15.06.2011

Atomenergie trifft auf Klimawandel

Analyse von Frank Furedi

Die Entscheidung Deutschlands, aus der Atomenergie auszusteigen, ist hysterisch. Sie offenbart die Gefahren eines Wettbewerbs zwischen verschiedenen Panikmachern, der zunehmend die Politik und das öffentliche Leben bestimmt

Als die deutsche Regierung unter Führung von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im letzten Herbst die Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke durchsetzte, wurde dies auch mit der wichtigen Rolle dieser „sauberen“ Energie im Kampf gegen den Klimawandel begründet. Nicht wenige Atomgegner schlossen sich damals dieser Argumentation an. Ihre Befürchtungen hinsichtlich des Klimawandels überwogen sogar ihre Ablehnung der Atomenergie. Doch der Sieg der Klimapanik war nur von kurzer Dauer. Die Aussicht auf eine atomare „Verstrahlung“ im Hier und Jetzt erwies sich als das wirksamere Angstszenario im Gegensatz zu den wenig greifbaren Schäden, die der Klimawandel für „zukünftigen Generationen“ bereit halten könnte.

So konnte letztlich die Angst vor einer angeblichen Bedrohung durch die zerstörten Reaktoren in Fukushima über die alarmistischen Bedrohungsszenarien der Klimaapokalyptiker triumphieren. Der Unter dem Namen „Energiewende“ firmierende Schwenk der Bundesregierung zeigt, dass sogar inmitten eines titanenhaften Zusammenpralls konkurrierender Bedrohungsszenarien die Panikmache zuweilen überraschend pragmatische Züge annehmen kann.

Historische Erfahrungen zeigen uns, dass der Erfolg im Wettstreit der Ängste wenig mit dem Grad der tatsächlichen Bedrohung zu tun hat. Vielmehr hängt er von der Fähigkeit der Panikmacher ab, einen Bezug zu den kulturellen Werten ihrer Epoche herzustellen. Als vor wenigen Wochen der amerikanische Evangelist Harold Camping die kurz bevorstehende Ankunft des Jüngsten Gerichts verlautbarte, nahmen die meisten ihn nicht für voll. In früheren Zeiten jedoch konnten Prophezeiungen religiöser Fanatiker sogar Massenpaniken hervorrufen. Sie beeinflussten das Alltagsleben und ließen manchmal Hundertausende auf den Weltuntergang warten.

Heutzutage macht man vielleicht einen Witz über Campings Spinnereien und geht schnell wieder zur Tagesordnung über. Doch manche der Leute, die sich über Camping lustig machten, konnte man ein paar Monate früher noch beim panikartigen Kauf von Jodtabletten beobachten. In den USA – wie in Deutschland auch - waren ganze Lagerbestände ausverkauft, nachdem der Reaktorunfall in Fukushima seinen Lauf nahm. Viele Amerikaner glaubten, dass radioaktive Partikel ihre Gesundheit bedrohen und dass sie sich gegen eine radioaktive Wolke schützen müssen. Dabei waren die Auswirkungen des Fallouts in Japan für sie genauso signifikant wie Campings Fantasien. Doch wie die deutsche Regierung nur allzu gut weiß, ist die Panikmache über atomare Verstrahlung weitaus wirksamer als altmodische Weltuntergangsprophezeihungen im Stil der Zeugen Jehovas.

Angstindustrie: Panikmache über Panikmache

Wie ich in meinem Buch Kultur der Angst schreibe, gab es noch nie eine so massive Anhäufung von Angstkampagnen wie in den letzten 25 Jahren. Ständig scheint irgendwo das Überleben des Planeten auf dem Spiel zu stehen. Die Liste an potenziellen Desastern wächst und wächst. Internationaler Terror, Klimawandel, Seuchen, die Aids-Epidemie, Überbevölkerung, Fettleibigkeit, desaströse Unfälle auf dem Gebiet der Technik – das sind nur einige von vielen „Großgefahren“, mit denen die Menschheit heute angeblich konfrontiert ist.

Panikmache hat auch einen Einfluss auf Gesundheitsfragen. Gesundheitswarnungen, die sich gezielt an Frauen und Kinder wenden, haben sich in den letzten Jahren zu einem blühenden Geschäftsfeld entwickelt. Oft verbindet man sie mit Ängsten über unser Essen, wobei auch Nebenwirkungen von Medikamenten eine immer größere Rolle spielen. Die schädlichen Folgen der Umweltverschmutzung gesellen sich hinzu und neue Technologien werden grundsätzlich erst einmal unter Generalverdacht gestellt. „Law-and-Order“-Befürworter schüren die Furcht vor Kriminalität. Aber auch Ängsten vor Einwandern oder „sozialschädlichen“ Verhalten gehören zu ihrem Repertoire. Doch vor allem um die Umwelt dreht sich die Panikmache. Argwöhnisch erblicken wir in jedem menschengemachten Eingriff in die Natur gleich ein potenzielles Schreckensszenario.

Weil es so viel zu befürchten gibt, ist die Panikmache ein besonders hart umkämpfter Wettbewerb. Eine regelrechte Angstindustrie ist so entstanden, deren Ton wegen des ausgeprägten Konkurrenzdrucks im Kampf um öffentliche Aufmerksamkeit oftmals schrill und hysterisch anmutet. Man nehme als Beispiel nur die Panikmache über gentechnisch veränderte Nahrung. Durch die Stigmatisierung als „Frankenstein-Essen“ wurden entsprechende Produkte in den 1990er Jahren erfolgreich diskreditiert. Die Presse transportierte ein Klima des Verdachts gegen gentechnisch veränderte Produkte. Aber auch die Versuche, solchen Kampagnen entgegenzutreten erweisen sich nicht selten als genauso schrille Angstmacherei. So warnte der Herausgeber des Magazins Countrylife davor, dass Menschen „verhungern“ würden, falls wir gentechnisch verändertes Essen nicht akzeptieren sollten. Er fügte hinzu, die langfristige Zukunft der Welt schaue „alles andere als rosig“ aus, und erwähnte mögliche „Kriege, Ausbreitungen von Wüsten und Hungersnöte“ sowie „Kriege um Wasser“, sollten wir es nicht schaffen, die Gentechnik voranzubringen. „Gentechnische Züchtungsmethoden haben das Potenzial, einige dieser Gefahren abzumildern“, argumentierte er, und er behauptete, dass „zukünftige Generationen denken werden, wir seien verrückt oder gar kriminell“, wenn wir die Fortschritte auf dem Feld der Gentechnik nicht nutzten.

Auch in Sicherheitsdebatten prallen verschiedene Angstappelle aufeinander. Dabei wird heute bevorzugt der Terrorismus als Referenzpunkt genannt. Manche Leute behaupten dann gerne, dass ihr eigenes, eigentlich eher unbedeutendes, Anliegen ein größeres Problem darstelle als der globale Terror. So meinte z.B. Sir Malcolm Pitt, Leiter einer Expertengruppe für Überflutungsgefahren, dass „wir Überflutungen auf dieselbe Ebene heben sollten, auf der wir das Risiko des Terrorismus oder einer Grippepandemie behandeln“. Sowohl die Weltbank als auch das Pentagon behaupten, der Klimawandel sei eine größere Bedrohung als der Terrorismus. Auch ein Bericht der Oxford Research Group in Großbritannien besagt, der Klimawandel sei schlimmer: „Internationaler Terrorismus ist eine relativ geringfügige Bedrohung verglichen mit ernsteren globalen Trends“. Andere akzeptieren diese unheilschwangeren Studien, meinen aber, dass Überbevölkerung das eigentliche Menetekel für unseren Planeten darstelle.

Panikmache ist nicht einfach nur das Werk skrupelloser Geschäftemacher oder Demagogen. Vielmehr ist Angstmacherei zu einer kulturellen Ressource geworden, aus der sich verschiedene Leute und Interessengruppen nähren, um daraus Anerkennung für ihre Botschaften oder Argumente zu ziehen. Deshalb wird ein Akt der Panikmache auch so häufig durch ein widerstreitendes Schreckensszenario konterkariert. Die Tendenz hin zu einem Wettstreit der Ängste kann am Streit um eine hysterische Kampagne gegen das Sonnenbaden in Großbritannien veranschaulicht werden. Die Gegner des Sonnenbadens behaupten, dass sich „Millionen von Briten dem Risiko des Sonnenbrands oder gar des Hautkrebs ausliefern“, wenn sie nicht genug Sonnencreme auftragen. Die Gegenseite warnt ihrerseits vor den gravierenden Konsequenzen für den Fall von zu wenig Sonnenlicht. Ein Bericht des Health Research Forum gab sich ausgiebig der Gefahr eines Vitamin-D-Mangels hin, der zu vorzeitigen Todesfällen führen könne.

Treten verschiedene Angstszenarien erst einmal in einen Wettstreit miteinander, entsteht ein kulturelles Klima, in dem Ängste dominieren. Entsprechend schwindet der allgemeine Glaube an die Menschen und die Zukunft. Deshalb kommen selbst vernünftige Bestrebungen, irrationaler Panikmache entgegenzutreten, manchmal in Versuchung, sich einer alternativen Form des Alarmismus zu bedienen. Diese bedauernswerte Tendenz drückt sich z.B. in den Reaktionen einiger Impfexperten im Umgang mit Impfgegnern aus. Die wachsende Angst, es könne einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus geben, zeigt, dass Panikmache inzwischen tatsächlich das Leben unzähliger Familien beeinflusst. Eltern sind unnötig besorgt, wenn es um die Verabreichung eines in Wirklichkeit sicheren Impfstoffes geht. Die Impfraten sind stark gesunken, was potenziell gefährliche Folgen für Kinder hat, die nicht mehr geimpft werden. Auf Grund dieser realen Gefahr ist es verständlich, dass Impfbefürworter nun ihrerseits dazu übergehen, Gefahren der Impfverweigerung aufzubauschen.

Unsichtbare und verdeckte Gefahren

Panikmache gedeiht seit jeher in unsicheren Zeiten. Während der Endphase des Mittelalters beförderten Dämonologen eine europaweite Hexenpanik. Deren Dämonologie brachte persönliches und kollektives Unglück in einen ursächlichen Zusammenhang mit dem Wirken böswilliger Hexen und stieß in der Öffentlichkeit auf große Resonanz. In Zeiten des Umbruchs suchen Menschen oft verzweifelt nach einem Sinn in ihrem Leben. Dass das Schlimmste noch bevorstehe, wird dann nur zu bereitwillig geglaubt. Im Laufe der Menschheitsgeschichte haben es Panikmacher immer wieder verstanden, Menschen mit Schauergeschichten über allmächtige, dämonische und unsichtbare Kräfte in ihren Bann zu ziehen.

Es gibt viele Gründe, weshalb gerade heute die Atomkraft so viele Ängste verursacht. Sie ist eine äußerst wirkmächtige Technik, die ihr Potential zur Zerstörung menschlichen Lebens bereits erschreckend eindrucksvoll unter Beweis gestellt hat. Nach Hiroshima haftet der Atomkraft die Vorstellung von massenhafter Vernichtung an. Viele Psychologen und Soziologen meinen, dass heute vor allem menschengemachte Risiken das größte Unbehagen hervorrufen. Andere behaupten, gerade unsichtbare Bedrohungen, wie Strahlung, seien Anlässe für untergründige Ängste. All diese Faktoren haben sicher dazu beigetragen, die Furcht vor der Atomkraft zu vergrößern.

Wie auch immer, die gegenwärtige Angstkultur ist sehr wählerisch in ihrer Haltung gegenüber unsichtbaren Bedrohungen. Offizielle Berichte sprechen von etwa zehntausend Toten, die als Folge von Tschernobyl an Krebs gestorben sein mögen. Doch dabei handelt es sich um eine vergleichsweise geringe Zahl, wenn man sie etwa mit den Todeszahlen im Kohlebergbau und den damit zusammenhängenden Umweltverschmutzungen vergleicht. Trotzdem löst der Kohlebergbau weitaus weniger Hysterie aus als die Atomkraft.

Der wesentliche Grund, weshalb Atomkraft so viel Angst verursacht, liegt darin, dass unsere Gesellschaft das Vertrauen in ihre Fähigkeit verloren hat, solch eine mächtige Technologie verantwortlich und rational zu nutzen. In einer Welt, in der wissenschaftliche Neuerungen ständig mit Gesundheitswarnungen einhergehen, steht das Streben, das Schicksal der Menschheit selbst in die Hand nehmen wollen, immer unter Verdacht. Die Atomkraft nimmt immer mehr die Rolle ein, die Frankenstein in den Alpträumen des 19. Jahrhunderts besaß. Warum? Weil sie trotz ihres Zerstörungspotenzials uns erkennbar darin hilft, zu überleben und unser Leben zu verbessern. Durch ihr scheinbar grenzenloses Potential zur Energiebereitstellung kann sie sogar als eine Art schöpferische Kraft gesehen werden. In den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts redete man optimistisch und hoffnungsvoll über das Atom. Doch heute trauen wir uns selbst nicht mehr, eine solch machtvolle Kraft human zu nutzen. Pessimistisches und angstgeprägtes Vokabular dominieren die Diskussion.

Zur Erneuerung einer positiven Vision des menschlichen Potentials müssen wir die Diskussionen über Wissenschaft und Technik aus dem deprimierenden Kreislauf konkurrierender Spielarten der Panikmache befreien. Das Vertrauen, was wir gegenüber einer wissenschaftlichen Errungenschaft hegen, können wir nicht stärken, indem wir andere Errungenschaften stigmatisieren. Wie die deutsche Erfahrung zeigt, sollte man nicht für Atomkraft argumentieren, indem man sie als Lösung für eine sonst drohende „Klimakatastrophe“ ausgibt. Unsere Herausforderung liegt heute vielmehr darin, der Versuchung zu widerstehen, mit der Angstkarte zu spielen, und stattdessen darauf zu beharren, das positive Potenzial der Atomkraft und anderer wichtiger Technologien weiterzuentwickeln.