06.06.2017

Kampf den Schneeflocken

Rezension von Terri Murray

Titelbild

Foto: Aaron Burden via Unsplash / CC0

Warum sind junge Menschen heute so überempfindlich? Ein neues Buch von Claire Fox beschäftigt sich mit den Ursprüngen der „Generation Schneeflocke“.

Das Buch „I Find That Offensive“ von Claire Fox ist ein Aufruf an die „Generation Schneeflocke“. Die Direktorin des britischen Think-Tanks Institute of Ideas will junge Menschen ermutigen, ihren Schutzpanzer abzuwerfen und die Herausforderung des Erwachsenseins anzunehmen.

Dabei lässt Fox sich nicht einfach über die Verstiegenheiten der jüngeren Generation aus (etwa die Besessenheit vieler Studenten von sogenannten „Mikroaggressionen“). Stattdessen fragt sie nach dem Warum. Warum nehmen junge Menschen an so vielen Dingen Anstoß? Warum verbannen sie Andersdenkende von ihrem Campus? Warum fühlen sie sich von Meinungen, die ihren eigenen widersprechen, so schnell provoziert? Um diese Fragen zu beantworten, geht Fox der Verletzlichkeit der Jugend auf den Grund und erkundet die umfassende Kultur des „Opferseins“.

Zunächst beobachtet Fox, wie junge Menschen sich einen „Status der Unterdrückung“ aneignen und dadurch eine perverse Form von Autorität gewinnen. Selbst die leiseste Kritik an ihren Vorstellungen wird sofort als Hassrede abgestempelt; die eigenen Überzeugungen werden praktisch unangreifbar. Wer keine überzeugende Opferrolle einnehmen kann, zeigt überschweifende Empathie mit benachteiligten Gruppen und hofft, dass die moralische Überlegenheit der Benachteiligten auf ihn abfärbt.

Längst ist der Opferstatus zu einer sozialen Währung geworden. Einer Währung, die so wertvoll ist, dass einige ihre Opfer-Identität sogar frei erfinden. Fox führt als Beispiel den Fall des prominenten Black-Lives-Matter-Aktivisten Shaun King an. Diese Geißel sogenannter „weißen Privilegien“ bezeichnete sich selbst als schwarz. Er fiel in Ungnade, nachdem seine eigenen Unterstützer einräumten, dass seine Geburtsurkunde ihn als Weißen ausweist. Ebenso bizarr ist die Geschichte von Rachel Dolezal: Sie baute sich eine Karriere als afroamerikanische Bürgerrechtsaktivistin auf … trotz ihrer europäischen Herkunft.

„Wer also ist verantwortlich für ‚Generation Schneeflocke‘? Fox zeigt mit dem Finger auf uns, die Elterngeneration.“

Wer also ist verantwortlich für „Generation Schneeflocke“ und deren Opfermentalität? Fox zeigt mit dem Finger auf uns, die Elterngeneration. Wir haben die Jugend in einem Kokon des Wohlbefindens und der Sicherheit aufgezogen, in einer Welt, in der wir die Herausforderungen des Lebens wie Katastrophen behandeln, weil wir auf Gesundheitsrisiken und den Schutz unserer Kinder fixiert sind. Fox portraitiert eine ängstliche, risikoscheue Gesellschaft, die überall Gefahren und Missbrauch vermutet. Dadurch, so Fox, sei die Grenze zwischen physischen und psychologischen Schäden immer mehr verschwommen.

Es ist nicht lange her, da folgten Liberale noch John Stuart Mills Definition vom „psychischen Schaden“. Darunter fällt alles, was die individuelle Entwicklung behindert – beispielsweise Kindern eine Ausbildung vorzuenthalten. Mill verstand Schaden auch als etwas, das gegen unseren Willen geschieht. Folglich können beleidigende oder anstößige Worte auch keinen „psychischen Schaden“ anrichten. Wenn wir uns etwa von jemanden gestört fühlen, können wir den Kontakt mit dieser Person meiden und unser Leben unbehindert weiterführen. Heute glauben viele Menschen, dass schon die Existenz von Lebensstilen, die sie persönlich missbilligen, ihnen schade. Was für ein Unterschied zu Mill, für den „Schaden“ darin bestand, inhaftiert, körperlich angegriffen oder von Verbrechern getäuscht zu werden. Fox fordert die Leser auf, zu diesem engeren Schadensverständnis zurückzukehren – einer Definition, die Raum lässt für legitime elterliche Strenge und angemessenen akademischen Druck.

„Kinderhilfsorganisationen und andere NGOs erweitern ständig die Definitionen von Missbrauch.“

Aber es gibt beachtliche Widerstände, die eine Rückkehr zu Mills Schadensprinzip verhindern. Kinderhilfsorganisationen und andere NGOs erweitern ständig die Definitionen von Missbrauch. Kinder werden ermutigt, sich als Missbrauchsopfer anzusehen, wenn sie Leistungsdruck ausgesetzt oder ihre Entscheidungen von Erwachsenen „manipuliert“ werden. Der Mobbing-Begriff wird stetig ausgeweitet, das „Verbreiten von Gerüchten“ fällt heute ebenso darunter wie „einfach ignoriert zu werden“. In einem solchen Umfeld werden Kinder regelrecht entmutigt, Bewältigungsmechanismen zu entwickeln. Stattdessen lehren wir sie, psychologische „Unterstützung“ zu suchen, sobald sie sich irgendeiner Herausforderung oder Kritik ausgesetzt sehen.

Anstatt der Jugend zu helfen, unangenehme Erfahrungen richtig einzuordnen, haben wir sie zur Überreaktion erzogen und ihnen beigebracht, dass schon die kleinste Kränkung traumatisierend wirkt. Und so darf es uns nicht wundern, dass heutige Studenten vom Gedanken an ihr geistiges Wohlbefinden beherrscht sind und sich selbst als äußerst verletzlich begreifen. Wir haben grundlege Erfahrungen des Studentenlebens pathologisiert – vom Pleitesein bis zum nächtelangen Arbeiten an Hausarbeiten. Enttäuschung, Stress und Frustration gelten heute nicht mehr als normaler Teil des Erwachsenwerdens, sie werden zunehmend als Quelle psychischer Störungen und Krankheiten gesehen.

Zudem hat sich ein heimtückischer Paternalismus in das Alltagsleben der jüngeren Generation gefressen. Selbst informelle Aktivitäten der Kinder werden heute organisiert und betreut. „Freizeit“ wird akribisch geplant und überwacht. „Helikoptereltern“ ermutigen ihre Kinder, sich von Dritten abhängig zu machen. Der Raum, in dem Jugendliche ihre Unabhängigkeit entwickeln können, wird immer kleiner. Stattdessen lässt man sie glauben, dass Unterstützung von Behörden und Institutionen sie stärker mache. Ihr geringes Bewusstsein für Eigenverantwortung macht die jungen Menschen von äußeren Autoritäten abhängig. Nicht nur ihre Freiheit wird so untergraben, sondern auch ihre Fähigkeit, selbständig zu leben.

„Der Raum, in dem Jugendliche ihre Unabhängigkeit entwickeln können, wird immer kleiner.“

Fox kritisiert in ihrem Buch auch das veränderte Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern. Dem Selbstbewusstsein der Schüler wird eine überhöhte Bedeutung zugemessen. Lehrern wird eingeschärft, dass Unterrichtsinhalte „relevant“ sein müssen, damit die Schüler bei der Stange bleiben. Die Meinungen der Schüler werden mit unbedingtem Respekt behandelt, ihre Ansichten dürfen nicht hinterfragt werden. Laut Fox vernichtet diese Einstellung die Pflicht der Erwachsenen, jungen Menschen Wissen weiterzugeben und ihnen Grenzen zu setzen. Die notwendigerweise ungleiche Beziehung zwischen Lehrern und Schülern, also zwischen Wissenden und Lernenden, sei zerstört worden. Dadurch lernten Schüler und Studenten nie, mit Enttäuschung umzugehen oder Kritik zu akzeptieren.

Fox beendet ihr Buch mit deutlichen Worten an die „Generation Schneeflocke“: Ihr rebellisches Selbstbild sei illusorisch. Echte Rebellen bräuchten jene Art von moralischer Autonomie, die erst durch die Teilnahme an ernsthaften intellektuellen Debatten entstehen kann. Junge Menschen greifen den Mainstream nicht an, so Fox. Sie biedern sich dem Zeitgeist an und spielen perfekt die Rolle des verletzlichen Opfers, das Eingriffe und Unterstützung von außerhalb benötigt.

Was ist also zu tun? Die Jungen werden Mut brauchen, um Widerstand gegen diejenigen zu leisten, die Sicherheit über Handlungs- und Redefreiheit stellen. Sie müssen endlich ein Rückgrat entwickeln. Und vor allem müssen sie eines tun: erwachsen werden.