01.05.2001

ZUR SACHE

Von Thomas Deichmann

Ändern, was nicht korrekt ist...

Das Titelfoto* von Michael Najjar ist eine künstlerische Provokation des deutschen Zeitgeistes – eine sehr gelungene, wie ich meine. Sie fühlen sich auch provoziert? Dann belassen Sie es bitte nicht bei dieser spontanen Reaktion. Hinterfragen Sie Ihre Haltung. Ist es nicht bezeichnend für den dogmatischen Charakter der hiesigen „Kampagnen gegen Rechts“, dass wir mittlerweile schon reflexartig aufschrecken, wenn wir irgendwo ein Hakenkreuz entdecken? Wer sich auf diese Frage einlässt, der empfindet Najjars Aufnahme meist nur noch als Irritation. Wieso sitzt eine türkische Familie seelenruhig vor diesem Nazi-Symbol? Mir scheint: Najjar will das Klischee vom permanent bedrohten Ausländer in Deutschland aufbrechen. Und er möchte vielleicht auch Kritik daran äußern, dass mittlerweile diskurslos von uns abverlangt wird, den populären „Antifaschismus“ einfach abzunicken. Eine positive und intellektuell begründ- wie nachvollziehbare Erklärung dafür hat es jedenfalls nicht gegeben. Ist es nicht vielmehr so, dass Dogmatismus zum zentralen Merkmal der Politik geworden ist? Wird nicht fast jeder politischen Erscheinung mit rechthaberischen Kampagnen begegnet? Das hat jetzt aber gar nichts mehr mit dem Titelbild zu tun – oder vielleicht doch? Die Inszenierung Najjars ist derart „clean“ und „neutral“ gehalten, dass sie alle möglichen Blickrichtungen und Interpretationen zulässt (s. Vito Oražem auf S.30). Erst diese Zurückhaltung des Bildregisseurs ermöglicht die Irritation. Enthüllt sie nicht, dass wir uns daran gewöhnt haben, zum Thema Rechtsextremismus (wie zu anderen Themen) nur noch mediale Botschaften mit einschlägigem Inhalt serviert zu kriegen (Glatzköpfe, Springerstiefel, Opfer…)?

Wir widmen uns in dieser Novo-Ausgabe dem Thema Rechtsextremismus und möchten dazu beitragen, populäre Denkschablonen aufzubrechen und der sozialen Wirklichkeit mehr Beachtung zu schenken. Vorurteile gegenüber Ausländern existieren nach wie vor in der bundesrepublikanischen Gesellschaft, doch ihre soziale Relevanz scheint seit Jahren abzunehmen. Dass aber in unserer verwirrten Zeit gleichzeitig vielleicht ein paar mehr Leute als üblich komisch drauf sind, sollte eigentlich nicht wundern.(Auch Esoterik und Hokuspokusmedizin finden in den letzten Jahren Zuspruch.) Dahinter stehen jedoch keine gefestigten Weltanschauungen – das Gegenteil ist der Fall. Rechte Extremisten und Parteien führen ein totales Schattendasein. Die NPD zum Beispiel hat derzeit bundesweit knapp 7000 Mitglieder. Das sind etwa so viele, wie ein einigermaßen etablierter Sportverein in einer mittelgroßen Stadt hat. 1000 neue Mitglieder verdankt die NPD der Verbotsdebatte, die im letzten Jahr (erneut) entbrannte. Daran zeigt sich nicht zuletzt, wohin es führt, wenn Politik und Medien aus blassen Mücken braune Elefanten machen: Die moralbeladene Politisierung der Thematik Rechtsextremismus ist nicht nur unverhältnismäßig. Sie ist auch kontraproduktiv und führt zu einer Aufwertung eines Randproblems, wodurch die Lebensqualität aller in der BRD lebenden Menschen nachhaltig Schaden nimmt.
Auch die Forderung nach einem Verbot der NPD (vorübergehend wieder vom Tisch) ist abzulehnen, denn sie setzt vollkommen falsche Signale. Es wird damit nämlich suggeriert, normale Menschen seien nicht in der Lage, mit diesem irrelevanten Splittergrüppchen umzugehen. Ein demokratisches Gemeinwesen wird solche einfältigen Erscheinungen des Parteienspektrums aber sicher verkraften können. Und um vereinzelten gewalttätigen Extremisten das Handwerk zu legen, reichen die bestehenden Gesetze.
Was wir brauchen, um regressiven Erscheinungen in der Gesellschaft Paroli bieten zu können und unser Gemeinwesen zu entwickeln, sind nicht Verbote und Tabus, sondern die Freiheit der Gedanken und eine schonungslos offene Diskussion – gerade heute, wo der politische Raum durch Visionslosigkeit und Verbohrtheit der Parteien zusehends verengt wird.

Vielleicht sollte man sich als demokratischer Bürger sogar eher einmal davon belästigt fühlen, wenn wegen Versammlungen einiger weniger NPD-Demotouristen der Ausnahmezustand über Städte verhängt wird – so geschehen in Frankfurt am Main am 7. April: Polizeikontrollen und Straßensperren brachten den Verkehr teilweise zum Erliegen, Hubschrauberlärm und Martinshörner nervten den ganzen Tag. Dringend des Hinterfragens bedürftig erscheinen in diesem Zusammenhang auch die rituell veranstalteten Gegendemonstrationen, die ebenso rituell in „heldenhafte antifaschistische“ Straßenschlachten mit der Polizei übergehen. Solches Engagement ist eine altbekannte Kinderkrankheit linker und zumeist gutmeinender Initiativen, hat mit antirassistischer Arbeit aber ebenso wenig zu tun wie Parteiverbote und Moralbelehrungen der rot-grünen Regierung.
Ein (ausnahmsweise etwas zynischer) Vorschlag zum Umgang damit: Warum stellt man nicht zur Schonung der Umwelt, der Innenstädte und unserer Nerven ein Gelände zur Verfügung, auf dem rechte Glatzköpfe und ihre militanten Gegner ungestört Cowboy und Indianer spielen dürfen. Zusätzlich könnte man den Berliner Innensenator Werthebach von der CDU (der eine Demonstration linker Gruppen am 1. Mai nicht nur im Vorfeld untersagte, sondern sie dann auch noch mit einem rekordverdächtigen Polizeiaufgebot zu verhindern versuchte) und einige seiner schlagkräftigen uniformierten Jungs mit aufs Spielfeld schicken. Der an politischer Aufklärung und sozialem Fortschritt ernsthaft interessierte Teil der Bevölkerung könnte sich dann vielleicht unaufgeregter den wichtigeren gesellschaftlichen Fragen widmen – z.B. der anhaltenden rechtlichen Diskriminierung ausländischer Mitbürger oder der unmenschlichen Behandlung von Asylbewerbern. An deren miserablem Status möchte anscheinend auch die rot-grüne Regierung nicht rütteln. Die verkappte Greencard des Kanzlers spricht Bände dafür.
Mehr zu diesem Thema können Sie in diesem Novo lesen.** Eine anregende Lektüre wünscht


Thomas Deichmann
Chefredakteur