11.01.2017

Angst vor dem Dreckigen Dutzend

Analyse von Ivo Vegter

Titelbild

Foto: voltamax via Pixabay / CC0

Der Wunsch nach einer vollkommen sauberen Umwelt treibt eine florierende Industrie bei der Land- und Wassersanierung an. Das schafft seine eigenen perversen Anreize.

Allen, die sich mit der Umweltthematik beschäftigen, wird das sogenannte Dreckige Dutzend an Chemikalien, mit dem sich das Stockholmer Übereinkommen über persistente organische Schadstoffe 2001 beschäftigt, ein Begriff sein. Die meisten dürften jedoch nur wenige Substanzen beim Namen kennen. Es handelt sich um Aldrin, Chlordan, Dichlordiphenyltrichlorethan (DDT), Dieldrin, Endrin, Heptachlor, Hexachlorbenzol, Mirex, Toxaphen, polychlorierte Biphenyle, polychlorierte Dibenzodioxine (Dioxine) und Dibenzofurane. Warum sich keiner diese Namen merken kann, verstehe ich einfach nicht.

Solche Chemikalien bauen sich nicht in der Umwelt ab, können sich in der Nahrungskette anreichern und man nimmt von ihnen an, und von einigen wurde es auch bewiesen, dass sie Krebs oder andere schwere Krankheiten in Mensch und Tier auslösen können. Die meisten Substanzen des Dreckigen Dutzends wurden umgehend durch das Stockholmer Übereinkommen verboten. Es trat 2004 in Kraft und wurde von 180 Ländern unterschrieben, ratifiziert oder man trat dem Übereinkommen auf eine andere Weise bei. Die übrigen Substanzen unterliegen strengen Restriktionen. So darf zum Beispiel DDT nur eingeschränkt zur Malariaeindämmung eingesetzt werden.

Die Vereinigten Staaten sind eine bedeutende Ausnahme von der Liste der ratifizierenden Nationen, jedoch hatten sie bereits die meisten der Chemikalien zwischen den späten 1960ern und den frühen 1990ern verboten. Sie verabschiedeten des Weiteren im Jahr 1980 ein Gesetz namens Comprehensive Environmental Response, Compensation, and Liability Act, besser bekannt als Superfund, um für die Sanierung belasteter Flächen zu bezahlen. Wenn man sie ermitteln und in Haftung nehmen kann, übernehmen die verantwortlichen Parteien die Kosten, doch der Steuerzahler wird für ein bis zwei Milliarden US-Dollar pro Jahr herangezogen.

„Die Umwelt ist heutzutage viel sauberer als vor 40 oder 50 Jahren“

Die Anzahl neuer Sanierungsflächen nimmt ab, vor allem, weil man mit den schlimmsten Fällen abgeschlossen hat. Die Umwelt ist heutzutage viel sauberer als vor 40 oder 50 Jahren und neue Fälle gravierender Umweltverschmutzung sind heute weit weniger häufig. Die Umweltbewegung kann, bei aller berechtigter Kritik, stolz darauf sein, ein Bewusstsein für das Thema Altlasten geschaffen und Gegenmaßnahmen angestoßen zu haben.

Der neue Modebegriff im Bereich der Umweltsanierung ist PFOS. Das steht für Perfluoroctansulfonsäure, die sowohl Wasser als auch Fett abweist und der Schlüsselinhaltsstoff des Imprägnierungsmittels Scotchgard war. Es wurde auch in Feuerlöschschaum verwendet, sowie als Sprühnebelverhinderer beim Verchromen, um die wichtigsten Quellen für PFOS zu nennen. Weitere Einsatzgebiete sind Flugzeughydraulik, Halbleiter, Textilen, Papier, Leder, Wachs, Polituren, Farben, Lacke und Allzweckreiniger.

Der wichtigste Hersteller, 3M, kündigte im Jahr 2000 die Produktionseinstellung an, kurz nachdem PFOS im menschlichen Blut nachgewiesen wurde. Allerdings waren nur wenige Menschen hohen Dosen ausgesetzt, nämlich jene, die beruflich damit zu tun hatten. Zudem nahmen die nachgewiesenen Mengen bereits ab. Inzwischen wurde PFOS in die Liste des Stockholmer Übereinkommens über persistente organische Schadstoffe aufgenommen und ihr Einsatz beschränkt sich jetzt auf geschlossene Systeme wie Hydrauliken und die Halbleiterproduktion. Daneben wurden weitere 13 Substanzen verboten. Kurz gesagt: Die Liste der Schadstoffe, um die sich jeder Mitgliedstaat des Übereinkommens zu kümmern hat, wird länger.

„Die Liste der Schadstoffe, um die sich jeder Mitgliedstaat des Übereinkommens zu kümmern hat, wird länger“

Das betrifft nicht nur neue Pestizide, Reinigungsmittel, Konsumgüter und Industriechemikalien, was nur vernünftig erscheint. Es bedeutet auch, dass Sanierungsunternehmen nach neuen Altlastenflächen schnüffeln, die sie dann säubern können, oft verbunden mit recht beträchtlichen Ausgaben für die Industrie oder den Steuerzahler.

Eine Konferenz, die von der australisch-asiatischen Land- und Grundwasservereinigung organisiert wurde, und bei ich vor Kurzem das Vergnügen hatte zu sprechen, wurde von vielen Unternehmen besucht, die sich auf die Sanierung von Boden und Wasser spezialisiert haben. Sie wussten viel mehr über das Thema als ich und die Art und Weise, wie sie die komplexe Arbeit der Dekontaminierung einer Altlastenfläche angehen, war ziemlich eindrucksvoll.

Was mir aber auch auffiel, war ein Gefühl von Enthusiasmus in der Branche. Während der Rest der Weltwirtschaft ziemlich am Boden liegt, verdienen diese Unternehmen bestens an den Altlasten aus den Böden, wenn mir das Wortspiel gestattet ist. Obwohl die niedrig hängenden Früchte des Dreckigen Dutzends bereits gepflückt sind und die Erde ein weit sauberer Ort ist als noch vor einigen Jahrzehnten, boomt das Sanierungsbusiness.

„Flächenbegutachtung und -sanierung sind ein großes Geschäft“

Einige Leute merkten mir gegenüber an, dass die Angst vor PFOS übertrieben sei.
Sie waren auch recht kritisch gegenüber Umweltschützern und den Medien, die, wie sie sagten, dazu neigten, Angst und Misstrauen in der Bevölkerung zu säen, statt über die wahren Gefahren aufzuklären. Viele begrüßten die Sichtweise, die ich in meinen Reden einnahm, dass Übertreibungen in Umweltfragen schädlich sind, vor allem für Schwellenländer, und dass man Umweltaktivisten ebenso misstrauen sollte, wie man das bei Industriepropaganda tut. Allerdings sagten sie, dass sie sich nicht beschwerten, schließlich bedeutete das mehr Aufträge für sie. Flächenbegutachtung und -sanierung sind ein großes Geschäft. In den USA alleine ist es 18 Milliarden Dollar pro Jahr schwer und laut Prognosen wird es kräftig wachsen.

Was mich dazu veranlasste zu denken, dass das Pendel zu weit schwingt, war eine Vereinbarung bei der Konferenz, alle unterirdischen Speichertanks zu identifizieren, katalogisieren und zu begutachten. Diese werden naheliegenderweise vor allem von Tankstellen genutzt, aber auch Fabriken und Industrieanlagen verwenden sie zur unterirdischen Lagerung von Chemikalien. Einige von ihnen haben zweifellos Lecks. Daraus resultieren sogenannte Kohlenwasserstofffahnen, die die Kontamination in den umgebenden Erdboden und das Grundwasser verteilen. Wenn sich die Fläche in der Nähe eines Flusses befindet, können diese Fahnen auch das Oberflächenwasser kontaminieren.

Oberflächlich betrachtet wäre das ein Grund zur Besorgnis. Allerdings wurde bei einer Sitzung angemerkt, dass Kohlenwasserstoffe zu den Schadstoffen gehören, die man dem natürlichen mikrobiellen Abbau überlassen kann. Kohlenwasserstoffe sind nicht ausschließlich menschengemachte Chemikalien, sie existieren auch in der Natur und einige Organismen haben sich dahin entwickelt, sich davon zu ernähren. Als sich die Deepwater Horizon-Katastrophe ereignete, waren die Aufräumarbeiten prominent in den Medien vertreten, aber wenige berichteten davon, dass die Sanierung nur ein Drittel des in den Golf von Mexiko gelangten Öls entfernte. Der Rest wurde von natürlichen Prozessen, von der Sonne, dem Meer und Mikroben, abgebaut. Es gibt viele „Bioremidiation“ genannte Techniken, die auf solchen natürlichen Prozessen beruhen.

„Die Substanzexposition ist oft so gering, dass das Risiko kaum zu messen ist“

Eine andere Diskussion hinterfragte den Wert von Studien, die sich mit den Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit beschäftigen. Denn die Substanzexposition ist oft so gering, dass das Risiko kaum zu messen ist. Oder wie Paracelsus, der Begründer der Toxikologie, schon vor fast einem halben Jahrtausend bemerkte: „Allein die Dosis machts, dass ein Ding kein Gift sei“.

Die Erstellung eines Liegenschaftskatasters für unterirdische Lagertanks könnte für reiche Länder wie Australien eine Option sein, aber das Stockholmer Übereinkommen mit seiner wachsenden Liste unerwünschter Chemikalien gilt auch für Länder mit mittlerem und niedrigem Einkommen. In Südafrika kämpfen wir gegen Krankheiten, Säuglingssterblichkeit, Mangelernährung, Armut, Innenraumluftverunreinigungen, Arbeitslosigkeit und Studenten, die vom Steuerzahler ein kostenloses Studium erzwingen wollen. Tankstellen werden bereits von der Regierung streng reguliert. Ist es das wirklich wert, ein Vermögen in Anstrengungen zu investieren, die dazu dienen, überall herumzustöbern, ob da nicht irgendwo eine Kontamination ist, zu deren Bereinigung wir eine Sanierungsfirma bezahlen könnten?

Umweltverschmutzung ist ein echtes Problem und Anstrengungen, neue Verschmutzungen zu verhindern und die schlimmsten alten Verschmutzungen zu bereinigen, sollten begrüßt werden. Aber reiche Länder und der Rest von uns haben andere Prioritäten. In einer Zeit, in der die Sanierungsbranche eine der wenigen florierenden ist, wundert man sich, ob die begrenzten Mittel, die wir zur Lösung der Menschheitsprobleme haben, hier auf die produktivste Weise investiert werden. Womöglich bin ich einfach in der falschen Branche.