19.11.2014

ARD-Toleranzwoche: Scheinheilige Entrüstung

Von Alexander Grau

Die ARD hat sich mit einem Werbeplakat für die aktuelle Themenwoche Toleranz einen Shitstorm eingehandelt. Doch die Moralwächter, die dem Sender Diskriminierung vorwerfen, übersehen etwas, argumentiert Alexander Grau: Einen Anspruch auf Toleranz, gar Akzeptanz, kann es nicht geben

Da wollten die Verantwortlichen des Staatsfunks mal wieder alles richtig machen. Eine Themenwoche „Toleranz“ haben sie sich ausgedacht. Die naheliegende Reaktion auf diese Programmankündigung: Müdigkeit, Gähnen, Langeweile. Muss das denn wirklich sein? Eine Themenwoche zur Toleranz? Haben wir die denn nicht andauernd, in jeder Talk-Show, in jeder noch so dämlichen Vorabendserie, in der Endlosschleife?

Wer deshalb dachte, dass das Volk der Fernsehnutzer in einen kollektiven Tiefschlaf versinken würde, hat sich jedoch gründlich getäuscht. Im Gegenteil, aus heiterem Himmel fegte ein Sturm der Entrüstung über das Land und durch die Nischen des Internets.

Auslöser für die Empörung war die Plakataktion der ARD, die für die angekündigte Themenwoche werben sollte. Die Plakate [1] zeigen jeweils einen Schwarzen, ein schwules Paar, ein schreiendes Kind und einen Behinderten. Über den Fotos wird suggestiv gefragt: „Belastung oder Bereicherung?“, „Normal oder nicht Normal?“, „Nervensäge oder Zukunft?“, „Außenseiter oder Freund?“.

So weit, so platt, so eindimensional, so gut – könnte man meinen. So ist sie eben, die offizielle, immer etwas biedere, immer etwas plumpe öffentlich-rechtliche Moralpropaganda. Doch Werbung für Toleranz hat so ihre Tücken: Wer für Toleranz wirbt, muss immer das benennen oder abbilden, was toleriert werden soll. Damit wird das zu tolerierende herausgehoben, es wird zwangsläufig als das Andere markiert, demgegenüber man bitteschön tolerant zu sein hat. Genau dadurch aber wird der Eindruck verfestigt, dass das Andere eben andersartig ist. Autsch! Was nun?

„Eingetrichterte Toleranz ist vielleicht gar keine Toleranz, sondern konditioniertes Verhalten.“

An dem Punkt könnte eine spannende Debatte einsetzen. Über die Dialektik des Toleranzbegriffs etwa. Über den Sinn einer amoklaufenden Toleranzpädagogik. Darüber, ob man Toleranz überhaupt lernen kann, oder ob eingetrichterte Toleranz vielleicht gar keine Toleranz ist, sondern konditioniertes Verhalten?

Wie gesagt: Diese und viele andere spannende Fragen könnte man diskutieren. Genau das wurde aber nicht getan. Stattdessen brach das los, was man neuhochdeutsch einen Shitstorm nennt. Tenor: Die Werbekampagne der ARD sei diskriminierend, da sie die Normalität der Gezeigten in Frage stelle.

Bei so viel Aufregung wurden auch die Traditionsmedien wach: Die Zeit [2] befand in ihrer oberlehrerhaften Art, die Kampagne sei „eine Frechheit“, da sie Assoziationsketten reproduziere und legitimiere. Sie würde die Welt in jene einteilen, die tolerieren und jene, die toleriert würden. Dass die ARD im Rahmen der Themenwoche auch noch Matthias Matussek zu einem Gespräch eingeladen hat, sprengte die Vorstellungskraft der Hamburger Moralwächter dann endgültig – und vermutlich auch ihre Toleranzgrenze.

Dass bei seinem solchen Empörungsgetöse Volker Beck nicht fehlen darf, liegt nah: Für Handelsblatt Online [3] gab der Grünen-Politiker zu Protokoll, er fühle sich als homosexueller Mann in seiner Existenz in Frage gestellt. Und Parteifreundin Tabea Rößner sekundierte eifrig, was wir bräuchten, sei endlich Akzeptanz statt Toleranz.

Da diese Forderung ein Klassiker einschlägiger Diskussionen ist, beginnen wir einfach hier. Ist es also so, dass wir mit unseren Eigenschaften ein Anrecht darauf haben akzeptiert, also angenommen und nicht einfach toleriert, also ertragen zu werden?

Die Antwort ist sonnenklar: Nein! Für nichts und niemanden besteht ein Anspruch auf Akzeptanz. Das geht schon aus rein logischen Gründen nicht. Die Welt ist einfach zu bunt und widersprüchlich, um alle Meinungen, Moden und Lebensentwürfe, die auf ihr gelebt und vertreten werden, gleichzeitig zu akzeptieren. Davon abgesehen, ist es aber auch gar nicht notwendig. Für eine friedliche Gesellschaft reicht es vollkommen aus, sich gegenseitig zu ertragen und sich nicht die Köpfe einzuschlagen. Man muss sich ja nicht gleich lieb haben. Das ist mitunter auch etwas viel verlangt.

Anspruch auf Akzeptanz kollidiert mit Freiheitsrechten

Allerdings ist die Sache noch etwas vertrackter. Dafür lohnt es sich genauer hinzuschauen: Menschen haben nämlich natürliche und nichtnatürliche Eigenschaften. Eine natürliche Eigenschaft ist etwa das Geschlecht (doch, doch!), das Alter, die Hautfarbe oder eine Krankheit. Nichtnatürliche Eigenschaften sind beispielsweise selbst gewählte Subkulturen oder Moden.

Für solche, in meiner freien Entscheidung liegenden, nicht gegebenen Eigenschaften Akzeptanz einzufordern, ist geradezu grotesk. Niemand wird gezwungen, Punker zu werden oder Hooligan oder Mormone. Wenn man sich jedoch für einen unkonventionellen Lebensstil entscheidet, am Ende auch noch weil er unkonventionell ist, kann man auf der anderen Seite keine Akzeptanz einfordern. Dann muss man das Rückgrat haben, hinzunehmen, dass die eigene Lebensform lediglich toleriert wird. Alles andere ist kindisch.

Bleiben natürliche Eigenschaften, für die der Mensch nichts kann, sein Alter etwa oder eine Behinderung. Keine Frage: Selbstverständlich wäre es wünschenswert, wenn sie von allen Mitmenschen akzeptiert würden. Doch bedeutet das zugleich, dass ein Anspruch darauf besteht?

„Toleranz ist nicht moralisch einklagbar.“

Nein, das bedeutet es nicht. Denn an diesem Punkt kollidiert der passive Anspruch auf Akzeptanz mit den aktiven Freiheitsrechten des Einzelnen – und sogar mit dem heiligen Gral aller Freiheitsrechte, der Gedankenfreiheit.

Kurz: Menschen haben auch das Recht auf eine Meinung, die der Mehrheitsmoral widerspricht. So liegt es im Freiheitsrecht jedes Einzelnen, despektierliche Ansichten über seine Mitmenschen zu haben.

Dieses Recht auf Gedanken- und Meinungsfreiheit geht sehr weit. Es findet seine Grenze nur im Strafgesetzbuch. Mit anderen Worten: Im Grunde ist nicht einmal Toleranz moralisch einklagbar. Sie ist wünschenswert! Aber wenn sich jemand im Bus nicht neben einen anderen Menschen setzen möchte, weil dieser ihm aus irgendwelchen Gründen missfällt, ist das sein gutes Recht. Und er hat sogar – Liberalität kann anstrengend sein – den Anspruch, von gut gemeinten Umerziehungsmaßnahmen verschont zu bleiben.

Aus genau diesem Grund ist es auch problematisch, wenn ein Staatssender eine Themenwoche in erkennbar erzieherischer Absicht veranstaltet. Doch das eigentliche Problem liegt in der überzogenen Toleranzmoral selbst. Sie empfindet es schon als Zumutung, den Anderen in seiner Andersartigkeit zu benennen.

Das ist scheinheilig und unüberlegt. Scheinheilig, weil wir – zum Glück – Menschen in ihrer Vielfalt und Andersartigkeit wahrnehmen. Unüberlegt, weil gerade in individualisierten Gesellschaften bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit das Recht auf Andersartigkeit eingeklagt wird.

Wer jedoch sein Recht auf Andersartigkeit in Anspruch nimmt, muss auch ertragen, dass andere diese Andersartigkeit benennen und nicht in bigotter Weise überspielen. Ehrlichkeit hat nämlich enorme Vorteile: Sie entkrampft das Miteinander ganz erheblich. Und am Ende führt sie sogar zu Toleranz.