30.10.2012

Angstkultur: Über den Wolken muss die Sicherheit grenzenlos sein

Von Matthias Heitmann

Bietet der Anspruch auf dreihundertprozentige Sicherheit nicht berechtigten Anlass zur Skepsis? Insbesondere dann, wenn er eine auf eine viereinhalbstündige Verspätung hinausläuft? Matthias Heitmann hat auf einem Flug von London nach Frankfurt die Kultur der Angst in Aktion erlebt

Neulich bin ich von London nach Frankfurt geflogen. Das hat ein bisschen länger gedauert als erwartet. Zunächst war da der für die britische Hauptstadt zur Herbstzeit völlig untypische Nebel, der zu massenhaften Verspätungen und einem entsprechenden Rückstau geführt hatte. So gingen die ersten 90 Warteminuten im überfüllten Flughafenterminal dahin, wenn auch nicht wie im Flug. Alle Passagiere hatten längst die überaus tiefenwirksame Sicherheitskontrolle über sich, um nicht zu sagen, fast schon in sich ergehen lassen. Aber irgendwann saßen wir dann im Flugzeug. Recht bald meldete sich der Kapitän und entschuldigte sich für die bisherige wetterbedingte Verspätung.

Nach einer unmittelbar daran anschließenden halben Stunde fortgesetzten Schweigens vonseiten des Flugzeugpersonals wurde es spannend. Zwei Uniformierte, wohl von der Flughafenpolizei, betraten die Maschine und begleiteten öffentlichkeitswirksam, aber in aller Ruhe und nicht unfreundlich, einen Passagier heraus aus derselben. Das Flugzeugpersonal ließ diese Abwechslung zunächst unkommentiert wirken, jedoch ohne Wirkung. Die Passagiere blieben gelangweilt-ruhig. Auch nach weiteren 20 Minuten dasselbe Bild. Keine Stimmung.

Dann trat ein junger Sicherheitsoffizier ans Mikrofon. Auch er entschuldigte sich für die Verspätung, dies sei einer dieser Tage, an denen wohl alles schief laufe, aber zusätzlich zum Nebel gäbe es nun ein neues Problem. Wir sollten uns aber keinerlei Sorgen machen, das Problem sei keines, was in irgendeiner Weise unsere Sicherheit gefährde. Dennoch müsste dieses Problem gründlich untersucht und sichergestellt werden, dass absolute Sicherheit gewährleistet werden könne. Das Problem bestehe darin, dass ein Passagier Sicherheitsbedenken einen anderen Passagier betreffend geäußert habe. Zwar könnten eigentlich, wie der Offizier betonte, keine wirklich die Sicherheit des Fluges gefährdenden Hinweise über eine Person auftauchen, da diese ja mitsamt ihrem Gepäck die Sicherheitskontrollen bereits passiert habe, aber man habe dennoch die Polizei verständigt, um die Angelegenheit zu untersuchen.

Die Polizei nahm sich viel Zeit, um den offensichtlich grundlosen Ereignissen gründlich und grundsätzlich auf den Grund zu gehen. Sowohl der Vermelder der Sicherheitsbedenken als auch der mit diesen Sicherheitsbedenken Bedachte, wurden vor dem Flugzeug von der Polizei verhört, Ausweise wurden kontrolliert, das bereits eingelagerte Gepäck wurde sichergestellt und untersucht.

Nach einer weiteren im Flugzeug als noch länger empfundenen Zeiteinheit trat ein Steward an das Mikrofon. Nach einer erneuten Versicherung der unsäglichen Betroffenheit angesichts der sich aufsummierenden Verspätung teilte er mit, die Polizei habe mittlerweile beide Personen gründlich unter die Lupe genommen und befragt. Obwohl ja zu keinem Zeitpunkt, wie er betonte, irgendeine Gefahr bestanden habe, könne nun zur allgemeinen Erleichterung und mit absoluter Sicherheit davon ausgegangen werden, dass von keinem der beiden Passagiere oder von ihrem Gepäck eine Gefährdung ausgehe.

Keiner der beiden, so hieß es weiter, werde mit dieser Maschine fliegen, man habe sie bereits umgebucht und zudem ihr Gepäck entfernt. Zudem habe man bei beiden Passagieren nachgefragt, ob sie noch Handgepäck im Flugzeug hätten, was beide verneinten. Der Verbleib von Handgepäck sei zwar für die Sicherheit an Bord völlig unerheblich, da dieses ja ebenfalls gründlich durchsucht worden sei, dennoch habe sich die Flugzeugbesatzung entschieden, dass das eigene Unwohlsein ob der theoretisch existierenden Möglichkeit, dass sich evtl. doch noch Handgepäck des inzwischen als unbegründet beschuldigt geltenden Passagiers in der Maschine befinden könnte, so groß sei, dass man so auf keinen Fall fliegen wolle. Man wolle dieses Risiko nicht eingehen, weshalb man nun nochmals um Geduld bitte und sich sogleich daran machen werde, das komplette Handgepäck in den Ablagefächern den einzelnen Passagieren zuzuordnen.

Die Stimmung im Flugzeug entfaltete sich vielfältig. Manch einer verkroch sich noch intensiver arbeitend hinter dem schon lange wieder aus dem Handgepäck gezerrten Laptop, andere schlossen die Augen, wieder andere vertrieben sich die Zeit mit Streck- und Dehnübungen im Gang. Dies aber nur so lange, bis der aus dem Chefsteward, der sich anbot, brennende Fragen der Passagiere zur vollsten Zufriedenheit zu beantworten, sowie vier Stewardessen bestehende Tross sich anschickte, die overhead lockers zu öffnen, jedes Handgepäckstück einzeln herauszuziehen, in die Luft zu halten, den rechtmäßigen Besitzer durch Zuruf („This is mine.“) zu ermitteln und es danach wieder im Fach zu verstauen. Da rund 200 Passagiere Handgepäck beigesteuert hatten, nahm diese Übung Zeit, Raum und allerlei Nerven in Anspruch.

Unter den Passagieren machte sich eine Form ironischer Neugierde breit. Wie würden die ohnehin schon stark verunsicherten und sich daher recht ineffizient durch die Gepäckablagen arbeitenden Stewardessen reagieren, wenn sich der Besitzer einer Tasche nicht sofort meldet? Wie würde der Kummerkasten in Stewarduniform auf die zehnte Wiederholung der Frage, wann es denn losgehe und warum man nichts zu trinken bekomme, reagieren? Wir Passagiere verfolgten das Treiben aufmerksam; ein wenig glich das Szenario der Atmosphäre an einem Wühltisch; gespannt wurde beäugt, was so alles als Handgepäck Eingang in ein Flugzeug finden kann.

Nachdem die Räumparade das komplette Flugzeug durchkämmt und tatsächlich für jedes einzelne Handgepäcksstück den dazugehörigen Besitzer ermittelt hatte, setzte es nach einer 20-minütigen Pause eine weitere Durchsage. Sie ahnen schon, womit sie begann: Auf die erneute Entschuldigung ob der erneuten Verspätung folgte die Mitteilung, dass Personal sei nicht nur erleichtert, diese Kontrolle durchgeführt zu haben, sondern es sei nun auch mit der jetzigen Situation „absolutely happy“ und daher „ready to fly“. Obwohl, was es nochmals zu betonen galt, zu keinem Zeitpunkt Zweifel an der 100%igen Sicherheit der Situation bestanden habe, sei man sich nun noch deutlich sicherer als zuvor, dass die Lage absolut sicher sei.

Nach weiteren Entschuldigungen und Dankesbekundungen ob unserer Geduld schickte sich der Steward eine Viertelstunde später an, die Veranstaltung ihrem Höhepunkt entgegenzutreiben. Obwohl die Situation nun absolut sicher sei und keinerlei Gefahr bestehe, erklärte er, hätte die Besatzung vollstes Verständnis dafür, wenn sich nun der eine oder andere Passagier nicht mehr sicher fühle und daher dafür entscheiden wolle, das Flugzeug zu verlassen.

Mir stockte der Atem. Ein durch alle Sicherheitschecks gegangener Passagier wird unbegründet zu einem Sicherheitsrisiko erklärt, die Haltlosigkeit der Behauptung wird bewiesen, er wird aus dem Flugzeug entfernt, die Maschine wird durchkämmt nach etwaigen, keine Gefahr darstellenden Besitztümern des grundlos entfernten Passagiers, und als auch diese eigentlich nicht existierende Gefahr ausgeschlossen werden kann und die Luft nunmehr reiner als rein ist, werden die Passagiere plötzlich dazu ermuntert, das Flugzeug aufgrund eines fehlenden Sicherheitsgefühls zu verlassen.

Und tatsächlich: Drei Passagiere folgten der Aufforderung und verließen das Flugzeug. Was würde wohl passieren, dachte ich mir, wenn das Personal es nunmehr erneut für erforderlich halten könnte nachzuforschen, ob diese Passagiere ebenfalls ihr komplettes Handgepäck mit nach draußen genommen haben? Sollte es nun tatsächlich eine erneute Handgepäckgegenüberstellung geben? Wie lange könnte sich dieses Schauspiel noch fortsetzen? Zum Glück kam niemand auf diese Idee. Als wir schließlich viereinhalb Stunden später als geplant abhoben, war aus dem Flug am frühen Nachmittag ein Abendflug geworden. Nochmals meldeten sich Steward und Kapitän mit Danksagungen und Glückwünschen unsere Geduld und Nachsicht betreffend und betonten bewegt, eine solche Situation hätten sie noch nicht erlebt.

Welche „Situation“ meinen sie nun eigentlich, fragte ich mich. Den Vorfall, der keine neue Situation erzeugt hatte, oder die groteske und erst recht Unsicherheit schaffende Reaktion auf den Vorfall, der keine neue Situation erzeugt hatte? Aber das ist wohl gerade das Spannende an der Kultur der Angst: Es ist irgendwann nicht mehr wichtig, was Angst erzeugt und ob sie berechtigt war. Es ist gewissermaßen die „Angst vor der Angst“ und die gleichzeitige Unvorbereitetheit darauf, die „Situationen“ schafft, die gar keine sind, und die zugleich Gefühlslagen auf der Basis nicht existierender „Situationen“ erzeugt, denen man glaubt, Rechnung tragen zu müssen. Das führt dann dazu, dass eine 100-prozentige Sicherheit nicht ausreicht, damit eine Flugzeugbesatzung sicher wohl genug fühlt, einen Flug anzutreten. Offenbar müssen mindestens drei 100-prozentige Sicherheitsversicherungen vorliegen, bevor die Angst aus den Blicken der „Verantwortlichen“ (die keine Verantwortung übernehmen wollen) weicht.

Die Reaktion der Besatzung zeigt noch etwas: Die Kultur der Angst entmündigt die Menschen, macht sie zu willenlosen Objekten inmitten absurder Überwachungsarchitekturen und hüllt sie in immer neue Kontrollschichten, sodass sie jedes Gefühl für die Realität verlieren. Die Krux daran ist: Wer kein Gefühl mehr für die Realität entwickeln kann, kann sich auch nicht sicher fühlen, unabhängig davon, als wie hochprozentig die Sicherheit eingestuft wird. So wird das Streben nach höchstmöglicher und noch höherer Sicherheit zu einer Teufelsspirale. Sie bringt uns zwar nicht der Sicherheit näher, dafür aber schnürt sie uns die Kehle zu, langsam zwar, aber dafür ganz sicher.