01.09.2001

Zur Sache 6

Von Thomas Deichmann

Viel Wind um Minimotoren

Im Januar 2000 rief der damalige US-Präsident Bill Clinton eine Nationale Nanotechnologie-Initiative ins Leben und erklärte die Forschung auf diesem Gebiet zur obersten Priorität. In Europa wird derweil immer noch über harmloses transgenes Gemüse gestritten, die Diskussionen um die Gentechnik hinken dem internationalen Forschungsstand meilenweit hinterher. Die vielfältigen Initiativen im Rahmen des »Jahr der Lebenswissenschaften« haben zum Teil Abhilfe geschaffen. Der Informationsbedarf zur vernünftigen Meinungs- und Urteilsbildung ist allerdings nach wie vor gewaltig – auch hinsichtlich der Nanotechnologie.
Korrekterweise müsste man eigentlich von der Nanobiotechnologie reden, denn die Bausteine der Minikonstruktionen können auch biologischer Herkunft sein. Molekulare Motoren und Kleinstmaschinen (ein Nanometer ist ein Millionstel Millimeter!) aus Bakterien, Makrophagen oder Fibroplasten sollen in absehbarer Zeit im Inneren unserer Zellen agieren und z.B. Gene ein- und ausbauen. Im Bereich der Forschung an Gentherapien werden zu diesem Zweck bereits virale Genfähren genutzt, die Erbmaterial in fremde Organismen transportieren können. Der Grundgedanke der Nanotechnologie ist es also, aus kleinsten Teilen dem Menschen nutzbringende Maschinen zu basteln. Dabei können biologische und anorganische Bestandteile kombiniert werden, das Ergebnis sind Nanomotoren und Nanoroboter (kurz »Nanobots« und »Naniten« genannt).
Der potenzielle Nutzen dieser Forschungen liegt auf der Hand. Dass die Menschheit davon erheblich profitieren kann, lässt sich auch mit konspirativen Mahnungen, die Forschung verbreite lediglich im Auftrag der Industrie so genannte »Heilsversprechen«, nicht unter den Teppich kehren. Nanobots könnten z.B. in absehbarer Zeit durch unsere Blutgefäße patrouillieren und Beschädigungen reparieren. Sie könnten Medikamente exakt platzieren, Krebszellen töten oder Bakterien bekämpfen. Man könnte sie auch in bestimmte Organe schicken, um dort Operationen vorzunehmen. Erste Bauteile gibt es schon, zum Beispiel einen kleinen Motor mit Metallpropeller, der sich mit acht Umdrehungen pro Sekunde bewegt und im Inneren einer Zelle »leben« kann. Vielleicht werden »Nanobiotika« sogar irgendwann einmal herkömmliche Antibiotika ersetzen.
Nanotechnologien sind längst elementarer Teil der Lebenswissenschaften, eine sachliche Diskussion darüber wäre also ratsam. Da wir aber trotz »Klimaerwärmung«, »Bevölkerungsexplosion« und dergleichen »Katastrophen« immer noch leben und der Weltuntergang auf sich warten lässt, werden jetzt auch Nano-Forschungen verstärkt als Modell für neue (und diesmal noch ernstere!) Apokalypsen herangezogen – wie vieles im Bereich der modernen Biowissenschaften. Unser Coverfoto thematisiert diese Stimmungslage, unser Autor Tillmann Prüfer nähert sich dem Thema freilich aus anderer Perspektive.
Kenan Malik greift in seinem Artikel ein weiteres heikles Thema des gegenwärtigen »Wissenschaftsdiskurses« auf: das Klonen von Menschen, das jüngst von Severino Antinori, Panayiotis Michael Zavos und Brigitte Boisselier angekündigt wurde. Malik hält allerdings wenig von den Argumenten der Klonierungsgegner, weil ein Verbot des Klonens einem Verbot medizinischen Fortschritts gleichkomme, der die Möglichkeit birgt, hunderttausende Leben zu retten. Unmoralisch oder unethisch wäre es daher, solche Möglichkeiten zu sabotieren.


Eine anregende Lektüre dieser und anderer Novo-Artikel wünscht


Thomas Deichmann