17.06.2013

Antigentechnikbewegung: Sich im Schatten des Bösen sonnen

Von Thilo Spahl

Vor kurzem verkündete die taz den Sieg gegen die Gentechnik. Der US-Konzern Monsanto habe den europäischen Markt aufgegeben. Diese Nachricht ist nicht neu. Interessanter sind das Verschwörungsdenken und der Markenfetischismus der Gentechnikgegener. Ein Kommentar von Thilo Spahl.

Ende Mai meldete die taz unter der Überschrift „Monsanto gibt Europa auf“, die Anti-Gentech-Bewegung habe „den wohl entscheidenden Sieg errungen.“ Der Artikel ist belanglos, ein Sprecher des Konzerns wird mit den Worten zitiert, es werde „keine Lobbyarbeit mehr für den Anbau in Europa“ gemacht und man plane derzeit nicht, neue Zulassungen von gentechnisch veränderten (GV-)Pflanzen zu beantragen. Das ist weder eine Sensation noch eine Neuigkeit. Für Monsanto hat der europäische Markt für GV-Pflanzen längst an Attraktivität verloren. Damit steht der US-Konzern nicht allein – die Global Players haben den Markt größtenteils abgeschrieben. Entwickelt werden neue Produkte fast nur noch für Amerika und Asien.

Trotz des dürftigen Inhalts des Artikels ist die taz mächtig stolz: nicht auf Ihr journalistisches Können, sondern auf ihr Vermarktungsgeschick. Eine Woche nach Erscheinen resümiert der Autor, Jost Maurin, im taz-Blog: „Wir haben die wichtigsten Zitate aus unseren Interviews mit den Konzernsprechern bereits am 31. Mai – einen Tag vor Erscheinen der gedruckten Zeitung – den großen Nachrichtenagenturen mit deutschsprachigen Diensten geschickt. Alle haben die Meldung übernommen und an ihre Kunden übermittelt, darunter an alle wichtigen Medien. Quellenangabe: taz.“

„Es ist keine publizistische Glanzleistung einen vermeintlichen Sieg gegen einen mythischen Gegner zu verkünden“

Ist doch eine tolle Sache, wenn Spiegel Online, das Wall Street Journal und sogar exotische Online-Medien in tropischen Gefilden die via Nachrichtenagentur verbreitete Meldung mit der Quellenangabe: taz übernehmen, oder nicht?

Mit ihrem Stolz begibt sich die taz in ungute Gesellschaft vieler NGOs, denen der schlechte Ruf des berühmten Gegners, dessen Name die Türen in die Redaktionen öffnet, zur Lebensgrundlage geworden ist, und deren trauriger Daseinszweck sich darauf beschränkt, diesen schlechten Ruf mit jeglichem Plunder von der Banalität bis zur globalen Verschwörungstheorie zu nähren. Bei den Anti-Monsanto-Kämpfern ist das parasitäre Verhältnis von NGOs zu ihrem prominenten Opfer samt Neigung zur großen Verschwörung besonders ausgeprägt [1]. Ein Paradebeispiel für den speziellen Markenfetischismus von NGOs bietet auch Foodwatch. Die Organisation wählt regelmäßig große Lebensmittelkonzerne, um ihnen wegen ausgewählter Missetaten (etwa Süßigkeiten, die Zucker enthalten und an Kinder verkauft werden) einen Goldenen Windbeutel zu verleihen, was von den Medien stets mit großer Begeisterung in reich bebilderten Artikeln aufgenommen wird. In der taz berichtet bemerkenswerterweise derselbe Autor mit fast der gleichen Überschrift wie bei Monsanto. Diesmal titelt er: „Die Capri-Sonne geht unter.“ Wieder gilt es, einen Sieg gegen einen großen Gegner zu beklatschen. Juchhei! Aber auch die F.A.Z. ist sich nicht zu schade, die Foodwatch-Spendensammelpreisverleihungs-Geschichte abzudrucken und sogar noch das Anti-Capri-Sonne-Video der Organisation einzubinden.

Nein, liebe taz, 43.000 Klicks auf den Artikel zu lenken, indem man einen vermeintlichen Sieg gegen einen mythischen Gegner verkündet, ist keine publizistische Glanzleistung! Und sein Selbstwertgefühl zu erhöhen, indem man versucht, den faulen Onlineredakteuren beim großen SPON und beim renommierten WSJ eine Schlagzeile mit der Quellenangabe taz ins Postfach zu legen, ist auch nur was für welche, die es nötig haben.