01.05.1999

Aids und Sex in Afrika

Analyse von Sabine Beppler-Spahl

Aids ist keine Frage von Sex oder Moral und hat schon gar nichts mit absonderlichem Verhalten von Afrikanern zu tun. Neueste wissenschaftliche Erkenntnisse geben Anlaß für Optimismus.

Bei einer Konferenz zur globalen Bevölkerungsentwicklung im Februar dieses Jahres in Den Haag wurden von UNAIDS, dem Aids-Programm der Vereinten Nationen, düstere Prognosen präsentiert: Jede Minute infizierten sich elf Menschen irgendwo in der Welt mit dem HIV-Virus, 70 Prozent der Neuinfektionen seien 1998 in Afrika südlich der Sahara zu verzeichnen gewesen; dort seien unterdessen 20.800.000 Menschen HIV-infiziert (vgl. UNAIDS and WHO: ”Report on the Global HIV/Aids Epidemic”, Dezember 1997). Erstmals sollen in diesem Jahr mehr Afrikaner an Aids als an Malaria oder Tuberkulose sterben.
Heutige Diskussionen über Aids sind von Resignation und Pessimismus geprägt. Mit jeder neuen Aids-Prognose wird quasi der Untergang Afrikas herbeibeschworen. Vor allem Kommentatoren aus Afrika wehren sich gegen diese Art Berichterstattung. Die Zeitschrift New Africa z.B. spricht von einer “Aids-Lobby”, die das Image Afrikas schädigt. Die Aids-Diskussion wird als Schachzug von Bevölkerungspolitikern dargestellt, die das versteckte Ziel verfolgten, in Afrika zwecks Familienplanung mehr Kondome einzuführen:

“Niemand erwähnt den Aktionismus der Familienplanungsapostel, die in den vergangenen 10 Jahren über Afrika hergefallen sind und die von der gleichen UN-Organisation finanziert werden, die jetzt die trügerischen Zahlen veröffentlicht. Man muß keinen akademischen Doktortitel haben, um zu wissen, daß die Chancen, Babys zu bekommen, geringer sind, wenn man Kondome benutzt.” (New Africa, Dezember 1998)

Anlaß für Optimismus

Die ständigen Horrormeldungen von UNAIDS haben ein medizinisches Thema zu einem hochpolitischen gemacht. Es geht heute im öffentlichen Diskurs über Aids fast nur noch um Moral und Sexualität. Einige Kommentatoren scheinen mitunter zu vergessen, daß es sich bei Aids um eine Krankheit handelt, die es medizinisch, nicht moralisch, zu besiegen gilt. Aids ist in Afrika ein gesundheitliches Problem, kein ethisches. Es zu lösen, dazu bedarf es einer rationalen Diskussion über Therapie- und Behandlungsmöglichkeit.
Die jüngsten Entwicklungen in der Aids-Forschung geben Anlaß für Optimismus: Bei der Behandlung und Erforschung der Infektionserkrankung hat es in den vergangenen Jahren große Durchbrüche gegeben. Man sollte alles daran setzen, die wissenschaftliche Forschung weiter zu unterstützen und dafür zu sorgen, daß medizinischer Fortschritt allen zugute kommt.
Es gibt keine andere Infektionserkrankung als Aids, bei der der Gegensatz zwischen moderner Aufklärung und rückwärtsgewandter, religiös verbrämter Moralvorstellung deutlicher wird. Trotz moderner Forschung und jüngster Erkenntnisse über den Ursprung von Aids in Afrika wird die Krankheit immer noch, in fast mittelalterlicher Manier, als Frage der Einstellung und als Konsequenz fehlenden “Sexualbewußtseins” gehandelt. So geht es schon seit der Entdeckung der Krankheit. Eng verbunden mit der Feststellung, Aids sei vor allem in Afrika ein Problem, folgt der Schluß, Afrikaner würden mit ihrer Sexualität zu freizügig umgehen. Mit solchen Postulaten wird in keinster Weise zur Bekämpfung der Krankheit beigetragen; vielmehr werden ein negatives Bild über Afrika verbreitet und nachvollziehbare Gegenreaktionen (wie bei New Africa) ausgelöst.

Religion statt Medizin

Im heutigen Klima ist es einfach, die Aids-Diskussion zu mißbrauchen, um eigene Wertvorstellungen glaubhafter vortragen zu können. Diesem Leitsatz folgen tatsächlich Missionare und Vertreter religiöser Gruppen in Afrika. Dr. Clive Calver, Präsident der kirchlichen Hilfsorganisation “World Relief”, forderte in diesem Sinne im Dezember 1998 die kirchliche Entwicklungshilfe in einer emphatischen Rede dazu auf, mehr zur Bekämpfung von Aids in Afrika zu tun. Die Kirchen seien wegen ihrer Infrastruktur und ihrer Haltung zu Sexualmoral die einzige Hoffnung für den Kontinent (vgl. http://across.co.nz/Africa-aids.htm).
In einer südafrikanischen Akademikerzeitschrift wird des weiteren eine alte “Zulu-Praktik”, der sogenannte “hlola Jungferntest”, als “Chance gegen Aids” gesehen. Dabei müssen junge Mädchen in feierlichen Zeremonien ihre Unschuld “beweisen”, indem ihr “intaktes Jungfernhäutchen” von den Dorfältesten im Beisein aller inspiziert wird. Die Zeremonie wird im Detail beschrieben, und anschließend wird erklärt, daß sie Promiskuität bei Jugendlichen verhindere und auch die Verbreitung von Aids (vgl. “Virgin Testing: One Answer to the Aids-Epidemic?”, Georgina Hamilton, Research Office, University of Natal; in: Development Monitor, Vol 15, No 3). Die Botschaft ist klar: Religiöse Praktiken sollen erreichen, was die moderne Welt nicht kann: Afrikaner endlich zum vernünftigen Umgang mit ihrer Sexualität bewegen.
In einem Bericht über Aids-Prävention in Tansania tadelt selbst die UN-Weltgesundheitsorganisation WHO den moralisch überheblichen Ton, mit dem Aids-Aufklärung in Afrika durchgeführt wird (WHO, Vol. 18, 1997, S.216). Doch Aids-Aufklärung, die zum Ziel hat, Menschen in Afrika nahezulegen, möglichst wenig Sex zu haben oder ihre Partner nicht zu wechseln, kann nur zum Scheitern verurteilt sein.

Ursprung von Aids

Die hohe HIV-Infektionsrate in Afrika ist wissenschaftlich erklärbar. Es gilt heute als erwiesen, daß es Aids in Afrika schon mindestens seit dem Ende der fünfziger Jahre gibt. Die älteste Spur der Aids-Infektion führt in das Jahr 1959 auf eine Blutprobe eines Patienten in Zentralafrika zurück. Jüngsten Erkenntnissen zufolge stammt das Immunschwächevirus HIV-1 von Schimpansen ab. Bei wildlebenden Schimpansen fand man Immunschwächeviren, die eng mit dem HIV-1 Virus verwandt schienen. Forscher aus Birmingham haben unlängst bei einem aus Afrika stammenden Tier ein weiteres Virus entdeckt, welches eine Erklärung für den Zusammenhang zwischen dem Aidserreger HIV-1 des Menschen und den bisher bekannten Immunschwächeviren von Schimpansen erklärt. Wie auch bei anderen Infekten (Grippe, Pocken usw.) muß es irgendwann eine Übertragung vom Tier zum Menschen gegeben haben. Vermutlich erfolgte diese Übertragung dadurch, daß in manchen Ländern Afrikas Schimpansen verspeist werden. Bei der Zubereitung kann infiziertes Blut zu einer Ansteckung geführt haben.
Das HIV-1-Virus muß es in Afrika daher schon mindestens zwanzig Jahre länger gegeben haben als in Europa oder Nordamerika. Aufgrund der ohnehin zahlreichen krankheitsbedingten Todesfälle in Afrika (an Nicht-Aids-induzierter Tuberkulose starben in afrikanischen Ländern in den 60er und 70er Jahren schätzungsweise jährlich drei Millionen Menschen) wurde Aids zunächst nicht als besonders hervorstechendes Phänomen wahrgenommen und infolgedessen nicht als neue Krankheit erkannt. Hinzu kam, daß die notwendige Infrastruktur fehlte (und noch heute fehlt), um wirklich aussagefähige Daten über Todesursachen oder Sterberaten zu erheben und statistisch auszuwerten.
In Europa hingegen konnte man schon kurz nach Auftreten der ersten wahrgenommenen Aids-Fälle Ende der 70er Jahre das Virus, das die Krankheit auslöst, isolieren (im Mai 1983 bei Luc Montanier) und die Übertragungswege der Krankheit nachvollziehen. In Afrika hatte das Virus also zwanzig Jahre länger Zeit, sich unkontrolliert zu verbreiten. Hinzu kommt, daß HIV durch verseuchte Nadeln bei Impfungen, ebenfalls eine Konsequenz des im Vergleich zu Europa nur mangelhaft ausgestatteten Gesundheitssystems, eine schnelle Verbreitung fand.
Es ist kein Wunder, daß die Infektionsraten in Afrika höher liegen als in Europa. Die Aids-Forschung und der relativ schnelle wissenschaftliche Fortschritt (das Virus wurde bereits wenige Jahre nach der Entdeckung der ersten Aids-Fälle isoliert) hat dazu geführt, daß in Europa eine massenhafte Übertragungsgefahr schnell unterbunden wurde. Aids ist deshalb in Nord-Amerika und Europa eine Krankheit, die auf spezielle Risikogruppen beschränkt ist. In Afrika ist die Immunschwächekrankheit durch die jahrelange, unkontrollierte Verbreitung zu einer “Volkskrankheit” geworden. Auch in Europa oder Nordamerika hätte eine Aids-Aufklärung, wie sie heute südlich der Sahara betrieben wird, nichts geholfen.

Neue Ansätze

In Europa ist es der intensiven wissenschaftlichen Forschung zu verdanken, daß man das Aids-Virus isolieren und Erkenntnisse über seine Übertragungswege gewinnen konnte. Die daraus resultierende Entwicklung der Aidstherapie hat dazu beigetragen, daß von Mitte 1996 bis Mitte 1997 die Aids-bedingten Todesfälle in Europa und Nordamerika um 44 Prozent zurückgingen. In der Medizingeschichte gibt es kaum eine anderes Beispiel für eine so rasche Erkenntnissammlung über ein Virus wie im Falle von Aids: In weniger als sechs Jahren nach der Feststellung der Krankheit wurde das Virus entdeckt und weitere zwei Jahre später war ein umfassendes wissenschaftliches Verständnis darüber, wie sich das Virus im Körper verhält, erlangt worden. Diese aufeinander aufbauenden Fortschritte ermöglichten wiederum nur wenige Jahre später eine medikamentöse Therapie der ursächlichen Infektion, die den betroffenen Patienten zu besserer Gesundheit und einem längeren Leben verhalf.
Noch vor drei Jahren war es nicht denkbar, was man heute mit der Aids-Therapie anzustreben versucht: Die Vermehrung des Virus im Organismus bleibend zu unterbinden. Oberstes Ziel bleibt natürlich, die HIV-Infektion zu heilen und einen Impfstoff zu entwickeln, der die Ansteckungsgefahr stoppt. Beide Ziele – vor allem die Entwicklung des Impfstoffes – scheinen in erreichbarer Nähe und würden entscheidend dazu beitragen, die Krankheit auch in afrikanischen Ländern zu bekämpfen. Statt pessimistischer Moralkampagnen sollte UNAIDS die moderne Forschung unterstützen. Nur so wird das Aids-Problem in Afrika zu besiegen sein.