05.10.2012

Angriff der Gutgeräte

Analyse von Monika Bittl

Piepende Bügeleisen, Waschmaschinen oder Autos nerven nicht einfach nur, sie empören regelrecht. Die Schriftstellerin möchte ihren Alltag nicht von gutmeinenden Geräten durchregulieren lassen.

Irgendwann tauchte es zum ersten Mal auf und ich war mir unsicher, ob es sich um einen technischen Defekt handelt, ich einen Fehlkauf mit einem Billigmodell getätigt hatte oder sich jetzt tatsächlich mein eigener Vogel lautstark meldete. Mein neues Bügeleisen machte „piep“, wenn ich es länger als eine Minute nicht betätigte, achtlos zur Seite schob, um die geglättete Wäsche zusammenzulegen, während das Gerät weiter am Strom angeschlossen war. Bedroht von einem „piep, piep, piep“, das jeden Wecker ernsthaft einschüchtern kann, schmiss ich jede Bluse und jedes Hemd gleich nach Fertigstellung der Knitterlosigkeit über eine Stuhllehne und beeilte mich, das heiße Eisen wieder zu verwenden. Null Toleranz den Pausen! Keinen Kaffee zwischendurch einschenken oder gar ans Telefon gehen, sondern weitermachen mit diesem ungeliebten Job.

Na ja, dachte ich damals, hat ja den Vorteil, dass ich dann mit diesem Haushaltsquatsch schneller durch bin. Na ja, dachte ich mir damals eine Weile, es ist ja gar nicht schlecht, dass man mich warnt, wenn ich ein heißes Bügeleisen womöglich einfach vergesse, weil ich nebenan einen Mord beobachte und aus dem Haus renne, um die Polizei zu holen. Na ja, dachte ich mir damals, es spart ja auch Strom und schont damit meinen Geldbeutel, damit ich mir viele weitere knitterfreie Wäschestücke leisten kann. Na ja, vielleicht dachte ich dieses und jenes, ich weiß es nicht mehr genau. Das Ende der Geschichte des piepsenden Bügeleisens war jedenfalls, dass mir die ständige akustische Drohung eine willkommene Ausrede dafür lieferte, nicht mehr bügeln zu müssen. Mein Mann trägt seither übrigens keine Hemden und ich keine Blusen mehr und unser Sohn hat neulich nach der Lektüre einer Installationsanleitung („Bügeln Sie die Kabel mit Wachstropfen fest“) gefragt, was denn damit eigentlich gemeint sei.

Das Ende meiner Bügelkarriere vor einigen Jahren hätte ich fast vergessen und es wäre auch keine weitere Erwähnung wert, wäre das erste „piiiiiiiiiiep“ nicht – im Nachhinein gesehen – der Beginn einer wunderbaren Feindschaft geworden. Kürzlich zogen wir um und seither bin ich umzingelt von Geräten, die sich akustisch bemerkbar machen. Schon beim Umzug piepste es plötzlich von irgendwoher, im Chaos der Kisten konnte ich schließlich den Herd als Verursacher ausmachen. Ein Spediteur hatte seine Jacke auf der Platte ablegt, und weil das kein Metalltopf ist, wurde ich davor lautstark davor gewarnt – obwohl das Gerät gar nicht eingeschaltet war. Zwei Tage später schreckte ich wieder auf – der Ofen piepste, als die programmierte Gradzahl erreicht war. Doch nicht nur die Heißgeräte sind mittlerweile zu derartigen „Leistungen“ fähig, nein, auch der Kühlschrank hat nun eine Stimme und piepst atemberaubend schauerlich, wenn seine Tür länger als eine Minute offen steht. Die Waschmaschine eifert ihm nach, wenn ich sie einschalten will, ohne die Tür vorher geschlossen zu haben, und der Trockner will offenbar allen anderen Geräten im Haushalt die mangelnde Stimmschulung vorwerfen, wenn er sich bei Fertigstellung seiner Arbeit meldet. Gut, dass er keinen direkten Kontakt mit unserem neuen Auto hat und infolgedessen unangefochtener Lautstärke-King in der Wohnung bleiben kann. Denn wer jemals gehört hat, wie der Alarm bei einem nicht angeschnallten Passagier im Wagen klingt, den bringen auch schreiende Drillings-Säuglinge nicht mehr so schnell aus der Fassung. „Piiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiep!“ Stellen Sie sich das mit hoher, kreischender Stimme vor, mit Fingernägeln zugleich, die an Styropor kratzen.

Ich begann Bedienungsanleitungen zu durchforsten, um einen Abstellknopf ausfindig zu machen. Jetzt weiß ich um alle Waschprogramme, die ich vorher nach „Gefühl“ bedient habe, jetzt verstehe ich, dass unser Ofen auch eine Grillfunktion hat und kann im Display der Autoanzeige einstellen, ob es mir den Radiosender oder die gefahrene Kilometer-Zahl anzeigt. Aber das Piepsen ist keine Wahlfunktion. Es lässt sich nicht abstellen, es schwebt unantastbar über allen Wahlmöglichkeiten. In einer Bedienungsanleitung las ich den Satz: „Zu Ihrem eigenen Schutz ist dies eine Voreinstellung, die nicht geändert werden kann.“

Bügeleisenhersteller, Waschmaschinenfabrikanten und Autokonstrukteure schützen mich also neuerdings vor mir selbst, zu meiner eigenen Sicherheit. Man rechnet jeden Augenblick mit meinem menschlichem Versagen und setzt lautstarke Mahnungen und Sicherungssysteme dagegen. Aber was ist dagegen einzuwenden? Wissen wir nicht alle, dass die meisten Unfälle im Haushalt und nicht auf Abenteuerreisen passieren? Warum nehme ich nicht schulterzuckend hin, wie man dem Verbraucher das Leben vermeintlich erleichtert, indem er weniger Aufmerksamkeit auf Alltagsgefahren oder mögliche Pannen verwenden muss? Ist doch prima, dass der Kühlschrank sich meldet, wenn er zu viel Strom verbraucht, weil die Tür offen steht. Ist doch klasse, wenn kein Feuer mehr entstehen kann, weil die Jacke eines Spediteurs auf meiner Herdplatte liegt. Ist doch praktisch, wenn ich alarmiert werde, weil mein Sohn sich nicht angeschnallt hat.

Aber ein unbehagliches Gefühl schlägt immer lauter Alarm. „Piiiiiiiiiep!“ wehrt es sich mit einer Stimmlage, die zumindest dem Kühlschrank Konkurrenz macht, und ich versuche, der Sache auf den Grund zu gehen. Einzelnen Geräten oder deren Herstellern kann ich doch nichts vorwerfen, „sie meinen es ja nur gut“, zu „meiner eigenen Sicherheit“, und sind deshalb über jeden „moralischen Zweifel“ erhaben. Doch warum nerven diese Gutgeräte nicht nur gewaltig, sondern empören mich regelrecht?

Gutgeräte verhalten sich wie Gutmenschen, die sich zu meinem eigenen Schutz in mein Leben einmischen und mir keine Wahlmöglichkeit mehr lassen, welches Risiko ich eingehen will oder nicht. Wie überbehütende Mütter stehen sie neben mir und rufen mir zu: „Wenn du höher als den zweiten Ast den Baum hinauf kletterst, droht tödliche Gefahr, ich werde dich rechtzeitig warnen!“ Sie degradieren mich damit zu einem Kleinkind, das Warnung und Schutz benötigt. Sie schaffen damit eine Atmosphäre der Angst vor allen möglichen lauernden Gefahren, derer ich mir nicht stets gegenwärtig bin. Sie verhindern, dass ich mir zutraue, auch einmal einen dritten oder vierten Ast zu erklimmen, um über mich selbst hinaus zu wachsen, sodass ich aus der Freude über meinen Mut neues Selbstvertrauen schöpfe. Gutgeräte sind wie kleinliche Beamte, die nur Normen kennen und kein Vertrauen in die individuelle Kraft der Menschen haben. Gutgeräte sind das technische Pendant zum grassierenden Unwesen all der Zeitgenossen, die es so gut mit uns meinen, wenn sie uns vor vermeintlichen Gefahren schützen, Gefahren, die sie selbst erst aufgeplustert haben, mit dem Zweck, sich selbst eine Existenzberechtigung durch das Heben ihrer Warnschilder zu verschaffen.

Gutgeräte schützen in Wahrheit so wenig wie die Menschen, die es so gut mit uns meinen, weil sie uns einerseits ständig auf unsere Unvollkommenheit und unser mögliches menschliches Versagen hinweisen und uns andererseits in einem falschen Sicherheitsgefühl einlullen. Wenn die Geräte sich bei einem menschlichen Fehler mit piiiiiiep melden, brauche ich doch gar nicht mehr umsichtig sein oder „mitdenken“. Ich verlasse mich irgendwann gedankenlos auf Warnsignale, Vorschriften und Durchregulierungen – so wie im deutschen Straßenverkehr, in dem bekanntlich wesentlich mehr Unfälle passieren als beispielsweise im angeblich chaotischen Straßenverkehr südlicher Länder. Wer schon einmal einen Wagen durch Palermo oder Istanbul gelenkt hat, weiß, dass dort eine Ampel eher Lichterschmuck für die Stadt ist denn ein ernstzunehmender Polizeiableger. Man fährt oder geht los, wenn es die Masse gerade erlaubt, man windet sich durch enge Gassen ohne so unsinnige Schilder wie „Einbahnstraße“ zu beachten, man überholt links oder rechts oder wendet auf der Autobahn. „Völlig chaotisch“ denkt der deutsche Verkehrsteilnehmer zunächst, „unfassbar, dass da nicht mehr passiert“. Weniger passiert aber nicht trotz der Missachtung der Warnhinweise und Regulierungen, sondern genau deshalb. Ein jeder beachtet nicht nur seine Situation, sondern hat stets auch die anderen im Auge. Man verlässt sich nicht auf starre Ge- und Verbote, sondern auf den Menschen mit seiner Umsicht, seiner Verantwortlichkeit für sich und andere – und auch bisweilen mit seiner Unzulänglichkeit.

Ob die EU oder die Strömungen der Globalisierung dem scheinbar anarchisch, aber letztlich viel vernünftiger organisierten südländischen Straßenverkehr einst den Garaus machen werden, sei hier dahingestellt. Vieles deutet darauf hin, aber derartige Zukunftsvisionen wären zu spekulativ. Weniger spekulativ sind die Auswirkungen der permanenten Überregulierung durch Gutmenschen und deren bildhafte Veräußerung durch Gutgeräte auf uns Menschen hier und heute. Sie tragen einen nicht unwesentlichen Anteil an der tief sitzenden Verunsicherung, mit der wir heute die Wartezimmer psychotherapeutischer Praxen überfüllen. Hinter der Phobie, Hysterie oder auch Depression steckt das dramatische Finale der Verunsicherung, das Gefühl, ein Versager zu sein.

In „Ich bin ein Versager“ mündet ein fragwürdiges Gefahrenbewusstsein. Ständig und überall, in allen Bereichen von Job bis Familie, von der Kindheit bis ins hohe Alter, wird uns suggeriert, nicht perfekt zu sein und deshalb Schutzes oder Bevormundung zu bedürfen. Wir fühlen uns verunsichert, unser Selbstbewusstsein wird zunehmend angeschlagen und entsprechend wollen wir uns keinen einzigen zusätzlichen Fehler mehr leisten. Wir müssen uns der Gefahr ständig bewusst sein. Der Job ist in Gefahr, die Partnerschaft, die Zukunft der Kinder, die Altersabsicherung, das soziale Leben und stets auch die Gesundheit. Wir sind umzingelt von Gefahren und unser Status äußerst fragil, weil wir darin versagt haben, uns eine sichere emotionale und pekuniäre Existenzgrundlage zu schaffen.

Sie meinen, damit beißt sich jetzt aber die Katze selbst in den Schwanz? Ja, das tut sie. Vielleicht sollten Sie deshalb darüber nachdenken, wie Sie den Schwanz ihrer Hauskatze schützen. Vielleicht erfinden Sie ein Gerät, das „piiiiiiiiiepst“, wenn Ihre Katze den eigenen Schwanz mit der Zunge berührt. Wenden Sie jetzt bitte nicht ein, dass sei ein Instinkt des Tieres, um sich zu säubern. Es würde nur Ihr mangelndes Verständnis für übergeordnete Gefahren demonstrieren!

Wenden Sie sich lieber an den Tierschutzverein oder – noch besser – an Politiker. Dort dürfen Sie auf größtes Verständnis und ein ganz weit offenes Ohr hoffen. Völlig zu Unrecht werden die Herren und Damen (vor allem!) Volksvertreter nämlich der Bürgerferne gescholten. Ganz im Gegenteil nehmen sie unsere Bitte „Schützt uns“ so ernst, dass sie darüber sogar viele andere Bereiche vergessen, für die wir sie eigentlich gewählt haben, aber da wollen wir natürlich nicht kleinlich sein, wenn sie sich schon so menschlich auf unsere Ängste in all dem Gefahrenwirrwarr einlassen. Gerade die Politik hat sich in den vergangenen Jahren so rührend um den Schutz der Bürger gekümmert, dass nur ganz böse Zungen unterstellen können, es ginge dabei um Wählerstimmen oder das Aufspringen auf einen Mainstream. Sie müssen auch bedenken, dass Politiker selbst der größten Gefahr überhaupt ausgesetzt sind – die ganzen Zahlen zur Wahlbeteiligungen klingen nach einer möglichen Abschaffung ihrer selbst, also einem potentiellen Super-GAU.

Falls es Ihnen aber nicht um einzelne Politiker, sondern um einen altmodischen Wert wie Demokratie oder gar Freiheit an sich geht, der unter anderem einen Wohlstand mit Gutgeräten ermöglicht, sollten Sie vielleicht in Ihrer Umgebung so viele „piiiiiiiep“ wie möglich abzustellen versuchen. Verlassen Sie sich nicht auf andere, versagen Sie selbst! Und wenn gar nichts mehr hilft, verabschieden Sie sich auf ganz feine Art und Weise von sich aus, so wie neulich eine Kollegin. Die brachten zwei elegante Herren in Weiß zu einem politfreien Ort. Angeblich sang sie im Krankenwagen andauernd zu einer unbekannten Melodie „Piep, piep, piep, ich hab euch gar nicht lieb!“ Diverse Gutgeräte wie Blutdruckmesser orchestrierten ihr Trällern zu einem Song, der gut und gerne die derzeitigen Hitparaden stürmen könnte. Piiiiiiiiiiiep! Ich hab Sie wirklich lieb, lieber Leser!