01.09.2004

Wie viel Ökonomie braucht ein Kind?

Essay von Peter Köpf und Alexander Provelegios

Die Wirtschaft macht sich in Klassenzimmern breit. Doch ihr verengtes Konzept von Bildung macht die Gesellschaft keineswegs innovativer und Leistungsfähiger. Es kann im Ggenteil nur emotionale und geistige Verarmung bedeuten.

Deutschlands Unternehmer sind glücklich über die Ergebnisse der Pisa-Studie. Wenn sie neuerdings von den bekannten TV-Moderatorinnen zur Lage des Bildungswesens befragt werden, tragen sie Bestürzung und tiefe Sorgenfalten zur Schau. Im intimen Kreis werden die schlechten Pisa-Ergebnisse hingegen als große Chance erkannt: Auf einem Bildungstag der Arbeitsgemeinschaft Norddeutscher Industrie- und Handelskammern und dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) in Bremen sagte Dirk Plump, Präses der Handelskammer Bremen, schon im Dezember 2002: „Die durch die niederschmetternden Pisa-Ergebnisse entbrannte Diskussion bietet jetzt den Vorteil, dass sie Reformprozesse möglich macht, die vorher nur schwer denkbar gewesen sind.“

Das Wort Reform benützt Plump nur, weil in diesen Kreisen von Revolution nicht gern gesprochen wird. Das ganze bisher weitgehend staatlich organisierte Bildungswesen steht heute zur Disposition, und es gibt ernsthafte Bestrebungen, das System als einen riesigen Markt neu zu erschließen.

"Der gute alte Humanismus hat damit auch in der Schule ausgedient, jetzt herrscht Wettbewerb." 

Spätestens seit Pisa glauben nun wohl auch Bildungspolitiker an den Deus oeconomicus. Unterstützt vom Rückenwind des Pisa-Orkans schicken seine Apostel sich an, Kinder- und Klassenzimmer zu missionieren. Die drei wichtigsten Gebote selbst ernannter Bildungsexperten wie Dieter Hundt, Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, lauten:

  1. Kinder sind unsere Zukunft.
  2. Wir brauchen mehr Wirtschaftsunterricht in den Schulen.
  3. Das klappt am besten, wenn das Schulwesen privatisiert wird.

 

Die Litanei klingt in den Ohren der Jünger richtig und zukunftsweisend, die Gemeinde wächst. Aber es gibt Gründe, ihrer Religion zu misstrauen.

"Sollen Kinder nicht mehr Schiller und Goethe lesen, weil die Performance von Aktienfonds wichtiger ist?"

Beginnen wir mit Gebot 3: Nachdem die Privatisierung die Kunden von Bahn, Post und Krankenversicherungen beglückt hat, soll nun auch das Schulwesen in die Hände von Unternehmern gelegt werden. DIHK-Vizepräsident Nikolaus W. Schües wirbt seit Jahren, die Schulen müssten endlich „in die private Eigenständigkeit überführt werden“. Bisher scheitere ein wirklicher Wettbewerb daran, dass sich die Privatschulen „vorwiegend über Elternbeiträge finanzieren müssen, während das Angebot staatlicher Schulen voll aus Steuermitteln finanziert wird“, schrieb Schües in einer im Januar 2001 erschienenen Broschüre der IHK Hamburg mit dem Titel: „Hamburgs Schüler auf Leistungskurs bringen. Schüler auf das Berufsleben vorbereiten“. Seine Lösung:

„Um zu einem echten Wettbewerb zwischen den Schulen zu gelangen, müssen monetäre Zugangsbeschränkungen beseitigt werden... Konkret bedeutet dies den Wegfall jeglicher staatlicher Förderung für allgemeinbildende Schulen über Steuergelder... Stattdessen sollten die Schüler bzw. Eltern Bildungsgutscheine im Wert der heutigen Steueraufwendungen, also in Höhe von 12.000 DM erhalten, die an den Schulen eingelöst werden können... Am Ende der Entwicklung muss stehen, dass sich der Staat aus seiner Rolle als Schulanbieter vollkommen zurückzieht.“

Die Bundesregierung scheint bereit zu sein für diese Revolution. Auf der Internetseite des Bundesbildungsministeriums warb mit Erscheinen der Pisa-Studie Unternehmensberaterin Antonella Mei-Pochtler, Geschäftsführerin der Boston Consulting Group, für die Schule als „geregelten Marktplatz“. Sie will Vorbildschulen, die in den Ländern durch Ranglisten erfasst werden und so Wettbewerb schaffen. Was vorbildlich ist, darüber soll ein „Initiativkreis Bildung“ entscheiden, ein „Kreis von potenziellen Nachfragern und Nutzern, die unabhängig sind. Sie dürfen nicht ein einseitiger Teil der Bildungsmaschinerie sein.“ Teil welcher Maschinerie sollen die Entscheider des Initiativkreises denn dann sein? Mei-Pochtler dachte an „eine Unternehmensberatung wie Boston Consulting Group, denn wir haben davon keine finanziellen Vorteile, sind neutral und zudem ein großer Nachfrager von Mitarbeitern und deshalb schon sehr an einer Bildungsreform interessiert“.

Die „feindliche Übernahme der Klassenzimmer“ ist längst im Gang. Sogar Bündnis’90/Die Grünen basteln an der Privatisierung des Schulwesens mit. Auf Veranstaltungen der Heinrich-Böll-Stiftung wird das Modell Bildungsgutscheine favorisiert, das auch Schües empfiehlt. Das Kalkül: Jedes Kind erhält einen Gutschein, den es an einer Schule seiner Wahl gegen Unterricht einlösen kann. Das klingt nach Wettbewerb um Schüler, das klingt nach Leistung durch Konkurrenz, das klingt, als könnte der Staat auf diese Weise die Ausgaben auf dem Bildungssektor kontrollieren.

Die Idee der Bildungsgutscheine stammt von Milton Friedman, dem Theoretiker des so genannten Neoliberalismus. Chile hat dessen Idee umgesetzt – in den 80er-Jahren unter Augusto Pinochet. Eine merkwürdige Allianz. Abschreckend sind die Ergebnisse des chilenischen Feldversuchs. Die Hamburger Erziehungswissenschaftlerin Ingrid Lohmann hat sie in ihrem mit Rainer Rilling herausgegebenen Buch Die verkaufte Bildung. Kritik und Kontroversen zur Kommerzialisierung von Schule, Weiterbildung, Erziehung und Wissenschaft (Opladen 2001) beschrieben: In Chile durften nicht die Schüler ihre Schule aussuchen, sondern die Schule ihre Schüler. Zu den Privatschulen, deren Gebühren häufig über dem Wert der Gutscheine lagen, wechselten vor allem Kinder aus Familien mit mittleren und höheren Einkommen. Manche Schulen nahmen die Gutscheine gar nicht an, die Familien trugen die Kosten vollständig allein – natürlich nur die reicheren. Von den oberen 20 Prozent der einkommensstärksten Familien gingen nur ein Viertel der Kinder in öffentliche, 32 Prozent in staatlich unterstützte, dagegen 43 Prozent in Eliteschulen. „Die Einführung von Marktmechanismen“, resümiert Lohmann, „trug in Chile also keineswegs zu der von Marktideologen behaupteten sozialen Angleichung bei.“ Neuseeland melde zudem ähnliche Ergebnisse, und in China, wo schon Millionen Schüler auf mehr als 60.000 Privatschulen gehen, seien dies überwiegend die Kinder von Managern. In anderen Ländern habe sich ebenfalls gezeigt, dass sich die soziale Ungleichheit verstärkte. Mittelschichteltern allerdings waren froh, so Ingrid Lohmann, „dass ihre Söhne und Töchter nicht mehr zusammen mit Krethi und Plethi die Schulbank drücken müssen“.

Davon aber haben wir in der Bundesrepublik schon heute genug: Eine starke Spreizung des Leistungsvermögens der deutschen Schüler hat Pisa festgestellt, ausgeprägter als in jedem anderen Land, das an der Studie teilnahm. Solche Erkenntnisse werden von der Unternehmerschaft negiert – und von den grünen Bildungspolitikern offenbar ebenso.

Zum 2. Gebot: „Es ist eine Kernaufgabe der Schule, junge Menschen mit dem Leistungsgedanken vertraut zu machen und so auf das spätere Leben vorzubereiten“, behaupten Schües und seine Bildungsexperten in ihrer Broschüre. „Zur Steigerung der Leistungsfähigkeit müssen Schülerinnen und Schüler im Unterricht praktische Aufgabenstellungen aus der beruflichen Praxis behandeln. Dadurch wird die Berufsvorbereitung gestärkt. Die Erstellung kurzer, aussagekräftiger Berichte, die Behandlung kaufmännischer oder gewerblich-technischer Sachverhalte sowie das Verfassen englischer Geschäftsbriefe sind als Beispiele zu nennen. Kopfnoten schaffen ein größeres Maß an Klarheit und Aussagekraft der Zeugnisse. Standardisierte Bewertungen geben darüber hinaus eine größere Sicherheit für Lehrer, Schüler, Eltern und Unternehmen. Die jetzigen lehrerspezifischen schriftlichen Formulierungen von Lehrkräften können dies nicht leisten.“

Der Bundesverband Junger Unternehmer (BJU) wirbt: „Deutschland entrümpeln! Neue Wege für eine neue Zeit“. Der BJU möchte „Auf Bildung setzen – weniger Mangelverwaltung, mehr Qualität: Den Markt im Bildungswesen nutzen“. Was heißt das? „Aktuellere Inhalte“ sollen rein in die Lehrpläne, mehr „Praxisbezug“. Das bedeutet „eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Bildungseinrichtungen sowie ein Fach ‚Wirtschaftskunde’“. In diesem sollen „sowohl volkswirtschaftliche Inhalte als auch wirtschaftspraktische Fragen wie Bankgeschäfte, Vertragsabschlüsse und Verbraucherrecht vermittelt werden“. Denn: „Die Qualität von Bildung und Ausbildung entscheidet künftig über die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes.“

Die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (VBW) hat am 13. November 2003 in Berlin die Studie „Bildung neu denken“ vorgestellt. 73 Bildungsexperten haben gedacht, von BMW bis Siemens, IHK bis Handwerkskammer, von RTL 2 bis Moritz-Diesterweg-Verlag; auch einer vom DGB durfte mitdenken, aber niemand von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, dafür zwei Kindergärtnerinnen und zwei Grundschullehrer. Der Berliner FU-Präsident Dieter Lenzen hat alles für ein Buch aufgeschrieben. Lenzen und der VBW-Vorsitzende Randolf Rodenstock beklagen die „fehlende unternehmerische Orientierung des Unterrichts“. Das wiederum liege an der „staatlichen Überregulierung auf niedrigem Niveau“ und der „Verhinderung privater Initiativen“. Leistung, Wettbewerb und Elite würden im Bildungssystem diffamiert. Sie fordern deshalb „Deregulierung und Ausweitung von Privatinitiativen“ und „die Revision von Bildungszielen und Bildungsinhalten“.

Das alles geschieht freilich nicht zum Wohl der Kinder, die Veränderungen des Bildungswesens werden auch nicht durch neue pädagogische Erkenntnisse angeregt, sondern ausdrücklich aufgrund der vermeintlichen „demografischen Katastrophe“. Kinder haben diese Katastrophe nicht erzeugt, sondern ihre Großeltern, die in den 60er-Jahren massenhaft Kinder produzierten (Maß für die Klagen über Nachwuchsmangel ist stets der geburtenstärkste Jahrgang 1964), die dann aber keine Lust hatten, dem Vorbild zu folgen. Nun bekommen die Enkel Strafarbeiten aufgebrummt. Der Ernst des Lebens soll nämlich bald früher beginnen und den ganzen Tag dauern, um den „hohen Zeitverbrauch für Bildung“ zu senken. „Hedonismus“, sagt Rodenstock, „kann nicht mehr der Maßstab sein.“ Die Studie empfiehlt grundsätzlich „eine Verfrühung des Lernens, indem das Einschulungsalter auf das vollendete 4. Lebensjahr vorverlegt wird“. Schulferien sollen „auf den Urlaubsumfang bei Auszubildenden im Jugendalter“ gekürzt werden, damit keine „Begabungsreserven“ verschenkt werden und junge Menschen früher ins Arbeitsleben eintreten können. Auch Rodenstock wollte von Revolution nicht sprechen, „das klingt ein bisschen gefährlich“.

Sogar das Deutsche Aktieninstitut, dessen Aufgabe es ist, „die Stärkung der Aktienakzeptanz bei Unternehmen und Anlegern“ zu fördern, mischt sich in die Debatte ein. Direktor Franz-Josef Leven wünscht, dass Wirtschaft in der Schule endlich „wertfreier dargestellt wird“. Er klagt, dass das Thema Markt meist im Politik- oder Sozialkundeunterricht behandelt wird. „Wenn der Markt in Nordrhein-Westfalen Thema ist, dann immer als Marktversagen“, moniert er. „Sofort kommt dann die Argumentation, der Staat müsse eingreifen.“ Das nun gerade soll er nicht, und natürlich kann aus Sicht des Aktieninstituts auch der Markt nie versagen. Ökonomie ist für Leven „ein Fach wie Mathematik“. Alles sei berechenbar: Wenn die Löhne stiegen, lehrt er, gäbe das unterm Strich Arbeitslosigkeit.

Die Bildungsrevoluzzer des Aktieninstituts haben schon im Jahr 2000 Nägel mit Köpfen gemacht und gleich ganze „Unterrichtseinheit(en) für die gymnasiale Oberstufe“ entwickelt. Autoren sind Ute Bauer und Franz-Josef Leven. Wenn es nach ihnen geht, lernen Kinder bald mehr über „Geldanlage und Vermögensbildung des privaten Haushalts“ oder „Unternehmensfinanzierung und Kapitalmarkt“. Die Literaturlisten des Instituts verweisen auf Bücher aus dem eigenen Haus, etwa: Deutschland braucht die Aktie von Rüdiger von Rosen oder Erfolgreiches Depotmanagement von Franz-Josef Leven, sowie auf Abhandlungen zur Wirtschaftsdidaktik von den Beiratsmitgliedern Frank Achtenhagen und Hans Kaminski am Institut für ökonomische Bildung der Universität Oldenburg. So was nennt man Synergieeffekte. Es sind übrigens dieselben Namen, die als Referenten beim Bremer Bildungstag erschienen.

Es ist unumstritten: Wirtschaft ist ein elementarer Bestandteil der Gesellschaft. Die Frage ist: Wie viel Wirtschaft brauchen Schulen? Wenn aber mehr Wirtschaftsunterricht rein soll, was fliegt dafür aus den Curricula raus? Sollen Kinder noch Schiller und Goethe lesen, wenn die Performance von Aktienfonds doch viel wichtiger ist? Wen interessiert noch Geschichte, wenn die Zukunft auf dem Spiel steht? Wo ist noch Platz für weitere Fächer, etwa das von Familienministerin Renate Schmidt angeregte Fach Familienkunde? Religion? Dafür gibt’s doch sonntags die Kirchen. Aber wäre nicht vergleichende Religionskunde angebracht, und zwar angesichts des aktuellen „Kampfs der Kulturen“ (Samuel Huntington) nicht als christliche Predigt, sondern für ein besseres interkulturelles Verständnis? Wie wäre es angesichts von Volkskrankheiten wie Ernährungsstörungen und Übergewicht mit Gesundheitslehre – als Gegenprogramm zur Mikrowellen-, Tiefkühl- und Whopperkultur? Wer braucht noch Sport? Solche für den Wirtschaftsablauf irrelevanten Fächer haben in einer Schule, die konsequent vom Deus oeconomicus bestimmt wird, keine Daseinsberechtigung.

Zum 1. Gebot: Kinder sind unsere Zukunft. Unsere? Wessen Zukunft? Und was dürfen unsere Nachkommen in der Zukunft sein? Politiker wünschen Kinder, damit das Loch in der Rentenkasse gestopft wird. Der Wiener Soziologe Helmut Wintersberger nennt sie in seinem Aufsatz über „Ökonomische Verhältnisse zwischen den Generationen – ein Beitrag zur Ökonomie der Kindheit“ (Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und Sozialisation, 1998, Heft 1) unverblümt „Ressource bei der Lösung der anstehenden Probleme“.

Auch die Wirtschaft sieht nicht den Menschen, sondern dessen Fähigkeiten. Angesichts der unzureichenden Geburtenzahlen bekannte sich der ehemalige Hauptgeschäftsführer des DIHK, Franz Schoser, anlässlich der Veröffentlichung der Pisa-Studie im Januar 2001 in Berlin nicht nur zur Pflicht, Hochbegabte früher zu entdecken und zu fördern; heute ist ihm auch wichtig, „dass angesichts des weiter steigenden Fachkräftemangels auch die besonders schwierige Klientel der Lernschwachen … stärker als Zielgruppe erkannt wird, die es bei der Ausschöpfung von Bildungsressourcen zu berücksichtigen gilt.“

Auch Publizistinnen wie Donata Elschenbroich machen sich nicht nur Sorgen um die Kinder, sondern um die Zukunft des Standorts: „Offensichtlich“, merkt sie in ihrem Bestseller Weltwissen der Siebenjährigen an, „investieren manche Schichten, oder historische Epochen, oder manche Kulturen mehr oder weniger Sorgfalt in die ersten sieben Jahre als andere – mit Auswirkungen auf die kollektive Intelligenz ganzer Gesellschaften.“ Nun sollen also auch deutsche Kinder wieder für die „kollektive Intelligenz“ lernen, und wenn die wenigen vorhandenen zu schwach dazu sind, müssen eben mehr her: Die Ökonomen Andrea und Roland Tichy erinnerten Erwachsene in ihrem Buch Die Pyramide steht Kopf. Die Wirtschaft in der Altersfalle und wie sie ihr entkommt ernsthaft an ihre „Pflichten gegenüber Familie, Vaterland und Zukunftssicherung“.

Das ist modern: Kinder als Rohstoff, oder – so sehen es die Fach-Autorinnen der Wochenzeitung Die Zeit gern – Kinder als Investition. Familien werden so zu Unternehmen. Schon ist auch eine wachsende Zahl Eltern bereit, den neuen Göttern zu folgen: früher, schneller, mehr. Die Tagespläne mancher Kinder überschreiten längst die 38,5-Stunden-Woche, und Anspruch auf Überstundenausgleich haben sie nicht. Zeit für freies Spielen? Zeit fürs Ausleben der eigenen Fantasie? „Sinnvolles Lernen“ heißt heute die Devise. Donata Elschenbroich beschreibt als solches die Dressurübungen eines Vaters mit seinem zweijährigen Sohn, der alle Staaten der USA den Flaggen zuordnen kann. Wer hat eigentlich auf den letzten Seiten ihres Bestsellers gelesen, wie Elschenbroich sich durch dieses „kognitive Kunstwerk“ sogar veranlasst sah, „am Schneidetisch ... ein neues Bild vom Kind entstehen zu lassen“ – zunächst für einen Film?

Kinder müssen viel ertragen, auch elterlichen Ehrgeiz oder, um es freundlicher zu sagen, dass Eltern nur ihr Bestes wollen. Zielstrebig richten Mittelstandseltern ihren Blick und den ihrer Kleinen nach vorn, in die Zukunft. Heute ist in der Schule und bei der Erziehung wichtig und richtig, was im Berufsleben nützt. Ausschließlich. Auch wenn niemand weiß, was die Kleinen einmal an Rüstzeug brauchen werden, wenn sie groß sind, sind viele Eltern inzwischen bereit, ihre Kinder dem Deus oeconomicus anzuvertrauen. Investitionen müssen sich schließlich lohnen.

Gibt es noch Pädagogen, die darauf bestehen, dass Kinder Kinder sein dürfen? Gibt es noch Eltern, die darauf beharren, dass ihre Kinder Recht auf das ganze Leben haben, dass das Leben zwar auch aus dem Arbeitsleben besteht, aber außerdem noch eine ganze Menge anderer „Contents“ enthält? Wer diese Fragen mit Ja beantwortet, muss jetzt wach sein. Eltern und Pädagogen dürfen diese richtungsweisende Debatte nicht den Netzwerken einiger old boys und den Kultusministerien allein überlassen, sonst könnte es von dort bald heißen: In Zukunft sind die Kinder unser. Diese unausweichliche Entscheidung prägt in der Tat die Frage der Zukunft unserer Kinder. Sie lautet: Wie viel Ökonomie braucht die Schule? Wie viel Wirtschaft braucht ein Kind?