmunder Watzke, wenn er gegen Hoffenheim, Leverkusen und Wolfsburg Stimmung macht, kaum von Rummenigge. Letzterer kaschiert seinen eigenen elitären Standpunkt jedoch geschickt dadurch, dass er, plötzlich ideell in der Kutte des einfachen Fußballfans, gegen „noch reichere“ Clubs in England, Italien und Spanien polemisiert – im Namen des soliden deutschen Wirtschaftens und des Fairplay. Lässt man sich die Aussagen von Rummenigge aber einmal genüsslich auf der Zunge zergehen, – und schließlich soll er es gewesen sein, der immer wieder bei seinem „Freund Michel“ Platini gegen das Ausufern der Transfergelder vorgesprochen hat –, so wird die vorrangige Funktion des FFP deutlich: Es geht darum, den Aufstieg neuer Klubs zu verhindern und die Vorherrschaft der Alten zu sichern. Das ist nicht Fairplay, sondern ein elitäres Konzept der Exklusion von Aufsteigern und Modernisierern. Was sich also öffentlich präsentiert als Versuch, „künstlich“ gezüchtete und von russischen Oligarchen und Öl-Scheichs „gepimpte“ Vereine kleinzuhalten und eine vermeintliche „Ursprünglichkeit des Fußballs“ zu bewahren, ist in Wahrheit ein Modell, um den bestehenden Club der Großen gegen Newcomer abzuschotten.

Planwirtschaft der Angst

Das kontrollierende Eingreifen der UEFA in das wirtschaftliche Agieren der Vereine geht deutlich über das Lizensierungsverfahren der Deutschen Fußball Liga (DFL), dem sich alle Vereine der ersten drei deutschen Ligen unterziehen müssen, hinaus. In diesem ging es ursprünglich darum, die Liquidität der Vereine und damit deren Fähigkeit, den Spielbetrieb in der laufenden Saison aufrechtzuerhalten, sicherzustellen. In den letzten Jahren sind zahlreiche weitere Auflagen hinzugekommen, u.a. auch bezüglich der Stadionsicherheit, der vereinseigenen Nachwuchsförderung oder der Entwicklung der sportlichen Infrastruktur. Nicht umsonst gelten die Lizensierungsvorschriften der DFL als vorbildhaft für die UEFA-Regelungen des Financial Fair Play.

FFP geht jedoch deutlich weiter, als es das deutsche Lizensierungsverfahren bisher vorsieht: Es untersagt den Clubs nicht mehr nur, bestimmte wirtschaftliche Risiken in Form einer Verschuldung einzugehen, es legt zudem fest, woher die investierten Gelder zu kommen haben. Antriebskraft dieser Neuordnung des europäischen Profifußballs ist die Angst vor dem Untergang – mit diesem Argument wird der tiefe Eingriff in die unternehmerische Freiheit der Vereine gerechtfertigt. Dass es hiergegen kaum und nur punktuell Einwände gab, ist nicht überraschend: Denn was nun auch für den Fußball als Maßgabe wirtschaftlichen Handelns gelten soll – die Vermeidung von Risiken –, ist in großen Teilen des Wirtschaftslebens schon seit längerem üblich. Die Angst vor Risiken und die damit verbundenen Forderungen nach strikter Kontrolle (und Bestrafung) derjenigen, die „unverantwortliche“ Risiken einzugehen bereit sind, ist in der gesamten Gesellschaft verbreitet und prägt sowohl die wirtschaftliche als auch die politische Kultur Europas. Es ist daher auch kein Wunder, dass Financial Fair Play gerade in Zeiten der Wirtschafts-, Finanz- und Eurokrise ein so großes Thema und so populär geworden ist.

Die Vehemenz, mit der die UEFA ankündigt, FFP durchsetzen zu wollen, spiegelt wider, wie tief diese Angst sitzt. Objektiv betrachtet ist das den Fußballunternehmen erteilte Verbot, wirtschaftliche Risiken einzugehen, um große Fortschritte zu erzielen, mit den Regeln einer freien Marktwirtschaft nicht in Einklang zu bringen – und schon gar nicht mit einer sozialen Marktwirtschaft, denn wirtschaftlich klammen Vereinen die Möglichkeit zu verwehren, große Investoren an Land zu sichern, vergrößert die Gefahr, dass die Kosten ihres Niedergangs sozialisiert werden. Zur Erinnerung: Real Madrid mag mit mehreren Hundert Millionen Euro verschuldet sein; Insolvenz anmelden werden jedoch eher kleinere Vereine, und dies wegen deutlich niedriger Beträge – es sei denn, Städte oder Länder springen ein und stützen die Fußballstandorte mithilfe von Steuergeldern.

Die ängstliche Kontrollwut, die im Fußball Einzug hält, macht deutlich, wie sehr man mittlerweile den Glauben an das Funktionieren des Fußballgeschäfts nach marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten verloren hat. Offensichtlich bezweifeln selbst die führenden Fußballfunktionäre, dass sich das Eingehen wirtschaftlicher Risiken lohnen kann – und wenn es sich doch zu lohnen scheint, so werden diese Fälle argwöhnisch beobachtet. Wenn aber die Zweifel am Funktionieren des Geschäfts so stark sind, dass man glaubt, von Verbandsseite aus die Fußballmanager vor sich selbst schützen zu müssen, wie passt das mit der seit Jahren verlautbarten Forderung zusammen, Fußballvereine müssten sich professionalisieren und wie Unternehmen aufstellen? Es scheint, als werde der Fußball vom ängstlichen Zeitgeist überrollt: Er ist ein Spiegelbild der Gesellschaft, und aufgrund seiner aufgeblähten Bedeutung setzt er zugleich Maßstäbe. Wenn aber einem Unternehmen, ganz egal, ob im Fußball oder in einem anderen Markt, die Entscheidung darüber, welche Risiken es einzugehen bereit ist, aus der Hand genommen wird, braucht man sich über Stagnation sowie über Mut- und Verantwortungslosigkeit nicht wundern.