01.04.2001

Alida im Containerland: “Ausfluss der Menschenwürde”?

Analyse von Hartmut Schönherr

Hartmut Schönherr über “Big Brother” und Freiheit in den Zeiten von Arschloch und Aschenputtel.

Das vergangene Jahrtausend endete für drei Menschen bereits am 30. Dezember – da durften Frank, Harry und Alida den “Big Brother”-Container verlassen. Doch keiner rief “Endlich frei!”, als er das Domizil der 106 Tage in Hürth verließ. Nur Alida, die Siegerin, die folglich am längsten im Container ausharren musste, murmelte, kurz vor dem finalen Öffnen der Blechtür: “Holt mich hier raus!”
Dass Alida nicht “Lasst mich hier raus!” forderte, fügt sich in den zeitgenössischen Freiheitsdiskurs, der im Medienprojekt “Big Brother” ein prägnantes Symbol gefunden hat. “Big Brother” sorgt für alles, für Zigaretten, Ruhm, warmes Duschwasser – und eben auch für Freiheit. Darin ganz den Versprechen aufgeklärter westlicher Demokratien folgend: Niemand muss mehr für seine Freiheit kämpfen, weil diese garantiert wird durch Gesetze und Verordnungen und gewährt durch eine aufgeklärte Verwaltung.Für diejenigen wohlgemerkt, die sich an die Spielregeln halten: So ist bei “Big Brother” zum Beispiel vorgesehen, dass jeder Teilnehmer 50 Prozent aller Einnahmen aus der “Auswertung seiner Persönlichkeit” an das Medienunternehmen Endemol abführen muss[1]. Wer dies oder anderes kritisiert, bekommt von den Veranstaltern zu hören, mit den Big-Brother-Events sei alles paletti, “weil sie die Freiwilligkeit der Entscheidung, also die Selbstbestimmung der Teilnehmer als Ausfluss der Menschenwürde, respektieren und sicherstellen”[2].Welch eine Provokation, die heiligen Werte des abendländischen Individualismus mit einer kameraüberwachten Existenz in einem hermetisch abgeschirmten Wohncontainer zu verbinden! Und dies auch noch unter dem kulturgeschichtlich bis vor kurzem eindeutig, und zwar negativ belegten Programmtitel “Big Brother”.

Wirklicher als die Wirklichkeit

Verständlich, dass gerade unter aufrechten Sozialdemokraten die Empörung über das Medienprojekt groß war und ist. Schließlich haben sie alle ihren Orwell schon mit der Muttermilch aufgesogen. Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) vertrat stellvertretend für viele die Auffassung: “Es verstößt gegen die Menschenwürde, junge Leute aus kommerziellen Gründen einzusperren und zu schauen, was dabei herauskommt.” Eine interessante Formulierung, trifft sie doch nebenbei wesentliche Aspekte der normalen Berufsausbildung.

Otto Schily, als Bundesinnenminister Spezialist für Container und deren Bewachung, erwog mit Hinweis auf das Grundgesetz sogar ein Verbot der Sendung. Bundespräsident Johannes Rau empfand es bei einer Rede am 10. März 2000 in Memmingen als “traurig”, wenn Menschen durch die Aussicht auf Geld und Berühmtheit verlockt würden, auf ihre Freiheit zu verzichten. Und er meinte nicht die dem Fraktionszwang untergeordneten Abgeordneten des deutschen Bundestages, sondern “Big Brother”.Diese Empörung scheint wenig nachvollziehbar. MTV hatte mit “The Real World” bereits 1992 eine Wohngemeinschaft im Dauerfernsehen platziert. Zudem gab es lange vor “Big Brother” in Deutschland Künstler, die sich ein Werk daraus machten, tage- bis wochenlang irgendwo in einem Schaufenster zu sitzen und sich bei allen Verrichtungen des Alltags zuschauen zu lassen. Mehr noch: Waren nicht bereits mit den ausgehängten Klotüren der Berliner Kommune 1 und deren Medienpräsenz die ersten Schritte zum umstrittenen Endemol-Format getan?

“Wenn ein schlichtes Gemüt wie Zlatko im Container zu Ruhm und Ehre kommt, dann haben wir es doch geschafft mit der Chancengleichheit.”

Worum geht es in “Big Brother”? Nicht zuletzt auch um zentrale Momente der sozialen Marktwirtschaft wie Chancengleichheit und Solidarität, selbst wenn diese bis zur Unkenntlichkeit maskiert erscheinen. Wenn ein schlichtes Gemüt wie Zlatko, mit allen gesellschaftlichen Stigmata versehen, deren Wirksamkeit engagierte Sozialdemokratie ausschalten möchte, im Container zu Ruhm, Geld und Ehren kommen kann, dann haben wir es doch geschafft mit der Chancengleichheit, oder?Und wie könnte Solidarität trefflicher redensartlich werden als durch das Big-Brother-Motto “Du bist nicht allein”? Dass diese Solidarität an der zweiwöchentlichen Abwahl unsympathischer Mitbewohner ihre Grenze hat, entspricht durchaus den Maßgaben einer Gesellschaft, die Asylbewerber neuerdings gerne nach Verwertbarkeit sortieren möchte und die als Maßnahme gegen die Verknappung von Arbeitsplätzen Berufsverbote für Rechte erwägt.

Auch die Sozialpartnerschaft funktioniert bestens im Soap-Format. So haben sich in den bisherigen beiden Staffeln Arbeitgeber (Endemol-RTL) und Arbeitnehmer (die Containerinsassen) in geradezu beispielhafter Weise an die zum Wohl des Standortes notwendigen Übereinkünfte gehalten. Im Interesse der Einschaltquoten wurde – stets einvernehmlich – das getan, was auch die Sozialpartner draußen im Lande zu tun bereit sind: Mitspielen.
Vielleicht ahnten Rau, Schily und Beck, dass “Big Brother” genauer als jede soziologische Analyse uns bildmächtig vorstellt, worauf die parteienübergreifende Sozialdemokratie westlichen Musters in der konsensförmigen Realisierung aufklärerischer Ideale zusteuert: Auf eine Gesellschaft, in der das Mittelmaß zum Maß aller Dinge wird, in der die Rundumversorgung auf niedrigem Niveau eine perverse Synthese eingeht mit dem Versprechen erfüllter Individualität, in der das Private im Medienformat politisch wird und komplementär gesellschaftliche Verhaltenssteuerung ins persönliche Detail des gesinnungstransparenten Bürgers geht.
Einer hat nichts zu “Big Brother” gesagt: der Bundeskanzler. Dachte er daran, wie er 1982 in einer feuchtfrohen Nacht an den Stäben zum Kanzleramt rüttelte und rief: “Ich will da rein!”? Ganz ähnlich ist ja auch Zlatko zu Ruhm und Macht gekommen.

Kult der Mittelmäßigkeit

Zwei prägnante Modelle zeitgenössischen Lebensstils konturieren sich nach den ersten Staffeln des Big-Brother-Unternehmens: Arschloch und Aschenputtel. Zwei Typen, die sich in einer semantisch überhöhten Ausprägung auch im jüngsten Film von Tom Tykwer, “Der Krieger und die Kaiserin”, zeigen. Waren diese Modelle in der ersten Staffel noch gleichsam ungeklärt zu sehen, in Zlatko und John, dem bildungsfernen Abräumer aus Schwaben[3] und dem brotbackenden Gewinner aus Potsdam, haben sie in der zweiten Staffel mit Christian und Alida unverwechselbar Gestalt gewonnen.

Christian, ein ehemaliger Polizist aus dem Ruhrpott, wie schon Zlatko Frühausscheider, stürmte im Januar mit dem Hit “Es ist geil, ein Arschloch zu sein” die deutschen Charts. Er hat sich durch aggressiv-egozentrisches Verhalten im Container den Titel erworben, der zum Träger seines Songs wurde. Rufen lässt er sich “Nominator” – nach dem Ausleseprinzip von “Big Brother”, wonach jeder Insasse zweiwöchentlich ungeliebte Mitbewohner für das Ausscheiden aus dem Container nominieren kann.

Die Gewinnerin der zweiten Staffel, Alida, eine 23jährige Jurastudentin aus Eichwalde bei Berlin, fiel vor allem durch Lippen- und Zungenpiercing, ungläubiges Kopfschütteln und freundliches Schweigen auf. Ihre größte intellektuelle Leistung bestand in einem Satz ganz zum Ende des Spiels: “Das gibts nicht! Es kann keine Frau gewinnen!” Und sie gewann doch.
Alida, nach eigenem Bekunden “ein Landei”, hat auf den Punkt gebracht, worum es – zumindest in der deutschen Realisierung des Medienformats – auch geht: Um das alte Märchen vom Aschenputtel. Die Fernsehzuschauer haben mit ihr dem Teilnehmer den Hauptpreis von 250.000 Mark zugesprochen, der im Big-Brother-Biotop am nachhaltigsten sozialintegrativ wirkte, “bescheiden” auftrat und am wenigsten zur Selbstinszenierung taugte. Was ja nicht nur negativ zu lesen ist.

Jeder Mensch ein Medienstar – so wie bei Zlatko oder dem “Nominator” hatten sich die Mütter und Väter der Arbeiterbewegung Emanzipation natürlich nicht vorgestellt. Und Beuys hatte auch an etwas anderes gedacht als an den John-Spruch “Mach ma lecka Brot, wa” oder Alidas Piercing, als er “Jeder Mensch ein Künstler” propagierte.

Was nichts daran ändert, dass uns in “Big Brother” ebendies im medialen Zerrspiegel vorgeführt wird: Wie weit wir es doch gebracht haben mit Chancengleichheit und Selbstverwirklichung. Nämlich zur Wiederbelebung zweier Figuren der Mediokrität mit sehr spezifischem Freiheitsbezug: Arschloch und Aschenputtel. Während jenes Freiheit konterkariert, nutzt dieses die bürgerliche Dialektik des Freiheitsentzuges, um an goldene Kleider zu kommen. Gemeinsam sind sie umflort vom Verwesungsgeruch des in der Aufklärung modellierten Individuums.

Container der Pandora?

Ein Prinzip von “Big Brother” heißt “Back to basic”[4]. Denn, wer hätte es gedacht, seine entscheidende Inspiration bezog John de Mol, der Erfinder von “Big Brother”, vom Projekt “Biosphere 2” in der Wüste von Arizona, nicht von Orwell [5]. Die Knast-Kommune muss daher ohne Fernseher und Telefon auskommen, ihr Gemüse im eigenen Garten anbauen, das Brot selbst backen.
Führt also eine direkte Linie von der Hippie- und Studentenbewegung über die Ökologiebewegung zu “Big Brother”? Rainer Langhans, Mitbegründer der Kommune 1 von 1968, sieht dies so. In einem Interview mit der “Woche” nennt er “Big Brother” seinen größten persönlichen Erfolg: “Die Kommune ist damit im Fernsehen angekommen[6].”

Allerdings gibt es mehr Grund, die Sendung als Abgesang auf sämtliche Modelle der gesellschaftlichen Organisation in Freiheit, Gleichheit und Solidarität zu lesen. Auf Videostreaming zurechtgemacht, werden im WG-Container bei Köln die in der Gesellschaft “draußen im Lande” längst brüchig gewordenen Ideale von Französischer Revolution, Arbeiterbewegung, Monte Verità und Studentenrevolte vorgeführt und abgefeiert.

“Führt eine direkte Linie von der Hippie- und Studentenbewegung über die Ökologiebewegung zu “Big Brother”?”

1936 hielt der als Essayist noch zu entdeckende Autor von “Animal Farm” und “1984” seinen Genossen in der britischen Sozialdemokratie den neu bedenkenswerten Satz vor: “Socialists have, so to speak, presented their case wrong side foremost. They have never made it sufficiently clear that the essential aims of Socialism are justice and liberty[7].”
“Justice and liberty”, Gerechtigkeit und Freiheitlichkeit: zwei Forderungen, die neu zu halten sind gegen den Singsang einer denk- und konfliktscheu gewordenen Konsensdemokratie, die es sich ordentlich gemütlich machen möchte hinter Recht und Einigkeit – und sei es nur das Entschädigungsrecht der Atomindustrie im so genannten “Atomkonsens” und die Einigkeit gegen Rechts unterm verhüllten Brandenburger Tor. Diesen Diskurs durch Provokation offen zu halten, könnte hinterrücks als ein Verdienst von “Big Brother” in die Mediengeschichte eingehen.