01.11.2003

Zwischenhändler in der Geistesproduktion

Kommentar von Hazel Rosenstrauch

Der Bedarf an Zwischenhändlern im akademischen Gewerbe steigt, aber noch fällt es deutschen Wissenschaftlern schwer mit der Außenwelt zu kommunizieren.

Mit dem Ende des Etatismus, Feudalismus, Sozialismus steigt der Bedarf an Zwischenhändlern im akademischen Gewerbe. Und sie entstehen ‑ outgesourct und eingekauft, neben, unter, zwischen oder auch jenseits der wissenschaftlichen Normalbeschäftigungen: als Lektoren, Agenten, Ghostwriter, Berater, wissenschaftliche Freischärler, Gelegenheitsprofessoren, Denk-Tanker u.v.a.m. Zwar ist mit dem Druck auf die Wissenschaft auch die Einsicht gewachsen, dass der (nur als Mythos noch zitierbare) Elfenbeinturm verlassen werden und auch der reine Geist seine Daseinsberechtigung nachweisen muss, aber es fällt deutschen Wissenschaftlern schwer, mit der Welt draußen zu kommunizieren. Rhetorik und Stil sind Objekte, aber selten Nutzwerkzeuge unserer Kulturwissenschaften und Genres wie wissenschaftliche Essais oder gut geschriebene Fachliteratur werden primär importiert, selten im Lande produziert. Keine Kommunikationstheorie, keine literarische Satire und auch keine Reform hat das bisher ändern können. Die Gründe sind bekannt, die Hindernisse benannt, die Chance, dass deutsche Universitätsangehörige ihre Forschungen so anlegen, dass auch Nicht-Experten sie verstehen, scheinen nach jahrzehntelangen Debatten und Kongressen ziemlich gering. Es passt einfach nicht zu deutscher Wissenschaft, dass sie sich gemein macht – auch wenn man(n) sich gerne als Experte ins Bild setzen lässt. Immer noch muss, wer lesbar schreibt, mit der Verachtung der Kollegen und dem Verdikt der Unwissenschaftlichkeit rechnen; die Versuche der DFG, Lehrkompetenz und die Lust an Vermittlung als Gutpunkte für die Karriere anzuerkennen, sind löblich, solche Talente sind jedoch selten und innerhalb der bestehenden Strukturen werden sie sich auch mit Belohnungssystemen nur zufällig entwickeln können. Eher wird in ein paar Jahren jeder Professor seinen Textcoach, jedes Institut seinen Darsteller und jede Akademie ihre permanente Ausstellung haben.

Vortragsarrangeure und Moderatoren haben sich mit den technischen Möglichkeiten schon durchgesetzt, Naturwissenschaftler haben hierbei die Nase vorn, sie können mit Pin Points jonglieren und ihre Laptops scheinen auf Befehl zu gehorchen. In den Geisteswissenschaften haben solche Künste einen leichten dégout. Natürlich kann man Wissenschaft, vor allem die Ergebnisse tiefen und hohen Denkens, nicht verkaufen, wie man Deodorant verkauft. Und selbstverständlich muss man differenzieren: es ist weniger anrüchig, Lust und Neugier auf chemische Experimente zu wecken, als Freude an Philosophie mit TV. Auf dem Markt geht es nicht nur um Sinndeslebens in Billigversionen; es geht auch um etwas anders als Pressearbeit oder PiAr, mit denen die Hermetik derzeit zwar ein bisschen aufgebrochen, aber nur eine Seite bedient wird. Sollte wirklich ein Dialog gewollt sein, werden Werbung und Wissenschaftssommer nicht ausreichen. Man wird auch hier die Erfahrung machen, die anderswo schon gemacht wurde: Wo Wissenschaft marktschreierisch unters Volk gebracht wird, verliert sie eher an Prestige und Glaubwürdigkeit, statt sie zu gewinnen.

Zwischenhändler oder Querschläger, die Betreiber geistiger Wechselstuben und Bearbeiter von Schnittstellen und was der Bezeichnungen mehr sind, sind eine „dritte Kraft“ und ein präventiver Schutz vor der Sprengkraft, die in den veränderten Beziehungen zwischen Denkern und Anwendern, Forschern und Firmen, Theoretikern und Praktikern oder auch Wissenschaftlern und Aktiengesellschaften steckt. Beamtete Wissenschaftler mögen noch einige Privilegien haben, im Elfenbeinturm sitzen sie schon lange nicht mehr. Es spricht sich herum, dass die Welt innen, in den geschlossenen Werkstätten der Akademiker, nicht immer hehr und sauber ist, es ist aber auch die Welt draußen, wo Geld im Wettbewerb verdient wird, nicht immer böse und oberflächlich. „Freie Wissenschaft“ bekommt in dem mit Wissenschaft voll gestopften Alltag ganz neue Bedeutungen.

Neben den oft erwähnten negativen Folgen entstehen mit dem Fall der Mauern und dem Stellenabbau, in Zwischenräumen und am Rand gelähmter Institutionen neue Formen des Umgangs mit Wissen und: ein Feld für Leute, die über den akademischen Tellerrand gucken, Zusammenhänge sehen, gute Fragen formulieren können. Sie könnten die Reibung im Verhältnis zwischen Wissenschaft und Rest der Gesellschaft minimieren oder auch Widerstände einbauen; Abtrünnige und Ausgeschlossene neigen seit jeher dazu, neue Techniken, veränderte Perspektiven, ungewöhnliche Materialien zu erproben. Vife Zwischenhändler werden den Stoff, der ihnen – von verschiedenen Auftraggebern ‑ anvertraut wird, veredeln, umformen, in anderes Licht stellen, verpacken, transportieren, kombinieren oder die Produktion anregen. Besondere Hoffnung in einer ständig weiter differenzierten Fachwelt wecken die professionellen Dilettanten, streng zu unterscheiden von dilettierenden Professionalisten. Ihr Werkzeug nehmen sie, wo immer sie es finden: aus Wissenschaft, Kunst, Literatur, Journalismus und Alltag. Schnittstellenkompetenz lässt sich nicht akademisch lehren, weil erfahrungsgemäß jeder innerhalb der Institution den Gesetzen des Betriebs gehorchend binnen kurzem zum Experten mutiert und sich an den Messlatten des akademischen Betriebs orientiert. Sowieso erfordert der gewerbsmäßige Handel mit Geist Kompetenzen, die an der Universität nicht gelehrt werden: Flexibilität, Humor, Souveränität im Umgang mit alleswissenden Akademikern wie mit antiakademischen Kampagneros, hartnäckigen Wissensdurst, Verwandlungskünste, hohe Frustrationstoleranz, kreativen Umgang mit schlecht formulierten Wissensbeständen. Man braucht Geräte, um im Berg der Sekundärliteratur nach Edelmetallen zu schürfen, am Lack imposanter Theorien zu kratzen, und ein mentales Polster, um sich von der schlechten Laune und Arroganz nicht anstecken zu lassen, die im Umfeld der Wissenschaft oft ungebremst ausgelebt werden. Und wenn es mit dem Geld nicht immer stimmt, weil zwar der Bedarf groß ist, aber die Bedürftigen das nicht wissen, mögen die Pioniere sich damit trösten, dass sie hoch bezahltes Volksvermögen nutzbar machen. Die Arbeit erfordert viel Initiative, sogar die Nachfrage muss man selbst stimulieren.