01.09.2004

Zehn Sorgen zum Preis von einer

Analyse von Stefan Löffler

Was bringt mehr: Milliarden gegen Klimawandel oder Milliarden gegen Aids? Ökonomen haben nachgerechnet. Und die deutschen Medien haben es verschlafen, findet Stefan Löffler.

Als im Juli die 15. Internationale Aids-Konferenz in Bangkok tagte, fühlten sich viele Leitartikler berufen, die Folgen der sich in einigen Weltregionen epidemisch, in anderen bedrohlich ausbreitenden Immunkrankheit in drastischen Worten zu beschreiben. Die Politiker der reichen Länder wurden gemahnt, diesem drängenden Weltproblem mehr Aufmerksamkeit, also mehr Geld zu widmen. Ein noch recht frisches Argument hätte dafür gesprochen: Wenige Wochen vor dem Aids-Gipfel hatte ein illustrer Kreis von Wirtschaftswissenschaftlern bei einer Konferenz in Kopenhagen das Ausmaß zehn globaler Probleme und die Kosten und Nutzen möglicher Lösungen berechnet und miteinander verglichen. Nichts, so lautete das Urteil der Ökonomen, versprach eine höhere Rendite als die Bekämpfung von Infektionskrankheiten. Die Nutzen von Maßnahmen gegen die Ausbreitung von Aids würden die Kosten um das Vierzigfache übertreffen. Und diese Rechnung beruhte auf einer ziemlich zurückhaltenden Schätzung der durch weniger Aids-Kranke vermeidbaren Einkommensausfälle und Pflegekosten. Die Ökonomenrunde hatte daher dazu aufgerufen, dem Kampf gegen die Verbreitung von HIV höchste Priorität zu geben. Doch in den Berichten und Kommentaren zum Aids-Gipfel in Bangkok fand sich kein Hinweis darauf.

An fehlendem Renommee kann es nicht gelegen haben. Mit Vernon Smith, Douglass North und Robert Fogel waren in Kopenhagen drei Träger des Nobelpreises beteiligt, und deren Wort gilt zumindest in Deutschland eine Menge. Allerdings gab es hierzulande nur einige Agenturberichte über den „Copenhagen Consensus“. Als die Konferenz Ende Mai lief, weilten einschlägig interessierte Reporter lieber beim Weltkongress über erneuerbare Energien in Bonn. Das passte besser zum Thema der Stunde: den hohen Ölpreisen.

Björn Lomborg, der Initiator des Kopenhagener Konsenses, muss sich gewöhnlich nicht fehlendes Gespür für Publizität vorwerfen lassen. Warum hat er seine Gäste also nicht auch über Energie diskutieren lassen? „Dieses Thema kocht immer hoch, wenn die Ölpreise nach oben schießen. Dabei zeigt es nur, dass die OPEC gerade funktioniert“, erwidert der dänische Politologe und schließt: „Das ist ein Kampf im Klub der reichen Jungs. Die größten Probleme haben weder die Ölimporteure noch die OPEC-Länder.“

Einen medialen Aufhänger, sich dem Kopenhagener Kosten-Nutzen-Vergleich globaler Politikfelder zu widmen, hat es Ende Mai übrigens doch gegeben. Während der Konferenz lief in vielen Ländern, auch in Deutschland, der Film „The Day After Tomorrow“ an. In dem Hollywood-Streifen schlagen Politiker alle Mahnungen der Wissenschaftler in den Wind, gegen den Klimawandel vorzugehen. Zur Strafe ereilt ein Kältesturz die reichsten Länder der Welt, der sie binnen weniger Tage unbewohnbar macht. Anders als das verwandte Thema Energie hatte es der Klimawandel auf die Kopenhagener Agenda geschafft. Für kein anderes der zehn dort diskutierten Problemfelder ermittelten die Ökonomen eine so schlechte Kosten-Nutzen-Bilanz wie für Maßnahmen gegen den Klimawandel. Die Umsetzung des Kyoto-Protokolls oder die Besteuerung von Klimagasemissionen, so schlossen die Wissenschaftler, sollten vorerst hinter der Lösung einer langen Reihe dringlicherer globaler Probleme zurückstehen.

„Angesichts eines Problems wie AIDS wirkt die Frage nach der Wirtschaftlichkeit unmenschlich. Wenn Millionen dahinsiechen, kann man doch nicht Kosten-Nutzen-Bilanzen aufstellen. Doch, man kann. Es lohnt sich sogar.“

Einige Zeitungen in Großbritannien, Nordeuropa und den USA haben den Kontrast zwischen der Botschaft von „The Day After Tomorrow“ und der Botschaft der Konferenz bemerkt. In Deutschland begnügte sich die Qualitätspresse damit, die filmischen Überzeichnungen von heimischen Klimawissenschaftlern korrigieren zu lassen. Diese nutzten die Gelegenheit, sich im Unterschied zu ihrem von Dennis Quaid dargestellten Filmkollegen nicht als ungehörte Alarmisten, sondern als nüchterne Zeitgenossen darzustellen. Die Frage, ob es vielleicht Dringenderes gab als den Klimawandel, wurde ihnen dabei anscheinend nicht gestellt.

„Jeder Experte hält sein Problem für das wichtigste auf der Welt“, sagt Björn Lomborg. „In einer idealen Welt können wir alle Probleme lösen, doch die Mittel sind begrenzt.“ Das klingt wie ein Gemeinplatz, ist aber eine Einsicht, die den meisten Journalisten abgeht, wenn sie über die großen Sorgen der Welt schreiben. Auch die Kommentatoren der Bangkoker Aids-Konferenz wogen Kosten und Nutzen des Kampfes gegen die Verbreitung des HI-Virus nicht gegeneinander ab, um ihre Effektivität mit anderen Maßnahmen zu vergleichen. Aktivisten und Politiker machen es schließlich auch nicht. Angesichts der Aids-Epidemie wirkt die Frage nach der Wirtschaftlichkeit geradezu unmenschlich. Wenn Millionen dahinsiechen, kann man doch nicht Kosten-Nutzen-Bilanzen aufstellen. Doch, man kann. Es lohnt sich sogar.

Die Idee einer Konferenz, die zwischen den globalen Problemen Prioritäten setzt, war bereits in dem Buch angelegt, durch das Björn Lomborg international bekannt wurde. The Skeptical Environmentalist (die deutsche Übersetzung heißt Apokalypse No!) zeigte auf, wie Zustandsberichte über die globalen Lebensgrundlagen von einer an schlechten Nachrichten interessierten Umweltbewegung übertrieben wurden. Die Lage der Menschheit sei besser, als viele gerade in den reichsten Ländern der Welt glaubten.

Lomborg musste sich, ähnlich wie die von ihm kritisierten Aktivisten, den Vorwurf gefallen lassen, dass er Veröffentlichungen so zitierte und interpretierte, wie es ihm in die Argumentation passte. So driftete die durch sein Buch ausgelöste Diskussion bald in Details ab, statt seine wohl wichtigste These zur Kenntnis zu nehmen, nämlich dass die verbreiteten Schreckensszenarien über die Verschmutzung der Umwelt und den Ruin des Klimas einer nüchternen Bewertung, welche Probleme anzugehen den meisten Menschen am meisten bringt, im Wege stehen.

Zumindest die dänische Regierung war beeindruckt von dem damals gerade 36-Jährigen und richtete ein Institut für Umweltbewertung ein, zu dessen Gründungsdirektor er berufen wurde. Zwischen Berichten über verschiedene Methoden der Altpapierverwertung (davon gibt es in Dänemark so viel, dass es sich lohnen würde, einen Teil zur Energiegewinnung zu verbrennen) und Abgasfiltern bei Dieselautos wurde der nächste Coup ausgeheckt. Lomborg knüpfte Kontakte zu einer Reihe der arriviertesten Wirtschaftswissenschaftler. Es gelang ihm, sie für eine Konferenz mit unkonventionellen Spielregeln zu gewinnen. Dann legte er ihnen eine Liste von zunächst mehr als dreißig globalen Problemfeldern vor. Die Ökonomen wählten die zehn ihrer Ansicht nach wichtigsten Probleme aus:
Bewaffnete Konflikte
Bildungsmangel
Finanzielle Instabilität
Globale Erwärmung
Infektionskrankheiten
Migration
Regierungsversagen und Korruption
Subventionen und Handelsschranken
Unter- und Fehlernährung
Wasserversorgung

Im nächsten Schritt wurden für jedes dieser Felder drei führende Wissenschaftler ermittelt. Einer von ihnen, der so genannte Challenger, erarbeitete zunächst mögliche Lösungsansätze und bewertete die jeweiligen Kosten und Nutzen. Diese Position wurde von jeweils zwei Experten, so genannten Opponents, in einem weiteren Papier kritisiert und mit Gegenvorschlägen ergänzt. Einige Wochen vor der Konferenz wurden alle diese Aufsätze im Internet veröffentlicht.

Die insgesamt 30 Challenger und Opponents reisten nach Kopenhagen, um ihre Positionen vor dem eigentlichen Panel von acht Ökonomen zu verteidigen. Diese von Lomborg moderierten Sitzungen fanden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. In der nahe gelegenen Königlichen Bibliothek jedoch warteten 80 Studentinnen und Studenten, die vorwiegend aus Entwicklungsländern eingeladen waren, um mit den Experten zu diskutieren, und dieser Saal stand den Reportern offen. Schließlich stimmten sowohl die Studenten als auch die acht Ökonomen getrennt darüber ab, welche Probleme und welche Maßnahmen ihrer Ansicht nach am meisten brachten. Für ihre gemeinsame Erklärung sollten sie bestimmen, wie mit einem fiktiven Betrag von 50 Milliarden Dollar der größten Nutzen zu stiften wäre.

Die öffentlichen Sitzungen waren so angelegt, dass zu jedem Thema eine Gruppe Studenten als Fürsprecher und eine Gruppe als Widersacher auftraten. Diese Rhetorikübungen waren die schwächste Seite der Konferenz. Anders als die durchaus abwägenden Positionspapiere der Experten argumentierten die jungen Frauen und Männer mitunter genauso einseitig und blind für die übrigen Probleme der Welt wie Leitartikler und Aktivisten, und wenn es gut lief, wurden sie von ihren Widersachern zurück auf den Boden geholt.

Was die Ökonomen hinter verschlossener Tür im Einzelnen diskutierten, kann ab Oktober im von Lomborg herausgegeben Konferenzband Global Crises, Global Solutions nachgelesen werden. In ihrer gemeinsamen Erklärung und bei einer abschließenden Pressekonferenz nahmen die Ökonomen immerhin jenen Kritikern den Wind aus den Segeln, die der Tagung schon vor ihrem Beginn jeglichen Sinn abgesprochen hatten. Die Grenzen ihres Verfahrens haben die Wissenschaftler nämlich durchaus erkannt.

Mitunter sind schon die Kosten alles andere als eindeutig bestimmbar. Der weltweite Abbau von Subventionen und Handelsschranken verspricht den Entwicklungsländern enorme Wohlfahrtsgewinne und ist formal betrachtet fast umsonst. Doch aufgrund der Umverteilungseffekte scheuen gerade die reichen Länder vor den politischen Folgekosten zurück. Vordergründig sind auch Maßnahmen gegen Korruption ziemlich billig. Schärfere Gesetze und Kontrollbehörden bringen aber nichts, solange die Macht in den Händen einer korrupten Elite bleibt.

Die größte Hürde besteht darin, den Nutzen einer Politik zu bewerten. Wie viel ist ein gerettetes Menschenleben wert? Welchen Zinssatz soll man anlegen, um die Kosten gegenüber dem erst in der Zukunft eintretenden Nutzen aufzurechnen? Gibt es ein Maß für das Risiko, dass der gewünschte Nutzen teilweise oder gar nicht eintrat? Bringen Maßnahmen überhaupt etwas, solange in den betroffenen Ländern Korruption und Regierungsversagen herrschen? Bei drei Problemfeldern erschien den Ökonomen die Unsicherheit zu groß. Daher tauchen Maßnahmen gegen bewaffnete Konflikte, finanzielle Instabilität und Bildung nicht in ihrer Prioritätenliste auf. Am Ende fiel die Prioritätenliste so aus:
1. Infektionskrankheiten
2. Unter- und Fehlernährung
3. Subventionen und Handelsschranken
4. Wasserversorgung
5. Regierungsversagen und Korruption
6. Migration
7. Globale Erwärmung

Maßnahmen gegen die ersten drei Probleme wurden als sehr gut bewertet, dagegen seien Gelder zur Förderung von Migration und gegen Klimawandel vergleichsweise schlecht angelegt. Die fiktiven 50 Milliarden Dollar würden die Wissenschaftler wie folgt verteilen: 27 Milliarden gegen die Verbreitung des HI-Virus sollen bis 2010 geschätzte 30 Millionen Ansteckungen verhindern. 12 Milliarden Dollar wären in der Prävention von Malaria sinnvoll angelegt. Noch einmal knapp den gleichen Betrag würden sie gegen Mangelkrankheiten investieren durch Zusatz von Eisen, Jod und Vitamin A in Lebensmitteln. Und weil es, wie oben erwähnt, praktisch nichts kostet, packten die Ökonomen den Abbau von Subventionen und Einfuhrzöllen auf Agrarprodukte gleich noch dazu. Der Verdacht, dass Lomborg die Konferenz nur organisiert habe, um seiner eigenen Meinung Legitimation zu verschaffen, bestätigte sich nicht. Sein seit Jahren bevorzugtes Weltproblem, dass es sich angesichts einer Milliarde Menschen ohne Zugang zu sicherem Trinkwasser und zweieinhalb Milliarden Menschen ohne Anschluss an Abwasserreinigungssysteme am meisten lohne, in Wasserversorgung zu investieren, landete jedenfalls nur im Mittelfeld.