01.11.1999

Zweifelhafte Experimente machen “grüner” Gentechnik den Garaus

Analyse von Barbara Hoborn

Es steht schlecht um die Erforschung der Gentechnik: Unzureichende Laborversuche bringen die EU dazu, den Anbau transgener Pflanzen zu untersagen. Doch müssen Wissenschaftler experimentieren dürfen, um Unklarheiten über die neue Technologie ausräumen zu können, sagt Barbara Hobom.

Die “grüne” Gentechnik hatte in der deutschen Landwirtschaft von Anfang an einen schweren Stand. Jetzt hat die Ablehnung von gentechnisch veränderten Pflanzen und deren Produkten nahezu alle europäischen Länder erfaßt. Die Umweltminister der Europäischen Union haben beschlossen, vorerst keine neuen Genehmigungen zum Anbau transgener Pflanzen und zu deren Nutzung in Lebensmitteln zu erteilen. Sie begründeten ihren Beschluß mit verschiedenen Risiken, die sich erst in den vergangenen Monaten abgezeichnet hätten. Dabei beziehen sie sich vor allem auf drei Laborversuche, in denen nachteilige Auswirkungen transgener Gewächse zutage getreten seien. Die aus den Experimenten gezogenen Schlüsse, die Hinweise auf eine Gefährdung von Mensch und Umwelt liefern sollen, halten einer genaueren Analyse allerdings nicht stand.

“Die Experimente haben zu so widersprüchlichen Ergebnissen geführt, dass eine wissenschaftlich korrekte Aussage weder in die eine noch in die andere Richtung möglich ist”

Beim Verfüttern von transgenen Kartoffeln, die Lektine produzieren, wurden angeblich Mäuse krank. Die Experimente hatten jedoch zu so widersprüchlichen Ergebnissen geführt, daß eine wissenschaftlich korrekte Aussage bislang weder in die eine noch in die andere Richtung möglich ist. Davon abgesehen wären schädliche Wirkungen bei den Sicherheitsprüfungen, die vor einer Zulassung als Nahrungsmittel vorgeschrieben sind, gewiß zutage getreten. Die transgene Kartoffel wäre dann für den menschlichen Verzehr nicht zugelassen worden.

Wenig schlüssig erscheinen auch die Experimente von Forschern der Cornell-Universität, die Larven des in Amerika geschützten Monarchfalters mit manipulierten Seidenpflanzen gefüttert haben. Die Pflanzen wurden zuvor mit gentechnisch veränderten Pollen benetzt. Die Forscher wollten herausfinden, ob transgener Maispollen, der das Gift bestimmter Bakterien (Bacillus thuringiensis) produziert, nicht nur Schädlinge, sondern auch harmlose Arten tötet. Die Schmetterlingslarven ernähren sich in der Natur ausschließlich von Seidenpflanzen. Einen Teil der Blätter hatten die Forscher mit Pollen von transgenem Mais besprüht, den anderen mit Pollen einer Maissorte, die kein Bakteriengift produziert, ansonsten aber auch keineswegs identisch ist. In einer weiteren Kontrollgruppe blieben die Blätter ganz unbehandelt. Viele Raupen, die Blätter mit den toxinhaltigen Pollen fraßen, gingen zugrunde oder entwickelten sich schlechter als die Tiere, die sich von den anderen Blättern ernährten. Die Wissenschaftler gaben zu bedenken, daß der großflächige Anbau von Kulturpflanzen mit dem eingebauten Insektenschutz die Monarchfalter gefährden könnte.

Die Erkenntnis, daß Toxine des Bakteriums Bacillus thuringiensis auch Schmetterlingen schaden können, ist keineswegs neu. Schon vor mehr als zehn Jahren haben Forscher beobachtet, daß nicht nur Schadinsekten, sondern auch verschiedene Schmetterlingsarten empfindlich auf die bakteriellen Giftstoffe reagieren. Bestimmte Insektizide, die das Bakterientoxin enthalten, sind seit den sechziger Jahren das Instrument von Biobauern im Kampf gegen Schädlinge. Bislang hat man aber durch das Spritzen solcher Mittel keine nachhaltigen Wirkungen auf Schmetterlingspopulationen festgestellt. Allerdings verliert das mit Bakteriensporen und Toxinkristallen angereicherte Mittel im Sonnenlicht schnell seine Wirksamkeit. Dagegen wird das Toxin in den transgenen Pflanzen während der gesamten Wachstumsphase gebildet.
In der Natur dürfte dem Monarchfalter trotzdem auch von den transgenen Pflanzen kaum Gefahr drohen. Die Periode, in der sich Monarchfalter von Seidenpflanzen ernähren, und die, in der der Maispollen fliegt, überlappen sich kaum. Da der Pollen verschiedener Maissorten zudem zu unterschiedlichen Zeiten fliegt und sich mit der Entfernung immer weiter verdünnt, könnten in der Natur allenfalls einzelne Larven Schaden nehmen. Viele Forscher halten es daher für unwahrscheinlich, daß die Schmetterlinge durch den Anbau von transgenen Pflanzen mit eingebautem Insektenschutz nachhaltig gefährdet werden könnten. Bei der Behandlung von Feldern mit chemischen Insektiziden dürften ihrer Ansicht nach weit mehr Schmetterlingsraupen zugrunde gehen als durch transgene Pollen.

Auch die Aussagekraft von Laborversuchen, die Insektenforscher der Eidgenössischen Forschungsstation für Agrarökologie und Agrikultur in Zürich vorgenommen haben, wird von vielen Wissenschaftlern kritisch beurteilt. Nach den Beobachtungen der Entomologen waren junge Larven der räuberischen Florfliege (Chrysoperla carnea) in ihrer Entwicklung stark gehemmt, wenn sie mit Zünslerlarven gefüttert wurden, die sich zuvor von transgenen Maispflanzen ernährt hatten. Viele Fliegenlarven gingen zugrunde. Nur in langjährigen Freilandversuchen wird sich herausstellen, ob Florfliegen durch die transgenen Pflanzen auf die Dauer gefährdet sind oder unbehelligt bleiben. Viele Forscher haben die beschriebenen Experimente kritisiert, weil sie nicht den üblichen wissenschaftlichen Maßstäben genügen. Zwar haben alle Autoren selbst darauf hingewiesen, daß es sich um vorläufige Befunde handelt. In der Öffentlichkeit haben sie indessen den Eindruck verstärkt, daß der Anbau transgener Pflanzen grundsätzlich Mensch und Umwelt schade. Es ist blamabel für die Wissenschaft, daß die innere Kontrolle bei der Veröffentlichung vermeintlich nachteiliger Auswirkungen der Gentechnik versagt und hier andere Maßstäbe angelegt werden als sonst üblich. Auch den Experten in den einschlägigen Fachzeitschriften mangelt es bei publikumswirksamen Themen offenbar an der nötigen Kritikfähigkeit. Nach Art der Massenmedien greifen sie zu, wenn das Thema besondere Aufmerksamkeit verspricht und das Journal somit erhöhte Beachtung findet.

Viel weniger Aufhebens wird gewöhnlich um die zahlreichen Sicherheitsstudien gemacht, die in Europa und in den Vereinigten Staaten vorgenommen werden. Sie haben bislang keine nachteiligen Auswirkungen beim Anbau transgener Kulturpflanzen ergeben. So haben Wissenschaftler vom Forschungsschwerpunkt Biotechnik, Gesellschaft und Umwelt an der Universität Hamburg unter der Leitung von Gesine Schütte seit 1994 mehr als viertausend Freisetzungen transgener Pflanzen in den Vereinigten Staaten analysiert.
Den Untersuchungen zufolge ist es zwar beim Raps gelegentlich zur Auskreuzung mit Wildformen (dem Rüpsen) gekommen. Doch dies hatte keine ökologischen Nachteile zur Folge. Keines der transgenen Gewächse zeigte zudem eine Tendenz, sich als Unkraut auszubreiten. Auch Mikroorganismen mit fremden Genen, die ausgesetzt wurden, breiteten sich nicht unkontrolliert aus; sie waren den Konkurrenten im Boden letztlich unterlegen. Ein Transfer fremder Gene, etwa Antibiotika-Resistenzgene, von den Pflanzen in Mikroorganismen war ebenfalls nicht nachweisbar. Er dürfte nach Einschätzungen der Wissenschaftler extrem selten sein. Gelegentlich haben sich die eingeschleusten Gene in den Pflanzen indessen anders verhalten als erwartet. So zeigte sich zum Beispiel bei einer insektenresistenten Baumwolle erst nach der Sortenzulassung, daß ihr Pollen nur wenig von dem Bakterientoxin bildete.
Die bisherige Bilanz der Untersuchungen schließt keineswegs aus, daß beim großflächigen Anbau über lange Zeit nicht doch in Einzelfällen ökologische Nachteile zutage treten. Es liegt deshalb an den Wissenschaftlern, die Entwicklungen weiterhin genau zu beobachten und zudem mit Experimenten Unklarheiten zu beseitigen –sofern die Umweltminister der Europäischen Union sie denn gewähren lassen.