01.07.2001

Zur Sache 5

Von Thomas Deichmann

Lebenswissenschaften im Visier

Liest man sich dieser Tage durch die Feuilletons und Kommentare der großen Zeitungen, bekommt man leicht den Eindruck, eine anti-wissenschaftliche Konterrevolution sei im Gange. Angesichts der Entschlüsselung des menschlichen Genoms im vorigen Jahr war noch von einer wissenschaftlichen Revolution die Rede. Seitdem nun aber Präimplantationsdiagnostik und Stammzellforschung im Mittelpunkt des Diskurses stehen, scheint die Aufbruchsstimmung verflogen. Auch im zunächst den Biotech-Diskurs sachlich-optimistisch begleitenden FAZ-Feuilleton haben pessimistische Ethikexperten die Oberhand gewonnen. Feuilletonchef Frank Schirrmacher huldigte neulich sogar dem Weltuntergangspropheten Bill Joy (FAZ, 6.6.01). Den ließ er zwar schon genau ein Jahr zuvor ausgiebig zu Wort kommen, er wurde damals jedoch noch eher als exzentrische Randfigur wahrgenommen (vgl. Novo47).
Einige der Lebensschützer, die heute verstärkt zu Wort kommen, würden am liebsten nicht nur die Embryonenforschung, sondern dazu auch gleich wieder die Abtreibung unter Strafe stellen. Wenn man den Beginn von Menschenleben bei der Verschmelzung von Eizelle und Sperma sieht, bleibt einem freilich nichts anderes übrig. Wir lehnen diese Sichtweise allerdings ab und betrachten sie als biologistisch, weil sie ein Menschenleben auf einen biochemischen Vorgang reduziert. Mehr dazu können Sie in dieser Novo lesen, z.B. von Prof. Hubert Markl, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft.

Auch die Unionsparteien bekennen nun deutlicher Farbe. Zwar ist es begrüßenswert, dass sie sich darum bemühen, klare inhaltliche Positionen zu formulieren und für sie zu werben, statt mit Platitüden aufzuwarten. Aber was dabei rauskommt, ist bislang wenig überzeugend: Was die Biowissenschaften anbelangt, sind es überwiegend altmodische Lebensschutz-Argumente, die man von Abtreibungsgegnern kennt. Die Union würde diese jetzt wohl am liebsten der modernen Gentechnik überstülpen. Offenbar fällt den Unionsparteien nur der Rückgriff auf religiöse Denkmuster ein, um sich Profil zu geben.
Klare SPD-Linien sind derweil nicht zu erkennen – aber wofür auch, hat doch Tony Blair gerade mit New Labour in Großbritannien gezeigt, dass Inhaltsleere und Flatterhaftigkeit Parteien der »Neuen Mitte« gut zu Gesicht stehen.

Die Grünen profilieren sich derweil vor allem als Natur- und Verbraucherschützer im Bereich der Grünen Gentechnik – also da, wo es um Landwirtschaft und Lebensmittel geht. Ihnen werden wir es mit zu verdanken haben, wenn alsbald eine umfassende Kennzeichnungspflicht für mit der Gentechnik in Berührung gekommene Lebensmittel auf EU-Ebene verabschiedet und in Deutschland implementiert wird – auch für solche Lebensmittel soll sie gelten, die sich von herkömmlichen Produkten nicht die Bohne unterscheiden, weil transgene Inhaltsstoffe im Endprodukt nicht mehr vorhanden sind (z.B. Sojaöle). Mit Verbraucherschutz hat all das nichts zu tun, denn »transgene Lebensmittel« unterliegen schärferen Sicherheitskriterien als normale und sind daher auch sicherer als alles, was jemals auf unseren Tisch kam.
Das grüne Kesseltreiben gegen die Gentechnik kann nun aber schon bald zur Folge haben, dass z.B. auf einen Riegel mit gentechnisch veränderten Nüssen, aus denen die potenziell hochallergischen Inhaltsstoffe entfernt wurden, ein warnendes Gentech-Label gedruckt werden muss, während alternative Waren mit »normalen« Nüssen, auf die viele Menschen leider nach wie vor allergisch reagieren, als »gentechnikfrei« und deshalb als gesünder und besser gelten werden. Wenn ideologische Fragen sachlich zu behandelnde Themen der Lebensmittelsicherheit dominieren, gibt es in der Tat Grund zur Sorge um unsere Nahrung.

Man darf gespannt sein, welche Überraschungen die Politik im so genannten »Jahr der Lebenswissenschaften« noch so parat hat. Eine anregende Lektüre des neuen Novo wünscht