01.05.1999

Wie schädlich ist Strahlung?

Analyse von David Hall

Die Angst vor Niedrigstrahlung führt zu unzureichender medizinischer Diagnose und Behandlung, meint David Hall.

Es vergeht kaum ein Tag, an dem man nicht irgend etwas über die Gefahr von Strahlung in den Medien zu hören bekommt. Als die Regierung beschloß, 5 kg Uran von Georgia nach Schottland zu transportieren, protestierten Greenpeace-Vertreter in der Downing Street. Ein Dauerbrenner für die Medien sind Häufungen von Leukämiefällen in Gebieten nahe von Kernkraftwerken, und auch über Tschernobyl wird noch immer ausgiebig debattiert.
Zweierlei fällt dabei auf: Das erste ist, daß die Hauptsorge sich nicht so sehr auf die Konsequenzen möglicher Atomwaffeneinsätze richtet, sondern auf langfristige, vielleicht sogar generationenüberschreitende Folgen von relativ niedrigen Strahlendosen. Das zweite ist die Tendenz, das Schlimmste zu befürchten. Zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen weisen darauf hin, daß die Häufung von Leukämieerkrankungen nichts mit Strahlung zu tun hat (GJ Draper et al: British Medical Journal, 8.11.1997). Dennoch ergab eine Meinungsumfrage, daß 83 Prozent der Bevölkerung Wissenschaftlern von Umweltorganisationen vertrauen und nur 47 Prozent Wissenschaftlern der Regierung. Kein Wunder, daß das Strahlenrisiko überbewertet wird (New Scientist, 18.4.1998).

Eine Konsequenz dieser übertriebenen Angst vor Strahlung sind die Unsummen von Geld, die für Strahlenschutz ausgegeben werden. In der Wiederaufarbeitungsanlage in Sellafield werden im normalen Betrieb rund 30 Millionen Pfund aufgewendet, um den theoretischen Tod einer Person in Folge von Strahlenexposition zu verhindern (D. Fernandes-Russel et al: Economic valuation of statistical life from safety assessment, University of East Anglia, 1988). Es gibt jedoch noch andere Konsequenzen, die meiner Meinung nach schwerer wiegen: Ich benutze als Wissenschaftler, der im Gesundheitswesen arbeitet, regelmäßig radioaktives Material. Ionisierende Strahlung aus radioaktiven Quellen findet in der medizinischen Praxis und in Krankenhäusern heutzutage häufig Anwendung – sowohl bei der Diagnose als auch in der Behandlung von Krankheiten. Jeder von uns wird hin und wieder geröntgt, und wir kennen die Details unseres Körpers, die durch Röntgenbilder ersichtlich werden. Zudem benötigt jeder zehnte von uns irgendwann in seinem Leben eine Strahlentherapie zur Behandlung einer Krebserkrankung. Radioaktive Materialien werden in der medizinischen Praxis benutzt, um z.B. Krebsmetastasen im Körper zu finden oder (in größeren Mengen) bei der Behandlung einer Schilddrüsenüberfunktion.
Die moderne Medizin könnte nicht ohne Radioaktivität auskommen. Ich frage mich, ob es sich lohnt, über 30 Millionen Pfund auszugeben, um einen möglichen Todesfall zu verhindern. In noch größerem Maße bin ich jedoch besorgt über die Auswirkungen auf die öffentliche Meinung und die medizinische Praxis, die die Untergangsszenarien bezüglich der Radioaktivität hervorrufen. Indem wir eilig Patienten vor extrem unwahrscheinlichen Vorfällen schützen wollen, laufen wir Gefahr, zum Schaden der Patienten hinter den Stand der Technik zurückzufallen, weil wir erprobte Methoden nicht mehr angemessen einsetzen.

Worin genau besteht das Strahlenrisiko? Die Strahlenbelastung in der medizinischen Anwendung ist relativ gering und es ist sehr unwahrscheinlich, daß sie gefährlich ist. Da jedoch viele Patienten diesen geringen Dosen ausgesetzt sind, ist es wichtig, deren Auswirkung genau zu verstehen. Zunächst muß festgestellt werden, daß die Effekte der Niedrigstrahlung nur sehr schwer zu untersuchen sind. Wenn lediglich eine kleine Anzahl von Menschen an einer bestimmten Krankheit leidet, kann jede Abweichung, ob zufällig oder nicht, unverhältnismäßig groß erscheinen. Eine Zunahme von Fällen kindlicher Leukämie von 10 auf 15 in einer Region pro Jahr könnte z.B. mit einer Überschrift ”Kinderkrebs wächst um 50%” betitelt werden. Es gibt Variationen bei seltenen Krankheitsbildern von einer Region zur anderen. Diese mit einer bestimmten Ursache in Verbindung bringen zu wollen, ist mit großen Schwierigkeiten verbunden. Jede kleinste Anspielung auf eine mögliche Strahlenbelastung führt dennoch sofort zu der Annahme, daß diese die Ursache für das vermehrte Auftreten der Krankheit ist – zumindest dann, wenn dies nicht durch andere Fakten widerlegt werden kann. Wenn die tatsächlich gemessene Strahlenbelastung als zu gering eingeschätzt wird, um eine Krankheit zu verursachen, wird der Rückschluß gezogen, daß das Risiko einer Strahlenbelastung viel größer sei als angenommen.

Woher kommen die offiziellen Risikoschätzungen? Sie basieren vor allem auf Studien an den Überlebenden der Atombombenabwürfe von Hiroshima und Nagasaki. Aber selbst hier ist es schwer, klare Schlußfolgerungen zu ziehen, ”da 20.000 der 100.000 Atombombenopfer ohnehin an Krebs sterben würden. Wir können bei Studien daher nur die Differenz zwischen 20.000 und 20.400 zugrunde legen” (Eric Hall, Centre for Radiological Research at Columbia University, zit. Washington Post, 14.4.1990).
Menschen, die einer starken radioaktiven Strahlung ausgesetzt waren, haben ein meßbar größeres Risiko, an Krebs zu erkranken. Die Auswirkungen geringer Strahlenbelastung sind dagegen wesentlich schwerer zu ermitteln, da sich die Krebsrate bei diesen Personen an die ”normale” Rate annähert. Die einfachste Art, das Risiko einzuschätzen, ist daher, anzunehmen, daß sich das Risiko proportional zur Dosis verhält, bis zu einem Punkt Null. Diese recht einflußreiche Methode der Risikoermittlung bei Strahlenbelastung heißt Linear No Threshold Model LNT (Lineare Stufenlose Methode).
Da wir alle einer natürlichen Strahlenbelastung ausgesetzt sind, dürfte eine zusätzliche, auf unnatürliche Ursachen zurückzuführende Belastung kaum Anlaß zur Sorge sein. Viele Umweltschützer bestreiten dies jedoch und behaupten, daß die schleichende Auswirkung einer geringen Langzeitbelastung unterschätzt werde. Wir sollten allerdings auch eine andere Möglichkeit nicht ausschließen: Diejenige, daß die LNT-Hypothese die Auswirkungen überschätzt.

Die Daten aus Hiroshima und Nagasaki basieren auf Zahlenmaterial von Personen, die einer relativ starken Strahlenbelastung ausgesetzt waren und deren Immunsystem erwartungsgemäß als Folge dieser Strahlung überlastet ist. Eine geringere Dosis, über einen längeren Zeitraum verteilt, muß dagegen das Immunsystem nicht überfordern und hätte daher keine oder nur sehr minimale Auswirkungen – auch wenn die kumulierte Menge an Strahlung, in kurzer Zeit verabreicht, ähnliche Auswirkungen haben könnte wie in Hiroshima. Betrachten wir folgende Analogie: Einen Monat lang jeden Tag eine Aspirin-Tablette einzunehmen, um sich vor einem Herzinfarkt zu schützen, hat keine gefährlichen Nebenwirkungen. Anders ist es jedoch, wenn man dreißig Aspirin-Tabletten auf einmal einnimmt.
Die Auswirkung von Niedrigstrahlung wurde in verschiedenen groß angelegten Studien untersucht. Manche dieser Studien haben sogar ergeben, daß Niedrigstrahlung einen positiven Effekt auf die Gesundheit ausübt. Eine kanadische Brustkrebsstudie, bei der 32.000 Frauen erfaßt wurden, die im Rahmen einer Fluoroskopie (für die Tuberkulosediagnose) geröntgt worden waren, hat ergeben, daß Frauen, die mit einer geringen Dosis bestrahlt worden waren, eine geringere Brustkrebsrate aufwiesen als Frauen, die gar keiner Strahlung ausgesetzt waren. Bei höheren Dosen stieg die Brustkrebsrate dagegen wieder an. Eine andere Studie, die das Auftreten von Lungenkrebs bei Personen in Gegenden mit unterschiedlichen Radonwerten in 1729 US-Kreisstädten untersuchte und die 90 Prozent der Bevölkerung einschloß, kam zu dem Ergebnis, daß die Erkrankung im umgekehrten Verhältnis zur Radonbelastung stand und daß die Krankheitsfälle mit einem Anstieg der ”Belastung” durch radioaktives Radon proportional abnahmen (New Scientist, 14.3.1998).
Die Auswirkungen von Radioaktivität auf den menschlichen Körper sind immer noch nicht in allen Details bekannt. Dies dürfte sich ändern, wenn wir besser verstehen, wie sich ionisierende Strahlen auf die DNA auswirken. Die Vorstellung einer Beeinträchtigung des Erbgutes, die auch an nachfolgende Generationen weitergegeben wird, und die Vorstellung, daß DNA-Reparaturmechanismen durch Radioaktivität stimuliert werden können (was die oben beschriebenen Symptome erklären könnte), sind nur zwei Hypothesen, die weiter untersucht werden müssen.

Wohin führt uns dies in bezug auf Radioaktivität in der Medizin? Wir sollten generell skeptisch gegenüber allen sein, die ständig hypothetische Risiken betonen. Wenn die Ergebnisse, die wir bisher erzielen konnten, auch nur ansatzweise richtig sind, dann erscheint es sehr unwahrscheinlich, daß das Risiko durch Niedrigstrahlung bisher unterschätzt wurde. Für den einzelnen Patienten gilt, daß das Risiko, welches mit einer Strahlenbehandlung verbunden ist, ein gutes Risiko ist – bei dem man wenig im Austausch gegen viel riskiert –, wie Samuel Johnson es im 18. Jahrhundert beschrieb. Es ist bedenklich, daß manche Menschen dies heutzutage vergessen und ein Risiko nicht länger im Zusammenhang mit einem Nutzen sehen.
Viele Mediziner gehen heute davon aus, daß Tests, die keine ionisierenden Strahlen nutzen, beispielsweise Ultraschalluntersuchungen oder Magnetresonanztechniken, anderen Untersuchungsmethoden vorzuziehen sind. Wenn Strahlung benutzt wird, so sollte nach Meinung dieser Mediziner eine möglichst gering gehaltene Dosis zugrunde gelegt werden. Es gibt jedoch ernstzunehmende Hinweise dafür, daß wir in manchen Fällen die Strahlendosis lieber erhöhen als verringern sollten.
Das Editorial des European Journal of Nuclear Medicine vom Februar 1997 schätzte, daß aus Risiko-Nutzen-Erwägungen bei den meisten ”normalen Testverfahren” die zehn- bis zwanzigfache Menge an Radioaktivität benutzt werden sollte, um die Diagnose zu verbessern. Wenn jemand bereits an einer schweren Krankheit leidet, muß der Nutzen, der aus einer besseren Erkenntnis über diese Krankheit gewonnen werden kann, jegliches geringe Risiko, welches viele Jahre später auftreten könnte, überwiegen. Die Vorschriften für die Anwendung von Radioaktivität in der Medizin ignorieren diesen Unterschied. Ihnen liegt immer die gleiche Annahme zugrunde: Sie gehen davon aus, daß jeder Patient vollkommen gesund ist und daher nur wenig Positives von den Tests zu erwarten hat.
Im Gesundheitswesen ist es, wie auch in anderen Lebensbereichen, oft notwendig, Risiken – gute Risiken – einzugehen, um dadurch einen Vorteil zu erzielen. Wenn Gesetzgeber Vorsicht predigen und Patienten Gerichtsverfahren wegen Nebeneffekten einer Behandlung, die ihr Leben gerettet hat, anstrengen, muß diese Botschaft stärker hervorgehoben werden, um zu verhindern, daß Patienten und Ärzte zu Opfern der Angst vor Strahlen werden.