03.08.2012

Zensur und Konformismus heute: „Gute Arbeit, Twitter-Polizei“

Von Patrick Hayes

Ein Teenager zwitschert über den Kurznachrichtendienst Twitter Geschmacklosigkeiten über einen Olympiastar und landet dafür im Gefängnis. Hunderte Twitterer hatten ihn bei der Polizei verpfiffen. Patrick Hayes über moderne Hexenjagden im Geist von Intoleranz und Konformismus

Erst am vergangenen Donnerstag feierte die britische Twittergemeinde den Freispruch des 28-jährigen Buchhalters Paul Chambers. Er ist den Behörden durch das in die Welt zwitschern der etwas seltsamen Botschaft, einen Flughafen in die Luft sprengen zu wollen, aufgefallen. Nach einer gewissen Zeit hatte der zuständige Richter endlich begriffen, dass es sich bei diesem Tweet nur um einen Witz gehandelt hatte. Chambers wurde vollständig rehabilitiert. Aber lassen sie sich nicht täuschen. Diese Episode zeigt nicht, dass die Liebe zur Meinungsfreiheit innerhalb der Twittergemeinde für jedermann gleichermaßen gilt – insbesondere dann, wenn die „Gemeinde“ jemanden nicht mag. Das gilt zum Beispiel für einen jugendlichen „Troll“, der Anfang der Woche wegen eines angeblichen Verstoßes gegen den Malicious Communications Act verhaftet wurde – einem Gesetz, das seit 1988 das Versenden von Nachrichten, die beim Empfänger Stress oder Angst auslösen könnten, in Großbritanien unter Strafe stellt.

„Ich hoffe, du weißt, dass dein Vater jetzt von dir enttäuscht wäre.“ Das ist mit Sicherheit nicht der erste Gedanke, der den meisten Menschen in den Kopf kommen würde, als sie den populären britischen Wasserspringer Tom Daley bei seinem Versuch, eine Medaille zu gewinnen, scheitern sahen. Nicht zuletzt, weil Daleys Vater letztes Jahr an einem Hirntumor verstarb. Es ist ziemlich offensichtlich, dass der 17-Jährige, der diese Botschaft über seinen Account @Rileyy_69 twitterte, ein widerlicher Typ sein muss. Eine weitere Kostprobe von vielen: „Ich werde dich finden [Daley] und ich werde dich im Pool ertränken, du großspuriges Arschloch, du bist ein Niemand, Leute, wie du, machen mich krank.“

Mehr als unangenehm? Ja. Herzlos? Ja, das auch. Aber weitaus unangenehmer waren die als zensorisch zu bezeichnenden Reaktionen auf James’ Tweets, die durch das Retweeten dieser kranken Botschaften durch den Schwimmstar Daley selbst ausgelöst wurden. Dieser großmäulige Junge aus der englischen Provinz, der sich auf Twitter den Namen als Sonny James Reece gab, wurde durch Daleys Tweets zum Abschuss frei gegeben und dann von einem aufgebrachten Twittermob rhetorisch „zerrissen“. James wurde zur „Definition eines asozialen Prolls“, einem „Trottel, der nichts in der Birne habe“ oder einem „Wichser, der anstatt Daleys Vater hätte sterben sollen“. Der Hashtag # GetRileyy_69Banned wurde zum weltweiten Twitter-Hype – und Hunderte von Menschen zeigten Riley bei der Polizei an. Dann wurde sein Twitter-Account gesperrt und er selbst wurde verhaftet. „Gut gemacht, Twitter Polizei“, schrieb daraufhin ein Twitterer, „Sie können den öffentlichen Spott unter @ Rileyy_69 nachverfolgen.“ „Was für einen Tag er wohl haben wird“, zwitscherte ein anderer.

Solch ein Lobgesang über die Twitter-Polizei steht im Gegensatz zum Bild, das die Twittergemeinde von sich selbst gerne hätte, nämlich von dem Twitters als Ortes schrankenloser Kommunikation – ohne Zensur und ohne Denkbarrieren. Davon ist Twitter weiter entfernt denn je. Die Jagd auf James ereignete sich nur wenige Tage nachdem der Skalp des konservativen Abgeordneten Aidan Burley gefordert wurde, weil dieser die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele kritisierte. Auch das ist ein klassisches Beispiel dafür, wie die Twitter-Hexenjagden zur Durchsetzung moderner Vorstellungen von Konformismus dienen. Ja, Reece‘ Tweets beinhalteten eine fiktive „Morddrohung“ , aber würde jemand im Ernst glauben, dass der 17-jährige Reece sein kleines Provinznest mit dem schönen Namen Weymouth verlassen würde, um Daley nachzuspüren und ihn anschließend im Schwimmbecken zu ertränken? Aus dieser „Drohung“ kann Isolation und Hass sprechen, aber es war keine ernsthafte Absichtsbekundung. Wie englische Fußballstar Joey Barton – selbst kein Kind von Traurigkeit, wie diverse „Skandale“ um seine Person zeigten –, als Reaktion auf die Verhaftung, ganz richtig anmerkte, müssen solche Tweets im Kontext gesehen werden: „Ich erhalte eine Menge Morddrohungen! Aber soweit würde ich nicht gehen. Ich lach mich weg, wenn ich sie bekomme ... Sicher, wenn ich du wäre, und wäre im Begriff jemanden zu töten, würden ich demjenigen keine Vorwarnung zukommen lassen.“

Die Twitter-Polizei greift diejenigen Individuen heraus, die – wie John Stuart Mill es formulieren würde – „nicht vor den allgemeinen Sitten und Gepflogenheiten auf die Knie gehen“ und macht dann solch einen kollektiven Lärm, dass die Autoritäten nur noch zur Tat schreiten brauchen. In Über die Freiheit (On Liberty) warnte Mill vor dem „Despotismus der Tugendhaftigkeit“, der konträr zur Freiheitsliebe steht.

Twitter ist zu einem bedeutenden Werkzeug geworden, die Grenzen des Möglichen in öffentlichen Debatte des 21. Jahrhundert immer enger zu fassen und die gängigen Moralvorstellungen durchzusetzen. Angeführt vom Twittermob und vor allem auch von einflussreichen Teilen der Medien soll uns so gelehrt werden, wie wir zu denken und zu reden haben – und wehe dem, der sich dem Strom widersetzt. Im besten Falle wird man als „Troll“ tituliert, im schlimmsten Fall rhetorisch platt gemacht.

Nach der Verhaftung von James, der inzwischen mit Verwarnung freigelassen wurde, posteten viele Twitterer voller Schadenfreude, was mit ihm wohl als nächstes geschehen würde: „Froh, dass der kleine Idiot verhaftet wurde“, „Rileyy_69 ist jetzt im Gefängnis und ich hoffe, dass er anal vergewaltigt wird.“ Ein Anderer klagte: „Ich wünschte, wir hatten noch die Todesstrafe, dann könnte Rileyy_69 gehängt werden“. Andere drohten, ihn „zu jagen“ und „die Fresse aus dem Sauhund zu prügeln“.

Mill sagt über die Despoten der Tugendhaftigkeit, dass „Gerechtigkeit und Recht für sie nichts anderes bedeuten, als Anpassung an die gängigen Moralvorstellungen“. Und für all jene Tweeter, die sich mit ihren abstoßenden Botschaften auf die Seite des Twittermobs schlugen, ist es ziemlich unwahrscheinlich, dass sie von wutentbrannten Twitteren an die Polizei verpfiffen werden. Und das sollten sie natürlich auch nicht. Diesem Twittermob sollte natürlich freigestellt sein, zu artikulieren was er will, auch wenn er noch so sehr Gift und Galle spuckt. Gerade das ist ja der Kern der Idee der freien Rede, deren Inhalt für alle jene ein Fremdwort zu seien scheint, die James‘ Verbannung von Twitter forderten, ihn im Gefängnis sehen wollten und bei seiner Verhaftung (ganz im Gegensatz zu den Reaktionen im Fall Chambers) jubelten.

Ebenso sollte sich aber der Rest von uns die Freiheit nehmen, die Twitter-Hexenjäger darauf hinzuweisen, dass sie Teil einer großen und zutiefst intoleranten Entwicklung in unserer Gesellschaft sind, die letztlich darauf hinausläuft, den Menschen den Mund zu verbieten. Und indem sie bei Twittermobs mitmachen, tragen sie letztlich mit dazu bei, die Öffentlichkeit weiter zu kontrollieren und unfreier zu machen. Während man den rüden Umgangston der Twitter-Polizei tolerieren muss, kann – und sollte sie – für ihre konformistischen und oftmals zensorischen Aktionen kritisiert werden.