01.01.2000

Zur Sache

Von Thomas Deichmann

Neue Spermaforscher. Leitartikel der Novo-Ausgabe 44.

Zu diesem Ergebnis kam eine von der Umweltstiftung WWF in Auftrag gegebene Untersuchung der Universität Oldenburg. Wissenschaftler vieler Länder beschäftigen sich mit dieser Thematik. Und das ist sehr begrüßenswert. Doch vor Schnellschlüssen sollten wir uns hüten. Es gibt sehr unterschiedliche Studienergebnisse. Das liegt an den jeweils unterschiedlichen Forschungsmethoden. Hinsichtlich der konstatierten verminderten Spermienqualität stellt sich also zunächst die Frage: Lassen sich die Ergebnisse aus Oldenburg verallgemeinern? Möglicherweise ja, denn auch in anderen Ländern wurde dieser Trend festgestellt. Aber bemerkenswert ist, daß heute leider mehr denn je Umweltgruppen Forschungsaufträge allein mit dem Ziel vergeben, Ergebnisse geliefert zu bekommen, die sie zum Rausposaunen ihrer Öko-Programme benutzen können. Wissenschaftliche Sorgfalt wird von vielen solcher Organisationen nicht ernst genommen. Ergebnisse werden auch nicht seriös erörtert, sondern instrumentalisiert. Das mag nicht für den WWF gelten, aber dennoch sollte es stutzig machen, dass sich plötzlich eine Naturschutzorganisation als Vorreiter der deutschen Spermaforschung gebärdet. In bekannter Öko-Manie werden vom WWF denn auch gleich alle möglichen potenziellen Problemverursacher mitgeliefert: eine Liste mit Industriechemikalien, Pestiziden und Hormonen, die viele Ökogruppen am liebsten noch gestern aus dem Verkehr ziehen würden. Sperma also nur ein Mittel zur Stimmungsmache?

Dieses Missverständnis der gesellschaftlichen Aufgabe von Wissenschaft und Forschung ist auf jeden Fall weit verbreitet und leider auch längst in vielen Redaktionen eingekehrt. So wurde kürzlich ein bedauernswerter Todesfall in den USA nach einem gentherapeutischen Eingriff an einem Patienten in den hiesigen Gazetten breitgetreten, um eines der bedeutendsten Forschungsgebiete für die Menschheit zu diskreditieren und Genwissenschaftler so wie alle, die eine positive Einstellung zur Gentechnik haben, vorsorglich als Monster und potenzielle Nazis erscheinen zu lassen. Sofort waren in vielen Redaktionen hauseigene ”Experten” ausgemacht, denen zwar keine besonderen wissenschaftlichen Fachkenntnisse abverlangt wurden, dafür aber umso größeres Talent zum internationalen Anti-Gentech-Trommelschlagen. So gelang es im vergangenen Herbst innerhalb weniger Wochen, eine Diskussion, für die der Philosoph Peter Sloterdijk das Stichwort gab, weitgehend kaputt zu machen. Eine kleine Episode am Rande, die die Stimmungslage verdeutlicht: Ein Novo-Leser kündigte, deutlich moralisch entrüstet, vorsorglich sein Abonnement, nachdem wir im letzten Heft angekündigt hatten, uns in dieser Ausgabe mit Sloterdijk und der Gentechnologie zu befassen. Sogar zwei Buchhändler hatten uns in den letzten Jahren aus ihrem Sortiment genommen, weil sie unsere Behandlung des Themas als moralisch anstößig empfanden.

Wir hoffen, mit dieser Ausgabe die Diskussion um die Gentechnik und die Repromedizin auf eine sachliche und zukunftsorientierte Ebene bringen zu können. Wir haben dafür nicht Essayisten um die Darbietung ihrer kulturpessimistischen Weltanschauung gebeten, sondern führende Wissenschaftler um ihre Meinung gefragt. Da sich Novo wegen seiner fundierten Behandlung wissenschaftlicher Themen einen Namen gemacht hat, waren Lee M. Silver, John Campbell und Gregory Stock sofort bereit, Artikel zur Verfügung zu stellen. Das ist sicher keine leichte Kost, deshalb führt Sie unser Wissenschaftsredakteur Thilo Spahl in das Thema ein. Wenn Sie die Texte zu unserem Themenschwerpunkt gelesen haben, werden Sie sicher verstehen, welch enorme Chancen diese Forschungsbereiche eröffnen und wie sinnvoll und human es ist, sie zu begrüßen, zu verteidigen und voranzutreiben.


Eine anregende Lektüre wünscht


Thomas Deichmann
Chefredakteur