01.04.2021

Alternativlosigkeit und Landwirtschaft (2/3)

Von Rainer Maurer

Titelbild

Foto: USDA via Flickr

Die Stellungnahme der Deutschen Akademien der Wissenschaften zur Agrarpolitik ist von selektiver Wahrnehmung des Forschungsstandes geprägt. Sie wirbt einseitig für Ökolandwirtschaft.

Die deutschen Akademien der Wissenschaften (DAW) gehen in ihrer „Stellungnahme“ zum Thema „Biodiversität und Management von Agrarlandschaften“ davon aus, dass „ein gesellschaftlicher Konsens [besteht], dass die biologische Vielfalt für künftige Generationen zu erhalten ist, selbst wenn deren tatsächlicher Wert im Einzelnen heute noch strittig oder nicht bekannt ist“.1 Sie sind davon überzeugt, dass dieses Ziel nur über eine Extensivierung der Landwirtschaft, vorzugsweise durch ökologische Landwirtschaft, erreicht werden kann.2 Den umgekehrten Weg, einer Intensivierung der Landwirtschaft bei gleichzeitiger Renaturierung der vom Produktivitätsfortschritt ermöglichten Flächenfreisetzungen, diskutieren sie nicht.

Das Problem der Extensivierung liegt in ihrem höheren Flächenverbrauch je Ertragseinheit. Zwar verweisen die Akademien auf eine Studie von Lakner und Breustedt, wonach die Ertragslücke je landwirtschaftlicher Nutzfläche in der ökologischen Landwirtschaft im Vergleich zur konventionellen Landwirtschaft zwischen 20 bis 25 Prozent liegt. Trotzdem halten sie den zusätzlichen Flächenverbrauch bei einem Übergang zur ökologischen Landwirtschaft anscheinend für nicht so bedeutsam, weil „der Ökolandbau mit 69 Millionen Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche weltweit nur eine äußerst kleine Fläche (die Fläche entspricht einem globalen Anteil von 1,4 Prozent) [bewirtschaftet]“3.

Die „Logik“ dieser Argumentation ist nicht nachvollziehbar. Unterstellt man einen mittleren zusätzlichen Flächenverbrauch der ökologischen Landwirtschaft von 25 Prozent (vgl. Abbildung 1), dann bedeutet ein globaler Anteil von 1,4 Prozent der ökologischen Landwirtschaft, dass bei einem vollständigen Übergang zur ökologischen Landwirtschaft der globale Flächenverbrauch um 23,25 Prozent steigen müsste. Ein aktuell kleiner Anteil der ökologischen Landwirtschaft impliziert also einen großen Anstieg des Flächenverbrauchs beim Übergang zur ökologischen Landwirtschaft. Ein aktuell großer Anteil der ökologischen Landwirtschaft würde dagegen einen kleinen Anstieg des Flächenverbrauchs implizieren. Nur wenn die ökologische Landwirtschaft bereits einen Anteil von 100 Prozent hätte, würde ein „Übergang“ zur ökologischen Landwirtschaft also keinen weiteren Flächenverbrauch mehr verursachen.

 

Abb. 1: Ertragslücke der ökologischen Landwirtschaft Quelle: Meemken et al. (2018)

Dabei ist der in Abbildung 1 zugrunde gelegte zusätzliche Flächenverbrauch der ökologischen Landwirtschaft wahrscheinlich deutlich zu niedrig angesetzt, da die meisten Studien auf Experimentaldaten eines Ökolandbaus „bester Praxis“ beruhen. Das Wissen dazu ist in weniger entwickelten Ländern aber typischerweise nicht vorhanden, so dass der zusätzliche Flächenverbrauch dort auch bei 50 Prozent oder mehr liegen könnte. Auch in Deutschland sprechen Berichte aus der landwirtschaftlichen Praxis dafür, dass die tatsächliche Ertragslücke deutlich größer sein könnte als 25 Prozent. Interessanterweise kommt eine Studie auf Basis von Daten der Nationalen Verzehrstudie II zu dem Ergebnis, dass der Flächenverbrauch bei einer überwiegend ökologischen Ernährung in Deutschland rund 40 Prozent höher liegt als der Flächenverbrauch bei konventioneller Ernährung. Diese Studie wird von den Akademien nicht erwähnt.

Die Akademien zitieren Studien, die belegen, dass auf ökologisch bewirtschafteten Agrarflächen eine höhere Biodiversität herrscht als auf konventionell bewirtschafteten Flächen, wie z.B. Geiger et al. und Lüscher et al. Das dürfte in der Literatur in der Tat weitgehender Konsens sein. Unerwähnt lassen die Akademien aber Studien, die darauf hinweisen, dass diese Biodiversitätsgewinne nicht ausreichen, um die Biodiversitätsverluste durch den höheren Flächenverbrauch zu kompensieren (Mondelaers et al., Gabriel et al., Schneider et al.). Die Autoren Gabriel et al. fassen ihren Befund wie folgt zusammen: „Die Getreideproduktion pro Flächeneinheit lag bei biologisch bewirtschafteten Feldern im Vergleich zu konventionell bewirtschafteten 54 Prozent niedriger. Wenn man die Variable Ertrag einbezieht, variiert die Vielfalt an Hummeln, Schmetterlingen, Schwebfliegen und bodennahen Gliederfüßern nicht zwischen Landbauformen, was nahe legt, dass die beobachteten Unterschieden zwischen biologisch und konventionell bewirtschafteten Felder sich durch niedrigere Erträge erklären, nicht durch die Anbauformen an sich [Hervorhebung d.Verf.].“

„Von einer Stellungnahme, die letztendlich vom Steuerzahler finanziert wird, hätte man sich zumindest eine kritische Diskussion der unterschiedlichen Ergebnisse zu den Folgewirkungen der ökologischen Landwirtschaft gewünscht.“

Mit ein wenig Mathematik kann man zeigen, dass die biologische Landwirtschaft per Saldo nur dann besser für die Biodiversität ist, wenn die relative Biodiversitätslücke der konventionellen Landwirtschaft größer ist als die relative Ertragslücke der biologischen Landwirtschaft. Aus empirischer Sicht spricht einiges dafür, dass diese Bedingung in der Regel nicht erfüllt ist, wenn die von der konventionellen Landwirtschaft ermöglichten Flächeneinsparungen zugunsten der Biodiversität renaturiert werden.

Die Akademien zitieren den Befund von Gillhaus et al., wonach „sowohl die Artenzahl als auch die Anzahl an Rote-Liste-Arten negativ durch Düngung beeinflusst werden“,4 lassen jedoch unerwähnt, dass nach einer Studie von Mondelaers et al. aufgrund des höheren Flächenbedarfs je Ertragseinheit in der ökologischen Landwirtschaft auch die Nitratauswaschung global betrachtet 5% höher liegt, während die Studie von Tuomisto et al. bei einer Auswertung von auf Europa beschränkten Einzelstudien auf eine um 49% höhere Nitratauswaschung je Ertragseinheit kommen. Auch die Ammoniakemissionen sind im Ökolandbau nach Tuomisto et al. in Europa rund 11% höher. Ebenso ist – je Flächeneinheit gerechnet – das Eutrophierungspotenzial der ökologischen Landwirtschaft durchschnittlich 36% höher und das Versauerungspotenzial 13% höher, wie Clark et al. in einer Meta-Studie auf Basis von 164 Einzelstudienherausgefunden haben. Das deutet darauf hin, dass der höhere Flächenbedarf je Ertragseinheit die Schadstoffbelastung gewissermaßen „verdünnt“. Von einer Stellungnahme, die letztendlich vom Steuerzahler finanziert wird, hätte man sich zumindest eine kritische Diskussion der unterschiedlichen Ergebnisse zu den Folgewirkungen der ökologischen Landwirtschaft gewünscht. In der Psychologie spricht man von selektiver Wahrnehmung, wenn „die Wahrnehmung durch begrenzte, unterschiedliche oder einseitige Aufmerksamkeit im Hinblick auf die angebotenen Informationen oder Reize eingeschränkt ist“.

Derzeit werden etwa 50% der eis- und ödlandfreien globalen Landfläche landwirtschaftlich genutzt, rund 37% sind Waldfläche, 11% Buschland, 1% Süßwasserfläche und 1% Siedlungsland (Abbildung 2). Bei einem Übergang zur ökologischen Landwirtschaft würde der Anteil der Landwirtschaft also mindestens auf 50% * 1,23 = 61,5% steigen. Nach den World Population Prospects (2019) der Vereinten Nationen wird die Weltbevölkerung von 2020 bis 2050 um rund 25% und bis 2100 um rund 40% wachsen. Ab dem Jahr 2100 wird dann aufgrund des demographischen Paradoxons mit einem langsamen Rückgang der Weltbevölkerung gerechnet. Da der Produktivitätsfortschritt in der ökologischen Landwirtschaft wegen des Verbotes von Kunstdünger, synthetischen Herbiziden und Pestiziden sowie genetisch modifizierter Organismen sehr begrenzt sein dürfte, wäre bei einem vollständigem Übergang zur ökologischen Landwirtschaft also mindestens mit einem Anstieg der landwirtschaftlichen Nutzfläche bis 2050 auf ungefähr 61,5% * 1,25 = 76,9% und bis 2100 auf 61,5% * 1,4 = 86,1% zu rechnen. Dann könnten langfristig also nur 14% der bewohnbaren Landfläche der Erde der Natur überlassen bleiben. Der Plan, 30% der Landfläche unter Naturschutz zu stellen, zu dem sich die „High Ambition Coalition for Nature and People“ unter Mitwirkung von Bundeskanzlerin Merkel bekannt hat, wäre bereits vor 2050 nicht mehr realisierbar.

 Abb. 2: Globale Landnutzung 2019, Quelle: Our World in Data

Eine einfache Fortschreibung des Flächenbedarfes auf Basis der Bevölkerungsentwicklung ist jedoch sehr konservativ. Realistischerweise muss man davon ausgehen, dass die Pro-Kopf-Einkommen ebenfalls steigen werden und deshalb auch die Pro-Kopf-Nachfrage nach Lebensmitteln. Die FAO geht in ihrer mittleren Projektion, umgerechnet auf den Zeitraum 2020 bis 2050, von einem Anstieg der Lebensmittelnachfrage um 33,4% aus; die meisten Prognosen in der Fachliteratur liegen jedoch noch darüber – in einem Intervall von 36,2% bis 57,7%. Es ist kaum vorstellbar, dass ein solcher Nachfrageanstieg durch eine weitere Extensivierung auf Basis der ökologischen Landwirtschaft befriedigt werden kann. Ebenso wenig ist es vorstellbar, dass die zunehmende Zahl von Menschen, denen es weltweit gelingen wird, die Armut zu überwinden, sich begeistert dem Appell der deutschen Akademien der Wissenschaften anschließen werden, weniger Fleisch zu konsumieren. Es trägt Züge einer bemerkenswerten Realitätsverweigerung, dass die Akademien sich mit dieser Problematik nicht auseinandergesetzt haben.

„Auf der Basis konventioneller Landwirtschaft spricht einiges dafür, dass die wachsende Weltbevölkerung mit ausreichender Nahrung versorgt werden könnte, ohne dass dazu der Bedarf an landwirtschaftlicher Nutzfläche steigen müsste.“

Auf der Basis konventioneller Landwirtschaft spricht einiges dafür, dass die wachsende Weltbevölkerung mit ausreichender Nahrung versorgt werden könnte, ohne dass dazu der Bedarf an landwirtschaftlicher Nutzfläche steigen müsste. Abbildung 3 zeigt die Entwicklung der Produktivität in der US-amerikanischen Feldwirtschaft seit 1948. Der jährliche Produktionsanstieg lag in diesem Zeitraum im Durchschnitt über alle Feldfrüchte gemessen bei 1,65%. Trotzdem sank die zur Produktion notwendige Ackerfläche jährlich um 0,47%. Gemessen am oberen Intervall des Nachfrageanstiegs resultiert daraus ein jährlicher Anstieg der Lebensmittelnachfrage von 1,53%. Das würde also bedeuten, dass beim Einsatz konventioneller Landwirtschaft Spielraum bestünde, die Nahrungsmittelversorgung zu verbessern und gleichzeitig die landwirtschaftliche Nutzfläche zu reduzieren - selbst dann wenn es nicht zu einem weiteren Produktivitätsfortschritt in der Landwirtschaft kommt. Das Projekt der „High Ambition Coalition for Nature and People“ wäre also durchaus noch realisierbar.

 Abb. 3: Produktivitätsfortschritt in der US-amerikanischen Feldwirtschaft 1948-2017, Quelle: US Department of Agriculture

Allerdings wurde dieser Produktivitätszuwachs der Ackerfläche mit einem jährlichen Anstieg des Düngemitteleinsatzes von 1,8% und einem jährlichen Anstieg des Einsatzes von Pestiziden und Herbiziden von 6% erzielt; eine Verdopplung des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln seit 2010 ging mit einem verstärkten Übergang zum erosionsverhinderndem Zero-Tillage Farming einher, wodurch sich auch der starke Rückgang des Energieverbrauches in diesem Zeitraum erklärt. Es ist fraglich, ob diese Entwicklung so weiter gehen wird. Wahrscheinlicher dürfte es sein, dass die Möglichkeiten der Gentechnik in der Zukunft verstärkt genutzt werden, um den Bedarf an Düngemitteln und den Pestiziden zu senken. Eine Reduzierung des Düngebedarfes könnte z.B. durch den Einbau der entsprechenden Gene von Leguminosen (Hülsenfrüchte die über eine Symbiose mit Knöllchenbakterien atmosphärischen Stickstoff aufnehmen können) in Nutzpflanzen erfolgen; eine Reduzierung des Pestizidbedarfes wird bereits heute erfolgreich mit dem Anbau sogenannter Bt-Baumwolle praktiziert. Dieser wurde ein Gen zur Produktion des Toxins des Bacillus thuringiensis eingebaut, das verschiedene Fressfeinde der Baumwolle zielgenau tötet. Das Bacillus thuringiensis ist als Suspension auch in der ökologischen Landwirtschaft zulässig. Als Suspension äußerlich aufgetragen tötet es jedoch auch Insekten, die keine Fressfeinde der Nutzpflanze sind.

„Spätestens hier drängt sich der Eindruck auf, dass die Akademien sich eher von den Dogmen des Ökologismus als von den Prinzipien einer ideologiefreien Wissenschaft leiten lassen.“

Schon heute kann durch den Anbau genetisch veränderter Pflanzen (vor allem beim Anbau von Sojabohnen, Mais und Baumwolle) der Ernteertrag um 22% gesteigert und der Pestizideinsatz um 37% reduziert werden, wie eine Metaanalyse von 147 Einzelstudien von Klümper et al. zeigt. Es ist damit zu rechnen, dass dies erst der Beginn einer Entwicklung ist, die in den kommenden Jahrzehnten zu erheblichen weiteren Fortschritten führen wird. Wie groß die Potenziale hier noch sind, zeigt eine gerade erschiene Forschungsarbeit von South et al., die den Photosyntheseprozess wichtiger Nutzpflanzen durch Verringerung der Notwendigkeit zur Lichtatmung soweit optimiert haben, dass ohne eine Erhöhung der Nährstoff- oder Wasserversorgung ein Anstieg der Biomassebildung um 40 Prozent möglich wird. Es gibt also gute Gründe, davon auszugehen, dass sich der Produktivitätsfortschritt in der Landwirtschaft noch erheblich beschleunigen wird.

Trotz dieses großen Potentials der Gentechnik und der vielversprechenden Perspektiven, die Genom-Editierung für die Pflanzenzucht bietet, findet sich die Begriffe „Gentechnik“ oder „CRISPR/Cas“ in der Stellungnahme der Akademien der Wissenschaften nicht. Lediglich in Zusammenhang mit der Berücksichtigung von Gefahren für die biologische Vielfalt taucht der Begriff „genetisch modifizierte Organismen“ auf. Spätestens hier drängt sich der Eindruck auf, dass die Akademien sich eher von den Dogmen des Ökologismus als von den Prinzipien einer ideologiefreien Wissenschaft leiten lassen.

Die Neigung des Ökologismus, bei bestimmten Technologien die Risiken zu verabsolutieren und die bei der Technologiefolgenabschätzung übliche Chancen-Risiko-Abwägung apodiktisch zu verweigern, wirkt von außen betrachtet irrational. Soziologisch gesehen dürfte sie aber die gleiche Funktion wie Technologie- und Speiseverbote in Religionen haben. Sie fördern den inneren Zusammenhalt einer Gruppe, indem sie Rituale stiften, mit denen sich die Gruppe gegenüber einer moralisch scheinbar unterlegenen Außenwelt abgrenzen kann. Für Institutionen, die sich jedoch den Prinzipien der Wissenschaft verpflichtet fühlen, sollten derlei dogmatische Verhaltensweisen selbstverständlich inakzeptabel sein.