01.11.2004

Editorial

Von Thomas Deichmann

Vor der Wahl ist nach der Wahl - Das gilt auch für die Qualität weiter Teile der hiesigen Auseinandersetzung mit den Entwicklungen in den USA. Der Wahlabend lieferte jedenfalls einen neuen Gipfel deutscher Besserwisserei (beziehungsweise Klugscheißerei) zu Fragen der US-Politik. Nachdem sich ein Großteil der TV-Medien monatelang unverfroren wahlkämpferisch für den Herausforderer Kerry eingesetzt hatte, glaubten die Redaktionen offenbar selbst so felsenfest an „ihren“ Wahlsieg, dass sie gleich Heerscharen von Reportern in Sektlaune nach Washington entsandten.

Die Ernüchterung blieb nicht aus. Sichtlich „angepisst“ vom Ausgang der „Jahrhundertwahl“ quälten sich einige Reporter statt auf Partys vor ihre Studiomikrofone. Für das ZDF-heute-journal schoss Claus Kleber den Vogel ab, indem er seine frech-launischen Statements gegen Bush als Fragen tarnte und sie mit vielsagendem Augenaufschlag (à la Kinderkanal) dem sichtlich konsternierten Interviewpartner Henry Kissinger an den Kopf warf. Kissinger blieb nur die Rolle des Moderators, indem er mehr Ruhe und Ausgewogenheit anmahnte. Mit seriösem Nachrichtenjournalismus hatte vieles, was uns vor und nach dem Wahlabend geboten wurde, nichts zu tun – ganz unabhängig davon, ob man sich nun eher Bush oder Kerry als neuen US-Präsidenten wünschte.

Mehr als der Wahlausgang in den USA sollte uns diese Art von deutscher Politikkultur zu denken geben. Wie nie zuvor wurde in aller Offenheit Partei im US-Wahlkampf ergriffen – und das weitgehend mit Mitteln populistischer Stimmungsmache anstatt mit stichhaltigen Begründungen für das „Bush-Bashing“. Gewiss: Bush führt einen unsinnigen „Krieg gegen den Terrorismus“, der längst aus dem Ruder gelaufen ist. Aber auf die Frage, warum Kerry zu Besserem fähig sein sollte, blieben die meisten Kommentatoren jede Antwort schuldig. Kerry hatte für den Irakkrieg gestimmt und zudem zu verstehen gegeben, dass er auch der jüngsten Offensive in Faludscha bei seiner Wahl nicht widersprochen hätte. Wie Amtsinhaber Bush spielte auch er mit der tiefen Verunsicherung und dem Gefühl der Verwundbarkeit amerikanischer Wähler. Pausenlos warf er dem Präsidenten vor, die „eigene Nation“ nicht effektiv verteidigen zu können. Dabei präsentierte er nicht einmal den Hauch einer Vision für eine bessere Zukunft, sondern mäkelte herum und erhitzte mit seinem Spiel auf der Angstklaviatur gnadenlos die Gemüter. So strickte er selbst aus der eher unbedeutenden Meldung, dass der Grippeimpfstoff für Amerikaner in diesem Jahr knapp werden könnte, eine Panikkampagne. Er warf Bush vor, den Amerikanern auch in der Gesundheitspolitik keine Sicherheit bieten zu können – was dann hierzulande sofort dankbar aufgegriffen wurde.

Der US-Wahlkampf machte deutlich, dass die Kultur der Angst und Verwundbarkeit mittlerweile zum tragenden Element amerikanischer Befindlichkeiten und „Politik“ geworden ist. Die hysterische Berichterstattung hierzulande zeigte indes, dass wir die USA in dieser Hinsicht womöglich sogar noch deutlich übertreffen. Die hierdurch erreichte Aufgewühltheit der hiesigen Bürger und ihre gesteigerte Skepsis gegenüber den Amerikanern sind dafür ein deutliches Indiz.

Zu guter Letzt eine Anmerkung in eigener Sache. In Novo70 hatte ich unsere Arbeitsweise als „No-Budget-Projekt“ geschildert und angekündigt, unsere Abonnentenbasis bis Ende des Jahres deutlich ausbauen zu wollen. Das ist uns gelungen: In den letzten Monaten haben wir reichlich neue Abonnenten hinzugewonnen. Besten Dank an alle, die mitgeholfen haben. Mit diesem Zuwachs sind wir noch lange nicht zufrieden. Wir hoffen deshalb weiter auf Ihre Unterstützung bei der Verbreitung des Magazins. Wie wär’s mit Geschenkabos zu Weihnachten?
Wie auch immer: Ich wünsche Ihnen schöne Wintermonate, geruhsame Feiertage, einen guten Start ins neue Jahr und eine anregende Lektüre, Ihr

 

Thomas Deichmann
Chefredakteur