29.09.2011

Zuviel gelesen? Der rote Strich durch Torontos Bibliotheken

Von Vasile V. Poenaru

Vasile V. Poenaru über den ewigen Streit zwischen Geist und Macht: Die Stadt Toronto will sparen und deshalb öffentliche Bibliotheken dichtmachen. Kanadas literarische Ikone Margaret Atwood organisiert den Protest dagegen und bekommt die Arroganz der Herrschenden zu spüren

Gute Haushaltung ist der Stadt Grundfeste und Reichtum. Auf Kanadisch? Hochsommer 2011: Rob Ford, ein streitfreudiger, stämmiger Mann, der früher auch mal gerne in aller Öffentlichkeit handgreiflich zu werden pflegte und derzeit gerade sozusagen durch des Wählers Gunst Torontos Bürgermeister ist, will öffentliche Bibliotheken schließen, um Geld zu sparen. Margaret Atwood, Kanadas literarische Ikone, hat (natürlich) was dagegen. Sie twittert, kritisiert, mobilisiert eine Viertelmillion Followers, will, dass die Kanadier lesen – und gelesen wird ja besonders in Toronto immer noch ziemlich viel. Neunundneunzig städtische Bibliotheken gibt es in Kanadas bedeutendstem Wirtschafts- und Finanzzentrum: 99 Luftballons. Hast du etwas Zeit für mich, dann lese ich ein Buch für dich, so würde Margaret Atwood Nenas Hit aus den frühen Achtzigern umdichten, wenn der mächtige Bürgermeister nur auf sie hören wollte. Doch der will nicht.

Dass die berühmte, mit dem Man Booker Preis ausgezeichnete Schriftstellerin (die übrigens 2010 auch den Nelly Sachs Preis erhielt) es mit dem Verwaltungsapparat der größten kanadischen Metropole aufnimmt, bleibt nicht unbestraft. Der Bruder des Bürgermeisters, Doug Ford, der nun dessen ehemaliges Mandat als städtischer Abgeordneter für Etobicoke North übernommen hat, schlägt prompt zu. Warum sich die Dame in Sachen Haushaltspolitik einmische! Es gebe sowieso zu viele Bibliotheken in Toronto, und Margaret Atwood (Margaret who?) sei für ihn, der ja immerhin als ehrbarer Vertreter der Staatsbürger in seiner Wahlgemeinde wohlgemerkt demokratisch gewählt wurde, kein Begriff. Die belesene Exponentin der schreibenden Gilde hat gut reden, aber das Sagen hat sie nicht, greift Fords gar nicht so subtile Nachricht durch seine unwirschen, von Intellektuellen wie von „einfachen“ Lesern dann bald freilich in den kanadischen Medien aufs Heftigste kritisierten Äußerungen. Die Machthaber-Philosophie in einer Nuss: Wer kein Amt innehält, ist eine große Null.

“We have more libraries per person than any other city in the world.  I’ve got more libraries in my area than I have Tim Hortons [Kaffeehäuser]”, entfährt es Doug Ford.

Unerhört: mehr Bibliotheken als Kaffeehäuser (was freilich in Wirklichkeit keineswegs der Fall ist)! Ein Skandal. Wenn es beispielsweise dazu käme, dass in seiner Wahlgemeinde eine Bibliothek geschlossen würde, etwa Northern Elms Public Library (wofür er übrigens im Handumdrehen stimmen würde), dürfte es den Leuten herzlich wenig ausmachen, da es ja schon zwei Kilometer weiter entfernt eh eine andere gebe, so Abgeordneter Ford. Eine kurz darauf bei Northern Elms interviewte Leserin: „If he closes the library, I want my vote back.” (Lose our libraries and lose our votes, Toronto Star, 27.7.2011)

Kanadisch ist, was kanadisch lebt und leibt, in diesem Fall: was kanadisch frisst. Und Leseratten sind die politischen Größen der Hauptstadt der Provinz Ontario eben nicht. Für einen Verlängerten, einen kleinen Braunen (aber wohl kaum für einen Schwarzen) wären sie schon eher zu haben. Im Skandal um Torontos zahlreiche öffentliche Bibliotheken werden nämlich bewusst oder eben unbewusst zwei Ikonen des Landes der Großen Seen gegeneinander ausgespielt: Tim Hortons, der Namenvater der berühmtesten kanadischen Kaffeehauskette, wo man als waschechter Kanadier unbedingt zumindest dann und wann mal u. A. einen double-double (double sugar, double cream – ja, wir werden dick) mit Suppe, Sandwich und Süßigkeiten genießen muss, und Margaret Atwood, die Schriftstellerin, die u. A. dafür ausgezeichnet wurde, dass sie in ihrem Werk den Begriff kanadische Identität erörtert, umrissen, definiert, geformt hat. Lesebrille Toronto?: no need to read?

I’m going to stop the gravy train (gemeint sind unnötige Ausgaben aus öffentlicher Hand): Rob Fords Schlachtruf im Wahlkampf 2010 – und auch jetzt, da doch der Wahlkampf längst gewonnen ist, lässt der stolze, bei Schritt und Tritt selbstsicher-unbeugsam im Sattel sitzende Bürgermeister diesen Schlachtruf gerne mal wieder ertönen. Hinter ihm in Reih’ und Glied? Seine Mannen von der konservativen Partei (die den Liberalen bei den lokalen Wahlen im Dezember 2010 das Amt des Bürgermeisters wegschnappten), allen voran Bruder Doug. Wer gravy (Bratensaft) zum Braten will (und wer will’s schon nicht?), möge sich den gravy doch gefälligst selber besorgen, das leuchtet ein. Und wer ein Buch lesen will, der soll ... der soll ... also kurz, es gebe ja eben wie gesagt sowieso zu viele Bibliotheken in unserer Stadt.

Talking business at City Hall: Respektlos, schlimmer, geringschätzig spricht City Councillor Doug Ford vom CanLit icon Margaret Atwood. Die kenne er gar nicht (hat Ford dann ein paar Tage später umformuliert). Ginge sie an ihm vorbei, so würde er, the City Councillor, davon kaum Notiz nehmen. Aber wenn die Frau Schriftstellerin es ihm, dem Sieger eines demokratischen Wahlkampfes, gefälligst gleichzutun beliebe (das heißt, sollte sie mal im Stadtrat sitzen, so wie er), dann, ja dann, und wohlgemerkt erst dann „wollen wir uns zu einem Gespräch hinsetzen und auf sie hören.“ Die lokale Staatsgewalt lässt sich durch das Geschwätz einer Literatin nicht beirren. Im Handgemenge behaupten sich ihre jetzigen Exponenten nämlich offensichtlich am allerbesten. Und Demokratie geht vor Lesen, right? Und jetzt noch einen double-double, bitte!