26.08.2015

Keine Hilfe für Afrika

Kurzrezension von Benjamin Schraven

Das Gegenteil von Gut … ist gut gemeint von Daniel Rössler (Seifert, 2015, 260 S., EUR 22,95)

In Das Gegenteil von Gut … ist gut gemeint setzt sich der österreichische Autor Daniel Rössler mit dem Phänomen des „Voluntourismus“ auseinander – also mit zeitlich begrenzter Freiwilligenarbeit junger Menschen aus Industrieländern in Entwicklungsländern. Konkret geht es in diesem Buch um den Irrsinn der Freiwilligenarbeit in Waisenhäusern im bettelarmen Norden Ghanas. Sehr lesenswert beschreibt Rössler, wie eine ganze Industrie aus dem Boden gestampft wurde, um es jungen Freiwilligen aus den reichen Ländern des globalen Nordens zu ermöglichen, sich als Helfer auf dem geschundenen „schwarzen Kontinent“ einzubringen.

Dabei sind viele der vermeintlichen Waisenkinder eigentlich gar keine. Der überwiegende Großteil der Kinder hat durchaus noch eine Familie, die aber aufgrund von Armut und Ernährungsunsicherheit die Kinder in die Waisenhäuser geben. Zudem verfügen die jungen Helfer aus den Industrieländern zumeist über keinerlei professionelle Kenntnisse, die sie qualifizieren würden, die ihnen anvertrauten Kinder in angemessener Form zu betreuen. Dafür bezahlen die Helfer aber viel Geld, um in Afrika „etwas Gutes tun zu können“.

Das führt in der Schilderung des Autors vor allem zu „Egotrips ins Elend“, wie es die Süddeutsche Zeitung vor einigen Jahren schon mal in einem Beitrag zu Voluntourimus genannt hat. In erster Linie geht es hier um die Befriedigung der finanziellen Interessen der Hintermänner dieses Geschäftes. Den Kindern oder den dörflichen Gemeinschaften, in denen die Waisenhäuser angesiedelt sind, dient die Freiwilligenarbeit kaum. Im Gegenteil: Gerade die Kinder haben die Folgen von unprofessioneller Betreuung und der Trennung von ihren Familien auszubaden.

Darüber hinaus reproduziert Freiwilligenarbeit, jedenfalls wenn sie so gestaltet wird, wie vom Autor beschrieben, rassistische Stereotype aus der Mottenkiste der Kolonialzeit. Hier der hilfsbedürftige, arme Schwarze und dort die Bürde des weißen Mannes, das Licht der Zivilisation und der Menschlichkeit in das Dunkel des „schwarzen Kontinents“ – wahlweise auch nach Asien oder Lateinamerika – zu tragen. Vielleicht sind Bono, Bob Geldorf und Co. nicht ganz unschuldig daran, dass diese Stereotype immer noch recht wirkungsmächtig in vielen Köpfen herum spuken.

Deshalb können einem bei der Lektüre des Buches Fragen aufkommen, die über die in Das Gegenteil von Gut … ist gut gemeint sehr gut dargestellten, absurden bis grotesken Aspekte des Voluntourismus hinausgehen. Der Autor, der selbst seit einigen Jahren in der Entwicklungszusammenarbeit tätig ist, stellt am Anfang des Buches fest, dass die Geschichte der Entwicklungszusammenarbeit insgesamt ziemlich holprig verlaufen ist und Erfolge kaum auszumachen sind. Deshalb sei eine Neuausrichtung dringend erforderlich.

Wie aber könnte diese neue Entwicklungszusammenarbeit aussehen? Rössler schreibt am Schluss des Buches hierzu, dass einseitige Hilfe überwunden und eine Kooperation „auf Augenhöhe“ stattfinden muss, bei der auch Freiwilligenarbeit grundsätzlich einen wichtigen Beitrag leisten kann. Wie das genau aussehen könnte, sei mal dahin gestellt. Dieses Buch ist auf jeden Fall ein guter Beitrag, der dazu auffordert, Stereotype wie das des schwachen Afrikaners zu hinterfragen und für sich selber die Frage nach globalen Zusammenhängen, lokalen Wirkungen und eigenen Gestaltungsmöglichkeiten zu stellen. (Benjamin Schraven)