01.01.2000

Wie Ökologen teuer das Nichts verwalten

Von Roger Bate

Roger Bate über das Verbot von Schadstoffen, die nicht benutzt werden.

Nicht nur im Klimaschutz haben die internationalen Öko-Bürokraten ein Betätigungsfeld gefunden. Inzwischen kommt auf leisen Sohlen ein weiterer Vertrag daher, der uns noch Schlimmeres bescheren wird. Im September vergangenen Jahres versammelte man sich in Genf zum Dritten Intergouvernmentalen Verhandlungskomittee (INC) zu einer Konvention betreffend persistente organische Schadstoffe (POP-Konvention), um an einem Vertragsentwurf zu feilen, der demnächst verabschiedet und dann ratifiziert werden soll.

Die Stoffe, die verboten werden sollen, werden kaum mehr benutzt und verursachen außerhalb der Fantasien der Umweltschützer keinen Schaden. Die Konvention erscheint sinnlos und dient wohl nur einem Ziel: einer internationalen bürokratischen Elite die eigene Zukunft zu sichern. Dennoch war UNEP-Direktor Klaus Töpfer der Ansicht, es habe sich um “einen Durchbruch beim Schutz der öffentlichen Gesundheit und der Umwelt” gehandelt.

Der POP-Vertrag war im August kurz in den Medien, weil der Entwurf vorsah, die Nutzung von DDT zur Malaria-Bekämpfung zu verbieten. Deshalb machte ich mich nach Genf auf, um die schwindende Gruppe von Pro-DDT-Wissenschaftlern zu unterstützen. Als Beobachter hatte ich keine Stimmberechtigung und nicht das Recht, auf andere Weise in den Prozess einzugreifen. Doch da ein Großteil der Diskussion auf den Gängen stattfindet, wollte ich mich doch als Lobbyist versuchen.
Nach Auskunft des Leiters des Malaria-Projekts, Amir Attaran, hatten die meisten Delegierten, mit denen er auf dem ersten Treffen im Juni 1998 in Vancouver sprach, keine Ahnung vom Einsatz von DDT in der Malariabekämpfung. Dank der Bemühungen von Attaran und seinem Kollegen, Prof. Kalima aus Tansania, hatten nun in Genf alle davon gehört.

Das Malaria-Projekt und die Internationale Malaria-Stiftung sind Interessenvertretungen von Wissenschaftlern, die sich wegen des starken Anwachsens der Malariaerkrankungen in vielen armen Ländern sorgen. Sie waren beunruhigt, weil von einigen Umweltgruppen ein Ende der Nutzung von DDT bis 2007 gefordert wurde. Dass es ihnen gelungen war, in den Medien auf die jährlich zwei Millionen Malaria-Opfer aufmerksam zu machen, hatte einen sofortigen Effekt auf das Treffen. Ein Sprecher des WWF, der sich angegriffen fühlte, forderte gleich in der ersten Sitzung, dass man nicht mehr über konkrete Ausstiegszeitpunkte reden sollte, da dies nur zu Polarisierungen in den Medien führe. Es schien, als hätte DDT eine weitere Gnadenfrist erhalten und mein Besuch hätte sich erübrigt.

Dennoch konnte ich noch einige interessante Tatsachen erfahren. Die UNEP (letztlich also der Steuerzahler) finanziert die Teilnahme eines Delegierten aus jedem UN-Land. Für viele Länder ist der von UNEP eingeladene Delegierte der einzige. Die USA waren dagegen mit 20 Teilnehmern vertreten und mindestens eine Umweltorganisation hatte eine noch größere Delegation. Noch erstaunlicher als die zahlenmäßig so unterschiedliche Repräsentanz war die Tatsache, dass in kaum einem der vertretenen Länder die Stoffe, die verboten werden sollten, überhaupt benutzt werden. Außerdem kommen immer mehr bessere und billigere Alternativstoffe auf den Markt, die die POPs ersetzen.
Es war offensichtlich, dass die Industriestaaten den ganzen Zirkus beherrschten und den Entwurf für den Vertrag ohne nennenswerten Input von afrikanischer Seite fertig stellten. Dies lag auch daran, dass die UNEP es versäumt hatte, den französischsprachigen Afrikanern einen Übersetzer zur Verfügung zu stellen. Das war schon ein kleiner Fauxpas, doch es kam noch schlimmer: Niemand konnte eine wissenschaftliche Studie nennen, die die angeblichen Gefahren von POPs bestätigte (außer am Arbeitsplatz, etwa bei Bränden in Chemiefabriken). Die Behauptung, die in der Umwelt vorkommenden Konzentrationen könnten Menschen schädigen, erscheint äußerst schwach. Die WHO selbst nennt als Gefahren von DDT lediglich unabsichtliche oder absichtliche Vergiftungen (Selbstmord), die in einigen Fällen vorgekommen sind. Für langfristige gesundheitliche Beeinträchtigungen durch DDT liegen jedoch keine Hinweise vor (WHO, 1993). Der Delegierte der Inuit erinnerte daran, dass das Körperfett der in seinen Breiten Lebenden höhere Konzentrationen an DDT aufweise als das anderer Kanadier und dass sie dadurch gefährdet sein könnten. Doch es fehlt jede wissenschaftliche Untermauerung dieser Hypothese. Keine der inkriminierten Substanzen wird offiziell als Krebs erregend eingestuft. Die WHO kommt in ihrer Stellungnahme zu dem Schluss: “Auf Basis der verfügbaren Daten scheint die Exposition der erwachsenen Bevölkerung durch die betreffenden POPs kein bedeutsames gesundheitliches Problem darzustellen.” (WHO: “Persistent Organic Pollutants”, http://www.chem.unep.ch/pops/indxhtms/manexp12.html).

Dennoch galt alles Interesse den Alternativen zu DDT. Beweise für die Gefahr spielten keine Rolle, weil es allein um das Vorsorgeprinzip geht. Die Möglichkeit, dass die Inuit oder die Seeadler irgendwie gefährdet sein könnten, reichte den Anwesenden vollauf.
Das Vorsorgeprinzip ist allerdings ein Endlosprinzip. Warum nur die zwölf ohnehin schon kaum mehr gebrauchten POPs verbieten? Viele andere von den Hunderten in Gebrauch befindlichen könnten der menschlichen Gesundheit theoretisch ebenfalls abträglich sein.
Der Delegierte aus Samoa schlug noch zwei weitere vor. Doch daran war niemand wirklich interessiert, denn es ging darum, den Text möglichst schnell verabschiedet zu bekommen. Stoffe, die noch in Gebrauch sind, in die Verbotsliste aufzunehmen, würde nur zu Verzögerungen führen und womöglich die Debatte über Sinn und Zweck der ganzen Konvention anheizen. Heute noch gebräuchliche Stoffe wie Methylbromid sollen erst aufgenommen werden, wenn die Konvention verabschiedet ist. Dann kann nämlich nicht mehr über die Sache als solche gestritten werden, sondern nur noch darüber, welche Stoffe zusätzlich verboten werden.
Wenn die Ratifikation erst einmal erfolgt ist, ist eine weitere globale Bürokratie auf den Weg gebracht, die sich, wie die Klimaschutz-, die Ozonloch-, die Artenschutzbürokratie und viele andere, vor allem um ihr eigenes Wachstum bemühen wird. Neben der Administration wird es auch einer erheblichen Überwachung bedürfen. Wir sehen einer Zukunft entgegen, in der blaubehelmte POP-Cops im Namen des Planeten Erde etwa in Vietnam eine Fabrik stilllegen.
Alle werden glücklich sein: Die POP-Beamten in den Entwicklungsländern verdienen ihr Geld mit der Überwachung der Implementation und der Verwaltung der Finanzierungshilfen. Die Grünen können ihren Unterstützern (von der deutschen Regierung bis zum Mann auf der Straße) Erfolg im wackeren Einsatz zur Rettung des Planeten vermelden. Internationale Organisationen wie FAO und WHO können ihr Expertenwissen zur Lösung des wachsenden POP-Problems anbieten, ihre Budgets aufstocken lassen und ihre Macht ausweiten.

Die einzigen Verlierer werden die Steuerzahler sein, die dafür bezahlen, dass man ihnen Produkte vorenthält, und vielleicht die Millionen zusätzlichen Malariatoten, falls DDT es am Ende doch nicht schafft, auf die Liste der Ausnahmen zu kommen.
Als ich am letzten Tag die Konferenz verließ, fiel mir auf, dass ich dasselbe Jackett wie der Abgeordnete aus dem Senegal trug. Wir lächelten uns an und ich begann, den Eindruck zu gewinnen, dass ich dazu gehöre. Schließlich ist es eine intellektuell anregende Sache, die feinen Details einer interessanten rechtlichen Konvention zu diskutieren. Ich freue mich schon auf die nächsten Treffen (INC-4 findet im März 2000 in Bonn statt). Dort können wir dann vielleicht ein paar Tipps austauschen, wo man günstig gute Herrenkonfektion kauft und was es an neuen Gerüchten über die Gefahren von POPs gibt. Dazu ein schönes Fläschchen Rotwein. Das ist doch schon was.